Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.09.2024 - Film

Thomas Abeltshauser blickt im Freitag mit gemischten Gefühlen zurück auf die Filmfestspiele von Venedig (mehr zu deren Abschluss hier). Besprochen werden Artus' Gaunerklamotte "Was ist schon normal" (taz) und und die vierte Staffel der Apple-Serie "Slow Horses" (taz).

Und die Agenturen melden, dass der Schauspieler James Earl Jones gestorben ist. Bekannt war nicht nur, aber auch als Stimme von Darth Vader in den "Star Wars"-Filmen.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.09.2024 - Film

Julianne Moore und Tilda Swinton im "Room Next Door" von Pedro Almodóvar

Das Filmfestival Venedig ist mit einem Goldenen Löwen für Pedro Almodóvars "The Room Next Door" (unser Resümee) zu Ende gegangen (hier alle Auszeichnungen im Überblick). Die Auszeichnung für dieses "elegische Frauenporträt ... stellt sicher nicht die state of the art der Filmkunst dar", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Es ist vielmehr eine Verbeugung vor dem klassischen Schauspielkino, sowie vor dem Spätwerk des spanischen Regisseurs, der einst als Enfant terrible des Queer Cinema auch identitätspolitisch Schranken eingerissen hat."

Wer von Almodóvars "leiser Zurückhaltung und formaler Reduktion" enttäuscht war, "versteht nicht viel vom Kino", ist FR-Kritiker Daniel Kothenschulte überzeugt. "Selten hat man klügere Dialoge gehört und noch seltener eine derart unprätentiöse Auseinandersetzung mit Tod und selbstbestimmtem Sterben. Doch auch die beiläufige, aber bis ins Detail glaubhafte Darstellung einer Frauenfreundschaft weckt Bewunderung. Niemand kann das besser als Pedro Almodóvar, und je mehr er weglässt drum herum, desto mehr kommt diese Meisterschaft heraus." Weniger begeistert ist NZZ-Kritiker Andreas Scheiner: Der Film "setzt poetische Akzente, er ist überlegt und sehr geschmackvoll inszeniert. Aber er ist nicht allzu ausdrucksstark. Er behandelt ein schweres Thema und bleibt immer: hübsch."

"Das Kino ist in großartiger Verfassung", deklamierte Jurypräsidentin Isabelle Huppert bei der Preisverleihung. Und stimmt schon irgendwie, findet Tim Caspar Boehme in der taz, denn "unter den Ausgezeichneten war niemand wirklich Schlechtes". Aber irgendwie stimmt es auch nicht: "Die Mehrheit des Wettbewerbs bestand aus konventioneller erzählten Stoffen, viele mäßig bis weniger geglückt. In dieser Hinsicht möchte man Isabelle Huppert widersprechen. Das Kino steht als Kunstform nicht unbedingt schlechter da als vergangenes Jahr, bloß belegt dies der Wettbewerb lediglich in Teilen." Die Juryentscheidungen segeln im "Wind des Zeitgeists", ärgert sich Jan Küveler in der Welt. Mit seiner Nunez-Adaption habe Almodovar "einen seiner schlechtesten Filme ever gedreht hat - eine Verharmlosung und Verkitschung des Todes - des Krebstodes zumal -, die er sich nicht scheut, zum aktivistischen Pamphlet für Sterbehilfe hochzujazzen." Auch ansonsten entpuppten sich viele klingende Namen im Wettbewerb für Küveler als "Scheinriesen".

Valerie Dirk freut sich im Standard unter anderem über den Spezialpreis für Déa Kulumbegashvilis "radikal-experimentelles Abtreibungsdrama 'April'" und damit für einen "der wenigen Filme im diesjährigen Wettbewerb, der das Publikum formal herausforderte und verstörte. Der Großteil des Wettbewerbs hielt sich ansonsten an konventionellere Kinoästhetiken, oft in Verbindung mit aufwändigen Kulissen." Katja Nicodemus widerspricht dem in der Zeit: "Nach diesen umwerfenden Filmfestspielen in Venedig wird man ein paar Jahre lang nicht mehr schreiben müssen, wie lebendig doch das Kino ist." Dieser Venedig-Jahrgang wird als "Feier der großen Kino-Diven in die Geschichte eingehen", glaubt Felicias Kleiner im Filmdienst. Im Standard gratuliert Valerie Dirk Nicole Kidman zur Auszeichnung mit dem Schauspielpreis. Anastasia Trofimovas Dokumentarfilm "Russians at War" löste auf der Zielgeraden des Festivals noch einen Skandal aus, berichtet Christiane Peitz im Tagesspiegel.

