Durchschaubare Rituale: "Tage der Jugend" (Wir Film) In seiner Artechock-Kolumne empfiehlt Rüdiger Suchsland YuliaLokshinas 30-minütigen Dokumentarfilm "Tage der Jugend" aus dem Jahr 2015, den der Verleih derzeit "aus gegebenem Anlass" frei zugänglich gestellt hat. Der Film beobachtet ein militär-patriotisches Jugend-Camp auf einer russischen Insel. "Die Kinder üben den bewaffneten Kampf, lernen patriotische Lieder und werden im orthodoxen Glauben unterrichtet. ... Die Erwachsenen erklären ihnen, wie das Sterben auf dem Schlachtfeld am besten aussieht." Gezeigt werden "recht durchschaubare Männlichkeitsrituale. Als Rituale und in ihrer universalen Form reichen sie weit über das hinaus, was wir heute als 'Ukraine' zu verteidigen gewohnt sind und als 'Russland' zu hassen, sie reichen weit über das hinaus, was, wie manche denken, der Ort ist, an dem die Freiheit und die Demokratie verteidigt wird. ... Es sind diese Menschen, die vor fünf Jahren auf der Insel Sachalin gedreht wurden und von denen manche vielleicht gerade heute im Feldzug der Russen verheizt werden."
Filmischer Möglichkeitsraum: "Europe" von Philip Scheffner Mit "Europe" greift PhilipScheffner, sonst für essayistisch-dokumentarische Filme bekannt, die Geschichte einer Protagonistin seines Films "Havarie" wieder auf, um sie in Form eines Spielfilms weiter zu erzählen. In "zunächst freundlich hellen Einstellungen vermisst die Kamera von Volker Sattel die Schauplätze von Zohras Leben", schreibt Jan-Philipp Kohlmann im Tagesspiegel. "Sobald ihr das Aufenthaltsrecht entzogen wird, verbannt der Film sie zunächst aus dem Bild. Der Bildkader wird verengt, Zohra bleibt im Off, auf die Fragen ihrer Mitmenschen kommt keine Antwort mehr. Es ist ein Regieeinfall mit geisterhafterWirkung, der die Ausgrenzung der Protagonistin aus ihrem sozialen Raum ganz auf die formale Ebene überträgt."
Dafür öffnet sich "ein filmischer Möglichkeitsraum", schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher. "Das Moment des Diskontinuierlichen" trete "an die textuelle Oberfläche, und zwar mithilfe der simpelsten filmischen Techniken. ... Die 'Armut' der Mittel hat Methode: Dass die Kräfte der Fiktion (mit Deleuze gesprochen: die Mächte des Falschen) nicht in einer Situation des Überflusses und der Saturiertheit, sozusagen als bloßes Wohlstandsornament, entfesselt werden, sondern sich ganz im Gegenteil an eine Erfahrung des Ausgeschlossenwerdens, der Zutrittsverweigerung knüpfen: Darin artikuliert sich der politische Kern von Scheffners Film." Weitere Besprechungen auf Artechock und critic.de. Außerdem hat Dunja Bialas mit Scheffner gesprochen.
Besprochen werden AlisonKuhns Dokumentarfilm "The Case You" über Missbrauchserfahrungen beim Schauspiel-Casting (ZeitOnline), die Arte-Serie "Diener des Volkes" mit WolodymyrSelenskyj (Artechock, mehr dazu hier), Pedro Almodóvars "Parallele Mütter" (Artechock, critic.de, unsere Kritik), Petra Seegers "Vatersland" (Artechock), Justin Chons "Blue Bayou" (Artechock), eine Ausstellung über die Filmemacherin AlanisObomsawin im Haus der Kulturen der Welt in Berlin (Tsp), Marie Amiguets Dokumentarfilm "Der Schneeleopard" (Artechock, mehr dazu bereits hier), der Zeitreisefilm "The Adam Project" mit RyanReynolds und JenniferGarner (Welt), die vom ZDF gezeigte, achte Staffel von "Der junge Inspector Morse" (ZeitOnline) und der neue Jackass-Film (Artechock).
