Blick in den Spiegel: Wer war Leni Riefenstahl? AndresVeiel zeigt bei den Filmfestspielen Venedig seinen Dokumentarfilm "Riefenstahl", für den erstmals der umfangreiche Nachlass der NS-Propagandafilmerin ausgewertet wurde. "Sie war ein Prototyp von Fake News", sagt der Filmemacher im Welt-Gespräch gegenüber Hanns-Georg Rodek. "Sie hat ihre Lügen so lange wiederholt, bis sie von vielen übernommen wurden. Zum Beispiel hat sie in einer Talkshow behauptet, sie sei nach Kriegsende drei Jahre in Gefängnissen gesessen und habe genug gelitten. De facto haben die Amerikaner sie vier Wochen in einer Edelunterkunft festgehalten. Und nach einer Woche luden ihre jüdischen Vernehmer sie zum Tee im Casino ein. Die Franzosen haben sie kurz inhaftiert und dann in eine Art 'Hausarrest' entlassen; sie durfte einen Landkreis im Schwarzwald nicht verlassen. Diese Legendenbildung können wir nun wie unter einem Mikroskop untersuchen."
Weitere Artikel: Gestern Abend wurden die Filmfestspiele Venedig mit TimBurtons Fantasy-Sause "Beetlejuice 2" eröffnet, berichten gutgelaunt Katja Nicodemus (Zeit), Jan Küveler (Welt) und Tim Caspar Boehme (taz). Christiane Peitz vom Tagesspiegelzählt derweil die Stars, die sich am Lido tummeln. Lars Henrik Gass wechselt von seiner Leitungsposition bei den KurzfilmtagenOberhausen als Gründungsdirektor zum Haus für Film und Medien, das in den nächsten Jahren in Stuttgart entstehen soll, meldet Susan Vahabzadeh in der SZ: Schon der kommende Oberhausener Jahrgang wird nicht mehr von ihm geleitet (mehr bei den Ruhrbaronen). Helene Slancar spricht für den Standard mit der Filmemacherin EllaHochleitner über deren Dokumentarfilm "Trog" über NS-Taten in Goldegg. Und Marie-Luise Goldmann führt für die Welt durch den aktuellen Horrorkino-Trend.
Besprochen werden TilmanSingers Horrorfilm "Cuckoo" (Freitag, Presse, taz, unsere Kritik), AlirezaGolafshans Komödie "Alles Fifty Fifty" (SZ, unsere Kritik), Margherita Vicarios Musikdrama "Gloria!" (Standard, FD), die Schweizer Serie "Die Letzten ihrer Art" (NZZ) und die zweite Staffel der im Tolkien-Universum angesiedelten Amazonserie "Die Ringe der Macht" (Welt). Außerdem informieren SZ, Tagesspiegel und Filmdienst über die aktuellen Kinostarts der Woche.
Das hatten wir gestern auf der Medienseite der SZ übersehen: DominikGraf liest dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen die Leviten. Bildeten der Autorenfilm und die deutschen Sender in längst vergangenen Zeiten noch eine Allianz, handelt es sich bei dem Verhältnis zwischen beiden heute eher um eine "verminte Brache": All die Programmreformen, all die "Kontrolle der Kontrolle der Kontrolle", dann der "grassierende Einschaltquoten-Rinderwahnsinn", all das "lähmt die Kreativität und die Gedanken." Aber Graf macht Vorschläge zur Güte: Die Quote "sollte als primäre 'Erfolgs'-Beurteilung so gut wie verschwinden. Die ewig gleichen Längenformatierungen der Filme und Sendungen sollten ab 23 Uhr bis fünf Uhr morgens in allen Programmen aufgegeben werden. Da müssen Experimente und Spielformen hin, Filme, selbstproduzierte, internationale, gemacht beziehungsweise kuratiert von erstklassigen Künstlerinnen und Künstlern. Auswahl und Entwicklung durch Redakteurinnen und Redakteure in kompletter Eigenverantwortung, keineMonitor-Gruppen beteiligt, die sich dann am Ende wieder aufs kleinste gemeinsame Vielfache einigen. Und immer alle Optionen offenhalten - auch die schönen. Wer nach elf im Öffentlich-Rechtlichen einschaltet, dem sollte künftig Hören und Sehen vergehen. Und das wandert dann alles auch noch fröhlich in die Mediathek."