Fernab vom Lido besprochen werden Aslı Özarslans Verfilmung von Fatma Aydemirs Roman "Ellbogen" (Zeit Online, unsere Kritik), Rupert Sanders' Remake von "The Crow" (NZZ), Susanne Biers Netflix-Serie "The Perfect Couple" mit Nicole Kidman (TA), die von der ARD online gestellte, finnische Serie "Seconds - In den Trümmern der Katastrophe" (FAZ) und die Arte-Doku "Das älteste Schlachtfeld Europas" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.09.2024 - Film

Spröde Kunstversuche: "April" von Dea Kulumbegaschwili

Das Filmfestival Venedig neigt sich seinem Ende zu. taz-Kritiker Tim Caspar Boehme sah einen offenbar sehr saturierten, in sich ruhenden Wettbewerb - jedenfalls handelt es sich bei Dea Kulumbegaschwilis georgischem Film "April" für ihn um "eine Ausnahme im Wettbewerb", da "dieser Film zu den wenigen Beiträgen gehört, die künstlerisch etwas ausprobieren." Allerdings "hat die demonstrative Zurschaustellung dieser Sprödigkeit zusammen mit ein paar Ideen, die nicht recht zünden, etwas arg Bemühtes". Der Film über eine Gynäkologin auf dem georgischen Land handelt auch von Abtreibungen, die sie heimlich anbietet. Der Film "arbeitet mit dem Kontrast zwischen großer Künstlichkeit bei den Interaktionen der beteiligten Personen einerseits und der Rauheit der weitläufigen Landschaft andererseits. Bei Dialogen stehen die Menschen steif in karg-sterilen Krankenhausräumen, sprechen tonlos. Doch sobald Nina mit ihrem Auto unterwegs ist, fängt die Kamera begierig die Natur mit den in weiter Ferne sich abzeichnenden Bergen und den sich am Himmel häufig auftürmenden Wolken ein."

Auf Artechock resümieren Janick Nolting (hier) und Rüdiger Suchsland (dort) die letzten Festivaltage. Und Tobias Kniebe wird es in der SZ trüb zumute, wenn er sieht, wie Venedig Kevin Costner an den "Katzentisch" des Festivalgeschehens platziert, wo er den zweiten Teil seiner zu kentern drohenden Westernsaga "Horizon" präsentiert - umso beeindruckter ist Kniebe von Costners beharrlichem Durchhaltevermögen, der seine auf vier Filme angelegte Reihe unbedingt abschließen möchte (hier unsere Kritik des ersten Teils).

Fernab vom Lido: Jürgen Kaube wird in der FAZ wehmütig und wütend zugleich, wenn er sich zum Tod des Medienmachers Lutz Hachmeister (unser Resümee) die bleiern-triste Gegenwart des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Deutschland ansieht, der eines heute völlig abgeht: nämlich Hachmeisters TV-Dokumentarfilme, "die zum Besten gehören, was das deutsche Fernsehen hervorgebracht hat. Hachmeister besaß eine homogene Neugier auf alles zeitgeschichtlich Interessante. Er kultivierte eine forschende Haltung zu seinen Stoffen. So drehte und schrieb Hachmeister über das Leben und Sterben von Hanns Martin Schleyer ebenso wie über die Freie Deutsche Jugend, über Hotels an der Côte d'Azur und das Ehepaar Zelda und F. Scott Fitzgerald wie über den Zeitungswissenschaftler und Kriegsverbrecher Alfred Sixt, über das Faible des 'Spiegel'-Herausgebers Rudolf Augstein für ehemalige SS-Leute, über Hannover als Einflusszentrum der Republik und über das pressierte Leben der Sterne-Köche. Über das Fernsehen und seine oft fantasielosen Intendanten, die unterhalb der Möglichkeiten ihres Mediums bleiben, hat er sich aufgeregt."

Weitere Artikel: Thomas Willmann spricht für Artechock mit Frederike Dellert, Co-Leiterin des Fantasy Filmfests, das derzeit durch diverse deutsche Städte tourt. Tobias Rüther spricht für die FAS mit Lea Ruckpaul über ihre aus Perspektive des Mädchens gedrehte Neuverfilmung von Nabokovs "Lolita". Gunar Leue spricht für die taz mit der Filmmusikkomponistin Cassis B Staudt.

Besprochen werden Asli Özarslans "Ellbogen" nach dem Roman von Fatma Aydemir (Artechock, unsere Kritik), Doris Metz' Dokumentarfilm "Petra Kelly - act now!" (taz, mehr dazu bereits hier), Artus' "Was ist schon normal" (Artechock), die Netflix-Serie "Kaos" mit Jeff Goldblum (Freitag), die WDR-Doku "Das Cybermobbing-Kartell" (FAZ) und John Rosmans Horrorfilm "New Life" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.09.2024 - Film

Tagesspiegel-Kritikerin Christiane Peitz ist bei den Filmfestspielen Venedig sehr beeindruckt von Göran Hugo Olssons fünfstündigem Montagefilm "Israel Palestine on Swedish Television 1958-1989", der sein Archivrechercheprogramm und Themen bereits in absoluter Klarheit im Titel zusammenfasst: "Es ist alles schon da, vor einem halben Jahrhundert. Die Geschichte wiederholt sich als Teufelskreis: auch das eine niederschmetternde Erkenntnis." FR-Kritiker Daniel Kothenschulte resümiert derweil die letzten Tage die Filme des "eher zweitklassigen Wettbewerbs", in dem Todd Phillips' (auch in taz und Filmdienst besprochener) Hollywood-Blockbuster "Joker: Folie à Deux" (unser Resümee) durchaus hervorsticht.

