Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.12.2024 - Film

Rüdiger Suchsland resümiert für Artechock die Vergabe des Europäischen Filmpreises - und fragt sich, was das heute eigentlich noch heißt, "europäischer Film". Die Preisträger jedenfalls zeigen, dass europäische Filme in alle Welt diffundieren - aber wenig Resonanzraum für die eigene Herkunft bieten. "Europäisches Kino - das heißt also hier nicht künstlerische Identität, sondern es heißt Wirtschaftsstandort. ... Wo ist denn all das, was es einst gab: Europäisches Genre-Kino, also Science-Fiction-Filme, Gangstermovies und Horror aus Europa - Anlass dazu gäbe es schließlich genug? Wo sind denn die Stars, die dem europäischen Kino jenseits der geschickten Kombination von zehn europäischen Fördertöpfen aus acht Ländern auch eine Seele einhauchen? Die das Potenzial haben, ganz Europa zu vereinen durch ihre Schönheit und ihr Charisma - so wie das einst ein Marcello Mastroianni, eine Romy Schneider oder eine Jeanne Moreau vermochten? Das europäische Kino hat auch zu den aktuellen Problemen und Sorgen von Europa recht wenig zu sagen."

Normaler Sterblicher kurz vorm Sterben: "Hundert Jahre Einsamkeit" auf Netflix

Der Produktionsaufwand, mit dem Netflix "Hundert Jahre Einsamkeit" von Gabriel García Márquez als Serie inszeniert ist zwar mitunter "atemberaubend", schreibt Hernán D. Caro in der FAZ. Aber die Atmosphäre des magischen Realismus aus Márquez' Familienepos will sich nicht einstellen. Zum Beispiel, weil die Figuren - anders als im Roman - unentwegt plaudern und plappern. "Das Resultat ist problematisch: Jene Texte, die García Márquez geschrieben hat, klingen in der Serie hölzern; jene, die sich die Drehbuchautoren ausdenken mussten, klingen oft banal oder ordinär. ... Während die Figuren im Buch sich oft wie zeitlose, heroische oder amoralische und nicht selten auch lächerliche gefallene Götter und Göttinnen anfühlen, werden sie in der Serie notwendigerweise zu konkreten Menschen aus Fleisch und Blut, zu Schauspielern mit künstlicher Gesichtsbehaarung und geschichtsgetreuer Verkleidung, ja, was soll man sagen: zu normalen Sterblichen."

Weitere Artikel: Volker Schlöndorff, Tom Tykwer und Wim Wenders fordern den Bundestag in einem "Weckruf" auf, die Filmförderung ab Januar 2025 in trockene Tücher zu bringen, meldet Christiane Peitz im Tagesspiegel. Valerie Dirk feiert im Standard die Schauspielerin Cynthia Erivo, die aktuell in "Wicked" (unsere Kritik) zu sehen ist und alle Herzen im Sturm erobert. Im Filmdienst empfiehlt Sonka Weiss eine gemeinsame Retrospektive des Filmmuseums München und des Österreichischen Filmmuseums in Wien mit Filmen der Frauen aus der georgischen Familie Gogoberidse. Andreas Hartmann verabschiedet sich in der taz vom Kino Arsenal, dessen Pforten am Potsdamer Platz in Berlin sich allmählich schließen, um (hoffentlich) in einem Jahr im "Silent Green" in Wedding wieder zu öffnen.