Die hiesigen Filmverleiher machen derzeit ukrainischesGegenwartskino wieder sichtbar. In der SZschreibt Sofia Glasl über die so zugänglich gemachten Filme, die teils im Kino, teils als Video on Demand laufen. "Der wohl präsenteste Dokumentarfilm über die Ukraine ist derzeit 'Winter on Fire', der seit seiner Fertigstellung 2015 auf Netflix verfügbar ist. ... Darin lässt sich der Krieg zu seinen Ursprüngen zurückverfolgen, zu den Euromaidan-Protesten im Winter 2013/2014. Der Filmemacher JewgeniAfinejewski verwebt Interviews mit Handykameramaterial zu einer Art Tagebuch der Protestierenden - als Gegenperspektive zu den offiziellen Statements der Politiker, wie er selbst sagt. Sein Film ordnet die Ereignisse kaum ein, wirft die Zuschauer hinein in Straßenkämpfe und Sanitätszelte." Netflix hat den Film via Youtube frei zugänglich gemacht:
Anlässlich von Marie Amiguets Dokumentarfilm "Der Schneeleopard" über einen Schriftsteller und einen Fotografen, die einen Schneeleopard zu Gesicht bekommen wollen, brichtFR-Kritiker Daniel Kothenschulte eine Lanze für den oft ignorierten, wenn nicht gar verfemten Natur-Dokumentarfilm, der anders als seine Verächter meinen, eine reiche Tradition des "visuellen Erzählens" habe. Auch der aktuelle Film schlägt ihn in seinen Bann, zumal die Kommentierung "nicht vom filmenden Zoologen, sondern vom eher unwissenden, aber neugierigen Mitreisenden, dem Schriftsteller", erfolgt. "Die Kameraarbeit ist auch etwas anders als gewohnt. Die stillen Landschaftsaufnahmen stehen lange genug auf der Leinwand, dass man keine Erklärungen braucht und sich selbst darin umsehen kann. Tatsächlich ist die tibetische Natur auch dann ein Ereignis, wenn sich gerade kein Tier darin bewegt." Und "immer wieder machen sich die Reisenden klar, wie wenig sie eigentlich über die unberührte Welt wissen, die sie da durchstreifen." Sicher, die filmischen Zutaten stimmen und die Musik stammt sgar von Warren Ellis, dennoch ist dieser Film "kein großartiges Kunstwerk geworden", ärgert sich Katharina Granzin in der taz. "Wenig mehr als schöne Oberfläche" wird geboten und nicht um das Tier geht es, sondern um Kunstwollende auf dem Naturtrip: "Die programmatische Abwesenheit eines tieferen Interesses am abgelichteten Lebewesen macht diesen Film in erster Linie zu einem Hochglanzdokument der Eitelkeit."
Außerdem: Im Tagesspiegelempfiehlt Fabian Tietke das Festival "Tricky Women", das Animationsfilme von Frauen zeigt - einige der Filme sind auch online zu sehen.
Besprochen werden PhilipScheffners "Europe" (Perlentaucher), PedroAlmodóvars "Parallele Mütter" (Perlentaucher, FR, taz, Freitag, Standard, Presse, Welt, mehr dazu bereits hier), Petra Seegers "Vatersland" (Freitag), Domi Shees neuer Pixar-Film "Red" (SZ), ClaireDenis' nach 20 Jahren auch in Deutschland im Kino gezeigter Kannibalinnenfilm "Trouble Every Day" (Jungle World), eine von Arteonline gestellte Doku über Nosferatu (FAZ, Murnaus Horrorfilm selbst zeigt der Sender auch), die DVD-Ausgbe von StefanRuzowitzkys "Hinterland" (taz) und der neue Jackass-Film von JohnnyKnoxville (Welt, Tsp). Außerdem verrät uns die SZ, welche Filme sich diese Woche lohnen und welche nicht.