Zerrissene Figur: "Ellbogen" von Aslı Özarslan"

Aus dem aktuellen Kinogeschehen: Einigermaßen sinnbefreit findet es Bert Rebhandl in der FAZ, dass die FSK Aslı Özarslans Verfilmung von Fatma Aydemirs Berliner Jugendmilieu-Roman "Ellbogen" (unsere Filmkritik) erst ab 16 Jahren freigegeben hat. Dass die Geschichte eines türkischen Mädchens, das einen Jungen bei einer Rangelei im Affekt vor die U-Bahn wirft und anschließend nach Istanbul flüchtet, auch sprachlich hier und da ihre Härten hat, zweifelt Rebhandl dabei gar nicht an. Aber die Freigabe "ist ein bemerkenswert naiver Akt, mit dem einmal mehr ein wichtiges Thema in Deutschland bürokratisch reguliert werden soll. Der Verleih protestiert natürlich auch, weil er dadurch von einer wichtigen Zielgruppe abgeschnitten wird. Aber die Auseinandersetzung, die 'Ellbogen' bei jungen Menschen auslösen sollte, führt der Film doch selber, und zwar auf eine Weise, die auch den Medienrealitäten der großen Plattformen etwas entgegenzusetzen sucht. Nämlich unmittelbare, widersprüchliche Einfühlung in eine zerrissene Figur." Für den Freitag bespricht Maxi Braun den Film.

Weitere Artikel: Marian Wilhelm empfiehlt im Standard die Retrospektive Florian Flicker in Wien. Besprochen werden die Netflix-Serie "The Perfect Couple" mit Nicole Kidman (taz, Welt), die auf Arte gezeigte, britische Serie "Mum" (FAZ), die KiKa-Animationsserie "Im Labyrinth der Lügen" über die DDR (FAZ) und Miriam Ernsts in der Schweiz gezeigter Dokumentarfilm "Iddu - Inselgeschichten" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.09.2024 - Film

Viel Wärme für den Superschurken: Lady Gaga und Joaquin Phoenix in "Joker: Folie à Deux"

Die Filmkritiker stürzen sich beim Filmfestival in Venedig auf Todd Phillips' "Joker - Folie à Deux", die Fortsetzung des damals sehr umstrittenen, im Batman-Universum angesiedelten ersten Superschurken-Films der Reihe (unsere Kritik). Ein wieder sehr abgemagerter Joaquin Phoenix hat sich erneut in die Clownsmaske begeben, die ihm 2020 einen Oscar einbrachte. An seiner Seite steht nun Lady Gaga, die in der Rolle von Harley "Lee" Quinn eine (von Arthur Fleck alias dem Joker zu weiten Teil wohl auch herbeifantasierte) Amour Fou mit dem Bösewicht eingeht. NZZ-Kritiker Andreas Scheiner sah einen "überraschend inwendigen Film, der vor allem im Gefängnis und im Gerichtssaal spielt. Und im Kopf des Jokers." Dieser Film "ist eine düstere, epische Ballade, die Lady Gaga gelegentlich fast zum Musical macht. In seinen Phantasmagorien findet sich Arthur in Gesangsnummern mit Lee, in denen der Zigarettenrauch zwirbelt und die Big Band swingt. Lee ist eine abgründige Figur, aber Lady Gaga gibt der Brandstifterin, nun ja, viel Wärme."

Das bestätigt auch SZ-Kritiker Tobias Kniebe: Nach dem düsteren, an New Hollywood angelehnten ersten Teil, ist dieser das Sequel "wirklich ein Musical und randvoll mit Traumsequenzen, in denen der Joker und seine große Liebe Harley Quinn Klassiker von Frank Sinatra über Burt Bacharach bis hin zu Leslie Bricusse singen. ... Das Problem ist nur, die Zerrissenheit des Jokers hat der erste Teil schon weit besser gezeigt und zur Welt hin geöffnet", doch hier "schrumpft alles Gesellschaftliche zurück ins Private." Dies ist eher ein Film aus dem Phoenix- statt aus dem Comic-Universum, "entstanden aus Phoenix' brutalst möglicher, oft seltsam zwanghafter Rollenauswahl in Richtung irdisches Jammertal ohne Ausweg. Ein solches Jammertal ist jetzt auch dieser Film."

"Das im Filmtitel angelegte Versprechen eines gemeinsamen, zu neuen Gefilden vorstoßenden Wahnsinnstrips erfüllt sich nicht", seufzt Katja Nicodemus in der Zeit. Der erste Teil der Reihe "erzählte etwas über das Wesen der USA, nach dem Kinobesuch fühlte man sich selbst angeschlagen. 'Joker: Folie à deux' ist letztlich nur der halbe Wahnsinn." Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche ist von "Phillips' altbackener Inszenierung" enttäuscht. Valerie Dirk erinnert im Standard an die Kontroverse um den ersten Teil, in dem einige eine Fürsprache für die sogenannten Incels mit ihrem muffigen Frauenhass gesehen haben wollen: Dieser zweite Teil nun aber "ist definitiv kein Fanfutter mehr für gewaltbereite, frauenverachtende Verlierer".

