Glänzend eingestellter Pädagoge: Edgar Reitz in "Filmstunde_23" In "Filmstunde_23" blicken EdgarReitz und JörgAdolph zurück auf ein Schulexperiment im Jahr 1968, als Reitz, damals als Vertreter des Jungen Deutschen Film, gemeinsam mit Gymnasiastinnen im Schulunterricht teils quietschvergnügte Adaptionen von TheodorStorms Novelle "Schimmelreiter" erarbeitete, wodurch damals auch Reitz' TV-Dokumentarfilm "Filmstunde" entstand. "Filmstunde_23" wiederum beobachtet nun eine erneute Begegnung der einstigen Schülerinnen mit dem mittlerweile 92 Jahre alten Regisseur. Es "ist ein liebevoll zur Nachahmung aufrufendes Dokument über die lebenslang positive Nachwirkung des spielerischenLernens über und mit dem Filmmedium geworden", freut sich Claudia Lenssen in der taz. Auch Thomas E. Schmidt ist in der Zeit hingerissen: "Die Schülerinnen hatten gelernt, wie der Filmhandwerker vorgeht, wenn er sich eine 'Einstellung' ausdenkt, aber auch, wie Film in der Wahrnehmung des Betrachters entsteht, wie subjektiv der Eindruck ist, den Bild und Ton hinterlassen, und dass filmisches Erzählen ebenfalls subjektiv ist, viel mit einem selbst zu tun hat, ja einen geradezu zwingt, das eigene Selbst zu erforschen. Das zu vermitteln, war damals gelungen, ein lebendiges Wissen jenseits von Mathe und Latein, und zauberhaft ist es, dabei zuzuschauen." Für die FR hat sich Daniel Kothenschulte ausführlich mit Reitz unterhalten.
Weitere Artikel: Chris Schinke spricht für die taz mit TimFehlbaum über dessen (aktuell bei uns und in der FR besprochenes) Filmdrama "September 5", das das Olympia-Attentat in München 1972 strikt aus Perspektive der Journalisten im Sendezentrum erzählt (mehr zu dem Film bereits hier). Michael Ranze spricht für den Filmdienst mit MagnusvonHorn über dessen für Dänemark für die Oscars eingereichtes (in taz und Welt besprochenes) Historiendrama "Das Mädchen mit der Nadel", über eine Serienmörderin, die unehelich geborene Kinder vorgeblich an Adoptiveltern vermittele, in Wahrheit aber ermordete. Benjamin Stolz blickt für die Presse gespannt aufs Kinojahr 2025, von dem er sich nach dem Annus horribilis 2024 in allen Sparten einiges verspricht. Die Agenturen melden, dass die ursprünglich für den 17. Januar geplante Bekanntgabe der Oscarnominierungen wegen der verheerendenWaldbrändebeiLosAngeles verschoben wird.
Besprochen werden DanielHoesls und JuliaNiemanns Reichensatire "Veni Vidi Vici" (Perlentaucher), Patryk Vegas Groteske "Putin" (SZ, mehr dazu bereits hier), der auf Netflix gezeigte, neue "Wallace & Gromit"-Animationsfilm aus dem Studio Aardman (Welt), die zweite Staffel des Netflix-Erfolgs "Squid Game" (Freitag), die Netflix-Miniserie "American Primeval" (taz) und der auf einem Bestseller von MarcElsberg basierende ARD-Thriller "Helix" (FAZ).
Putin als James Bond? KI macht's möglich.(Kinostar) Der polnische Regisseur PatrykVega, sonst eher für vulgäres Actionkino und zotig-klamottige Komödien bekannt, will mit seinem Film "Putin" (für den der Schauspieler und Putin-Parodist SlawomirSobala hinter die ki-generierte Maske des Diktators schlüpft) einen "Schlüssel zur Psyche des russischen Langzeitpräsidenten" und dessen "Kriegsversessenheit" liefern, schreibt Kerstin Holm in der FAZ. Es ist eine "halb psycho-allegorische, halb mystisch theologische Deutung von Putins Biographie, die auch apokryphe Quellen nutzt und angesichts von geheimdienstlich erzeugten weißen Flecken spekulativ kontrapunktischeLesarten präferiert."