Realitätssinn in der Seifenoper: Milena Smit und Penélope Cruz in Pedro Almodóvars "Parallele Mütter" "Der Pop, le chic, der Kitsch sind immer noch gute Trostpflaster für existentielle Krisen", schreibt Philipp Stadelmaier in der SZ, nachdem er "Parallele Mütter", den neuen Film von PedroAlmodóvar gesehen hat. Der spanische Autorenfilmer kreuzt diesmal den Trubel über eine überraschende Schwangerschaft mit der Aufarbeitung des spanischenBürgerkriegs. Mit den existenziellen Krisen nimmt es Almodóvar, mittlerweile über 70, in seinen letzten Filmen ziemlich ernst: "Die Liebesszenen" etwa "finden im Verborgenen statt, im Dunkeln. Die Abblenden an den Enden der Szenen, von den Gesichtern ins Schwarz, wirken so endgültig wie noch nie. Selbst ein schwarzer Kaffee wird noch in ein schwarzes Bild überblendet. Es geht immer noch dunkler. Es geht immer noch schmerzhafter." Doch "auch in den finsteren Augenblicken lässt der Film eine leise Ironie walten", versichert uns Christiane Peitz im Tagesspiegel: "Die Tonarten leichthändig und souverän zu mischen, es ist Almodóvars Spezialität. Noch der verrücktesten Seifenopern-Volte trotzt er Realitätssinn ab, und wie kein anderer vermag er, genrefluid zu erzählen." Und Andreas Kilb stellt in der FAZ fest: "Einatmen, Ausatmen, PressenundLoslassen, Anspannung und Pause. Das Leben hat einen Rhythmus bei Almodóvar, der mit keinem anderen Erzählstil im Kino vergleichbar ist." Für die FAS hat Mariam Schaghaghi mit Almodóvar gesprochen.
Außerdem: In der Weltschreibt Daniel Kothenschulte zum Tod der Experimentalfilmemacherin Dore O. Besprochen wird der neue Jackass-Film (Welt).
Der Präsident, ganz anders als man ihn heute kennt: Selenski ist der "Diener des Volkes" (Arte) Es lohnt sich, dieser Tage die (auf Arteonline stehende) Comedyserie "Diener des Volkes" zu sehen, in der WolodimirSelenski den ukrainischen Präsidenten spielt, bevor er tatsächlich zum ukrainischen Präsidenten wurde, schreibt Andreas Scheiner in der NZZ. Hier lockt geradezu "eine surrealeErfahrung", gar "ein fast schizophrenes Fernseherlebnis. Man bringt die Bilder kaum zusammen: Der jetzige Oberbefehlshaber, den wir dieser Tage im militärgrünen T-Shirt eindringlich in die Kamera sprechen sehen und der laut ukrainischen Sicherheitsbehörden schon mehreren Attentaten entgangen sein soll, er stolpert hier als gutmütigeSchießbudenfigur durch den politischen Betrieb."
Außerdem hat Dominik Kamalzadeh für den Standard mit NanniMorretti über dessen neuen Film "Drei Etagen" gesprochen. Besprochen werde MattReeves' "The Batman" (critic.de, unsere Kritik) und die zweite Staffel der Serie "Beforeigners" (FAZ).
Turnerin Anastasia Budiashkina spielt Olga (Cineworx) Derzeit zwar nur in der Schweiz zu sehen, aber dennoch unbedingt sehenswert ist der Schweizer Film "Olga", schreibt Sarah Jäggi in einem online nachgereichten Artikel der Zeit. Regisseur ElieGrappe erzählt die Geschichte einer jungen Turnerin, die vor Unruhen aufs Land flieht, und wirft damit einen Blick auf die Ukraine am Vorabend der Maidan-Revolution. "Dass 'Olga' so berührt, liegt nicht nur daran, dass der Film die Vorgeschichte des heutigen Krieges in der Ukraine erzählt und viele Bilder mit medialen Kriegseindrücken überblendet werden. Es liegt auch daran, dass der Regisseur Elie Grappe nicht mit ausgebildeten Schauspielerinnen gedreht hat, sondern mit Profiturnerinnen. Ihre jungen, für das Kinoauge fast zu muskulösen Körper tragen Spuren des jahrelangen Trainings, und der Plot sorgt für weitere Blessuren. ... Vieles ist echt an diesem Film. Unverstellt und dringlich. Auch die Frage, wie viel man zu geben und zu leiden bereit sein muss, um ein großes Ziel zu erreichen."