Mehr vom Lido: Vor allem die dokumentarischen Formen überzeugen in diesem Festivaljahrgang, schreibt Thomas Abeltshauser in seinem Zwischenfazit für den Freitag. Hanns-Georg Rodek porträtiert für die Welt die Regisseurin Julia von Heinz, die in der Wettbewerbsjury des Festivals sitzt. Aus dem Festivalprogramm besprochen werden Tim Fehlbaums Medienthriller "September 5" über den Münchner Olympia-Terroranschlag im Jahr 1972 (FD) und Luca Guadagninos "Queer" (taz, mehr dazu hier).

Fernab vom Lido: Marc Hairapetian spricht in der FR mit dem Regisseur Tilman Singer über dessen Horrorfilm "Cuckoo" (unsere Kritik). Nadine Lange führt im Tagesspiegel durchs Programm des heute in elf deutschen Städten startenden Queerfilmfestivals.

Besprochen werden Aslı Özarslans Verfilmung von Fatma Aydemirs Roman "Ellbogen" (Perlentaucher), Paul Feigs auf Amazon gezeigte Komödie "Ein Jackpot zum Sterben" (Perlentaucher), Markus Gollers "Die Ironie des Lebens" (FAZ, FD, SZ), Samirs Dokumentarfilm "Die wundersame Verwandlung der Arbeiterklasse in Ausländer" über Gastarbeiter in der Schweiz (NZZ), Dominik Galizias "Rock 'n' Roll Ringo" (FD, SZ), Dave und John Chernins auf Netflix gezeigte Highschool-Komödie "Incoming" (Presse), Hayley Eastons Hai-Horrorsause "Something in the Water" (Standard) und die Netflix-Serie "Ein neuer Sommer" mit Nicole Kidman (Welt). Außerdem informieren und SZ und Filmdienst über die Kinostarts der Woche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.09.2024 - Film

Daniel Craig mal ganz anders: Luca Guadagninos "Queer"

Beim Filmfestival in Venedig feierte Luca Guadagninos Verfilmung von William S. Burroughs' autobiografisch grundiertem Roman "Queer" Premiere. Die Hauptrolle - ein Ex-Junkie in Mexiko, der einen Mann begehrt und ihn zu einer Beziehung verführt - spielt der frühere James-Bond-Darsteller Daniel Craig. "Es ist eines der großen Comebacks auf dem Festival - neben Angelina Jolies bravouröser Performance als Maria Callas", jubelt Andreas Busche im Tagesspiegel. Der Film "wirkt wie ein Karriere-Reset. Und Craig spielt grandios: unsicher, verschlagen, sich selbst erniedrigend, zwanghaft. Burroughs bezeichnete seinen Roman, der erst mit 30 Jahren Verspätung Mitte der 1980er publiziert wurde, als sein Porträt der 'hässlichen Amerikaner' im Ausland."

"Guadagnino umarmt das Thema, erzählt vom Finden und Ausleben der Sexualität", schreibt Maria Wiesner in der FAZ. "In einer Balance zwischen manischen Drogeneinfällen, hartem Gebaren und einer fast schon schüchternen Verletzlichkeit im Werben um den jungen Mann findet Craig seine Figur." Guadagnino "konzentriert sich auf Körperlichkeit, ganz im Sinne der Romanvorlage, die er nur ein wenig kürzt und um einige surreale Sequenzen ergänzt. Wo David Cronenberg in Burroughs' 'Naked Lunch' den Bodyhorror fand, poliert der Ästhet Guadagnino für 'Queer' Männerkörper auf Sinnlichkeit." In der FR ist Daniel Kothenschulte nicht überzeugt: Bereits "Cronenberg hatte seine Schwierigkeiten, bei seiner Burroughs-Verfilmung 'Naked Lunch' über das Illustrative ein Stück hinaus zu finden. Wenn Guadagnino schließlich eine mächtige digitale Animation für die körperliche Verschmelzung aufbietet, kann er nicht ersetzen, was er bei der eigentlichen Liebesgeschichte zuvor versäumte."

Aus dem Festivalprogramm besprochen wird außerdem Pedro Almodóvars "The Room Next Door" mit Tilda Swinton und Julianne Moore (taz, mehr dazu bereits hier). Abseits vom Lido befasst sich David Auer für die Presse mit dem anhaltenden Phänomen des Hai-Horrorfilms. Aus den regulären Kinostarts dieser Woche werden Aslı Özarslans gleichnamige Verfilmung von Fatma Aydemirs gleichnamigem Roman "Ellbogen" (taz) und Markus Gollers "Die Ironie des Lebens" mit Corinna Harfouch und Uwe Ochsenknecht (FAZ) besprochen.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.09.2024 - Film