Mitunter sieht man in dieser Kolportage auch Putin, der sich in Windeln einscheißt, schreibt Lukas Foerster im Filmdienst: "Subtil geht anders". Auch ansonsten winkt er ab: "Wenn man den Dreh einmal verstanden hat, bietet 'Putin' nur noch die Wiederkehr des Immergleichen. Die inneren Dämonen befehlen, und Putin führt aus. Russland und in der Folge die Welt gehen vor die Hunde. Insbesondere in der zweiten Filmhälfte, nach Putins erfolgreichem Durchmarsch an die Spitze des Staates, ist die intellektuelle Schlichtheit der Unternehmung, in Kombination mit dem exzessiv farbkorrigierten Direct-to-Video-Look des Films, zunehmend schwerer zu ertragen."
Besprochen wird außerdem die ARD-Dokuserie "Warum verbrannte OuryJalloh?" (FR).
Adrien Brody, ausgezeichnet als "bester Hauptdarsteller", in "Der Brutalist" Jaques Audiards "Emilia Pérez", ein Musical über eine Transfrau (unsere Kritik), und Brady Corbets "Der Brutalist", ein dreistündiges, im VistaVision-Verfahren gedrehtes Drama über die Flucht des Architekten LászlóTóth vor den Nazis in die USA (unser Resümee vom Filmfest Venedig) sind die beiden Sieger der Golden Globes. Gewürdigt wurden damit die "die zwei herausragenden Filme des vergangenen Jahres", die "aber auch sinnbildlich für die Kluft in der amerikanischen Filmbranche stehen", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel: "Emilia Perez" landet in den USA direkt auf Netflix, "Der Brutalist" kommt althergebracht in die Kinos. Es "sind Filme, die in der heutigen Produktionslandschaft eher eine Anomalie darstellen." Diese Auszeichnungen sind "ein gutes Zeichen für das Kino. Auch als Gradmesser für den gesellschaftlichen Fortschritt." Viel Aufmerksamkeit zog auch DemiMooresDankesrede auf sich, die für ihre Rolle in dem Body-Horror-Film "The Substance" (unsere Kritik) als beste Hauptdarstellerin in einer Komödie ausgezeichnet wurde und sich damit nun endlich als seriöse Schauspielerin gewürdigt sieht. Weitere Resümees in der Presse, auf Zeit Online und in der SZ.
Besprochen werden die Netflix-Serienadaption von GabrielGarcíaMarquez' Romanklassiker "Hundert Jahre Einsamkeit" (Perlentaucher, mehr dazu bereits hier), TimFehlbaums Journalistenthriller "September 5" über das Münchner Olympia-Attentatvon1972 (NZZ, mehr dazu bereits hier), RobertEggers' "Nosferatu"-Remake (Welt, unsere Kritik), DanielHoesls und JuliaNiemanns Reichensatire "Veni Vidi Vici" (Tsp) und die zweite Staffel der ZDF-Serie "Der Palast" (FAZ).
Carolin Ströbele unterhält sich für Zeit Online mit MohammadRasoulof über dessen Film "Die Saat des Heiligen Feigenbaums" (unsere Kritik). Claus Löser empfiehlt in der Berliner Zeitung das aufs US-Independentkino spezialisierte Filmfestival "Unknown Pleasures" im Berliner Kino Wolf. In der FAZgratuliert Patrick Bahners RowanAtkinson zum 70. Geburtstag. Und: Bei den GoldenGlobes wurde das Biopic "The Brutalist" über den Architekten LászlóTóth als "bester Film" ausgezeichnet - weitere Auszeichnungen für den Film gingen an BradyCorbet (beste Regie) und Adrien Brody (bester Hauptdarsteller). Hier alle Preisträger im Überblick.
Besprochen werden LucaGuadagninosBurroughs-Verfilmung "Queer" mit DanielCraig (JungleWorld, unsere Kritik), RobertEggers' "Nosferatu"-Remake (JungleWorld, unsere Kritik) und die zweite Staffel der ZDF-Serie "Der Palast" (taz, Tsp).