Die Hauptdarstellerin, die ukrainische Turnerin AnastasiaBudiashkina, muss sich mittlerweile in Charkiw vor den russischenAngriffen im Keller verschanzen und darauf hoffen, dass es dem Roten Kreuz gelingt, einen humanitären Korridor zur umkämpften Stadt zu legen, meldet der Nachrichtendienst St. Gallen 24.
Außerdem: Auf ZeitOnlinewürdigt Ulrich Rüdenauer Pier Paolo Pasolini, der am vergangenen Samstag seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte (unser Resümee). Besprochen wird die vierte Staffel der Amazonserie "The Marvelous Mrs. Maisel" (Freitag).
Pier Paolo Pasolini, 1964. Foto: Public Domain / WikipediaDie Feuilletons verneigen sich tief vor Pier Paolo Pasolini, der heute vor 100 Jahren in Bologna zur Welt kam. Michael Krüger erzählt in der NZZ die wichtigsten Stationen im Leben des Filmemachers und Schriftstellers. Überhaupt kam Pasolini vom Schreiben zum Film - Fellini bat ihm um Dialoge - und erschloss sich die filmischen Mittel auf eigene Faust. Das filmhistorisch seltene Beispiel eines autodidaktischen Genies, schreibt Daniel Kothenschulte in der FR: Seine "Ästhetik war die einer nüchternen, aber kompromisslosenBeobachtungdesmenschlichenAusdrucks." Er "wollte ein Kino der Poesie schaffen", schreibt Fritz Göttler in der SZ, "und das sollte, sagte er, unbedingt ganz einfach, populär sein: 'Wissen Sie, die Technik, das ist ein Mythos.' In 'Accattone' filmt er so, viele Großaufnahmen, wenig Kamerabewegungen. 'Das ist meine Art, die Realität wie eine sakrale Erscheinung zu sehen. Und die Sakralität ist sehr einfach.'"
Auch Barbara Schweizerhof würdigt in der taz Pasolinis Ästhetik des Kargen und Unbeschlagenen, auf die sie unter anderem in seinem von Postkarten-Ästhetik völlig freien Bibelfilm "Das Matthäusevangelium" stößt: "Pasolini fand in den kargen Agrarlandschaften und den heruntergekommenen Dörfern Süditaliens Schauplätze und Gesichter, die die Jesusgeschichte historisch stimmig erscheinen lassen. ... In ihrer Randständigkeit und Verwahrlosung bilden Orte und Laiendarsteller eine Gesellschaft ab, in der die kulturrevolutionären Thesen Christi auch nach 2.000 Jahren auf fast gefährliche Weise widerhallen. Pasolinis Vorliebe für die unpolierteSchönheit von Laiengesichtern verleiht dem Film gar eine eigene Spiritualität."
Gregor Dotzauer schwärmt im Tagesspiegel von der Sinnlichkeit des intellektuellen Eros, der Pasolini umgab. Michael Hametner erinnert im Freitag an Pasolinis gescheitertes Projekt der "Orestie", das aber immerhin einen Dokumentarfilm abwarf. Weitere große Würdigungen schreiben Dietmar Dath in der FAZ und Thomas Schmid in der Literarischen Welt. Rezensiert werden außerdem neue Bücher über Pasolini (SZ), der Band "Rom, Rom" mit Erzählungen von Pasolini (SZ) und ein Band mit Gedichten von Pasolini (taz). Außerdem bringtDlf Kultur eine "Lange Nacht" über Pasolini von Agniesce Greco. Daselbst findet sich auch der Hinweis auf ein noch online stehendes Hörspiel über den Tod Pasolinis. In der ARD-Audiothek finden wir ein Feature von WolfWondratschek, eine Collage aus literarischen Texten und eine Gesprächsrunde über Pasolinis Aktualität heute.