Lars Henrik Gass verlässt die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen - nach 27 Jahren und einer beispiellosen Hetzkampagne gegen ihn, weil er sich nach dem Hamas-Massaker in den Augen des Juste Milieu zu eindeutig mit den Opfern solidarisiert und gegen den Jubel auf der Berliner Sonnenallee ausgesprochen hatte. Im Welt-Gespräch hält er gegenüber Hanns-Georg Rodek Rückschau, insbesondere auf die Ereignisse des letzten Jahres. Wer sich hinter dieser konformistischen Kampagne versteckt hält, weiß er bis heute nicht, sie kommt aber "wahrscheinlich aus Deutschland. Es gibt, vor allem im Hochschulbereich, ein sehr kleines Feld von Aktivismusunternehmern, die diese Technik der Skandalisierung regelrecht professionalisiert haben. Dazu gehören die anonyme Absenderschaft und eine Prosa, die an diffuse zivilgesellschaftliche Vorstellungen von Humanität und Weltoffenheit appelliert, um einen möglichst großen Kreis von Leuten in kürzester Zeit mobilisieren zu können. Es handelt sich um antidemokratische Kräfte, die ihre partikularen Interessen durchsetzen wollen, indem sie Ressentiments bewirtschaften."

Erinnert an die Textur des Kinos der Fünfziger: "The Brutalist" von Brady Corbet

Schnitt zum Lido, wo sich bei den Filmfestspielen mit Brady Corbets Dreistünder "The Brutalist" über den Architekten László Tóth (gespielt von Adrien Brody) im Besonderen, über die Schoah und Antisemitismus im Allgemeinen ein erster Favorit abzeichnet. Der Film löste mit seinen "schrundigen, rauschhaft-sinnlichen, mitunter albtraumhaft eingetrübten Bildern" im Festivalgeschehen "eine Art Erdbeben" aus, schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. Er ist "ein Monument des Schmerzes. In ihrer Wucht stehen Corbets Bilder Lászlós Bauten in nichts nach."

Corbet ist in sieben Jahren Arbeit "ein schwergewichtiges Künstlerdrama" gelungen, schreibt Felicitas Kleiner im Filmdienst - und zwar "um einen Mann, der zwar dem europäischen Faschismus entkommen ist, nun aber mit dem (US-)Kapitalismus konfrontiert ist, und das nicht nur im übertragenen Sinn. Der Film wurde analog im historischen VistaVision-Format gedreht. Die Bildtextur und eine besondere Farbstimmung verleihen 'The Brutalist" eine ganz besondere, ans Kino der 1950er-Jahre erinnernde Atmosphäre." Tim Caspar Boehme ist in der taz auch, aber nicht ganz so begeistert: Ob all der erzählerische Aufwand "nötig ist, bleibt unklar, doch landet" der Film "mit diesem Höhenflug mit einigem Vorsprung vor seinen bisherigen Mitstreitern um den Goldenen Löwen". Eine weitere Kritik gibts bei monopol.

Tilda Swinton und Julianne Moore in "The Room Next Door": Die Lebenserfahrenheit von Frauen um die 60.

Mit "The Room Next Door" präsentiert Venedig auch den ersten englischsprachigen Film von Pedro Almodóvar. Basierend auf Sigrid Nunez' Roman "Was dir fehlt" erzählt der Film von zwei Freundinnen - gespielt von Tilda Swinton und Julianne Moore -, die sich nach vielen Jahrzehnten in New York wiederbegegnen. Trotz aller Tragik des Stoffs: "Die Wangen bleiben trocken in diesem stilsicheren Melodram", schreibt Valerie Dirk im Standard. "Das künstliche Setting, in das der Spanier seine Figuren setzt, und die Art und Weise, wie diese zwei Frauen miteinander kommunizieren, sind mehr raffinierte Charakterstudie denn Trauerspiel. Das liegt auch an der abgeklärten Lebenserfahrenheit der beiden Protagonistinnen, beides erfolgreiche, berufstätige und alleinstehende Frauen um die 60. ... Almodóvar inszeniert das als raffiniertes amerikanisches Melodram, frei nach Douglas Sirk, ein bisschen Woody Allen ist auch dabei. Die Skyline von New York leuchtet rosig, die Schneeflocken schweben federleicht vom Himmel, die Büsche rascheln sanft im Takt der klassischen Filmmusik."

Tobias Kniebe von der SZ sah in diesem Film "keine Studie über New Yorker Intellektuelle und ihren Umgang mit der Welt, es ist eine Studie über Almodóvar-Figuren und ihren Umgang mit dem Tod. Und wie das bei großen Regisseuren eben so ist - diese Anverwandlung gelingt nicht nur, sie entfaltet bald einen eigenen, somnambulen Sog. ... Dies ist eine große Choreografie, eine Meditation, Almodóvars eigenes Nachdenken über den Tod, zu dem auch die finalen Worte von James Joyces 'The Dead' gehören. Diesseits und Jenseits sind längst verknüpft, als der finale Schnee zu fallen beginnt." Außerdem: Andreas Scheiner resümiert in der NZZ die letzten Tage mit Filmen mit Brad Pitt und George Clooney, Angelina Jolie und Nicole Kidman.

