Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.11.2006. Im Titel-Forum geißelt Wolfram Schütte die Tchiboisierung der SZ. In der FAZ erblickt Peter Zilahy auf einer deutschen Autobahn die Zukunft Europas. In der Welt kritisiert Ronald S. Lauder die deutschen Museen, die sich zu lange nicht um die Herkunft ihrer Werke scherten. In der FR sieht Thomas Hettche die "Flossen jener Haie", die den Suhrkamp Verlag einkreisen. Außerdem wird Wolf Biermann siebzig und bekommt ehrliche und giftige Hommagen.

Titel-Magazin, 15.11.2006

Wolfram Schütte, ehemals FR und heute ganz und gar unabhängig, geißelt etwas, das kein aktiver Feuilletonjournalist geißeln könnte: die "Tchiboisierung der SZ". Auf den Kulturseiten werden Bücher, CDs und neuerdings auch Weingebinde verkloppt: "Unter der Hand, stillschweigend & als redaktioneller Beitrag camoufliert ist der aufmerksamkeitsintensivste Platz in die Regie der hauseigenen Werbung übergegangen und die Feuilletonglosse auf die unattraktive zweite Umschlagsseite verschoben worden!" Und die Feuilletonredakteure selbst dienen als Verkaufsagenten. Schütte schließt: "Soviel aber weiß ich: zu 'meiner Zeit' (bis in die Neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts) hätte eine solche 'Dienstleistung' dem Berufsbild und dem Ehrenkodex des Journalisten & Feuilletonredakteurs diametral widersprochen; und kein Zeitungsverleger hätte dergleichen zu verlangen auch nur gewagt, schon gar nicht in einer überregionalen Qualitätszeitung."

FAZ, 15.11.2006

Der ungarische Autor Peter Zilahy ist nach Berlin gezogen. Auf der Hinreise stand er erst mal im Stau und meditierte über die Deutschen und Europa. "Der Konvoi schiebt sich vorwärts, als treibe ihn ein gemeinsamer Wille an, dabei kommt niemand hierher, weil er an so einem Sommernachmittag trödeln will auf dieser legendären, ursprünglich in den dreißiger Jahren gebauten deutschen Autobahn, über die sich mehr Geschichte gewälzt hat als über jede andere Straße Europas. Da sind wir also, in einem scheinbar so geschichtslosen Augenblick, daß es schon weh tut, trotzdem haben wir das vielleicht größte lebende Bild seit der Wiedervereinigung erschaffen, eine wunderbare Metapher des Fortschritts: die geschwindigkeitsbegrenzungsfreie deutsche Autobahn, auf der jeder so solide ausgebremst wird, dass er sicher ans Ziel kommt. Sollte dies das Geheimnis der Zukunft Europas sein?"

Jetzt ist es entschieden: Die Staatsoper Unter den Linden wird nicht von der Bundesregierung übernommen, Berlin muss sich jetzt entscheiden, ob es sich drei Opernhäuser leisten kann und will, meint Wolfgang Sandner. Bevor das Lamentieren über die teure Kultur jetzt wieder losgeht, stellt er Vergleiche mit anderen Städten an: Prag, Wien, Budapest und London haben drei Opernhäuser, Paris und Moskau fünf, "München scheint kulturell mit National-, Gärtnerplatz- und Prinzregententheater ohnehin auf einem anderen Stern zu liegen". Und was die Finanzen angeht, sollten die Opern nicht von wichtigeren Problemen ablenken: "So ist der öffentliche Haushalt Berlins allein durch Zinsausgaben jährlich mit zwölf Prozent belastet, die Zuschüsse für die Opernhäuser aber betragen vom Gesamthaushalt lediglich 0,8 Prozent. Warum befreit sich Berlin nicht von der Zinslast, indem man sich etwa von städtischen Wohnungen trennt?"