Vielleicht ist in so einer Oase dann auch Raum für wagemutige deutsche Horrorfilme? TilmanSingers Alpen-Horrorfilm "Cuckoo", immerhin mit internationalem Cast besetzt, darunter "Euphoria"-Star HunterSchafer, zeigt zumindest in der ersten Hälfte große Lust am Irrsinn, versichert Benjamin Moldenhauer im Perlentaucher. "Einzelne traumartig schöne Sequenzen greifen ... ineinander, ohne dass sie auf ein in sich stimmiges, eben konsistentes Gesamtbild zulaufen würden. Singers erster Film und die erste Hälfte seines zweiten beziehen ihre Strahlkraft aus einer sich undefinierbar anfühlenden Uneindeutigkeit, die die Möglichkeiten vermehrt und Plot und Bilder jenseits der etablierten Genrestandards entlang laufen lässt, ohne dass die Verbindung zu ihnen gekappt würde."
Heute beginnen die 81. Filmfestspiele von Venedig. Der von allen befürchtete Rechtsruck durch eine Einflussnahme der Meloni-Regierung ist wohl fürs Erste abgewendet, atmen die Kritiker auf - und blicken beruhigt ins Programm. An Stars auf dem roten Teppich wird es in diesem Jahr (anders als im streikbedingt mageren Vorjahr) keinen Mangel geben, schreibt Tim Caspar Boehme in der taz. "Vor lauter star-besetzten Hollywoodproduktionen muss man nach unabhängigen künstlerischen Produktionen fast suchen", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR, wird aber dennoch hinreichend fündig, um sich auf einen "prallvollen Festivaljahrgang" zu freuen. Standard-Kritikerin Valerie Dirk ist gespannt auf "hochbudgetiertes Weltkino" im Wettbewerb, mit Filmen von unter anderem LucaGuadagnino, PedroAlmodóvar und AthinaRachelTsangari.
Weiteres: Andreas Scheiner denkt in der NZZ darüber nach, warum eigentlich fast alle Filme über Hitler schlecht sind. Besprochen werden AlirezaGolafshans Komödie "Alles Fifty-Fifty" mit LauraTonke und MoritzBleibtreu (Perlentaucher, FAZ), TorstenKörners Dokumentarfilm "Die Unbeugsamen 2" über Frauen in der DDR (FD, SZ) und die zweite Staffel der Apple-Serie "Pachinko" über das Leben der koreanischen Minderheit in Japan (SZ).
Titus Blome freut sich auf Zeit Online über das 25-jährige Bestehen der Fantasy-Anime-Serie "One Piece". Besprochen wird TilmanSingers in den Alpen spielender Horrorfilm "Cuckoo" (Tsp).
Mathis Raabe porträtiert für Zeit Online die Schauspielerin HunterSchafer, die nach ihrem Erfolg in der HBO-Serie "Euphoria" nun mit dem Horrorfilm "Cuckoo" ihr Kinodebüt hinlegt. Der SchriftstellerPascalBrucknerschreibt in der NZZ einen nachgereichten Nachruf auf Alain Delon (hier unser Resümee zum Tod des Schauspielers). Besprochen wird Simone Bozzellis "Patagonia" (online nachgereicht von der FAZ).