Weitere Artikel fernab vom Lido: Immo von Fallois erinnert in der Berliner Zeitung an das in der DDR sehr populäre, nach der Wende aber in Vergessenheit geratene Schauspielpaar Kati und Jürgen Frohriep. Karina Urbach erinnert in der taz an den Wien-Filmklassiker "Der dritte Mann" und dessen Drehbuchautor, den Schriftsteller Graham Greene.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.09.2024 - Film

Zwischen Selbst- und Fremdbestimmung: Cate Blanchett in "Disclaimer"

Halbzeit in Venedig. Die Kritiker schauen "Disclaimer", eine Apple-Serie des mexikanischen Oscargewinners Alfonso Cuarón. Cate Blanchett spielt darin eine Star-Journalistin, die von einer tief in der Vergangenheit liegenden Bettgeschichte kompromittierend heimgesucht wird und sich in einem Netzwerk aus Lügen verstrickt wiederfindet. "Sie verhält sich dabei auch maximal ungeschickt, die Serie und ihre Hauptdarstellerin scheinen sich in der Qual dieses tiefen Falls geradezu zu suhlen", schreibt Tobias Kniebe in der SZ, "bis Blanchetts Figur dann endlich auch mal selbst spricht. ... Nur: Selbstbestimmter erschien sie davor, in der falschen Version, die ihr alle nur böswillig angedichtet haben - weshalb man die Sache final dann doch nicht als Triumph für den Feminismus verbuchen kann."

Der hochdekorierte "Meisterregisseur" Cuaron füllt auch für diese TV-Arbeit "die große Leinwand mühelos, und führt großartige Darsteller zu ebensolchen Leistungen", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Mühelos füllt er aber auch viel zu viele Drehbuchseiten, wie es die Streaming-Dienste nun einmal so wünschen." Filmdienst-Kritikerin Felicitas Kleiner sah "ein Plädoyer dafür, Narrative zu hinterfragen, im Zweifelsfall mit Urteilen zurückhaltend zu sein und lieber auf das zu setzen, was man auf Englisch so schön den 'Benefit of the doubt' nennt."

Erotische Spannungen: "Babyface" von Halina Reijn

Um Sex und die Abgründe, in die er Menschen ziehen kann, geht es auch in dem Seitensprung-Thriller "Babyface", in dem sich eine in ihrer Ehe ausgerechnet von Antonio Banderas sexuell frustrierte Nicole Kidman in die Arme eines jungen Praktikanten flüchtet. "Die niederländische Regisseurin Halina Reijn nutzt das Genre des Erotikthrillers, um von weiblicher Selbstermächtigung zu erzählen", schreibt Maria Wiesner in der FAZ. "Die Affäre zwischen der älteren, erfolgreichen Frau und dem jüngeren, in der Hierarchie unter ihr stehenden Mann spielt dabei auch die Debatte über Machtmissbrauch auf einer neuen Ebene durch. Kidman und Harris Dickinson gelingt es, größtmögliche erotische Spannung aufzubauen und zugleich Verletzlichkeiten offenzulegen. Sex ist für Reijn ein Stilmittel, um über all diese Themen nachzudenken, sie inszeniert das mit großem Feingefühl, zeigt ihre Darsteller so nackt, wie nur europäisches Kino das wagt, stellt sie aber nie bloß. Einem italienischen Kritiker wurde bei Kidmans Spiel zu warm, nach der Pressevorführung schrie er empört 'Porno!' in den Saal."

Aus dem Festivalprogramm besprochen werden außerdem Jon Watts' Thrillerkomödie "Wolfs" mit George Clooney und Brad Pitt (Standard, Tsp), Justin Kurzels Neonazi-Thriller "The Order" (taz) und Bernhard Wengers österreichische Sozialsatire "Peacock" (Standard).

Weitab vom Lido: Andreas Busche empfiehlt im Tagesspiegel eine Reihe im Berliner Kino Arsenal mit den in den Siebzigern entstandenen Bahnhofskinofilmen von Stephanie Rothmann. Besprochen werden die vierte Staffel der Netflix-Serie "Emily in Paris" (Freitag) und die vom ZDF online gestellte Krimiserie "A Good Girls' Guide to Murder" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.08.2024 - Film

Gier nach Echtzeit: "September 5" von Tim Fehlbaum

Das Filmfestival in Venedig zeigt in einer Nebenreihe Tim Fehlbaums "September 5", eine Aufarbeitung des antisemitischen Münchner Olympiaattentats im Jahr 1972, bzw. der Berichterstattung darüber: Die Perspektive des Films folgt ganz dem Sportreporter-Team des US-Senders ABC, die sich als Erste dazu entschlossen, Kabel auszurollen, um direkt live vor Ort zu berichten. FAZ-Kritikerin Maria Wiesner sah einen "Reporterfilm", der über weite Strecken "fast wie ein Kammerspiel anmutet. ... Die Originalaufnahmen machen den Film noch beklemmender und rücken das moralische Dilemma der Nachrichtencrew in Perspektive zu heutigen Ereignissen. Wenn Redakteure darüber streiten, ob Einschaltquoten mehr zählen als journalistische Sorgfaltspflicht, denkt man unwillkürlich an Klickzahldebatten und die Sensationslust in sozialen Netzwerken."