Es war eine Meldung am Rande der russischen Invasion in die Ukraine: Der Filmemacher EmirKusturica, seit vielen Jahren als serbischer Propagandist umstritten, soll Intendant des russischen Armeetheaters werden. In Punk und Antifaschismus liegen seine Wurzeln, mittlerweile steht er mit beiden Beinen im Sumpf eines rustikalen Nationalismus, schreibt dazu Mladen Gladic in der WamS. "'Euer Leben, eure Kultur zeigen, dass ihr ein Teil von Russland seid', rief Kusturica 2017 Fans auf der besetzten Krim zu. Kusturicas Karriere, seine Sympathien auch für große Outlaws, die - wenn auch anarchischen - Anleihen seiner Filme an dem, was Zoran Terzic 'ruralenSerbismus' genannt hat, das Lob von Familie und Opfer könnten ein Anhaltspunkt dafür sein, was ihn für Putin interessant macht."
Besprochen werden ChristianKeßlers Buch "Hollywood Blackout" über den FilmNoir (ND), ClaireDenis' nach 20 Jahren nun doch noch in den deutschen Kinos gezeigter Kannibalinnenfilm "Trouble Every Day" (Tsp), Paul Schraders "The Card Counter" (Jungle World, SZ, Standard, unsere Kritik) und JoeWrights "Cyrano" (ZeitOnline, Tsp),
Auf Artechockbeschuldigt Rüdiger Suchsland die EuropeanFilmAcademy, aber auch das FilmfestivalvonCannes, in ihrer Entrüstung über den russischen Angriffskrieg übers Ziel hinaus zu schießen und mit ihren jeweiligen kulturpolitischen Entscheidungen Russen per se unter Generalverdacht zu stellen. "Jeder zweite Russe hat Putin nicht gewählt. Kaum einer der russischen Filme, die ich in den letzten Jahren auf internationalen Festivals zu sehen bekam, hat irgendetwas mit dieser Regierung gemein. Es sind dissidenteFilme. Filme, die von indirekter Regimekritik nur so strotzen und manchmal den direkten Angriff nicht scheuen. ... Der ukrainische Regisseur SergeijLoznitsa, der einen Film über stalinistische Schauprozesse gemacht hat, hat jetzt großartige Zivilcourage gezeigt: Gegen den vollidiotischen Schritt der sogenannten Europäischen Filmakademie, pauschal keine russischen Filme bei den Europäischen Filmpreisen zuzulassen, reagiert er mit dem Austritt aus der Akademie."
Außerdem: Auf ArtechocksprichtMichael Kranz über seinen Dokumentarfilm "Was tun", der von ZwangsprostitutioninBangladesch handelt. Für die FRüberprüft Harry Nutt das Ukraine-Bild im Thrillerklassiker "The Italian Job". Im Tagesspiegelempfiehlt Fabian Tietke dem Berliner Publikum eine Filmreihe im Kino Arsenal, die sich mit PasolinisNachwirken im italienischen Kino beschäftigt. Anlässlich der Wiederaufführung von Francis Ford Coppolas "Der Pate" widmet sich Petra Reski auf ZeitOnline der GeschichtedesMafiafilms. Jürgen Kaube (FAZ) und Rolf Giesen (Welt) erinnern an F.W. Murnaus stilbildenden Horrorfilm "Nosferatu", der heute vor 100 Jahren erstmals in Berlin gezeigt wurde. Giesen hat außerdem im Dlf Kultur über den Film gesprochen.