Weitere Artikel: Christian Geyer freut sich ungemein, dass er bei der päpstlichen Generalaudienz in Rom in der ersten Reihe sitzen durfte, während Wolfram Weimar von Cicero weiter hinten sitzen musste. Jürgen Kaube mokiert sich über die Absicht der OECD, einen Pisa-Test für Erwachsene durchzuführen. Lorenz Jäger fasst ein Interview mit Ernst Nolte im Deutschlandradio zusammen, der Habermas' Klage über die "Hetze" gegen ihn in der Fest-Affäre angesichts der eigenen Situation nach dem Historikerstreit offenbar reichlich übertrieben findet (mehr hier). Jochen Hieber schreibt zum Siebzigsten von Wolf Biermann. Gemeldet wird, dass das Simon-Dubnow-Institut in Leipzig und die Sächsische Akademie der Wissenschaften eine Enzyklopädie jüdischer Kulturen herausgeben wollen.

Auf der Medienseite meldet Gina Thomas, dass der arabische Nachrichtensender Al Dschasira von heute an auch auf Englisch sendet. Auf der letzten Seite bemerkt Paul Ingendaay, dass er Mario Vargas Llosa nach einem Interview in der spanischen Zeitung ABC etwas weniger nervtötend findet. Andreas Rossmann berichtet von ersten Machtkämpfen hinter den Kulissen der Ruhr 2010 GmbH. Und Andreas Kilb schreibt eine sehr schöne Reportage über den Flughafen Tempelhof, der 2007 den Betrieb einstellt. Wie immer in Berlin gibt es jedoch keine Idee, was man "mit dem gewaltigen steinernen Halboval geschehen soll, das Ernst Sagebiel vor siebzig Jahren im Auftrag Hitlers für die neue Reichshauptstadt Germania entwarf und das noch immer das größte freistehende Bauwerk Europas ist".

Besprochen werden eine Ausstellung über die Happenings von Allan Kaprow im Münchner Haus der Kunst, der Ballettabend "Wiedergeburt und Auferstehung" in Dresden, das neue Popalbum von Yusuf Islam und Woody Allens neuer Film "Scoop - Der Knüller" (den Michael Althen nicht so gut wie "Match Point" findet).

TAZ, 15.11.2006

Robert Misik untersucht anlässlich des siebzigsten Geburtstags von Wolf Biermann, weshalb dieser und die deutsche Linke sich "bis heute nicht grün" sind. "Biermann war vor 15 Jahren in einem gewissen Sinne Avantgarde, weil er als einer der Ersten laut sagte, dass Kriege manchmal nötig und sogar dann unterstützenswert sein können, wenn die USA an ihnen beteiligt sind. Aber wie immer mit den Avantgarden ist es so, dass sich ihre Pointe erledigt hat, wenn sie sich durchsetzen." Nun bleibt als Avantgarde nur noch die taz.

Hajo Schiff beklagt das "Informationsvakuum" und verspricht sich von den spektakulären Bildrückgabeforderungen der letzten Zeit, dass der Provenienzforschung endlich die "verdiente Aufmerksamkeit" zukommt. Alle schwärmen, nicht so die taz: Birgit Glombitza sieht in Woody Allens "Scoop" nur eine "enttäuschend harmlose Krimikomödie" mit "gewollten Vaudeville-Trampeligkeiten" und "mühevollen Screwball-Effekten". Besprochen wird außerdem ein Best-of des schwulen Lifestylemagazins "Butt", das jetzt im Taschen Verlag erschienen ist.

Auf der Medienseite berichtet Julia Gerlach über den englischsprachigen Ableger von al-Dschasira, der heute auf Sendung geht. Und in tazzwei stellt Noel Rademacher ein gelungenes Radioporträt über die einstige, inzwischen 71-jährige Muse von Leonard Cohen vor, die er in "So long, Marianne" besungen hatte.

Schließlich Tom.
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NZZ, 15.11.2006

Wolf Biermann wird siebzig. Beatrix Langner gratuliert dem "Maulhelden" dazu: "Wer ihn nur gelesen hat, der kennt ihn nicht. Er füllte Kirchen, Arenen, Konzert- und Theatersäle mit seinen zärtlichen Frechheiten, schmähte die Freiheitsfeinde und verlachte die Neunmalklugen. Wolf Biermann schreit, flüstert, grölt, grunzt, jault und kickst, krächzt und schluchzt sich seit mehr als vierzig Jahren durch alle Register menschlicher Niedertracht und politischer Schandtaten."

Samuel Herzog verabschiedet den Schweizer Bildhauer Josef Staub, der Anfang November gestorben ist. Klaus Bartels gibt eine kleine Wortgeschichte des 'Klimas' zum Besten. Und in einer Agenturmeldung wird mitgeteilt, dass Michael Schindhelm als Generaldirektor der Berliner Opernstiftung zurücktritt.

Besprochen werden eine Cezanne-Ausstellung in der Fondation Beyeler in Basel und eine Schau über neue Stadtarchitektur in Mexico City in der Galerie der Architekturakademie Mendrisio sowie Bücher, darunter Klaus Bergdolts Geschichte der Pest, Thomas Stangls Roman "Ihre Musik" und Gerhard Köpfs Novelle "Ein alter Herr" (mehr dazu ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Welt, 15.11.2006

Im Feuilleton charakterisiert Hanns-Georg Rodek die "Berliner Schule" im jungen deutschen Film, zu der er Christian Petzold, Valeska Grisebach, Christoph Hochhäusler und Angela Schanelec und nun auch Matthias Luthardt mit seinem Debütfilm "Pingpong" zählt: "Die Berliner Schüler sind keine Polemiker, sondern Beobachter, und sie nehmen Realität nicht unter ihre Lupe, sie zu reproduzieren oder ironisieren oder psychologisieren, sondern um sie in eine Künstlichkeit zu überführen, welche Wirklichkeit so lange siebt, bis sie ihre reinstmögliche Form erreicht hat. Als Sieb dient die Reduktion; es wird wenig geredet und ohne expressive Gesten gespielt und nicht wild geschnitten. Die Berliner scheuen die manipulativen Möglichkeiten ihres Handwerkszeugs, einem Ethnologen ähnlich, der sich unsichtbar wünscht, damit seine Präsenz das Forschungsergebnis nicht verfälsche."

Für das Magazin interviewt Rainer Haubrich den New Yorker Milliardär und Kunstsammler Ronald S. Lauder, der jüngst berühmte Gemälde von Klimt und Kirchner ersteigerte und noch einige weitere Restitutionsfälle von jüdischem Eigentum voraussagt. Er kritisiert auch die deutschen Museen: "Die amerikanischen Museen haben intensiv die Herkunft ihrer Gemälde erforscht, eine großartige Anstrengung. Es wurden Zweifelsfälle gefunden, und einige Kunstwerke den Erben der früheren Besitzer zurückgegeben. In anderen Ländern ist das nicht in diesem Maße geschehen, auch in Deutschland nicht. Hätte man sich früher darum gekümmert, hätten sich manche der heutigen Probleme vermeiden lassen.

Im Forum empfiehlt Wolf Lepenies einen Artikel von Wang Hui aus der New Left Review (leider nicht online), in dem der bekannteste chinesische Intellektuelle eine Entpolitisierung nicht nur in China, sondern auch in den westlichen Demokratien konstatiert. Weitere Artikel im Feuilleton: Monika Nellissen unterhält sich mit den Hamburger Investoren Hans Barlach und Claus Grossner über ihren Einstieg beim Frankfurter Suhrkamp-Verlag: Beide bekunden friedliche Absichten. Sven Felix Kellerhoff greift Streitigkeiten um den wahren Ort der Varus-Schlacht auf. Besprochen wird eine Feininger-Ausstellung in Wuppertal.

Auf einer ganzen Seite gratulieren Kollegen und Weggenossen Wolf Biermann zum Siebzigsten - am rührendsten vielleicht die Hommage von Reinhard Mey: "Ich begriff in diesem Augenblick, dass es all das, was ich in Deutschland so vermisste, Brassens, Ferre oder Vian, längst gab, ganz in meiner Nähe, keine 10 km Luftlinie von mir zuhaus, auf der anderen Seite der Mauer in der Chausseestraße."