"Die Saat des Heiligen Feigenbaums" von Mohammad Rasoulof "Die Saat des Heiligen Feigenbaums" des erst vor kurzem unter denkbar schweren Bedingungen aus dem Iran nach Deutschland geflohenen Filmemachers MohammadRasoulof zieht als deutscherNominierungsvorschlag der Exportunion German Films ins Oscar-Rennen. In Cannes, wo der Film im Mai einige Preise gewann, galt er noch als iranischer Film - kein Wunder: Cast und Crew sind iranisch, der Drehort war Teheran. Aber produziert wurde der Film mehrheitlich mit Mitteln aus Deutschland. "Ausgesprochen positiv" findetFR-Kritiker Daniel Kothenschulte diese Entscheidung. Es "ist mehr als eine politische Geste. Bessere Filme sind auch weltweit schwer zu finden. So sollte diesem herausragenden Werk eine Nominierung sicher sein. ... Um das von Rasoulof und seinem todesmutigen Team gedrehte Meisterwerk kommt auch in Hollywood niemand herum. Es ist eine Studie über die fließenden Grenzen zwischen Mitläufer- und Verbrechertum in einer Diktatur." Aber "wie genau soll dieser Film deutsches Filmschaffen, deutsche Kreativität und Befindlichkeiten bei den Oscars repräsentieren", fragt sich ein schon deutlich skeptischerer Tobias Kniebe in der SZ. "Überhaupt nicht, lautet die einzig ehrliche Antwort. Er repräsentiert die Offenheit der deutschen Gesellschaft und ihrer Fördersysteme für Künstler, die in ihrer Heimat verfolgt werden, steht für die Attraktivität eines freien Landes als Wohnsitz und wirtschaftliche Operationsbasis für Filmemacher, die früher oder später ins Exil gezwungen werden."
Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek hingegen zürnt. Zwar hält er den "Feigenbaum" ebenfalls für einen "der besten Filme des Jahres", aber ein deutscher Film ist er seiner Ansicht nach nicht. Die Entscheidung des Auswahlgremiums sei reines Kalkül und schielt einfach auf den großen Preis. "Das Auswahlkomitee könnte auch einen mongolischen oder nicaraguanischen Film für Deutschland ins Rennen schicken - vorausgesetzt, in der Finanzierung steckte deutsches Geld (und deutsches Fördergeld steckt weltweit in sehr vielen Koproduktionen). Damit würde natürlich die Absicht der Oscar-Akademie, die eine Bühne für nationale Kinematografien schaffen möchte, in ihr Gegenteil verkehrt. Jedes Jahr schicken fast 100 Länder ihre besten Filme zu den Oscars; ihre eigenen besten, um präzise zu sein, nicht durch kulturelle Aneignung eingemeindete. Die regelkonformeSchummel-Nominierung von 'Die Saat des heiligen Feigenbaums' ist kein Zeichen für die Stärke des deutschen Kinos, sondern für seine Schwäche. German Films sollte seine Regeln überdenken."
Exakt in sich hineingealtert: Kevin Costner Karsten Munt konturiert in einem Filmdienst-Essay die Leinwandpersona von KevinCostner, dessen aktueller Film "Horizon" (unsere Kritik) gerade bei uns angelaufen ist. Sein Schauspiel "war schon immer ganz auf das Charisma gebaut. ... Nicht 'Method' ist sein Schauspiel, sondern die Präsenz. Costner trägt sie in jedes der großen amerikanischen Genres, die ihm allesamt gut stehen. Er trägt die Erkennungsmarke genauso gut, wie er den Baseball-Schläger schwingt oder die Zügel hält. Als amerikanischer Archetyp gehört Costner, der 1955 geboren wurde, eigentlich der falschen Generation an. Vielleicht ist er auch deswegen seit jeher ein Schauspieler, dem man schon immer gerne beim Altern zusehen wollte. Costner hat sich über die Jahre nicht nur den unbändigen Wunsch erhalten, der integre Mann zu sein, der sich mit zunehmender Zeit hinter stoischerer Miene und immer rauer geschliffener Stimme versteckt; er hat auch das in seiner frühen Karriere so omnipräsente jungenhafte Lachen nicht verloren - man muss nur genauer hinsehen. Retrospektiv scheint es, als sei Costner in exakt die Figur hineingealtert, die er schon früh mühelos zu spielen wusste."
