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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.05.2003. Die Zeit findet die Nation irgendwie so missvergnügt. In der FAZ erklärt Andrzej Stasiuk, wovor Polen uns bewahrt hat. Die NZZ schwärmt von Fernandels grandioser vis comica mit dem breiten Pferdelachen. In der SZ berichtet der Altorientalist Walter Sommerfeld, wie amerikanische Soldaten den irakischen Plünderern Tür und Tor öffneten. Und die taz bringt ein Interview mit dem brasilianischen Regisseur Fernando Meirelles.

Zeit, 08.05.2003

Kaum ist es mit der Spaßgesellschaft vorbei, da seufzt das Feuilleton schon über die neue Kultur des Weltuntergangs: Die deutsche Nation sei so missvergnügt", klagt Michael Naumann, wer die Tagesschau oder heute nicht gesehen habe, fürchte ja schon, den Ausbruch des nächsten Weltkrieges verpasst zu haben. "In echter und eingebildeter Krise fühlen wir uns, anders als unsere Nachbarn, richtig wohl. Joschka Fischer sorgenzerknitterte Stirn ist ein nationales Emblem geworden. Was wirklich gefällt, scheint der Ausblick auf einen allgemeinen Untergang zu sein. Täglich läuft der Katastrophenfilm 'Die letzten Tage von Deutschland'... Die halbe Nation schaut in ihre eigene Zukunft, wie in einen tiefen, schwarzen Brunnen."

Weitere Artikel: Götz Aly zeichnet anhand von Heinrich Bölls "Briefen aus dem Krieg" nach, wie Wehrmachtssoldaten die besetzten Länder leer kauften. Der neue palästinensische Kulturminister Ziad Abu Amr verspricht im Interview seinem Volke eine kulturelle Vision, muss sich dafür aber noch von einem eigenen Staat inspirieren lassen. Claus Spahn diskutiert Sinn und Zweck des Festspielhochofens Ruhrtriennale. Klaus Dermutz zeichnet ein Porträt des Bühnen- und Kostümbildners Bert Neumann. Claudia Herstatt kündigt die Versteigerung der Werkstattentwürfe von Josef Hoffmann, Koloman Moder und Dagobert Peche an.

In der Leitglosse erkennt Peter Kümmel an den Erfolgen autobiografischer Ergüsse von Bohlen bis Effenberg eine erstaunliche Wandlung im Volke: "Allmählich entwickeln wir Deutsche, die wir doch als grandiose Neider verschrien sind, gegenüber unseren Stars eine amerikanische Gelassenheit. Wir hassen die Großen nicht mehr, wir wollen von ihnen lernen". Feridun Zaimoglu ernennt die Ethno-Komödianten von Erkan & Stefan bis zu Alder & Dragan zu den legitimen Erben Heinz Erhards. Hanno Rautenberg zeigt sich für das "Monument der Verblödung", dieses "dürftige Gebaumel", das Jeff Koons St.Pauli bescheren will, nicht wirklich dankbar.

Besprochen werden die ganz leichte "Leonce und Lena"-Inszenierung von Robert Wilson und Herbert Grönemeyer in Berlin, Fernando Meirelles' Film über die Slums von Rio "City of God", Peter Segals Film "Die Wutprobe" mit Jack Nicholson, die neue Einspielung von Händels Rinaldo und das Country-Album "Modern" des Shinto-Priesters Ogurusu Norihide.

Im Aufmacher des Literaturteils legt sich Andreas Nentwich für den katholisch-konservativen Geschichtsphilosophen Reinhold Schneider ins Zeug. Im Politikteil prangert Peter Glotz die soziale Selbstgerechtigkeit in der SPD an: "Ein bestimmter Typus von anachronistischem Linksliberalismus legt aber an die armen Bevölkerungsgruppen gönnerhaft niedrigere moralische Maßstäbe an als an andere Leute. Die politisch korrekte These lautet: 'Alles Opfer.' Damit wird man nicht mehrheitsfähig bei denjenigen, die die Verzehnfachung des staatlichen Sozialaufwands seit 1950 mit ihren Steuern und Sozialbeiträgen bezahlt haben. Damit ist man auch nicht 'sozial gerecht'.

FAZ, 08.05.2003

Der polnische Autor Andrzej Stasiuk erklärt in einem tiefernsten Text, warum Polen den Amerikanern und Engländern nun hilft, den Irak zu stabilisieren. Aus reiner Selbstverteidigung, denn "der größte Traum des Iraks (das weiß jedes Kind) war die Zerstörung unserer tausendjährigen Kultur und Zivilisation, die Einverleibung der Ergebnisse unserer fruchtbaren Arbeit, unserer eleganten Autos sowie die Kastration der gesamten männlichen Bevölkerung, um sie in den Harems von Bagdad als Eunuchen zu benutzen."