Besprochen werden Paul Schraders "The Card Counter" (Welt, Standard, Zeit, Artechock, unsere Kritik), Matt Reeves' "The Batman" (Artechock, unsere Kritik), ClaireDenis' Kannibalinnenfilm "Trouble Every Day", der nach 20 Jahren in die deutschen Kinos kommt (SZ, Artechock), JeffTudors, StevenDeBeuls und BenTesseurs Tanzfilm "Coppélia" (FAZ), GülserenSengezers "Dem Leben entgegen" (Artechock) und JoeWrights "Cyrano" mit PeterDinklage (SZ).
Das Filmfestival von Cannes hat angekündigt, bis zum Rückzug Russlands aus der Ukraine keine russischen Delegationen mehr zu empfangen, daneben boykottiert auch die US-Filmindustrie Russland, weiterhin gibt es Friedensaufrufe etwa seitens der Berlinale. Doch "wozu sind solche Appelle gut", fragt sich Christiane Peitz im Tagesspiegel. Das Kind werde zu oft mit dem Bade ausgeschüttet, zumal sich zahlreiche russische Filmschaffende ebenfalls gegen den Krieg positioniert haben. "Es ist das eine, offizielle russische Delegationen für unerwünscht zu erklären, wie Cannes es jetzt tut. Aber es ist etwas anderes, russische Künstler als Ganzes vom Europäischen Filmpreis auszuschließen. Der Krieg verbietet Nuancen? Es ist angemessen, wenn die westliche Welt prominente Putin-Unterstützer wie den Dirigenten Valery Gergiev jetzt nicht auftreten lässt. Aber es darf weder Gesinnungsprüfungen geben noch einen pauschalenMit-Boykott all derjenigen, die sich als Gefahren aussetzen, wenn sie protestierten."
Nein, nicht der Sänger von The Cure, sondern Robert Pattinson als "The Batman" Ein Asphaltgedicht in nächtlichem Schwarz: Von MattReeves' neuer Batman-Variante ist Presse-Kritiker Markus Keuschnigg völlig umgehauen. "Selten hat ein dermaßen teurer, popkulturell derart zentraler Film es gewagt, so sehr keinen Spaß machen zu wollen" - und das ist positiv gemeint: "So eng die nur von kaltem Neonlicht beschienenen Gassen sind, so labyrinthisch die Wohnungen und Lokale, so vielgliedrig ist auch die Erzählung selbst, ausgebreitet über drei Stunden, angelehnt an ambitionierte Neo-Noirs. ... Weniger zählt hier der einzelne Handlungsstrang als die Summe von allen, montiert zum atmosphärischapokalyptischenSittenbild und radikal gegenwärtigen Zivilisationsbefund." Eine "tolle und depressive Batman-Version", bestaunt Fritz Göttler in der SZ und beteuert: "Keine fantastische Superhelden-Action, sondern eine schwarze Detektivgeschichte mit tiefgründiger Off-Erzählung, wie man sie von Chandler & Co kennt", steht hier im Mittelpunkt.
Auch Perlentaucher Sebastian Markt kann dem Fledermaus-Treiben einiges abgewinnen: Der Regisseur entpuppe sich einmal mehr "als gewissenhafterHandwerkereinesviszeralenActionkinos. Toll etwa eine (natürlich nächtliche) Verfolgungsjagd, die in ihrer visuellen und erzählerischen Perspektivierung an die Körper derer angebunden bleibt, die in sie verstrickt sind, was sie als kinetisches Kino eher verstärkt als abschwächt. ... Und auch wo die Gewalt ohne maschinelles Zutun von Körpern auf andere Körper ausgeht, dominieren längere Einstellungen, die die brutale Arbeit des Heldentums als eine unterstreichen, die eben Arbeit macht." Daniel Kothenschulte von der FRsah diesem Film gerne zu und stellt verwundert fest, "wie altmodisch dieser Film inszeniert ist". In der tazkann Jenni Zylka allerdings nur müde gähnen: Dieser Film zementiere "den alten Batman-Status-Quo, anstatt die Figuren innovativ in die Zukunft zu schieben, gar modern oder überraschend zu plotten". Weitere Besprechungen in NZZ, Dlf Kultur, FAZ und in der Zeit.