Weiteres: Benjamin Moldenhauer arbeitet sich für Filmfilter durch die Geschichte des schwarzen Horrorkinos. Fabian Tietke verschafft in der taz einen Überblick über die deutschen Filmfestivals der nächsten Monate. Hanns-Georg Rodek erinnert in der Welt daran, wie LeniRiefenstahls "Olympia" 1938 bei den Filmfestspielen in Venedig nach erhitzten Debatten und dem Rücktritt zweier Jurymitglieder den Hauptpreis für einen ausländischen Preis gewann - obwohl dies für Dokumentarfilme eigentlich nicht vorgesehen war: "Der wohl eklatanteste Fall von politischer Einmischung in der langen Geschichte von Filmfestivals." Elmar Krekeler verbringt für die WamS einen Tag mit der Schauspielerin RosalieThomass. Besprochen wird die Netflix-Serie "The Union" (FAZ).
Einst hoben sich die Streamingdienste vom Durchschnittsfernsehen mit qualitativ hochstehenden Produkten ab, heutzutage unterbieten sie es mit unfassbaren Mengen von Schrott, seufzt Lars Fleischbrod auf Zeit Online. Und Werbeblöcke durchkreuzen das Programm mittlerweile auch. "Das Mittelmaß ist die Stärke von Netflix: Streamer kennen die Datenlage besser als Sender. Sie nutzen Algorithmen, die dem Zuschauer neue Varianten des Immergleichen vorsetzen. ... Wer mit deutschen Drehbuchautoren spricht, der weiß, dass sie heute über die neue Netflixmaschinerie klagen wie früher über die öffentlich-rechtliche Bürokratie. Streamingdienste pressen, bevor der erste Dialog geschrieben ist, jede Erzählung in engmaschigeFormeln. ... Man könnte das die Mick-Jagger-Storytelling-Theorie nennen; man könnte es genauso gut einen begrifflosen, seelenlosen Anschlag auf jede Geistesregung nennen. Wo man Geschichten solchen Verkehrsregeln unterwirft, wird es nie wieder ein 'The Wire' geben, wie David Simon es erfunden hat, als er sich endlich von solchen stupide schematischen Sendervorgaben befreien konnte. Streamingdienste wollten keine herausragenden Serien mehr produzieren, schreibt der Fernsehkritiker Poniewozik, sondern schöne Vorschaubilder für die Mediatheken."
Außerdem: Christiane Peitz blickt für den Tagesspiegel auf die wenig überraschend einigermaßen desaströse HalbjahresbilanzderdeutschenFilmbranche. In der NZZschreibt Patrick Holzapfel über Leben und Werk von Henri-GeorgesClouzot. Rüdiger Suchsland schreibt auf Artechock einen Nachruf auf AlainDelon (weitere Nachrufe hier). Besprochen werden ZoëKravitz' Regiedebüt "Blink Twice" (Standard) und AaronArens' "Sonnenplätze" (Artechock).
Leni Riefenstahl mit Hitler. Aus Andres Veiels Filmdoku "Riefenstahl"
Für die Zeit spricht Katja Nicodemus mit SandraMaischberger über LeniRiefenstahl. Maischberger hat einen Dokumentarfilm von Andres Veiel über Hitlers Filmpropagandistin produziert, der beim Filmfestival Venedig vorgestellt wird. Der Film basiert auf einer Auswertung von Riefenstahls Nachlass, der bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz liegt und manche Entdeckung bereit hält: "Wir waren natürlich erst einmal auf den filmischen Nachlass gegangen und auf die Schriftstücke, Briefe, Korrespondenzen. Erst danach haben wir uns die Tonkassetten angehört und festgestellt, dass Riefenstahl ab dem Moment, wo es möglich war, ihre Telefonate aufzeichnete. Telefonanrufe und Nachrichten auf dem Anrufbeantworter, Gespräche mit alten und neuen Nazis, in denen ganz klar wird, wie sehr sie ihren, wie sie einmal schrieb, 'gemordeten Idealen' nachtrauerte. Es wurde deutlich, dass da nicht eine Opportunistin am Werk war, sondern eine durch und durch überzeugte Faschistin und Nationalsozialistin."