Weitere Artikel: Rainer Hermann zieht eine weiter Bilanz der Plünderungen von Kunstschätzen im Irak und stellt fest, dass auch viele Schätze der islamischen Vergangenheit des Landes verloren gegangen sind. Patrick Bahners erklärt im Licht jüngster Ereignisse "das Recht zum Krieg im Vergleich der Verfassungstraditionen". Mark Siemons resümiert eine Tagung über Design in Berlin. Eberhard Rathgeb berichtet von einer Tagung über den "Forschungsstandort Ost" in der Uni Greifswald. Lorenz Jäger schreibt zum Tod des Politologen Johannes Agnoli. Ingeborg Harms gratuliert der Autorin Pat Barker zum Sechzigsten. Andreas Rossmann meldet, dass die Theatersubventionen in Nordrhein-Westfalen weiter gekürzt werden. Außerdem meldte die FAZ erfreut, dass das türkische Außenministerium die Texte von seiner Hompepage geräumt hat, die in der deutschen Mentalität einen zwanghaften Rassismus ausmachten.

Auf der letzten Seite schickt Peter Körte eine Reportage aus Taiwan, wo die Verschickung der Ausstellung "Schätze der Himmelssöhne" (mehr hier) nach Deutschland vorbereitet wird. Auf der letzten Seite stellt Hannes Hintermeier Annette Knoch vor, die Tochter des Verlegers Maximilian Droschl, die nun die Geschicke des Droschl-Verlags übernimmt. Auf der Kinoseite porträtiert Bert Rebhandl den neuen amerikanischen Komödienstar Adam Sandler (homepage). Michael Althen berichtet vom Umbau des Berliner Gendarmenmarkts, der für eine Neuverfilmung von Jules Vernes Roman "In 80 Tagen um die Welt" als Londoner Kulisse herhalten muss. Auf der Medienseite stellt Souad Mekhennet eine politische Talksendung des arabischen Senders Al-Dschasira mit Publikumsbeteiligung vor. Jürgen Richter gratuliert der Augsburger Puppenkiste zur fünfzigjährigen Fernsehpräsenz.

Besprochen werden die Ausstellung "Triumph des Bacchus" im Dresdner Schloss mit Schätzen der Ferrareser Malerei, eine Ausstellung mit zum Teil unbekannten Arbeiten von Man Ray im Musee de la Photographie in Charleroi im wallonischen Teil Belgiens, Meg Stuarts neues Stück "Visitors Only" in der Schiffbauhalle Zürich und Anne Wilds Filmdebüt "Mein erstes Wunder".

NZZ, 08.05.2003

Marli Feldvoss hat sich die Filme Fernandels (mehr hier) noch mal genau angesehen und schreibt zu seinem hundertsten Geburtstag: "Sein Lächeln konnte frohgemut und niedergeschlagen zugleich sein; wenn er einen Schatten über seine komische Maske warf, nahm die menschliche Tragödie ihren Lauf. Mit dem langgezogenen schmalen Kopf samt der zu niedrigen Stirn, den großen rollenden Augen, dem fleischigen Mund und dem breiten Pferdelachen war er keine Schönheit, besaß dafür ein Gesicht, das nie jung wirkte und nie altern sollte. Sein Gesicht, seine vis comica, war sein Kapital und vielleicht auch sein Fluch."

Besprochen werden eine Seifenoper in London, Stoff ist die amerikanische "Jerry Springer Show" (mehr hier), eine Ausstellung zum hundertsten Todestags Paul Gauguins (mehr hier) im Pariser Musee du Luxembourg, eine Duras-Adaption im Theatre Vidy-Lausanne.

Außerdem CDs: Tommy Guerreros R'n'B -lastigen Bastard Soul, die neue Goldfrapp-CD (mehr hier), die man laut Hanspeter Künzler nicht ungehört auf einer Dinnerparty auflegen sollte, denn wo im ersten Album "subtil die Geigen säuselten, furzen jetzt rüde die Synthis" und Blurs neuem Album "Think Tank", durch welches Christoph Fellmann vielleicht die "nähere Zukunft" des Brit Pop gesichert sieht.