Besprochen werden Robert Zemeckis' "Here" (Welt, Standard, Artechock, mehr bereits hier und dort), Jon M. Chus Musical "Wicked" (Artechock, Zeit, Presse, unsere Kritik), Joanna Arnows BDSM-Komödie "Dieses Gefühl, dass die Zeit, etwas zu tun, vorbei ist" (Artechock, unsere Kritik), Guan Hus "Black Dog" (Artechock, mehr dazu hier), Friedrich Mosers Anti-Fake-News-Doku "How to Build a Truth Engine" (Standard), Galder Gaztelu-Urrutias Reichen-Satire "Rich Flu" (Artechock), Irene von Albertis Matriarchatsfarce "Die geschützten Männer" (Artechock, SZ), Kenji Kamiyamas Animationsfilm "Der Herr der Ringe: Die Schlacht der Rohirrim" (Artechock, SZ) und die Netlix-Krimiserie "Achtsam Morden" mit Tom Schilling (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.12.2024 - Film

Reiche Ernte: "Hier" von Robert Zemeckis

Lukas Foerster ist in einem epischen Longread auf critic.de völlig begeistert von Robert Zemeckis' neuem Film "Here", der auf dem gleichnamigen Comic von Richard McGuire basiert und dessen Konzept - die Geschichte eines Wohnzimmers aus starrer Perspektive mit historischen Einblendungen und Kontextualisierungen - als medienexperimentelles Setting übernimmt. "Tatsächlich ist 'Here' nicht zuletzt ein Film über die fluide Visualität digitaler Medien. Stasis und Dynamik bedingen sich dabei gegenseitig: Der Film setzt einen starren Rahmen - innerhalb dessen dann alles möglich ist. ... Wir haben es mit einem architektonischen, oder, warum nicht, ackerbaulichen Blickregime zu tun: Die Leinwand als eine Fläche, die bewirtschaftet wird. Konflikte werden gesät, reifen heran, werden geerntet - nur um in der nächsten Generation, dem nächsten Jahrhundert, der nächsten naturgeschichtlichen Epoche durch neue ersetzt zu werden. Freilich sind wir, die wir im Kino sitzen, nicht selbst der Landwirt, sondern diejenigen, die die Früchte der Unternehmung genießen. 'Here' ist ein Film für alle, die noch nicht verlernt haben, der Wundermaschine Kino zu vertrauen." 

Weitere Artikel: Die wegen des Ampel-Aus zuletzt sehr wackelnde Reform der Filmförderung wird nun wohl doch noch allerkürzestens vor knapp mit den Stimmen der alten Regierungskoalition beschlossen, meldet Helmut Hartung in der FAZ. Doch "das Filmförderungszulagengesetz und das Investitionsverpflichtungsgesetz, haben indes keine Chance, in dieser Legislaturperiode den Bundestag zu passieren." Das Kinojahr 2024 stand ganz im Zeichen des Horrorfilms, stellt Julia Lorenz in der Zeit fest, was sie im Zeitalter permanenter Multikrisen nicht weiter verwundert: "Seine Stärke liegt darin, zeitspezifische Fragen mit einer gewissen Ungeduld zu formulieren." In seiner Filmdienst-Reihe über Heist-Movies erinnert Leo Geisler an Barbara Lodens Indieklassiker "Wanda".

Besprochen werden Joanna Arnows BDSM-Komödie "Dieses Gefühl, dass die Zeit, etwas zu tun, vorbei ist" (Perlentaucher, taz), Jon M. Chus in der Zauberwelt von Oz angesiedeltes Musical "Wicked" (Perlentaucher, taz, FR, NZZ, Freitag, mehr dazu bereits hier), Guan Hus "Black Dog" (taz, FR, mehr dazu hier), Galder Gaztelu-Urrutias Reichen-Satire "Rich Flu" (Jungle World), Kenji Kamiyamas Animationsfilm "Der Herr der Ringe: Die Schlacht der Rohirrim" (FAZ) und Pavel Cherepins Arte-Doku "Inside Saporischschja - Ein Atomkraftwerk im Krieg" (BLZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.12.2024 - Film