Klaustrophobische Atmosphäre in der Redaktion: "September 5" von Tim Fehlbaum Roman Deininger ist in der SZ sehr beeindruckt von TimFehlbaums "September 5", der das antisemitischeOlympia-Attentatvon1972 in München, bei dem elf Israelis und ein Polizist starben, komplett aus der Perspektive der Zentrale des US-Senders ABC und des Journalisten Geoff Mason zeigt, der darüber entschied, welche Bilder der Tat live übertragen werden und welche nicht (hier unser Resümee von der Weltpremiere in Venedig). "Die Konzentration macht das beinahe unfassbare Geschehen fassbar, verständlich, an manchen Stellen vielleicht auch erträglich. Und sie lässt keinen Zweifel daran, dass diese Geschichte auch für Nachgeborene relevant ist. ... Die globale Gemeinschaftserfahrung des live übertragenen, sich langsam entspinnenden Unheils grub den Terror erstmals tief ins Bewusstsein der Menschen. Das Bild des Terroristen, der mit Strumpfmaske auf dem Balkon des israelischen Quartiers steht, wurde in seiner Zeit ein ikonisches Schreckensbild wie der Einsturz der Türme des World Trade Center drei Jahrzehnte später. Heute stehen wir manchmal beinahe schutzlos im digitalen Regen der Horrorschnipsel, von Magdeburg bis New Orleans. Doch damals inMünchen, dafingesan."
Marc Reichwein spricht in der WamS von einem "dichten, atemlosen News-Thriller" und einem "erstklassigen Journalistenfilm, ein Instant-Klassiker, der sich mit seiner Dichte sofort einreiht in die Galerie der großen Hollywood-Epen, die von Medien und ihren Akteuren in Momenten heikler Berichterstattung erzählen". Zu schätzen weiß Reichwein nicht nur, dass der Film die Frage danach stellt, welche Rolle moderne Massenmedien für den Terrorismus spielen, sondern auch, dass "dieser Film die gefährdete Existenz Israels und seiner Bürger einmal mehr schmerzlich klar macht. Schon 1972 musste die Weltöffentlichkeit mit ansehen, welchen prekären Status das Land Israel hat und wie seine Nachbarn und Feinde das brutale Prinzip der Geiselnahme unschuldiger Menschen praktizieren, um Terroristen aus dem eigenen Lager freizupressen."
Weitere Artikel: Heike Hupertz staunt in der FAZ, wie es dem ZDF mit einer Sonderfolge von "SokoLeipzig" gelingt, die Geschichte des Judenhass und den aktuellenAntisemitismus zum Thema zu machen. Marian Wilhelm denkt im Standard darüber nach, warum Kinofilme immer länger und länger und länger werden - und ob dieser Eindruck überhaupt stimmt. Für die WamS hat Lena Karger einen Tag mit FrankaPotente verbracht. Marius Nobach blickt für den Filmdienst zurück auf die Filmschaffenden, die 2024 gestorben sind. Georg Stefan Troller erinnert sich in der LiterarischenWelt an seine Begegnungen mit RomySchneider. Valerie Dirk gibt im StandardFilmtipps zum neuen Jahr.
Besprochen werden LucaGuadagninos' Burroughs-Verfilmung "Queer" mit DanielCraig (Standard, unsere Kritik), RobertEggers' "Nosferatu"-Remake (Standard, NZZ, unsere Kritik), Michael Graceys Biopic "Better Man" über RobbieWilliams, in dem der Star von einem digitalen Affen gespielt wird (für die SZonline nachgetragen vom TA), die Amazon-SF-Serie "Secret Level" mit Gastauftritten von ArnoldSchwarzenegger und KeanuReeves (FAZ), eine ARD-Doku-Serie über das Magazin Vice (taz) und die ZDF-Serie "Hameln" (taz).