Die Tagline dieses "brillant durchgetakteten" Films lautet "Der Tag, als der Terror live ging", schreibt Tobias Kniebe in der SZ und kann dem nur zustimmen: "So viel mehr Terror, so viel mehr schockierende Livebilder werden im Laufe der Jahrzehnte noch dazukommen. Aber die Gier auf Eindrücke in Echtzeit, das Kalkül mit ihrer Wirkung in der Weltpolitik, die moralischen Zweifel und Bedenken und Sicherheitsfragen, die dazugehören - damals fing alles an. ... Wirklich radikal wird der Film mit der Entscheidung, eisenhart im Sendezentrum als Ort der Handlung zu bleiben - allenfalls mal ein Blick zur Tür heraus ist erlaubt. ... Mit dieser glasklaren Einheit von Ort und Zeit verzichtet 'September 5' auf einige naheliegende Einstellungen, gewinnt aber weit mehr: die Wucht eines klassisch-griechischen Tragödienformats."

Aus dem Festivalprogramm besprochen werden Halina Reijns Seitensprung-Thriller "Babygirl" mit Nicole Kidman und Antonio Banderas (Standard), Pablo Larraíns Biopic "Maria" für das Angelina Jolie Maria Callas spielt (taz, Standard, mehr dazu bereits hier) und Andres Veiels "Riefenstahl" (Zeit Online, mehr dazu bereits hier).

Fernab vom Lido: Dass Mohammad Rasoulofs "Die Saat des heiligen Feigenbaums" für Deutschland in der Kategorie "Bester internationaler Film" ins Oscarrennen gehen soll (hier unser Resümee), ist für Artechock-Kritiker Rüdiger Suchsland "ein kleiner Skandal und ein großer Schlag ins Gesicht aller deutschen Filmemacher und Produzenten. ... Zugrunde liegt dem Ganzen auch das zynische Kalkül, nach dem Erfolg alles ist. Es wäre schlimm, wenn diese Rechnung aufginge, denn dann würden die Controller und Kalkulierer, die Quotenzähler und Kunst-Einsparer auch noch Erfolg haben mit ihrem Zynismus."

Außerdem: Andreas Kilb blickt in der FAZ wehmütig zurück auf Fritz Umgelters 1976 ausgestrahlten ARD-Dreiteiler "Der Winter, der ein Sommer war". Besprochen werden Alireza Golafshans Komödie "Alles Fifty-Fifty" (Welt, Artechock, unsere Kritik), Margherita Vicarios "Gloria" (Artechock) und eine Arte-Doku über Brad Pitt (Tsp).

In "Bilder und Zeiten" der FAZ gratuliert der Schriftsteller Jaroslaw Rudiš dem großen tschechischen Film-Surrealisten Jan Švankmajer zum 90. Geburtstag. Insbesondere dessen Kurzfilm "Ossarium" von 1970 legt er uns ans Herz: "Dieses Gruselwerk ist zugleich höchst amüsant."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.08.2024 - Film

Angelina Jolie in "Maria" von Pablo Larraín

Die Filmfestspiele in Venedig nehmen Fahrt auf. Mit "Maria" schließt der chilenische Autorenfilmer Pablo Larraín seine Diven-Trilogie (nach "Jackie" über Jackie Kennedy und "Spencer" über Lady Di) nun mit einem Biopic über Maria Callas ab. Die Titelrolle spielt Angelina Jolie, die sich dafür, wie allen Kritiken zu entnehmen ist, mit geradezu athletischer Disziplin ans Werk gemacht hat. Das glückt gut, staunt Tobias Kniebe in der SZ spätestens beim Abspann, "als die Callas dokumentarisch wieder ganz real erscheint. Ihr doch so bekanntes Gesicht ist den Zuschauern da plötzlich eine Spur fremder geworden - so sehr hat man sich auf Angelina Jolies Züge und ihre Performance eingelassen. Und damit hat der Film natürlich gewonnen. ... Man begreift, dass dieser Regisseur der beste Geisterbeschwörer einer Zeit voll großer Persönlichkeiten ist, die es im digitalen Neid-Kleinklein der Gegenwart wohl nie wieder geben kann. Selbst Angelina Jolie ist bereits die Art von Filmstar, die heute wohl nicht mehr nachwachsen wird. Und wenn da plötzlich, ganz von Ferne, Marilyn Monroe erscheint und 'Happy Birthday, Mr. President' haucht, versteht man, dass Larraín auch diesen Film noch drehen muss - und man wünscht es sich. Von wegen Trilogie!"

Maria Wiesner feiert in der FAZ Angelina Jolie: "Ihre Maria Callas gibt den Ton an, behält die Kontrolle über jede Situation, aber ihre Augen verraten, dass die Person hinter diesem Lächeln so zerbrechlich ist wie Eis an einem Frühlingstag. Für die amerikanische Schauspielerin ist es eine Rückkehr zu ihren Wurzeln, denn fast hatte man in den vergangenen Jahrzehnten über ihren erfolgreichen Auftritten in Actionfilmen vergessen, wie tiefgründig sie eine Figur ausloten kann, wenn Drehbuch und Regie ihr die Chance dazu geben." Was die "Liebe zur Musik" betrifft, "wirkt der Film erstaunlich leer" auf FR-Kritiker Daniel Kothenschulte.