Nein, nicht noch ein Batman, sondern Paul Schraders "The Card Counter" Düster und männlich ist in dieser Woche auch Paul Schraders "The Card Counter": Ein kühles Casino-Drama, dessen Verästelungen bis in die Foltereien von Abu Ghraib reicht, schreibt Robert Wagner auf critic.de: Dies "ist bei aller Zurückhaltung ein bohrenderFilm. Einer, der seine Mittel genau kennt und einsetzt. Der sich als Liebes- und Seelendrama gibt, aber auch als Sportfilm über Spieler und Turniere seine Fährten genau legt. Der seine Filmstile genau kennt. Am Ende aber ist er ein Film von Paul Schrader durch und durch, in dem Männer mit ihren Obsessionen und Dämonen mit der expressiven Kraft des Kinos seziert werden. In dem Liebe nur als Teil der Zerstörung möglich ist." Doch "bei allem Fatalismus gehört auch das zu Paul Schraders Werk: Wo Verzweiflung herrscht, gibt es Grund zur Zuversicht", schreibt dazu Arabella Wintermayr in der taz. "Auch wenn Aussichtslosigkeit die Stimmung des Films bestimmt, ist die Erlösung immer schon darin angelegt."
Auch Perlentaucher Fabian Tietke war beeindruckt: Der Film ist "ein Kammerspiel in großen Räumen, nicht selten in riesigen Spielsälen". Er "spart nicht mit Schauwerten, stellt die Glitzerwelt der Casinos und die gleichzeitige Profanität ihrer ausgelatschten Teppiche Tells grauer Selbstisolation gegenüber." Schraders Vorgängerfilm "First Reformed" mag ein Alterswerk gewesen sein, doch "gegenwärtiger als 'The Card Counter' kann ein Film kaum sein". In der FRschwärmt Daniel Kothenschulte für OscarIsaac, der hier die Hauptrolle spielt und zwar "so eindringlich wie der junge De Niro". Freitag-Kritiker Michael Pekler wirft mit diesem Film "einen Blick in ein Fass voller fauler Äpfel, so schwarz und abgrundtief, dass man seinen Boden nicht mehr erkennen kann".
Besprochen werden Michael Kranz' Dokumentarfilm "Was tun?" über Zwangsprostitution in Bangladesch (Tsp), Joe Wrights "Cyrano"-Neuverfilmung (Standard), Nadav Lapids "Aheds Knie" (Presse), Michaela Kirsts, Monica Lãzurean-Gorgans und Ebba Sinzingers Dokumentarfilm "Wood - Der geraubte Wald" über mafiöseRaubrodungen (SZ), die Apple-Serie "Severance" (Welt) und die Wiederaufführung von Francis FordCoppolas "Der Pate" (SZ). Außerdem erklärt uns die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.
Macht es sich nicht einfach: Oscar Isaac in Paul Schraders "Card Counter" Mit "The Card Counter" meldet sich Altmeister PaulSchrader zurück. OscarIsaac spielt darin professionellen Kartenspieler, der sich buchstäblich wie allegorisch nicht in die Karten blicken lässt. Es geht "um eine Welt höchstmöglicher Einsätze" und "Wirklichkeit heißt in diesem Film also Wahrscheinlichkeit, nicht Wahrheit", schreibt dazu Dietmar Dath hingerissen in seiner online nachgereichten FAZ-Kritik. Dieser Film ist "ein schwer atmendes, dunkles, großesTiermitzusammengeschobenemSkelett, dessen Ausmessungen sich erst allmählich erkennen lassen. ... Um sich darin nicht zu verlaufen, braucht man den Erzählatem von Leuten wie Balzac, Dickens oder dem späten Paul Schrader. Sein neuestes Labyrinth ist, das verdient, wiederholt zu werden, moralisch gemeint: als Mahnung, es sich nie einfach zu machen, wo die Empfindungen stark und deutlich sind."