Außerdem: Hanns-Georg Rodek erzählt online bei der Welt von seinem Besuch beim pensionierten Filmproduzenten GüntherRohrbach. Georg Seeßlen schreibt in der Zeit zum Tod von AlainDelon (mehr dazu bereits hier). Im NZZ-Gespräch erinnertDietrichBrüggemann an seine coronamaßnahmen-kritischen Kurzfilmaktion vor drei Jahren und bekräftigt seine Forderung nach Aufarbeitung der Lockdowns.
Besprochen werden KevinCostners "Horizon" (Perlentaucher, mehr dazu hier), JaneSchoenbruns exklusiv in Berlin startender Coming-of-Age-Medienhorrorfilm "I Saw The TV Glow" (Tsp, unsere Kritik), RiccardoMilanis "Alles nur Theater!" (Perlentaucher, taz), ZoëKravitz' Thriller "Blink Twice" (Presse), SimoneBozzellis "Patagonia" (SZ, FD), Aaron Arens' Regiedebüt "Sonnenplätze" (SZ, FD), Eli Roths "Borderlands" (FAZ) und die Apple-Krimiserie "Bad Monkey" mit VinceVaughn (Freitag). Außerdem verraten SZ und Filmdienst, welche Filme sich in dieser Woche lohnen.
"Horizon": Kevin Costner auf einem Pferderücken. Ob das als Attraktion schon reicht? Kevin Costners über vierzig Jahre lang entwickeltes Herzensprojekt "Horizon" kommt in die Kinos - und ist doch nur der erste, aber drei Stunden lange Teil einer Western-Saga, die bei Erfolg mal vier Teile und zwölf Stunden Laufzeit umfassen soll. Der zweite Teil hat demnächst Premiere beim Filmfestival in Venedig, angesichts desaströser Kritiken in den USA und völligem Schiffbruch dort an den Kassen steht die Zukunft des Projekts jedoch unter keinem guten Stern. Als Regisseur, Produzent und Hauptdarsteller will Costner damit seine Version des amerikanischenGründungsmythos und im Zuge auch die Geschichte der indigenenBevölkerungen erzählen. "All diese Handlungsstränge versucht 'Horizon' mit viel erzählerischem Aufwand in seinem Western-Panorama zu etablieren, ohne dass die Archetypen zu Figuren werden", stellt Andreas Busche im Tagesspiegel fest. Und "Costner auf einem Pferderücken, im Hintergrund eine imposante Landschaft, reichen über dreißig Jahre nach 'Der mit dem Wolf tanzt' als Attraktion nicht mehr aus."
Aus Costners Projekt spricht seine "Liebe zum sensibleren, zweifelndenSpätwestern", schreibt Jenni Zylka in der taz, die nach diesen drei Stunden allerdings nicht mehr weiß, wo ihr der Kopf steht: Er "entwirft ein schier unübersichtliches Wimmelbild an Handlungssträngen und Motiven, Charakteren und angedeuteten Vorgeschichten, Zeit- und Ortssprüngen. "Der Film könnte zu seinem 'Heaven's Gate' werden", schreibt Marian Wilhelm im Standard, "jenem berüchtigten finanziellen Western-Fiasko von 1980, das am Ende der New-Hollywood-Ära steht. ... Kapitel eins seiner Saga erinnert vor allem an die ersten Folgen einer Streamingserie, die viel anreißen, aber ihre Wucht erst im Staffelfinale ausspielen. Lebendig bleibt der Western aber nur, wenn er das reale Amerika von heute als mythische Utopie spiegeln kann. Mitten im brisanten US-Wahlkampf liefert 'Horizon' in dieser Hinsicht lediglich eine Mischung aus großformatigem Geschichtsunterricht und Nostalgie."