Marc Trappendreher widmet sich auf Artechock den Filmen von RobertEggers. Besprochen werden LucaGuadagninosBurroughs-Verfilmung "Queer" mit DanielCraig (Artechock, unsere Kritik), Robert Eggers' Remake von Friedrich Wilhelm Murnaus "Nosferatu" (Zeit Online, Artechock, unsere Kritik) und die ARD-Serie "Levi Strauss und Stoff der Träume" (FAZ).
Visionärer Wahnitz: "Nosferatu" von Robert Eggers RobertEggers, der sich seit seinem "The Witch" von 2015 als neuer Auteur des Horrorkinos empfiehlt, hat mit "Nosferatu" ein Remake des gleichnamigen Pionierfilms von F.W. Murnau gedreht. Damit will er dem Vampirfilm offenbar "jenen visionärenWahnwitz wiedergeben, den ihm die Popkultur in den letzten Jahrzehnten ziemlich gründlich ausgetrieben hat", schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher und attestiert dem Regisseur, am Meisterwerk dann doch knapp vorbeigeschrammt zu sein. "Nicht zum ersten Mal kommt dem Regisseur sein Faible für möglichst originalgetreue Reproduktionen historischer Ästhetiken in die Quere. Das reduzierte Farbtableu etwa soll vermutlich Stummfilm-Viragierungen evozieren, die Ton-in-Ton-Kompositionen schauen jedoch allzu oft bloß steif und sauerstoffarm aus." Doch "das größere Problem ist ein Narratives. Filme, die" mehr oder weniger auf "Bram Stokers Briefroman 'Dracula' basieren, sind selten wirklich elegant erzählt. ... Und so verwandelt sich sein Film" ziemlich oft "in eine träge kostümfilmig anmutende Dialogwüste".
"Der Film ist laut und schrill, finster und frostig, aber dann hat er immer wieder, an den unmöglichsten Stellen, Momente einer fast jenseitigen Ruhe und Stille", schreibt Fritz Göttler in der SZ: "In diesem Hin- und Hergerissensein reibt sein Film sich auf, entwickelt eine ganz eigene, aufregend leere und leblose Schönheit, einen melancholischenSchrecken." Dieses Remake "sieht beeindruckend diabolisch aus", schreibt Jenni Zylka in der taz. "Doch weiter will Eggers nicht graben." Auch FAZ-Kritikerin Maria Wiesner kommt mit Katerstimmung aus dem Saal: "Das ist alles gut gemacht, wirkt aber spätestens nach der fünften Metaspielerei etwas arg wie die Dioramaschau eines Museumsbildbands."
Im aufgeräumten Dschungel: "Queer" von Luca Guadagnino Der italienische Autorenfilmer LucaGuadagninos adaptiert mit "Queer" den gleichnamigen autobiografischen Roman von WilliamS. Burroughs. Der frühere James-Bond-Darsteller DanielCraig gibt hier Burroughs' Alter Ego Lee, der im mexikanischen Exil seinem homosexuellen Begehren nachforscht. Dies nutzt der Regisseur "als Fundament für eine bittersüße Geschichte über Selbstverlust und unerwiderte Zuneigung", erklärt Michael Kienzl im Perlentaucher. "Nicht nur die Natur des Menschen bleibt ungreifbar, sondern auch zwischenmenschliche Beziehungen. Was im Film vielleicht manchmal zu abstrakt gedacht ist, wird durchs nuancierte Schauspiel zu Fleisch und Blut. Besonders Daniel Craig als abgewrackterSchmierbolzen, der seine Knarre stets sichtbar am Hosenbund trägt, ist eine Schau." Allerdings wirkt der Film mitunter manieriert: "Mexiko City wirkt wie eine leblose Kulisse und auch dem Dschungel versucht 'Queer' jeden Anflug von Authentizität auszutreiben. Selbst die drogengeschwängertenVisionen wirken seltsam aufgeräumt."
Der humanistische Kern in Luca Guadagninos Kino liegt darin, wie er das Verlangen und Begehren als Ausdruck des Lebendigseins feiert, hält Arabella Wintermayr in der taz fest. Doch "dem Verlangen, das William S. Burroughs in 'Queer' beschreibt, fehlt letztlich das lebensbejahende Moment ... Indem die Adaption der literarischen Vorlage weitgehend folgt, erforscht Guadagnino ... tatsächlich erstmalseine finsterere Facette des Verlangens und zeigt es als Geschenk, das sich durchaus in eine Grausamkeit verwandeln kann, wenn es niemals gestillt wird."
