Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Design und Mode

966 Presseschau-Absätze - Seite 28 von 97

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.11.2021 - Design

Sehr verärgert über die von Claudia Schiffer kuratierte Ausstellung "Captivate" im Kunstpalast Düsseldorf zur Modefotografie der Neunziger greift Patrick Bahners (FAZ) in seinen kunstgeschichtlichen Handapparat, um anhand eines detaillierten kunsthistorischen Exkurses die Bilddeutung zu liefern, die das Museum Düsseldorf, offenbar geblendet vom großen Namen, versäumt hat. Das Haus "stellt überhaupt keine Kontexte bereit, jenseits der werbezweckgemäß stilisierten Informationen, die schon bei der Publikation der Aufnahmen vor drei Jahrzehnten verbreitet wurden. ... Die Ausstellung reproduziert den Mythos des Supermodels als der schlechthin modernen Frau, die sich durch Herrschaft über ihr Image emanzipiert habe, und beglaubigt ihn institutionell. Die auf fachliche Assistenz nicht angewiesene Kuratorin behält die Kontrolle: Was über Claudia und ihre Freundinnen zu sagen ist, lassen wir Claudias Sorge sein. Der kunsthistorische Vergleich ist die altmodischste Hilfestellung, die das Museum den Besuchern und der Sammlerin hätte anbieten können. Bildkritik und Institutionskritik sind heute Standardtechniken der Museumsarbeit. In diesem Fall hat es das Museum vorgezogen, die Sprache der ausgestellten Bilder und der Branche, die sie produziert, penibel zu kopieren."

Spiegel und FAZ melden den Tod des Modedesigners Virgil Abloh, der mit gerade einmal 41 Jahren an Krebs gestorben ist. In der NZZ schreibt Sabine von Fischer einen Nachruf: "Er vermählte bei LVMH Streetwear mit High-End-Mode, indem er Sneakers und Tarnhosen mit maßgeschneiderten Anzügen und Abendkleidern mischte. Beeinflusst wurde er durch Graffiti-Kunst, Hip-Hop und die Skateboard-Kultur. ... Im Pariser Louvre wollte er da Vincis Mona Lisa den Millennials näherbringen, am Vitra-Campus außerhalb von Basel die Möbelentwürfe von Jean Prouvé. Ohne Berührungsängste adaptierte er Ikonen aus Kunst und Design zu neuen Kompositionen."

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Ein von @virgilabloh geteilter Beitrag

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.11.2021 - Design

Eine Ausstellung in Stockholm zeichnet den internationalen Siegeszug des skandinavischen Designs nach, der vor allem über den Umweg über die USA an Fahrt aufnahm, berichtet Thomas Steinfeld in der SZ. Denn "diese gemäßigte Form der Moderne gehört zu einer Geschichte der politischen Repräsentation. Und zwar nicht nur weil sich das 'Office of War Information', eine im Zweiten Weltkrieg betriebene Propagandaagentur der Vereinigten Staaten, für die Verbreitung des nordischen Stils einsetzte. Die Organisation ging später in der CIA auf. ... John F. Kennedy und Richard Nixon saßen im September 1960 auf dänischen Stühlen, als die Kandidaten für das Amt des amerikanischen Präsidenten zum ersten Mal im Fernsehen gegeneinander stritten. Sie taten es nicht nur weil Kennedy unter Rückenschmerzen litt oder weil Waren aus den nordischen Ländern als politisch unbelastet gelten durften. In den Sitzgelegenheiten spiegelte sich vielmehr der Geist eines gesellschaftlichen Aufbruchs, in dem die Geschichte einem neuen Sinn entgegenzugehen schien: demokratisch, effizient, naturverbunden und dem Neobarock des Stalinismus unmittelbar entgegengesetzt."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.11.2021 - Design

Der Minirock hat ein Comeback, stellt Gabrielle Boller in der NZZ fest und deutet das als gutes Omen, denn einer in den 1920ern aufgestellten These des Ökonomen George W. Taylor zufolge, "soll am Hochrutschen der Rocksäume sogar eine florierende Wirtschaftslage abzulesen sein". Doch "man muss kein Börsenorakel befragen, um eine Wechselwirkung von Minijupes und Hochstimmung zu finden, das leistet Mode als feiner Seismograf des Zeitgeschehens auch so". Denn "womit könnte man die erhoffte Freiheit nach der Seuchenplage besser feiern als mit dem Mini, der den Zeitgeist der sechziger Jahre geradezu inhaliert hat? So zeigt sich der kurze Rock in Retrolaune, als unverkennbare Reminiszenz an sorglosere Zeiten - nun kann es nur besser werden! Zumindest wünschen kann man sich das, doch vom Zukunftsoptimismus der Sechziger sind wir, in Dystopien gefangen, meilenweit entfernt."
Stichwörter: Mode, Minirock, Dystopien, Dystopie