Still aus "Riefenstahl" (Majestic Films)

Früh, wenngleich "außer Konkurrenz", wurde Andres Veiels Dokumentarfilm "Riefenstahl" gezeigt, der im deutschen Feuilleton bereits vorab reges Interesse weckte (hier und dort unsere Resümees), da für diesen Film erstmals Riefenstahls umfangreicher Nachlass ausgewertet werden konnte. SZ-Kritiker Tobias Kniebe kriegt bei dem Film allerdings Bauchschmerzen: Entlarvende Dokumente werden oft bloß gezeigt, statt eingeordnet - wohl auch, damit der Film nicht journalistisch, sondern künstlerisch wirkt. Wer kein Kontextwissen mitbringt, verliere schnell die Orientierung. "Der an sich ja lobenswerte Impuls, Bilder für sich sprechen zu lassen, hat sich unter Dokumentarfilmern zu einer Art Fetisch entwickelt, der inzwischen oft genug den Blick vernebelt. ... Was in diesem Fall zu einer eher bitteren Erkenntnis führt: Versucht man, Leni Riefenstahl dingfest zu machen und dabei vor allem auf die Sprache der Bilder zu vertrauen - eine Sprache, die sie selbst nun einmal perfekt zu sprechen wusste - gewinnt am Ende doch wieder Leni Riefenstahl."

Andreas Busche ist sich im Tagesspiegel nicht sicher, was diese zwar "bewundernswerte Fleißarbeit" im Archiv mit ihrem allerdings "überschaubarem Erkenntniswert" heute bringt, wenn doch heute ganz akut Rechtsextreme nach der politischen Macht greifen: "Warum heute noch Leni Riefenstahl? Wie aufschlussreich ist die Auseinandersetzung mit dem politischen Weltbild und der gefährlichen Ästhetik von Hitlers Lieblingsregisseurin noch in einer Zeit, in der die AfD längst die manipulativen Werkzeuge der sozialen Medien für sich nutzt?"

Gerade deshalb tut dieser Film Not, entgegnet Jens Hinrichsen im Filmdienst: "Bei genauer Betrachtung steckt ohnehin viel Gegenwart in 'Riefenstahl'. Die Rede von Rudolf Hess aus 'Triumph des Willens', dass Hitler 'der Garant des Friedens' sei, wäre ohne den russischen Krieg womöglich nicht im Film. Riefenstahls Expeditionen zu den Nuba im Sudan ab 1962 werden im Kontext des Postkolonialismus behandelt. In den ausgewählten Szenen sieht man eine Fotografin mit Herrenmenschen-Attitüde. Sie schlägt Nuba-Männer mit einem Stock und wirft Kindern Bonbons zu; alles musste nach ihrer Pfeife tanzen, damit Riefenstahl die Bilder eines von der Zivilisation unberührten 'Naturvolks' in den Kasten bekam." In der taz führt Tim Caspar Boehme durch die teils bizarren Auftritte, die Riefenstahl in den im Film versammelten Archivbeiträgen hinlegt: "Hinterher fühlt man sich beschmutzt, ohne dass Seife helfen könnte."

Errol Morris' "Separated" (Bild: NBC News/Participant)

NZZ-Kritiker Andreas Scheiner spricht mit Errol Morris, der in Venedig seinen neuen Dokumentarfilm "Separated" (basierend auf dem gleichnamigen Sachbuch von Jacob Soboroff) zeigt. Darin rechnet der US-Filmemacher mit Donald Trumps Einwanderungspolitik ab - und insbesondere mit den auf Trumps Geheiß durchgeführten Familientrennungen, derentwegen noch bis heute 2.000 Kinder von ihren Eltern getrennt sind. "Wenn ich mich aus den Fenster lehnen wollte, würde ich sagen: Es ist nazihaft. Es enthält Elemente einer nationalsozialistischen Politik. Bemerkenswert ist, wie die Trump-Regierung glaubte, alles leugnen zu müssen. Als hätten sie selber gewusst, dass es schlecht ist, schlecht aussieht und verwerflich ist. Zuerst haben sie es geleugnet, dann versuchten sie sich herauszureden. Es sei ein kleines Problem. Faschismus ist niemals klein. Er ist hässlich, verabscheuungswürdig.

Abseits vom Lido: Valerie Dirk empfiehlt im Standard dem Wiener Kinopublikum eine Tilda-Swinton-Filmreihe. Besprochen werden Torsten Körners Dokumentarfilm "Die Unbeugsamen 2" über Frauen in der DDR (Welt), Tilman Singers Horrorfilm "Cuckoo" (Standard, online nachgereicht von der FAZ, critic.de, unsere Kritik), die Netflix-Serie "Kaos" mit Jeff Goldblum (Presse, FAZ), die Arte-Serie "Blood River" (FAZ), neue Fantasyserien (Zeit), die japanische Netflix-Serie "Ōoku: The Inner Chambers" (54books) und die im ZDF gezeigte Serie "A Good Girl's Guide to Murder" (FAZ).