Flamboyant, traurig-schön: "Wicked" kehrt zurück nach Oz

Inga Barthels legt sich im Tagesspiegel nach dem Genuss von Jon M. Chus Musical "Wicked" zunächst einmal das Büßergewand an: Dass Musicals nicht gerade Hochkultur sind, räumt sie reuig ein, bevor es dann doch aus ihr rausbricht: Der Film "ist magisch". Erzählt wird eine Para-Geschichte des Über-Hollywoodklassikers "Der Zauberer von Oz", genauer: die Geschichte der bösen, grünhäutigen Hexe Glinda, die in dieser Variante nun als gar nicht mehr so böse dargestellt wird - sondern als jemand, der erst durch Diskriminierung böse gemacht wurde. Das geht mit sehr viel Augenflausch einher: "Die Welt, die hier geschaffen wird, sieht atemberaubend aus. ... Die Glizz-Universität erweist sich als Mischung aus Hogwarts und dem Barbie-Traumhaus, die Smaragdstadt funkelt grün, die Oscars für das beste Szenenbild und die besten Kostüme sind 'Wicked' quasi sicher. Es ist alles ein bisschen drüber, aber auch toll." Es ist "der richtige Film in Zeiten populistischer Schuldzuweisungen und vereinfachender Narrative."

Mit Filmen dieses Zuschnitts, die bestehende Geschichten aus sanft verschobenem Blickwinkel noch einmal neu perspektivieren, konnte man sich im Kino in den letzten Jahren durchaus den Magen verderben, schreibt Sarah Pines in der Welt. Doch ganz anders dieser Film: Er "ist wunderbar, flamboyant, traurig-schön - bei aller Kritik, er sei zu lang, zu perfekt, zu moralisierend, zu feministisch, zu woke, zu identitätspolitisch, zu gewollt antirassistisch." Und man kann 'Wicked' auch als einen Kommentar auf die Vergangenheitslosigkeit unserer Gegenwart deuten. Niemand verstehe mehr, was einst war, aber alle träumten von der Zukunft, sagt Elphabas und Gildas Geschichtslehrer Dr. Dillamond." In der FAZ bespricht Dietmar Dath den Film ein bisschen sehr undurchdringlich, aber er verteilt hier und dort Bestnoten.

Außerdem: Wenke Bruchmüller spricht in der taz mit der Regisseurin Irene von Alberti über deren Farce "Die geschützten Männer", bei der eine Virusinfektion die Männer dahinrafft und mit einem Mal das Matriarchat ausbricht. Die FAZ kürt die besten Serien des Jahres.

Besprochen werden Sam Mendes' und Armando Iannuccis Sky-Serie "The Franchise", die die Produktion eines Blockbusters persifliert (taz), die auf dem National Geographic Channel gezeigte Doku "Sugarcane" über indigenes Leid an einer kanadischen Schule (FAZ) und die Netflix-Doku "Churchill At War" (TA).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.12.2024 - Film

Wenn sich das Leben in einem einzigen Winkel des Wohnzimmers abspielt: "Here" von Robert Zemeckis

Mit "Here" adaptiert Robert Zemeckis Robert McGuires gleichnamigen Avantgarde-Comic sowie dessen strenges Gestaltungskonzept gleich mit: Erzählt wird die Geschichte eines Wohnzimmers und der Leute, die darin wohnten - in einer starren Einstellung mit vielen Ein- und Überblendungen aus verschiedenen Zeitebenen. Mitten drin: Tom Hanks (68) und Robin Wright (58), die hier dank CGI und De-Aging über weite Strecken wieder in ihrer Jugend Maienblüte zu sehen sind. In dieser Technikverliebtheit liegt für die Kritiker auch die Crux des Films: "Die Technik sieht immer noch mindestens unbeholfen, wenn nicht gar gespenstisch aus", schüttelt sich David Steinitz in der SZ. "Außerdem wird man partout das Gefühl nicht los, dass die Filmemacher sich deutlich mehr mit den technischen Aspekten beschäftigt haben als mit den emotionalen. Aufgrund des Prinzips der einen Einstellung muss alles, vom Sex bis zum Streit, von der Geburt bis zum Tod, ausschließlich im Wohnzimmer stattfinden - was oft nur noch mäßig gut motiviert wirkt." Dem Schauspiel der in den digitalen Jungbrunnen gefallenen Schauspieler "haftet etwas Starres an", seufzt Simon Rayß im Tagesspiegel. Das will sich alles "nicht recht mit Leben füllen."

Rassismus und Zivilisationsverachtung? Bruce LaBruce' "The Visitor" eckt an

Mit "The Visitor" hat der für seinen queeren Provokationen berüchtigte Regisseur Bruce LaBruce eine Art Remake von Pasolinis "Teorema" gedreht. Timo Lindeman zeigt sich in der Jungle World nicht zuletzt durch den rustikalen politischen Gestus des Films sehr irritiert: Man sieht "plakative Parolen, die in greller Leuchtschrift während der Sexszenen eingeblendet werden. Von der 'sexuellen Revolution des Proletariats' ist da die Rede, von 'analer Befreiung', von 'offenen Grenzen und offenen Beinen'. ... Es wird dazu aufgerufen, revolutionären Sex statt kolonialer Kriege zu betreiben, bevor dann die Parole 'Black is beautiful' endgültig einen exotisierenden Kitsch beschwört, wie man ihn selbst in Kreisen queerer Antikolonialer kaum für möglich gehalten hätte. Das ist alles so dermaßen daneben, dass man es mit viel gutem Willen für eine Persiflage der politischen Urteilskraft jener Szene halten könnte, würde ihr Bruce LaBruce nicht so durch und durch angehören. Nimmt man die Parolen hingegen ernst, laufen sie auf die Forderung nach einer sexuellen Unterwerfung des Westens durch den als unvermittelt und tierhaft triebfixiert halluzinierten 'Globalen Süden' hinaus und sind darin an Rassismus und Zivilisationsverachtung schwer zu überbieten."

Weitere Artikel: Eva Ladipo sorgt sich in der SZ um die abgehängten Männer der Unterschicht, denen es viel zu leicht gemacht wird, sich bei den Rechtspopulisten und maskulinistischen Manfluencern einzureihen. Auch im Kino lasse sich das nachvollziehen: "Der Zeitgeist hat wenig Interesse an ihnen und macht sich, wenn er sie überhaupt wahrnimmt, gern über sie lustig. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich orientierungslose Jungs aus der Arbeiterschicht in Sylvester Stallone, Al Pacino, Arnold Schwarzenegger, Russell Crowe, Mel Gibson oder Bruce Willis wiederfinden konnten." Hanns-Georg Rodek erzählt in der Welt online nachgereicht, warum es trotz Schriftsteller-Jubiläum und Bildungsauftrag dann doch keine Fortsetzung von Heinrich Breloers "Die Manns" im Fernsehen gibt, sondern nur als Buch: Die Kosten waren zu hoch. "Die Zeit für deutsche Kulturgeschichte im öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehen war offenbar abgelaufen, ob das nun am Budget oder einem unterstellten Desinteresse der Zuschauerschaft lag." Besprochen werden Gianluca Buttolos Comicbiografie über Laurel und Hardy (FD), die Arte-Serie "La Mesías" (FAZ), die ARD-Serie "Paartherapie" (Welt) und die auf Amazon gezeigte Animationsserie "Secret Level" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.12.2024 - Film

Selena Gomez in "Emilia Perez"


Bei der Verleihung des Europäischen Filmpreises hat Jacques Audiards Musical "Emilia Pèrez" (unsere Kritik) groß abgeräumt. Als bester Dokumentarfilm wurde "No Other Land" ausgezeichnet - die Ansprache der beiden Co-Regisseure Basel Adra und Yuval Abraham verlief offenbar noch etwas drastischer als vor fast einem Jahr auf der Berlinale, worauf damals eine heftige Kontroverse folgte. "Dass man in der internationalen Filmgemeinschaft selbsterklärte Agitprop für auszeichnungswürdiges dokumentarisches Schaffen hält, ist vielsagend", findet Andreas Scheiner in der NZZ. "Die Europäische Filmakademie ist Teil einer Kulturszene, die keine Gelegenheit auslässt, sich ihrer guten, das heißt: propalästinensischen Gesinnung zu vergewissern. ... Für die Verurteilung von islamistischem Terror sieht man sich in der Kulturwelt nicht zuständig. Für die Ukraine offenbar auch nicht mehr. ... Pro Palästina zu sein, scheint angesagter." Auch dass Mohammad Rasoulof, der seinen Politthriller "The Seed of the Sacred Fig" klandestin in Iran gedreht hat, bevor er aus seiner Heimat fliehen musste, "in Luzern leer ausging, irritiert. Dafür versicherte man sich sonst beflissen der eigenen weltpolitischen Ergriffenheit. 'Schaut aus dem Fenster, schaut die Nachrichten', so begann die Akademiepräsidentin Juliette Binoche ihre Ansprache."

Weitere Artikel: Josef Nagel orientiert sich für den Filmdienst beim Festival in Coimbra im aktuellen portugiesischen Kino. Maria Wiesner (FAZ) und Alexander Menden (SZ) gratulieren der Schauspielerin Judi Dench zum Neunzigsten.

Besprochen werden Guan Hus "Black Dog" (Standard, mehr dazu hier), Michael Wechs Dokumentarfilm "13 Steps - Die unglaubliche Karriere von Edwin Moses" (Welt), John M. Chus Musical "Wicked", das die Vorgeschichte vom "Wizard of Oz" erzählt (Standard), Barbra Streisands Memoiren (NZZ) und die zweite Staffel der ARD-Krimiserie "Die Toten von Marnow" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.12.2024 - Film

Die Maske als Identität: "Abendland" von Omer Fast

In "Abendland", dem dritten Spielfilm des auf experimentelle Formate spezialisierten Regisseurs Omer Fast, landet eine Frau mit Angela-Merkel-Maske in einem Wald und stößt dort auf eine ebenfalls durchweg maskierte Kommune, die sich sonderbaren Ritualen unterwirft. Dass die Masken nicht abgenommen werden, ist gerade der Witz an der Sache, sagt Fast im Filmdienst-Gespräch mit Jens Hinrichsen. "Die Erkenntnis über die menschliche Natur ist oft banal. Die Psychotherapie verspricht dir, dass du etwas Verborgenes über dich herausfinden kannst, unsichtbare Mechanismen ins Licht holen, hinter die Maske schauen, und so weiter. Mit 'Abendland' wollte ich diese Erwartung nicht erfüllen. Insofern sind die Kommunarden ehrlich: Die Masken sind Teil ihrer Identität. Es ist okay, wenn man keine Lust mehr hat, 'Ich' zu sein. Dann leiht man sich eine neue Identität aus dem Kollektiven, indem man eine neue Maske anlegt. Vielleicht wurde die Möglichkeit der 'fluiden Identität' immer mehr ins Internet outgesourct. Dank KI müssen wir nicht mal mehr da sein. Dabei sollte ich aber zugeben, dass ich selbst überhaupt kein Leben online führe. ... Ich bin eine digitale Null."

"In letzter Zeit gab es so viele Geschichten über starke Frauen", doch "jetzt wäre es mal Zeit für etwas anderes", sagt Nora Fingscheidt im SZ-Gespräch mit Anke Sterneborg. Die Regisseurin, deren aktueller Film "The Outrun" gerade angelaufen ist, wünscht sich mehr "ehrliche Geschichten über männliche Verletzlichkeit, mit einer Auseinandersetzung mit dem modernen Männerbild: Was bedeutet es in der heutigen Zeit, ein Mann zu sein? Wie erziehen wir unsere Söhne? Was bedeutet toxische Männlichkeit? Die Netflix-Serie 'Baby Reindeer' ist da ein großartiges Beispiel, weil Opferperspektive und Missbrauchserfahrungen aus einer männlichen Perspektive so brutal ehrlich erzählt werden. Ich bin gespannt auf Geschichten, die noch mal ganz anders aufs Mann-Sein blicken."

Weitere Artikel: Angesichts zahlreicher Unklarheiten bei der Reform der Filmförderung glaubt Christian Meier in der Welt, dass diese auch ohne das Ampel-Aus kaum mehr in diesem Jahr zu bewältigen gewesen wäre. Besprochen werden der Netflix-Weihnachtsfilm "Maria" (Welt), die Sky-Serie "The Franchise" (FAZ) und die ARD-Dokuserie "Paartherapie" (WamS).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.12.2024 - Film

Valerie Dirk verneigt sich im Standard vor der Schauspielerin Saoirse Ronan, die aktuell in Nora Fingscheidts, auf Artechock besprochenen Alkoholikerinnendrama "The Outrun" zu sehen ist. Mariam Schaghaghi erzählt in der NZZ von ihrer Begegnung mit Tilda Swinton. Auf Artechock geht die Diskussion um Basel Adras, Yuval Abrahams, Hamdan Ballals und Rachel Szors Westjordanland-Dokumentarfilm "No Other Land" mit einem Beitrag von Dunja Bialas weiter.

Besprochen werden Aaron Schimbergs "A Different Man" (Artechock, FAZ), Omer Fasts "Abendland" (Artechock), Klaudia Reynickes "Reinas - Die Königinnen" (Artechock), die zweite Staffel von Holger Karsten Schmidts ARD-Polizeiserie "Die Toten von Marnow" (Welt), die Apple-Serie "Before" (FAZ), die Amazon-Serie "The Agency" (Freitag), die Paramount-Serie "Zorro" (FAZ), die ZDF-Serie "Fünf Freunde" (FAZ) und die Netflix-True-Crime-Serie "Cold Case: Wer ermordete JonBenét Ramsey?" (Presse).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.12.2024 - Film

Sensibler Schmerzensmann: "Black Dog" von Guan Hu

Subversiv ist Guan Hus in der Wüste Gobi angesiedelter Film über einen kriminellen Hundefänger, der sich mit den Hunden verbrüdert, trotz "kleinen Spitzen gegen die Fortschrittsrhetorik Chinas" zwar nicht, schreibt Lukas Foerster in der Presse. Aber manchmal reicht auch einfach "eine herzenswarme - und wirklich wunderschön fotografierte - Ballade von einem Mann und einem Hund", schwärmt er. "Getragen wird 'Black Dog' weniger von der Handlung - ein Krimiplot, der mit Langs Knastvergangenheit zu tun hat, nimmt nicht viel Raum ein und verschwindet gegen Ende fast ganz - als von atmosphärisch-ausgeblichenen Breitwandbildern und dem tierischen wie menschlichen Personal. Lang vor allem ist eine tolle Hauptfigur; unter seiner breitschultrigen, wortkargen Schale kommt alsbald ein sensibler Schmerzensmann zum Vorschein."

Weitere Artikel: Dietrich Leder würdigt im Filmdienst die TV-Krimis von Lars Becker, die im "Einerlei" des ZDF-Programms hervorstechen: "Becker ist neben Dominik Graf der beste deutsche Krimi-Regisseur." Pascal Blum plaudert für den Tagesanzeiger mit Richard Gere. In Hollywood sehen derzeit alle wieder wie 20 aus, stellt Valerie Dirk im Standard fest.