Weitere Artikel: Michael Kienzl wirft für den Filmdienst einen Vorab-Blick aufs Kinojahr 2025. Andreas Busche empfiehlt im Tagesspiegel das aus US-Independentkino spezialisierte Festival "Unknown Pleasures", das seinen Fokus in diesem Jahr vor allem auf Regisseurinnen legt. Dietmar Dath (FAZ) gratuliert dem Regisseur Taylor Hackford zum 80. Geburtstag. In der tazfreut sich Andreas Hergeth nach einer Baustellenbegehung, dass die Sanierung des prestigereichen KinosInternational gut vorankommt.
Besprochen werden MichaelGraceys Biopic "Better Man" über RobbieWilliams, der hier von einem (digitalen) Affen gespielt wird (FR, Standard), die DVD-Ausgabe von JTMollners "Strange Darling" (taz), die ARD-Serie "Levis Strauss und der Stoff der Träume" (taz) und ChristineUschyWernkes auf Amazon gezeigtes Porträt "Mein Name ist Otto" über OttoWaalkes (FAZ). Außerdem blicken Filmdienst und Tagesspiegel auf die Kinostarts der Woche.
Perlentaucher-Kritiker Lukas Foerster erzählt auf critic.de von seinem Mammutprojekt 2024: Wegen eines Jurypostens hat er in diesem Jahr sämtliche deutschen Filme mit einem Kinostart gesehen. Klischees über den deutschen Film will er fortan nicht mehr hören: Das deutsche Kino ist in jeder Hinsicht vielfältiger als notorische Nörgler behaupten. Trotzdem gibt es Leerstellen: "Zum einen fällt auf, wie wenige prägnante Auteur-Positionen" auszumachen sind - und dass es ein Kino außerhalb der Filmförderkultur fast nicht mehr zu geben scheint. "Die schillerndenAußenseiterpositionen verweisen ex negativo auf das Systemische des deutschen Kinos. In der Tat stammen Filme, die außerhalb oder am Rande der Fördertöpfe entstehen, überdurchschnittlich häufig von Regisseuren ohne Filmhochschulabschluss. ... Die deutsche Filmszene ist gewissermaßen überintegriert: Filmhochschulabsolventen drehen Filmförderfilme, die im Anschluss Förderverleihstarts erhalten. Zumeist allerdings, siehe oben, ohne sich dadurch eine Autorensignatur zu erarbeiten; das System ist auf Förderkino geeicht, nicht auf Autorenkino." Dazu passend: Im Podcast "Lakonisch Elegant" des Dlf Kulturlassen Matthias Dell, Hannah Pilarczyk und Perlentaucher-Kritiker Kamil Moll den deutschenKommerzfilm2024 Revue passieren.
Georg Seeßlen nimmt auf Zeit OnlineChristineUschyWernkes auf Amazon Prime gezeigten Porträtfilm "Mein Name ist Otto" über OttoWaalkes zum Anlass, um über den deutschenHumor der späten Nachkriegszeit nachzudenken. "Mit Loriot und Gerhard Polt repräsentiert Otto heute ein Komödiantentum der Post-Wirtschaftswunderzeit, das ziemlich genau wiedergab, wie die Gesellschaft damals tickte. Loriot alias Vicco von Bülow war ein Vertreter des alten Bürgertums, der immer wieder daran scheiterte, Anstand und Würde zu bewahren. Polt war die Verdichtung eines bornierten neuen Kleinbürgertums, das seine eigene Begrenzung und seine Ressentiments zur Weltanschauung formte. Otto hingegen war das proletarische Kind, der junge Elefant in den Porzellanläden einer bei ihrer Modernisierung stecken gebliebenen Gesellschaft." Aber "was wäre, nur zum Beispiel, wenn Otto wie Jerry Lewis einen Martin Scorsese, wie Totò einen Pier Paolo Pasolini, wie Buster Keaton einen Charles Chaplin, wie Peter Sellers einen Stanley Kubrick, wie Bill Murray eine Sofia Coppola fände, um das Unheimliche im Heimeligen zu erforschen?"
Weitere Artikel: Das letzte Kino-Wochenende war (dank des Disney-Films "Mufasa") das umsatzstärkste des ganzen Jahres, meldet Christiane Peitz im Tagesspiegel, die allerdings nicht glaubt, dass dies an der insgesamt miserablen Bilanz dieses Jahres noch etwas ändern wird. Oliver Jungen freut sich in der FAZ darüber, wie sich die "Kurzschluss"-Halbstünder mit AnkeEngelke und MatthiasBrandt in der ARD langsam aber sicher zur Silvestertradition mausern: "ein Genuss und ein Glücksfall". Peter Kümmel plaudert für die Zeit mit UdoWachtveitl, der im nächsten Jahr seinen 100. und letzten "Tatort" als Ermittler Franz Leitmayr absolvieren wird. Außerdem listet das SZ-Filmkritikerteam seine MagicMoments im Kino 2024 auf.
Besprochen werden LucaGuadagninosBurroughs-Verfilmung "Queer" mit Daniel Craig (BLZ), RobertEggers' Neuverfilmung von "Nosferatu" mit BillSkarsgård als Vampir (Presse), die ZDF-Serie "Hameln" (FAZ, Tsp) und die Netflix-Serie "No Good Deed" (taz).
Jedes Detail hat seinen Sinn: "Jenseits des Rechts" von Dominik Graf (BR/PROVOBIS Gesellschaft für Film und Fernsehen mbH /Hendrik Heiden) Mit dem "Polizeiruf"-Krimi "Jenseits des Rechts" lief gestern der neue, vom SZ-Kritiker TobiasKniebe geschriebene Film von DominikGrafin der ARD. Sonntagabendkrimi-Kolumnist Matthias Dell ist auf Zeit Online von diesem Filetstück schwer begeistert - insbesondere vom Schauspiel, aber auch von allem anderen: "Es sieht alles so einfach aus in diesem Polizeiruf, weil alles stimmt: die Erzählung mit ihren Abschweifungen, das Spiel, die Komparserie, die Kamera, der Schnitt oder auch nur, wie München vorkommt in den Außenszenen. Dahinter steckt präzise Arbeit, die vonLiebegetragen ist zu dem, was sie tut, weil noch das kleinste, im ersten Moment vielleicht überflüssig wirkende Detail seinen Sinn hat." Auch Welt-Kritiker Elmar Krekeler hat viel Freude an diesem "grandiosen Polizeifilm", für den im Amateurporno-Milieu ermittelt wird.
FAZ-Kritikerin Sandra Kegel lobt insbesondere das Spiel der gestandenen Burgtheater-Schauspielerin Johanna Wokalek als Ermittlerin Cris Blohm, "die tatsächlich einen anderen Zugang zum Verbrechen findet." Sie "hat vor allem dieses zarte Gesicht, in dem sich abzeichnet, was sich zusammenbraut, noch bevor der Sturm losbricht. ... Die Mittvierzigerin ist so unscheinbar wie die graue Wandfarbe der Münchner Villa. Sie fällt nicht auf. Das ist Blohms stärksteWaffe - und wie Wokalek diese Farblosigkeit ausmalt, ist große Kunst."
Tilman Schumacher wägt auf critic.de eher ab: Dieser Film will viel und mehr und immer mehr und dies "mit Hang zur Absurdität des Zeitgeists: ein Kaleidoskop menschlicher Leidenschaften mit aristokratischer Fallhöhe, ein Film, der gleichermaßen von Sipp- und Seilschaften, Darknet, Finanzweltlage, Tiktok, Teenage Angst, 'Digga'-Jargon, McDonalds-Albträumen und juristischen Grauzonen erzählt." Das ist ein "Fluch, weil vieles in der gebotenen Kürze notwendig Skizze bleibt, was mehr ausgemalt doch mehr Spaß bereitet hätte. ... Vielleicht ist das Sprunghafte aber auch ein Segen? Der Genremix hat jedenfalls bei aller Unzulänglichkeit auch sein Unerschrockenes: Grafs Polizeiruf ist der Versuch eines Fernsehgenrefilms, der erzählerisch Neues ausprobiert."
Weitere Artikel: In einem Essay für den Filmdienstverzweifelt Sebastian Seidler am Zustand der feministischenFilmkritik. Besprochen werden LucaGuadagninosBurroughs-Verfilmung "Queer" mit DanielCraig (FAZ), MichaelGraceys Biopic "Better Man" über RobbieWilliams, in dem der Entertainer von einem digitalen Affen dargestellt wird (NZZ) und der Horrorfilm "Heretic" mit HughGrant (FAZ, unsere Kritik).
HanneloreHoger ist bereits am 21. Dezember gestorben. Dem Fernsehpublikum war die Schauspielerin als TV-Ermittlerin Bella Block bekannt, in Siebzigern war sie indessen eine zentrale Protagonistin des Neuen Deutschen Films, während sie für PeterZadek auf der Bühne stand. Mit AlexanderKluges "Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos" gelang ihr 1968 der Kino-Durchbruch, schreibt Harry Nutt in der FR. "Mit dem rauen Charme einer selbstbewussten Projektemacherin widersprach sie den femininen Klischees zeitgenössischer Boulevardproduktionen. ... Kluge war dabei eher Experimentierender als Rebell, und Hannelore Hoger wurde zu seiner kühlenLaborantin. In 'Die Patriotin' spielte sie die Geschichtslehrerin Gabi Teichert, die sich nicht mit den Resultaten der herkömmlichen Geschichtsschreibung abgeben will und kurzerhand selbst den Spaten schultert." Sie "verkörperte die Gedanken des Zweifels, der Neugier und den Tatendrang einer Frau, die nicht einfach dort weitermachen kann, wo die Generation der Eltern Verschüttetes angehäuft hat."
Jenni Zylka erinnert in der taz an Volker Schlöndorffs Böll-Verfilmung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum", in der Hoger mitspielte. "Eine selbstverständliche, feministischeSolidarität geht im Film von Hoger aus - und eine wohltuendeStacheligkeit. Diese Frau, das ist auf den ersten Blick klar, macht sich nicht klein. Erst recht nicht gegenüber einem Mann. Vor allem Schauspielerinnen wird stets eine gewisse 'Gefallsucht' angedichtet. Jedoch war Hoger (...) im besten Sinne keine gefällige Person." Die Schauspielerin "steht für eine gelungene Synthese zwischen einem reflexiven Kino und einem Fernsehen, in dem sie ihr Kunstwissen lebensnah verallgemeinern konnte", hält Bert Rebhandl in der FAZ fest.
Außerdem: Martin Scholz plauscht für die WamS mit WillemDafoe über RobertEggers' Neuverfilmung von "Nosferatu", in dem der Schauspieler nun, nachdem er bereits im Jahr 2000 in "Shadow of the Vampire" Max Schreck, den Nosferatu-Darsteller, gespielt hatte, als Vampirjäger auf Untoten-Hatz geht. Jenni Zylka resümiert für die taz das Kinojahr 2024. Das FAZ-Team kürt seine bestenSerienmomente des sich neigenden Jahres. Der Schauspieler JustinBaldoni hat ein PR-Team mit einer Schmutzkampagne gegen seine Filmpartnerin BlakeLively beauftragt, berichtet Nadine A. Brügger in der NZZ. Andreas Scheiner (NZZ) und Sandra Kegel (FAZ) gratulieren DenzelWashington zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden MohammadRasoulofs "Die Saat des Heiligen Feigenbaums" (Perlentaucher, FAZ), ScottBecks und BryanWoods' Horrorfilm "Heretic" mit HughGrant (Perlentaucher) und DominikGrafsmorgen im Ersten ausgestrahlter TV-Krimi "Polizeiruf 110: Jenseits des Rechts" (FR).
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