Und Bücher: Bruno Heitz' siebter Fall um einen "bauernschlauen Schnüffler", James Hamilton-Patersons elegante, aber fiktive Biografie "JayJay", und Martin Krumbholz bespricht Tonino Benacquistas mit tollkühnen Pointen gespicktes Buch "Die Melancholie der Männer".Und zum vierzigsten Geburtstag gibt es eine "Kleine Geschichte" der edition suhrkamp (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
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TAZ, 08.05.2003

Donnerstag ist Kinotag im taz-Feuilleton: Im Interview erklärt Regisseur Fernando Meirelles, warum er in seinem Rio-de-Janeiro-Epos "City Of God" vor allem mit Laienschauspielern gearbeitet hat, und warum er unbedingt einen Film über die Favelas machen wollte: "Rio de Janeiro hat heute über hundert Favelas, in denen es organisiertes Verbrechen gibt. Drei Fraktionen haben die Kontrolle: O Comando Vermelho, O Terceiro Comando und die Amigos dos Amigos, also ehemalige, vom Dienst suspendierte Polizisten, die mit den Drogenhändlern arbeiten. Am Ende des Films übernimmt Ze Pequeno das Kommando über ein Gebiet. Das geschah tatsächlich: Jede Favela hatte einen Boss. In den letzten zwanzig Jahren wurden einige Bosse stärker und übernahmen Favelas von nebenan. Wenn diese Typen nicht bald geschnappt werden, wird Brasilien vielleicht ein zweites Kolumbien."

Als "lyrische Berieselung mit vertrauten Bildwelten, die nicht überanstrengen" beurteilt Aygül Cizmecioglu Ralf Schmerbergs Versuch, mit seinem Film "Poem" Lyrik zu verfilmen. Andreas Busche hat in Peter Segals Film "Anger Management" unter anderem auch Amerika wiedererkannt: als ein Land voller Wut, die justiziabel werden muss. Für Manfred Hermes waren die Oberhausener Kurzfilmtage nicht nur ein "ein Crossover diverser Medien-Subkulturen" sondern glücklicherweise auch "eine Mischung aus Filmfest, Viva-Party und Documenta 11".

Weitere Themen: Jan Engelmann hat beim Potsdamer Einstein Forum die Konferenz "Iraq: Just Solutions?" beobachtet, wo über den Wiederaufbau im Irak diskutiert wurde. Katrin Bettina Müller kommentiert die Vergabe des "Preis zum Welttheatertag" vom Internationalen Theaterinstitut (ITI) an den Theaterregisseur Frank Castorf.

Schließlich TOM.

FR, 08.05.2003

FR-Theaterkritiker Peter Michalzik findet, dass es zu den erstaunlichsten und besten Seiten unserer Zeit gehört, dass gleichzeitig eine Racine-Aufführung wie die von Patrice Chereau bei den Ruhrfestspielen und die Memoiren von Stefan Effenberg, die ab heute in den Buchläden liegen, existieren und verstanden werden können. "... um die Bedeutung des Werks von Stefan Effenberg für die Erregungskultur zu beschreiben, gibt die Aufführung eine sinnvolle Folie ab. So wie in 'Phedre' alle dem Gesetz des Schweigens folgen, folgt Effenberg einem Gesetz des Aussprechens, das genauso unnachgiebig die Gesetze des Diskurses diktiert wie einstmals das Schamgebot."

"Seit dem Triumph des Hongkongkinos in den achtziger und neunziger Jahren hat es eine spektakulärere Umverteilung des filmischen Erbes nicht mehr gegeben", feiert Daniel Kothenschulte Fernando Meirelles' Film "City Of God". "Dem Kino Lateinamerikas werden die nächsten Jahre gehören, und seinen Bilderreichtum können wir nur zu gut gebrauchen."

Weitere Themen: "So starb Gauguin den traurigen Tod dessen, der schon zu Lebzeiten nur noch Legende sein darf", schreibt Elke Buhr zum hundertsten Todestag des Malers. "Sein Paradies war eine Projektion, die so mächtig war, dass sie bis heute unser Traumbild von der Südsee prägt, von der Bacardi-Werbung bis zum Neckermann-Katalog." Verena Mayer fragt: "Was geschah auf den Swinger-Partys bei Richter F.?" Cornelia Fleer war bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen. In der Kolumne Times Mager hat sich Alexander Kluy mit der Zukunft des Wettens und der Website www.longbets.org befasst. Und auf der Medienseite freut sich Uwe Ebbinghaus, dass dem WDR mit der Anmietung des ehemaligen Bonner Kanzlerbungalows für eine neue Politshow (mehr hier) ein echter Coup gelungen ist.