Besprochen werden Kazuhiro Sodas Dokumentarfilm "Die Katzen vom Gokogu-Schrein" (Perlentaucher, mehr dazu bereits hier), Dea Kulumbegashvilis beim Berliner Festival "Around the World in 14 Films" gezeigter Film "April" (Perlentaucher), Aaron Schimbergs "A Different Man" (Welt, FR), Nora Fingscheidts Alkoholikerinnendrama "The Outrun" mit Saoirse Ronan (FR, Zeit Online, taz, BLZ), die DVD-Ausgabe von Joachim Haslers DEFA-Film "Chronik eines Mordes" aus dem Jahr 1965 (taz), Richard Curtis' Netflix-Animationsfilm "Ein klitzekleines Weihnachtswunder" (Presse) und die beiden im Streaming abrufbaren Spionagethriller "The Agency" und "Black Doves" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.12.2024 - Film

Telegen und elegant: Ein Filmstar aus "Die Katzen vom Gogoku-Schrein"

Diese Woche startet Kazuhiro Sodas Dokumentarfilm "Die Katzen vom Gogoku-Schrein", der bereits auf der Berlinale die Herzen von Publikum und Kritik eroberte. Der japanische Filmemacher erzählt dabei von der Katzen- und der Menschen-Community, die sich in seinem Wohnort, dem Küstendörfchen Ushimado, gebildet hat - und wie beide miteinander auskommen oder auch nicht. "Beobachtende Filme" nennt Soda seine Methode, für die er sich selbstauferlegte Regeln unterwirft - keine Vorbereitung einerseits, keine Fremdfinanzierung andererseits. "Sehen und Hören sind die wichtigsten Elemente des Dokumentarfilmschaffens, aber sie werden oft vernachlässigt, weil viele Regisseure eine Agenda haben und diese Agenda priorisieren, sodass sie die Realität auf ihre Pläne hin zuschneiden", sagt Soda Lukas Foerster im Filmdienst-Gespräch. Deswegen taucht er auch selbst in seinen Filmen auf: "Es ist nicht möglich, sich selbst von der Realität, die man zeigt, zu trennen. Dadurch, dass man anwesend ist, verändert man etwas. Ich will da ehrlich sein, und außerdem ist die Dynamik zwischen dem Filmemacher und der Realität, die er filmt, oft sehr interessant; deshalb zeige ich auch Interaktionen zwischen mir und den Menschen in meinen Filmen."

Die Methode geht glänzend auf, freut sich Barbara Schweizerhof in der taz: "Sehr, sehr herzig" findet sie es etwa, wenn eine Katze unvermittelt nach Sodas Mikrofon fischt und es abzuschlecken beginnt. Und "Man lernt tatsächlich die Gegend kennen: die Treppe hinauf zum Schrein, der Parkplatz am Ufer, den von Bäumen beschatteten Hügel darüber. Es kommt zu diversen Begegnungen vor der Kamera. Zum einen natürlich mit den Katzen, die pittoresk herumliegen oder in allen möglichen Ecken und Nischen kauern, um vorm Regen Schutz zu suchen. Es sind Straßenkatzen, weshalb sie mit ihren von Verletzungen gezeichneten 'Visagen' in Nahaufnahmen oft ein weniger social-media-freundliches Bild abgeben. Dann wiederum sind Szenen, in denen sie den Anglern am Hafen den gefangenen Fisch stibitzen und unter sich verteilen, allerliebst."

Besprochen werden außerdem Nora Fingscheidts Alkoholikerinnendrama "The Outrun" mit Saoirse Ronan (FAZ), Quentin Dupieuxs vorerst nur in Österreich startender, neuer Ironiestreich "Le Deuxième Acte" mit Léa Seydoux (Standard), die neue "Star Wars"-Serie "Skeleton Crew" (Welt, Zeit Online) und die Sky-Serie "Get Millie Black" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.12.2024 - Film

Thomas Klein schreibt im Filmdienst zum Tod des Komödienregisseurs Jim Abrahams. Besprochen werden die ZDF-Anthologie-Serie "Uncivilized" (FAZ), die ZDFneo-Serie "Hungry" (taz) und die Autobiografie von Barbra Streisand (FAZ).