FR, 15.11.2006

Der ehemalige Suhrkamp-Autor Thomas Hettche spekuliert über die neuen Besitzverhältnisse im Frankfurter Traditionsverlag: "Man hat in der Branche oft geunkt, ein Tanker wie Suhrkamp könne zwar nur beschwerlich seinen Kurs ändern, aber untergehen werde er dafür auch nicht so leicht. Nun aber könnte es sein, dass man die Flossen jener Haie bereits sieht, die ihn, auf seinen Untergang hoffend, umkreisen. Und solche Tiere haben ja bekanntlich eine feine Witterung."

Weiteres: Harry Nutt würdigt den nun 70-jährigen Wolf Biermann als Unangepassten und "Spalter", der in Westdeutschland den Niedergang der Linken im "kulturkommunistischen Biotop" beschleunigte. Petra Kohse berichtet von ihren persönlichen Erfahrungen mit Freiberuflern im Kulturbereich. In Times mager räsoniert Hans-Jürgen Linke darüber, warum es für den Zentraleuropäer interessant sein könnte, wenn chinesische Pandabären Pornos kucken.

Die mittwöchlichen Buchbesprechungen umfassen den vierten Band der Reihe "Der Ort des Terrors" über die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager von Wolfgang Benz und Barbara Distel sowie Manfred Glagows Geschichte der "Mkandawires auf Livingstonia" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

Tagesspiegel, 15.11.2006

Die Berliner Opernstiftung ist zu einer "Operettenstiftung" geworden, seufzen Christine Lemke-Matwey und Rüdiger Schaper: Nach langen und bühnenreifen Querelen tritt ihr Generaldirektor Michael Schindhelm heute zurück. "Damit wankt die erst 2003 nach jahrelangem Gezerre gegründete Berliner Opernstiftung... Wer will Schindhelms Posten nun übernehmen, und unter welchen Bedingungen? Ein tiefer Einschnitt für die hauptstädtische Kulturpolitik, das Drama beginnt von vorn. Flierl muss gehen, Schindhelm verlässt die Bühne, zwei Hauptdarsteller, die der neue Regierende Kultursenator Klaus Wowereit nie sonderlich mochte. Wowereit räumt auf. Aber wofür?"

SZ, 15.11.2006

Die Philosophin und Kulturwissenschaftlerin Almut Sh. Bruckstein plädiert für die Einrichtung einer jüdisch-islamischen Akademie. Jürgen Berger beschreibt die allgemeinen Aufrüstungsmaßnahmen im Ruhrgebiet anlässlich des Kulturhaupstadtstatus' von Essen 2010. Alex Rühle berichtet von einer Veranstaltung in Berlin-Marzahn, die eine Art "Deutschland sucht den Superstar für Senioren" war. Michael Frank stellt die nächste Rolle vor, in die Sacha Baron Cohen nach Borat für einen Film schlüpfen wird: den schwulen österreichischen Moderator Bruno. Tobias Moorstedt informiert über einen neuen Medientrend: "Machinima"; dabei handelt es sich um Filme, die mit Hilfe der Grafik-Software von Videospielen produziert werden. Alexander Menden resümiert das 50. Londoner Filmfestival, und Christian Jostmann eine Vorlesungsreihe der Wiener Universität zum Thema "Herrschaft.Macht.Geschichte", die zu einem "Forum für nicht-herrschende Meinungen" geriet. Falk Lenke machte bei der Präsentation Österreichs auf den diesjährigen "Europa-Kulturtagen" in Frankfurt einen gewissen "Druck der Historie" aus. RJB schließlich prophezeit den heutigen Rücktritt von Berlins Opernchef Michael Schindhelm. Willi Winkler schreibt relativ ungehässig zu Wolf Biermanns siebzigsten Geburtstag.

Besprochen werden Woody Allens neuer Film "Scoop", die Eröffnung des Weissenhofmuseums im Doppelhaus von Le Corbusier in Stuttgart, eine Ausstellung von Raymond Pettibon in der Kunsthalle Wien, Hamed Taheris und Dror Feilers Musiktheater "Avenir! Avenir!" in Stuttgart, und Bücher, darunter Lea Polgars Roman "Die zwei Welten der Rahel Bratmann" (siehe hierzu unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).