Weitere Artikel: Irene Genhart resümiert im Filmdienst das Filmfestival in Locarno, wo vor allem Filme über die Lage von Frauen die Gunst der Jury fanden. In der FAZgratuliert Andreas Kilb PeterWeir zum 80. Geburtstag. Michael Ranze schreibt im Filmdienst zum Tod von AlainDelon (weitere Nachrufe hier). Besprochen werden EliRoths auf einem Computerspiel basierende Apokalypsen-Sause "Borderlands" (Standard) und ein vorerst nur in der Schweiz gezeigter Dokumentarfilm über den kubanischen Regisseur NicolásGuillénLandrián (NZZ).
"Goodbye Julia" von Mohamed Kordofani Mit regem Interesse hat FAZ-Kritiker Bert Rebhandl MohamedKordofanis Filmdebüt "Goodbye Julia" gesehen, neben Amjad Abu Alalas "You Will Die at 20" aus dem Jahr 2019 der zweite sudanesischeFilm, der in den letzten Jahren aufs internationale Filmparkett getreten ist. Das im Jahr 2005 einsetzende Drama um eine frühere Sängerin, die sich zunächst den gängigen Rollenvorstellungen einer Ehefrau fügt, hat auch mit den Demokratiebewegungen im Land der letzten Jahre zu tun, erfahren wir: Der Regisseur geht mit seinem Film "an einen Punkt zurück, der für die heutige Situation in seinem Land konstitutiv ist: die Zeit, in der Südsudan seine Unabhängigkeit erklärte und auch internationale Anerkennung dafür fand. Die Konfliktlinien von damals sind der Geschichte von 'Goodbye Julia' geradezu diagrammatisch eingeschrieben. ... Mona ist eindeutig eine Stellvertreterin, aber in erster Linie ein vielschichtig gezeichnetes Individuum. Die Unterdrückung ihres künstlerischen Temperaments, die sich in der ostentativen Verschleierung zeigt, bricht in dem Moment auf, in dem die Zweierbeziehung mit Akram sich sozial öffnet, und auch ethnisch und religiös, denn Julia gehört zur christlichen Minderheit. Die Musik, die in Sudan eine starke, teilweise aber vergessene Tradition hat, steht für eine Emanzipation, die zugleich eine Wiederentdeckung verdrängter Wurzeln wäre."
Weiteres: Jörg Taszman spricht für den Filmdienst mit FannyLiatard und JérémyTrouilh über deren aktuellen Kinofilm "Gagarin" über den Abriss der CitéGagarine bei Paris. Anna Böhler erinnert im Tagesanzeiger an die lebenslange Verbundenheit zwischen RomySchneider und dem eben verstorbenenAlainDelon. Besprochen wird KevinCostners Western "Horizon" (Presse).
Alani Delon in "Der Clan der Sizilianer", 1969. (Bild: gemeinfrei) Mit AlainDelons Tod geht ein weiteres Kapitel europäischer Filmgeschichte zu Ende. Clément, Visconti, Melville - es sind die ganz großen Namen (auffälligerweise aber keine der Nouvelle Vague, von einem sehr späten Film mit Godard abgesehen), mit denen er gedreht hat. "Er war der strahlendsteStar im französischen Film", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Alles schien ihm auf faszinierende Weise leicht zu fallen. Dieser Sorglosigkeit, die sein makelloses Auftreten begleitete, verlieh er allerdings einen doppelten Boden. Er steigerte sie zu einer Coolness, die etwasUnheimliches annehmen konnte. ... Nie zuvor in der Filmgeschichte hat ein männlicher Star so konsequent wie er die tragische Seite der Attraktivität verkörpert. ... Die Unberechenbarkeit im Schatten der Schönheit wurde fortan Delons Markenzeichen."