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.11.2021 - Design

Ein Entwurf von Schiaparelli 1952. Foto: Courtesy Philadelphia Museum of Art


Die Marke Schiaparelli feiert in den letzten Jahren einen bemerkenswertes Comeback, freut sich Jürg Zbinden und erzählt (von der NZZ online nachgereicht) die Geschichte von Gründerin Elsa Schiaparelli. "Unter dem Eindruck von Charles Lindberghs Atlantikflug entwirft sie Fliegerkostüme, dann Sportkostüme, Golfkostüme, Ski- und Tennisbekleidung und schließlich ihr erstes Abendkleid. Es verursacht eine Sensation - ein schlichtes bodenlanges, schwarzes Etuikleid aus Crêpe de Chine, darüber eine weiße Jacke, ebenfalls aus Crêpe de Chine, mit langen Schärpen, die sich hinten kreuzen und vorn geschlossen werden. Ein Abendkleid mit Jacke hat die Welt noch nie gesehen - es wird das erfolgreichste Kleid ihrer Karriere überhaupt und wird weltweit kopiert. Gewöhnliche Hausschürzen inspirieren sie zu Wickelkleidern, 'wrap dresses', die 1974 eine Diane von Fürstenberg fürs schmalere Budget perfektioniert. Das Wickelkleid ist längst ein Klassiker, so wie das kleine Schwarze von Chanel."
Stichwörter: Schiaparelli, Elsa, Chanel

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.11.2021 - Design

Statt darüber zu klagen, dass in ihrer Zeit zwar wahrgenommene und berühmte Designerinnen irgendwann doch in Vergessenheit geraten, sollte man ihre Arbeiten lieber zeigen, zeigen, zeigen, lautet Sabine von Fischers Fazit nach dem Besuch der Ausstellung "Here We Are" im Vitra Design Museum (mehr zu dieser Ausstellung bereits hier und dort), die sich genau um die Frage dreht: Warum werden Arbeiten von Frauen von nachfolgenden Generationen so selten ausgestellt? "Ein Satz der Kuratorin Susanne Graner, fast beiläufig während des Gangs durch die Ausstellung fallengelassen, ist besonders bemerkenswert: 'Beim Vorbereiten ist uns einmal mehr bewusst geworden, wie viele Entwürfe von Designerinnen in unserer Sammlung bereits vorhanden waren.' Als Leiterin der Sammlung des Vitra Design Museum mit gut 7000 Möbeln kennt Susanne Graner die Bestände seit elf Jahren sehr genau. Und allen Vorurteilen zum Trotz, dass es vielleicht nicht genügend Frauenarbeiten gebe, konnte auch die derzeitige Schau mit Werken von gut 80 Designerinnen zum größten Teil aus dem eigenen Archiv bespielt werden."

Außerdem ärgert sich Carolina Schwarz in der taz über Wolfgang Joop, der im Spiegel den Zeiten hinterher trauert, als Frauen in der Modebranche mehr oder weniger zwangsprostituiert wurden: Die Branche habe trotz ihrer MeToo-Momente "ihre strukturellen Probleme nicht aufgearbeitet", schreibt dazu Schwarz. In der SZ bespricht Peter Richter die Ausstellung "Architecture of Speed - Paul Jaray and the Necessity of Shape" in Venedig (mehr dazu bereits hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.11.2021 - Design

Entwurfsskizze Paul Jarays für geschlossenen Renn- oder Rekordwagen der Auto-Union, publiziert in ATZ, Atomobiltechnische Zeitschrift, Heft 5, 1935


Die im Arsenale Institute in Venedig gezeigte Ausstellung "Architecture of Speed" ruft den Designer Paul Jaray in Erinnerung, den die Nazis als Juden einigermaßen gründlich aus der Geschichte gestrichen haben, berichtet Niklas Maak in der FAS. Dass sie ihre stromlinienförmigen Autos einem jüdischen Erfinder verdankten, konnten sie einfach nicht hinnehmen. "Jaray hatte eine zwingende, mathematisch perfekte Form erfunden, eine optimierte Spindel, ein Ding, das nicht wie ein Werk der Technik, sondern wie ein Werk der Natur aussah. Was nicht hieß, dass diese neue Schönheit nicht ordentlich mit den alten Sehgewohnheiten kollidierte. Als schnell galt damals, wenn einer hinter einem endlos langen Motor saß. ... Es ist eine zynische Volte der Geschichte, dass ausgerechnet die Nationalsozialisten Jarays Genie früh erkannten, für ihre Zwecke ausnutzten - um ihm dann seine Patente zu stehlen." Auf Nero Editions erklärt der Kurator Wolfgang Scheppe sein Ausstellungskonzept.