Szenen wie aus einem Mafiathriller: Der neue Batman gibt sich geerdet Außerdem startet diese Woche mal wieder ein Reboot des "Batman"-Franchise. Unter der Regie von MattReeves darf diesmal RobertPattinson in Maske nächtens durch Gothams Straßen patrouillieren. Diese Neuauflage ist "so düster und pessimistisch, als hätte man die Comicseiten in den Espresso französischer Existenzialisten getunkt", staunt Dominik Kamalzadeh im Standard. "Statt auf grellen Pop trifft man auf charismatischeGenre-Visagen, wie man sie in einem Hardboiled-Krimi oder Mafiathriller erwarten würde. ... Reeves' Neuinterpretation überzeugt vor allem da, wo das Physische unterstrichen wird. Batman wirkt in keinem Moment wie ein digitales Hirngespinst. Die einzige Verfolgungsjagd mit Batmobil ist lang, hart, energetisch und brillant montiert. Wenn sich der Flattermann von einem Gebäude stürzt, fordert die Schwerkraft ihren Tribut - das tut weh."
Außerdem: Hollywood boykottiert Russland, meldet Susan Vahabzadeh in der SZ. In der NZZempfiehlt Andreas Scheiner eine GeorgesFranju gewidmete Retrospektive im Filmpodium Zürich. Besprochen werden Ali Vatansevers "Saf" (SZ) und eine Ausstellung über die Animationsfilmpionierin LotteReinigerim Käthe-Kollwitz-Museum in Berlin (NZZ).
Und das hier dürfte dieser Tage mehr als einen Blick wert sein: Arte hat die ukrainische Comedyserie "Diener des Volkes" online gestellt - die Serie also, in der Wolodymyr Selenskyj, ein paar Jahre bevor er ukrainischer Präsident wurde, den ukrainischenPräsidenten spielte.
Star Wars, Star Trek, Herr der Ringe: Über nichts wird im filmaffinen Netz so leidenschaftlich, polarisierend und ausdauernd gestritten wie über die Entwicklungen großer Blockbuster-Franchises. Dass das seinen Grund nicht nur in enttäuschten Alt-Fans mit zu viel Zeit hat, sondern auch von PutinsBot-Armeen lanciert sein könnte, dafür hat nun eine Studie Hinweise gesammelt, berichtet Nicolas Freund in der SZ. Auf den ersten Blick wirken solche Manöver nicht recht plausibel, doch "tatsächlich sind diese Filme das perfekte Ziel, umUnruhezu stiften", da sie "oft sehr emotional aufgeladen" sind und Fans rasch polarisieren, gerade bei Diversity-Fragen. "Diese Debatten anzuheizen lässt sie nicht nur größer erscheinen, als sie sind, sondern polarisiert auch die westlichen Gesellschaften noch weiter und erreicht vor allem auch Schichten, die sich nicht für politische Debatten interessieren und deswegen auf normale Propaganda oder Provokationen nicht reagieren."
Außerdem: Für die SZwirft Oliver Meiler einen Blick nach Italien, wo die Kinos ganz besonders unter den Coronamaßnahmen zu leiden haben und zahlreiche Häuser bereits schließen mussten. Für einen Filmfilter-Essay sägt sich Benjamin Moldenhauer einmal durch einen Regalmeter voller "TexasChainsawMassacre"-Filme - den aktuellen Film der Reihe bespricht Thomas Groh im Perlentaucher. Vor 100 Jahren erschien F.W. Murnaus "Nosferatu", erinnert uns Karsten Laske im Freitag.
Besprochen werden Kaouther Ben Hanias "Der Mann, der seine Haut verkaufte" (Jungle World), die SF-Serie "Severance" (ZeitOnline), die Horrorkomödie "Studio 666" von den FooFighters (Presse), das Nachwende-Drama "Das Mädchen mit den goldenen Händen" mit CorinnaHarfouch (Intellectures) und die im ZDF gezeigte Serie "Normaloland" (FAZ).
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