Er "war der erste Schauspieler, der ganz aus seiner Fotogenität lebte", schreibt Jürgen Kaube, der Delon in der FAZ als "Spezialist für interessantes Schweigen" würdigt. "Selbstsicher, mit gespieltem Desinteresse an der erotischen Attraktion, die er für die Zuschauer bot, verkörperte er den Darsteller als Model, in dem Einsamkeit und Schönheit zueinander fanden. Alle begehrten ihn, der berufsmäßige Verführer war im Film aber selbst nur schwer verführbar." Von 1960 bis 1970 "hatte sich Alain Delon im Kino ... den Ruf eines unwiderstehlichen optischen Magneten erspielt, für den Recht und Unrecht, Liebe und Verachtung stets nur ästhetische Probleme waren. Er war der 'hommefatal' des europäischen Kinos."
Dieses Attest der Kühle lässtWelt-Kritikerin Cosima Lutz indes nur halb und nur als Zuschreibung gelten: Denn "sein Gesicht, jedenfalls in jungen Jahren, stand unter einer paradoxenSpannung: der zwischen Engagiertheit und Unbeteiligtsein, ähnlich vielleicht dem Gesicht Brigitte Bardots, als deren männliches Pendant er einmal beschrieben wurde. Diese Mischung von Gefühlen zwang dazu, immer und immer wieder hinzusehen: Die geschwungene, aber erfrorene Linie des Mundes widersprach dem Zug um die Augen mit ihrer leicht unausgeschlafenen Verweintheit, die immer schon lange zurückzuliegen schien. Zornesfalten, noch unverbindlich, standen abweisend darüber, immer aber auch die leise Möglichkeit eines Sich-Aufhellens. So säte Delon eine vibrierendeHoffnung, ein Auflauern, ob nicht aus der akkurat gemeißelten Kühle doch noch etwas Samtiges hervorbrechen könnte."
Der Regisseur ChristophHochhäuslererzählt in seinem Blog von einer späten Begegnung mit Delon, die auch darauf abzielte, den Filmstar aus seinem Rentnerdasein zu einer Rückkehr auf die Leinwand zu verführen. Ann-Catherine Simon erinnert in der Presse unter anderem daran, dass sich Delon seit den Achtzigern politisch immer weiter rechts verortete und in den letzten Jahren ein Parteigänger des Front National war. Die SZ hat ihre Seite Drei freigemacht: David Steinitz erzählt dort Leben und Werdegang Delons. Weitere Nachrufe in NZZ, Standard und taz. Die Arte-Mediathek bietet Porträts und Filme, die verschnarchte ARD-Mediathek nichts dergleichen.
Weitere Artikel: Jakob Thaller gratuliert im Standard der österreichischen Regisseurin KurdwinAyub, die für ihren zweiten Film "Mond" beim (in der FAZ von Michael Ranze resümierten) FilmfestivalLocarno mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde. Ulrich Gutmair berichtet in der taz von einem Berliner Abend zu Ehren von LydiaLunch im Rahmen der Hommage an die New Yorker Underground-Filmemacherin BethB (mehr dazu bereits hier). Wieland Freund spricht in der Welt mit J.D. Payne, dem Showrunner der Tolkien-Serie "Ringe der Macht" auf Amazon.
Besprochen wird SteffiNiederzolls in der ARD-Mediathek abrufbarer Dokumentarfilm "Sieben Winter in Teheran" über die Geschichte der Reyhaneh Jabbari, die hingerichtet wurde, weil sie sich gegen ihren Vergewaltiger, einen Mann des iranischen Regimes, gewehrt hatte (SZ, mehr dazu bereits hier).