Außerdem berichtet Sabine von Fischer in der NZZ von der Zürcher Designmesse Blickfang.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.11.2021 - Design

Michael Bartsch besucht für die taz die nunmehr in der Kunsthalle im Lipsiusbau in Dresden angekommene und in den vergangenen Monaten mehrfach besprochene Ausstellung "Deutsches Design 1949-1989"  (unsere Resümees hier, dort und da).
Stichwörter: DDR-Design

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.11.2021 - Design

Prototyp eines Toasters von Michele de Lucchi, 1979. Mehr Objekte von de Lucchi im Museum Boijmans Van Beuningen


In der FAZ gratuliert Claudius Seidl dem Designer Michele de Lucchi zum 70. Geburtstag: Mit "Memphis", der von ihm 1980 mit ins Leben gerufenen Bewegung, unternahm de Lucchi einen "Anschlag gleichermaßen auf die cremefarbene Gediegenheit des bürgerlichen Geschmacks wie auf das strenge 'Form follows function'-Diktat der Moderne." Er "entwarf mit der größten Sinnlichkeit, Farbenfreude und einem bis dahin in der ganzen Branche völlig unbekannten Humor die wundersamsten Lampen, Tische, Regale, Stühle: Objekte, immer an der Grenze zwischen Möbelstück und Skulptur, ein Design, das darauf angelegt war, dass der Betrachter es hässlich und grell finden würde auf den ersten Blick. So verspielt und so desinteressiert am puren Funktionieren waren Möbel seit dem Historismus nicht mehr gewesen."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.11.2021 - Design

Bild: Guido Drocco, Franco Mello. Kleiderständer Cactus. 1971. Foto: Die Neue Sammlung - The Design Museum (K. Mewes).

Dass sich west- und ostdeutsches Design gar nicht besonders unterschied, erkennt Hannes Hintermeier in der FAZ in der Ausstellung "Ins Freie" in der Münchner Pinakothek der Moderne: "In den Sechzigerjahren war auch im Design Revolution angesagt. Gestalter der italienischen Firma Gufram holten die Natur ins Heim, etwa mit der der Pop-Art entlehnten giftgrünen Sitzlandschaft Pratone oder dem mannshohen Kleiderständer Cactus (1971). Zwischen wiegenden Riesenhalmen aus Polstern saß man wie in einer Riesenwiese auf dem Boden. Ein Bruch mit der bürgerlichen Wohnkonvention und ein neuer Zugang zum Design, dessen Radikalität Nachgeborene begeistert. Dazu zählt auch Luigi Colanis organische Gartenliege von 1967 und der Gartensessel Sunball (gebaut von der Firma Rosenthal, 1969), dessen Astronautenhelmdesign unzweifelhaft vom Wettlauf ins All inspiriert war. Gleiches gilt für das Ost-Pendant Gartenei (auch Senftenberger Ei, 1968), das Peter Ghyczy für den VEB Synthesewerke Schwarzheide entworfen hat."
Stichwörter: DDR-Design, Neue Sammlung, Pop-Art

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.10.2021 - Design

"Ghost" von Cini Boeri und Tomu Katayanagi aus dem Jahr 1987 (Juergen Hans/Vitra Design Museum)

Mit großem Vergnügen besucht SZ-Kritiker Kito Nedo die Ausstellung "Here We Are! Frauen im Design 1900 - heute" im Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein: Es zeigen sich eine "Lust am Experiment und ein latenter Futurismus". Auch stößt er darauf, dass "an Designerinnen mitunter auch Kritik geübt wird, die sich ihre männlichen Kollegen nie anhören müssen. Weil Cini Boeri, die in der Ausstellung mit ihrem spektakulären, aus nur einem durchgehenden, 12 Millimeter dicken Stück Glas gebogenen 'Ghost'-Chair vertreten ist, den sie zusammen mit Tomu Katayanagi entwickelt hat, in den von ihr entworfenen Häusern standardmäßig immer ein zusätzliches Zimmer als 'Raum der individuellen Reflexion' einplante, wurde sie beispielsweise als 'Ehezerstörerin' angegriffen. Auf derlei Anwürfe reagierte Boeri stets gelassen und verteidigte die von ihr in die Architektur eingebaute Unabhängigkeit: 'Für mich war es wichtig, wählen zu können, und nicht gezwungen zu sein, zusammen zu sein.'"