SZ, 08.05.2003

Die SZ hat ihre Online-Ausgabe aufgepeppt: Bunter ist sie geworden, aber zum Glück vollständig geblieben. Walter Sommerfeld, Professor für Altorientalistik in Marburg, hat als einer der ersten deutschen Wissenschaftler den Irak nach dem Krieg besucht. "Besonders schockiert sind die Iraker über den Furor, mit dem Infrastruktur und Kulturgüter zerstört wurden. Die Berichte vieler unabhängiger Zeugen gleichen sich bis ins Detail. Offenbar wurden in einem Stadtteil nach dem anderen die Einrichtungen des alten Staates systematisch ausgeraubt. Was sich nicht zu plündern lohnte, wurde zerschlagen.... Das überraschendste Detail in allen Schilderungen aber war die Behauptung, dass die amerikanischen Soldaten oft erst die Plünderungen ermöglichten, indem sie gut gesicherte Tore aufbrachen oder aufschossen und dann die Umstehenden aufforderten zu plündern: "Go in, Ali Baba, its yours!" -, hätten ihnen die Amerikaner zugerufen, so irakische Augenzeugen."
Außerdem wird eine Liste des Irak-Museums veröffentlicht, die einen ersten Überblick über die gesicherten Verluste nach den Plünderungen gibt.

Arno Orzessek schreibt über die Tagung "1968 und die deutschen Unternehmen" der Frankfurter Gesellschaft für Unternehmensgeschichte (mehr hier), die ausgerechnet im Berliner Springer-Hochhaus stattfand. Dort sah er unter anderem auch Springer-Vorstand Mathias Döpfner stolz auf die gewendeten 68er im eigenen Hause zeigen. "Sein Urteil indes blieb ungetrübt. Dass Deutschland 'zutiefst anti-autoritär' ist, ließ er als Erfolg von 68 gelten. Seine Aufzählung der gesellschaftlichen Beschädigungen klang dagegen nach Totalschaden: 'Elitenfeindlichkeit, Leistungsfeindlichkeit, Technologiefeindlichkeit, Anti-Kapitalismus, Anti-Amerikanismus, Diskreditierung der Sekundärtugenden.' Wow, diese Achtundsechziger, konnte man als Unbeteiligter denken, das müssen ja epochale Spielverderber gewesen sein!" Orzesseks Fazit: "Das gestellte Thema ist wissenschaftlich nicht durchdrungen. Es gibt ideologisch getränkte Vermutungen, aber keine hieb- und stichfesten Forschungen."

Weitere Artikel: Alexander Görlach hat bei der päpstlichen Schweizer Garde eine präzise Antwort auf die Frage "Was ist ein Schweizer" gefunden. Regula Freuler beschreibt aktuelle Tendenzen in der Netzkunst. Hans Schifferle berichtet von den Oberhausener Kurzfilmtagen, Fritz Göttler war auf dem Münchener Dok-Filmfest. "midt" findet, dass die Hansestadt Hamburg unter Kultursenatorin Dana Horakova derzeit Vorreiter darin ist, Kulturpolitik in Stadtmarketing zu überführen. Frank Arnold hat mit Fernando Meirelles über seinen Film über die Slums von Rio de Janeiro "City of God" gesprochen. Und gemeldet wird, dass der deutsche Historiker Ernst Nolte mit einem Israel-Hitlerdeutschland-Vergleich mal wieder für Unmut sorgte.

Besprochen werden der Berliner Start der Deutschlandtour der Band "Go Betweens", eine Felix-Vallotton-Ausstellung in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen ("ein ... so facettenreiches wie rätselhaftes Oeuvre voller Dramen ohne Worte"), die Münchner Gala der "Bravourarien Händels" mit einem brillierenden Countertenor Andreas Scholl, Peter Segals Film "Die Wutprobe" mit Jack Nicholson, Ignaz Holzbauers Pastoraloper "Il figlio delle selve" bei den Schwetzinger Festspielen, Johann Kresniks neuer Tanzabend "Vogeler" im Bremer Theater, zwei Tanzfestivals: das Berliner Festival Körperstimmen und Festival Springdance im holländischen Utrecht.

Und Bücher, darunter zwei preisgekrönte Bände mit Haiku-Übersetzungen von Ekkehard May und Nicolas Bergs Studie über die NS-Deutungen deutscher Zeithistoriker "Der Holocaust und die westdeutschen Historiker" (mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr).