Staatsschauspiel Dresden: Der Komet. Foto: Sebastian Hoppe Tilmann Köhler bringt Durs Grünbeins Roman "Der Komet" auf die Bühne - und zwar in dessen Handlungsort. Die Bombardierung Dresdens durch die Alliierten erscheint bei Köhler, meint Jakob Hayner in der Welt, als "sanfte Konfrontationstherapie", die am Staatsschauspiel Dresden dank des minimalistischen Bühnenbilds und eines gut aufgelegten Ensembles überzeugt: "Dieser ruhige, kluge und eindrückliche Abend endet damit, dass die Stadt in den Spiegel der Vergangenheit schaut. Was man damit macht, bleibt offen. Doch weil dieser Abend immer sein Publikum im Blick hat, gelingt es ihm, die Schwächen des Buchs - die flachen Charaktere, das Überblickshafte der Handlung - im wahrsten Sinne des Wortes zu überspielen. Was die Inszenierung an Lücken lässt, fordert die Zuschauer auf, einen Schritt aus der Sprachlosigkeit zu machen und die Gewalt zu sehen, die vor den Bomben bereits herrschte."
Hessen spart seine Tanzensembles kaputt, ärgert sich Wiebke Hüster in der FAZ. Als Anschauungsobjekt wählt sie zwei Uraufführungen am Staatstheater Kassel. Freude hat sie an beiden nicht, weder an Andonis Foniadakis' "Der Tod und das Mädchen" noch an Eyal Dadons "Shaker Loops". Derart unerquickliche Abende sind an vielen Spielstätten die Regel, klagt Hüster: "Im Tanz aber zeigen Kassel, Wiesbaden, Mainz, Darmstadt ständig neue Tanzproduktionen, meistens von wenig bis gar nicht bekannten Choreographen. Für viele wichtige Stücke der Moderne und Postmoderne wären ihre Ensembles auch zu klein. Man kann gar nichts dagegen haben, wenn die örtliche Ballettschule ihren 'Nussknacker' dann im Großen Haus tanzen darf. Das ist schön, aber doch kein Ersatz für ein Repertoire." Sylvia Staude hat sich die beiden Stücke ebenfalls angeschaut und urteilt in der FR etwas freundlicher. Foniadakis' Sexparty kommt bei ihr zwar auch nicht gut weg. Aber mit Dadons "Shaker Loop" kann sie durchaus etwas anfangen: "Woher kommt es nun, dass Eyal Dadons eher mit dem Kleinen, mit dem Huschenden und Gebeugten arbeitende Bewegungssprache so viel mehr atmosphärische Wirkung hat (jedenfalls da es um den Tod gehen soll)? Es könnte daran liegen, dass besonders die Arm- und Handbewegungen eine leichte Fremdheit, Rätselhaftigkeit haben, dass aber auch vieles unmittelbar anschlussfähig ist für Jedermann und Jedefrau. "
Außerdem: Sandra Schmidt spricht in der taz mit der Ex-Turnerin Gabi Parigi über deren Bühnenstück "Consagrada". Besprochen werden Axel Ranischs Inszenierung der Prokofjew-Oper "Der Spieler" an der Staatsoper Stuttgart (FAZ, "Allem satirischen Theaterübermut zum Trotz tritt Ranischs Inszenierung in den ersten drei Akten etwas auf der Stelle."), Lisa Wentz' "Azur oder die Farbe des Wassers" am Wiener Theater in der Josefstadt und Stephan Kimmigs "Die Realen Geister" am Wiener Schauspielhaus in einer Doppelbesprechung (FAZ; Fazit: Wentz top, Kimmig flop), Dagmar Manzels Humperdinck-Oper "Hänsel und Gretel" (van; "Sehr durchtaktiert, mitunter schon etwas penibel, aber von nicht nachlassendem Schwung."), Nick Hornbys "State of the Union" an der Komödie am Ku'damm (Tagesspiegel, "hält die Balance zwischen Bissigkeit, aufflammender Restliebe und Resignation") und Philipp Löhles "Das deutsche Haus" am Deutschen Theater Göttingen (taz, "Jubel fürs grellsatirische Muntermachen gegen rechts").
Szene aus "Guercoeur". Foto: Barbara Aumüller Im Jahr 2019 wurde Albéric Magnards zwischen 1897 und 1901 komponierte Oper "Guercoeur" durch Intendant Ralf Waldschmidt aus der Versenkung gehoben, nun ist sie in der Inszenierung von David Hermann an der Oper Frankfurt zu sehen. Aktueller könnte das Stück um den Politiker Guercœur, der sein Land aus der Monarchie in die Republik geführt hat und nach seinem Tod noch einmal auf die Erde zurück darf, nicht sein, findet Jan Brachmann in der FAZ: "Das Volk hat die Demokratie satt. Das Land ist am Ende: schlechte Wirtschaftsleistung, mangelnde Verteidigungsfähigkeit im Fall eines Angriffs von außen, zu viel ungeregelte Zuwanderung. Wir brauchen wieder einen Diktator, ruft das Volk. Einen, der sagt: 'Unser Land zuerst!' Einen, der die Männer in Arbeit bringt und die Frauen an den Herd. Kurzum: einen, der uns von den Zumutungen der Freiheit erlöst und wieder Ordnung schafft. Das alles steht so, wörtlich, im Libretto von Albéric Magnard, das sich der französische Komponist selbst für seine Oper 'Guercœur' geschrieben hat." In der FRerkennt auch Judith von Sternburg eine Parallele zur Gegenwart in der Freiwilligkeit, mit der den Mächtigen hier Macht "überlassen wird, ohne Umsturz, ohne Putsch, aus demokratischen Verhältnissen heraus."
Szene aus "Faustus:: 1550 San Remo Drive". Foto: Jörg Brüggemann Im Berliner Ensemble setzt Peter Laudenbach (SZ) die VR-Brille auf und blickt auf Thomas Mann und seine Teufel im Laufstall. So inszeniert das Kollektiv Raum+Zeit im aktuellen Stück "Faustus:: 1550 San Remo Drive" den Dichter - überwiegend klischeehaft psychologisierend auf die sublimierte Homosexualität Manns anspielend, seufzt Laudenbach: "So wird das 25. Romankapitel, in dem Leverkühn in Italien dem Satan begegnet, hier zu einer albernen Stricherszene. Der faustische Pakt, Genie und Schaffenskraft gegen Wahnsinn und Liebesverbot, schrumpft zu einer eher ungeilen Anmache. Dabei verschmilzt die Inszenierung den Dichter und seine Romangestalt, Thomas Mann und Leverkühn, zu einer Bühnenfigur, einem klemmigen, kultivierten Herren, der den Avancen des Verführers recht hilflos gegenübersteht. (…) Dass diese Comic-Banalisierung des Teufelskapitels nicht peinlich wirkt, liegt vor allem an Martin Rentzsch, der seinen Thomas Mann mit einer nüchternen, vom Leben gehärteten Intelligenz spielt."
Weitere Artikel: In der Welt beerdigt Jakob Hayner nach 25 Jahren das postdramatische Theater: Nach der Kritik von links, etwa von Bernd Stegemann, kommt mit dem "agonistischen Theater" nun auch eine Gegenbewegung von rechts, durch den Schriftsteller Boris Preckwitz (AfD). Besprochen wird Eva-Maria Höckmayrs Inszenierung von Wagners Oper "Tristan und Isolde" am Staatstheater Darmstadt (FR)
Szene aus "König Lear" am Düsseldorfer Schauspielhaus. Foto: Thomas Rausch. Einen "schön finsteren" Abend verbringt SZ-Kritiker Alexander Menden mit Evgeny Titovs Inszenierung von Shakespeares "König Lear" am Düsseldorfer Schauspielhaus. Beeindruckend ist schon allein das Bühnenbild, findet Menden: "Der Schweizer Etienne Pluss hat einen enormen, schwarz-goldenen Thronsaal, halb Chorgestühl, halb neugotische Fantasmagorie, auf die Drehbühne gebaut. Deren Außenmauern, rissig und schmutzig, dienen nicht nur als sinnfällige Illustration der Ödnis, in die Lear vertrieben wurde, sondern auch als Symbol der ethischen und charakterlichen Verheerungen im Innern des Palastes."
Nachtkritiker Martin Krumbholz ist hin und weg von Burghart Klaußner als dem dem Wahnsinn verfallenden König Lear: "Das ist zuerst ein störrischer Alter, der den einzigen Titel, den er von Geburt an hat, behält, nämlich den des Narren (so der Narr); später dann eine menschliche Ruine, aber noch in dieser Ruinenhaftigkeit imposant, 'jeder Zoll ein König'. Seine Misogynie ist hinreichend diskutiert worden, eben dafür wird er ja bestraft." Das Titov das Stück allerdings so radikal zusammengestrichen, und die Parallelhandlung um den Grafen Gloster weggelassen hat, kann Krumbholz ihm nicht ganz verzeihen.
Weitere Artikel: In der tazstellt Uwe Mattheis den argentinischen Autor Guido Wertheimer und sein Theaterstück "Die realen Geister" über die Nachwirkungen der Shoah vor, das am Wiener Schauspielhaus uraufgeführt wurde.
Besprochen werden Armin Petras' Inszenierung von Max Frischs "Graf Öderland" an den Bühnen Bern (nachtkritik), Caro Thums Inszenierung von William Shakespeares Stück "Der Sturm" am Theater Koblenz (nachtkritik), Alexander Nerlichs Inszenierung von Friedrich Schillers Stück "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua" am Theater Chemnitz (nachtkritik), Daniela Löffners Inszenierung von Gerhart Hauptmanns Sozialdrama "Die Ratten" am Staatsschauspiel Dresden (nachtkritik), Jan-Christoph Gockels Inszenierung der Vampirkomödie "Oh Schreck" an den Münchner Kammerspielen (FAZ), Kyle Abrahams Choreographie "An Untitled Love" am Sadler's Wells Theatre in London (FAZ), Calixto Bieitos Inszenierung der Wagner-Oper "Rheingold" an der Pariser Oper (FAZ), Sebastian Nüblings Inszenierung von Eugene O'Neills Tragödie "Eine lange Reise in die Nacht" am Deutschen Theater Berlin (taz).
Szene aus "Castor und Pollux" am Palais Garnier. Foto: Vincent Pontet/OnP
Reinhard J. Brembeck unterhält sich für die SZ mit Peter Sellars, der im Pariser Palais GarnierRameaus Oper "Castor et Pollux" inszeniert hat und überglücklich von der Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Teodor Currentzis erzählt, dessen Putin-Treue seiner Bewunderung keinen Abbruch tut. Hier geht's um Kunst: "Sellars ist ins 18. Jahrhundert verliebt: 'Ich bin besessen von dieser Zeit. Es ist die schönste Zeit der Oper, die so magisch und so befremdlich ist und tiefe Dinge berührt, die wir gar nicht zu berühren wissen.' Dann zieht er eine Parallele zwischen 'Castor' und einem Ritual der Freimaurer, die sich in einen Sarg legen, um den eigenen Tod vorwegzunehmen, um dann anders leben zu können, was sie sich davor nicht trauten. Genauso geht Pollux in die Unterwelt, danach ändert er radikal sein Leben, verzichtet auf die Unsterblichkeit: 'Der Unsterbliche ist so arrogant, Macht ist so traurig. Pollux realisiert, dass da eine größere Welt jenseits seiner Unsterblichkeit ist.' So versteht Sellars diese Oper als Appell an alle Gewaltherrscher: 'Versucht, menschlich zu sein!' Schon bricht er wieder aus in sein typisches schallendes Gelächter."
In der Weltkann Manuel Brug mit Sellars Inszenierung wenig anfangen, aber Currentzis beeindruckt ihn sehr: "Regie-Guru Peter Sellars wollte diesen Prolog als aktuellen Kommentar zum kriegerischen Heute wieder installiert wissen. Doch seine zahnlos fade Rampentheaterbebilderung zwischen Sperrmüllmöbeln in hässlichen Kostümen vor Luftbild- und Raumfahrtprojektionen im Hintergrund, sie erzählt erwartungsgemäß nichts Aufregendes, sie ist nicht mal ein biederer Kommentar der Handlung. ... Doch musikalisch (und nur so gastiert dies auch am Festspielende des diesjährigen Salzburg-Sommers) wird das Ganze exzellent belebt, vom nach wie vor wegen seiner Russland-Beziehungen umstrittenen Teodor Currentzis, der sich nicht zum ersten Mal als rasant-relevanter Rameau-Recke erweist. Inzwischen hat er sein Utopia Ensemble auf Barockklänge eingeschworen, doch die fluffen so plastisch rund wie weich-vollstimmig auf, erfüllen das Auditorium mit wärmender Liebesklangkraft und feiern so das vorrevolutionäre Brüderlichkeitsideal dieser bedeutsamen Oper."
Szene aus Lisa Wentz' "Azur". Foto: Astrid Knie
Missbrauch in der Kirche, rigid bürgerliche Eltern, jugendliches Elend in den Achtzigern: All das kommt vor in Lisa Wentz' Stück "Azur", das David Bösch am Wiener Josefstadt-Theater inszeniert hat. Standard-Kritiker Ronald Pohl muss erstmal schlucken: "Man möchte laut 'Franz Xaver Kroetz' rufen. Abwinken, den Ruf 'Tausend Mal gesehen!' vorsorglich deponieren. Stattdessen passiert, wie schon bei Wentz' Erstlingsdrama Adern, ein rares Wunder. Man verfällt restlos dem Zauber dieser schwerlich zu buchstabierenden Schicksale. Die Zeit vergeht in den Zimmern schlagartig. Die Dramaturgie hüpft gelenkig zwischen den Jahren 1988 und 2011 hin und her." Auch nachtkritiker Martin Thomas Pesl zieht den Hut: "Die Josefstadt pflegt traditionell das psychologische Schauspiel, und hier kann es seinen Glanz an einem zeitgenössischen Drama entfalten. Die Handlung mag nicht wunder wie komplex sein. Umso geduldiger aber können sich Regie und Ensemble auf die Begegnungen der Figuren, ihre sparsamen Dialoge, ihr langes Schweigen einlassen. Und zwischendurch bei Achtziger-Mucke von Madonna bis A-ha unausgesprochene Gefühle raustanzen."
Besprochen werden außerdem Sebastian Nüblings Regie-Einstand am DT Berlin mit Eugene O'Neills Familiendrama "Eines langen Tages Reise in die Nacht" (nachtkritik, Tsp), Elsa-Sophie Jachs Inszenierung von Kleists "Zerbrochnem Krug" als Lustspiel mit viel Musik am Schauspiel Leipzig (nachtkritik), Esther Hattenbachs Adaption von Lutz Seilers Roman "Stern 111" am Hans Otto Theater Potsdam (nachtkritik), der Bühnenessay "Atlas" von Calle Fuhr und der Klimaredaktion von Correctiv am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (nachtkritik), Jaz Woodcock-Stewarts Inszenierung von Tennessee Williams' "Glasmenagerie" am Theater Basel (nachtkritik), die Uraufführung von Anna Behringers "Aufzeichnungen aus einem weißen Zimmer" in der Inszenierung von Thirza Bruncken (nachtkritik), Tilmann Köhlers Adaption von Durs Grünbeins Roman "Der Komet" am Staatsschauspiel Dresden (Welt) und Orwells "1984", inszeniert vom Gefängnistheater aufBruch Berlin in der JVA Plötzensee (FAZ).
"Rheingold" an der Opéra Bastille. Foto: Herwig Prammer. Auch in Frankreich gibt es gute Wagner-Aufführungen, siehttazler Joachim Lange in der Pariser Opéra Bastille, wo der Katalane Calixto Bieito vor 2800 Zuschauern "Rheingold", den Auftakt des "Rings", inszeniert. Für deutsche Zuschauer ist das aus besonderen Gründen interessant: "Zunächst irritiert, dass sich Bieito bei seiner Götterburg (um deren Bezahlung es ja im 'Rheingold' geht) auf eine wuchtige Wand aus Dutzenden Lochblechelementen beschränkt. Ein wallendes Tuch davor steht für den Rhein und gleich noch für das Gold. Diffuse Videos imaginieren einen Blick ins Innere. Am Ende bietet das eine Pointe, die man in Paris kaum so wahrnehmen dürfte. Wenn hinter der Fassade die Lichter angehen, dann erinnern die Lampen an den (auch wie Walhall untergegangenen) Palast der Republik in Berlin. In Paris gibt's jetzt also nicht Erichs, sondern Wotans Lampenladen. (…) Für die Zeichnung von Wotans Gewaltproblem oder Frickas hysterischem Aktionismus kommt Bieitos Fähigkeit für packende Personenregie voll zur Geltung. Gesungen wird in Wagner-Spitzenstandard - ohneKraftmeierei."
Judith von Sternburg interviewt für die FR die französische Dirigentin Marie Jacquot, die in der Oper Frankfurt "Guercœur" dirigiert, die zweite Oper von Albéric Magnard, am Sonntag ist die Premiere. Der Komponist ist in der Frühphase des Ersten Weltkriegs von deutschen Soldaten getötet worden und bis heute kaum aufgeführt, ihre Faszination erklärt Jacquot so: "Er war eigen, und ich mag Komponisten, die ihre Sprache verteidigen. Wie Sibelius zum Beispiel. Er hat versucht, sich von den Harmonien zu lösen, er interessierte sich für Schönbergs Arbeit, aber er musste feststellen, dass es nicht seine Sprache war. Magnards Sprache kommt aus der französischen Musik, dazu kam der Einfluss von Richard Wagner. Eine deutsch-französische Freundschaft, was natürlich mit Blick auf sein Ende tragisch ist. Wenn man Musik von Magnard im Radio hören würde und nicht wüsste, von wem das ist, wäre man ratlos. Es ist sehr besonders, es ist seine Sprache. Vielleicht kann man sagen, ja, ein bisschen Wagner, ein bisschen Duparc, Chausson, aber das trifft es alles nicht. Es ist Magnard."
Weiteres: Dorion Weickmann stellt in der SZ den Choreografen Kyle Hanagami vor.
Besprochen werden: Durs Grünbeins Roman "Komet" in der Inszenierung von Tilman Köhler im Schauspiel Dresden (FAZ), "Die Frau ohne Schatten" von Richard Strauss in der Regie von Tobias Kratzer in der Deutschen Oper (Neue Musikzeitung) und "Echo 72 - Israel in München" von Michael Wertmüller und Roland Schimmelpfennig an der Niedersächsischen Staatsoper in Hannover (Welt).
Szene aus "Die Kreide im Mund des Wolfs". Foto: Jörg Landsberg In der Welt seufzt Manuel Brug: Nicht nur Tobias Kratzer hat an der Deutschen Oper Berlin seine Strauss-Opern-Trilogie mit "Die Frau ohne Schatten" beendet (unser Resümee), auch der russische Regisseur Dmitri Tcherniakov brachte mit "Ariadne auf Naxos" am gleichen Tag die letzte von drei Strauss-Opern auf die Bühne der Hamburgischen Staatsoper - und alle Inszenierungen setzen statt auf Mythos auf pure Selbstbespiegelung. Dabei eignet sich die Oper hervorragend zur Auseinandersetzung mit der Gegenwart, wie Eleonore Büning (NZZ) nicht nur in Lydia Steiers Hamburger Inszenierung der Wertheim-Oper "Echo 72. Israel in München" (unser Resümee) feststellt. Am gleichen Haus, allerdings auf der Studiobühne, inszenierte Intendant Georges Delnon Gordon Kampes Stück "Die Kreide im Mund des Wolfs", in der er Putins Hausmeister, gesungen von Georg Nigl, Putins Rede, die er im September 2001 vor dem Deutschen Bundestag gehalten hat, singen lässt: "Die Worte sind Hohlformeln, sie verheddern sich in Loops, zerlegen sich in Silben, Vokale, Konsonanten. Virtuos taucht Nigls Stimme ein ins Innerste der Sprache und deckt auf, was in Wahrheit gemeint ist. Er stottert sich durch den Begriff 'Kultur', erstickt am ersten Buchstaben von 'Zivilisation', schraubt sich beim Wort 'Frieden' erlkönighaft in Koloraturhöhen. Die Interaktion mit den Musikern, souverän koordiniert von Tim Anderson, entwickelt sich geradezu haptisch, der rasende Hausmeister ist bald nicht mehr zum Totlachen, sondern zum Fürchten."
Szene aus "Tartuffe". Foto: Tommy Hetzel Ebenfalls in der Welt ist Jakob Hayner derweil ganz hingerissen, wenn Barbara Frey am Wiener Burgtheater die Molière-Oper "Tartuffe" mit einer Prise David Lynch und in fantastischer Besetzung mit Bibiana Beglau als Tartuffe inszeniert: "Frey zeigt in ihrer klugen Inszenierung das Wesen der Heuchelei: Tartuffe ist nicht jener Betrüger, der die ehrbaren Bürger täuscht und über den Tisch zieht, sondern diese Welt will getäuscht sein. Es ist ein Band des Begehrens, das Orgon und Tartuffe verbindet. Sie fallen sich innig küssend in die Arme. Der Heuchler und der Moralist sind ein Paar, sie gehören zusammen. In einer Szene sehen wir Beglau in ihrem einfachen schwarzen Kostüm zur Klaviermusik tanzen, selbstvergessen und souverän, geradezu siegesgewiss. Ihr Tartuffe weiß, wie die moralische Kommunikation funktioniert und glaubt gerade deswegen nicht daran. Und er weiß auch, dass sein Spiel in einer Welt voller Tartuffes aussichtslos wäre, weil er Leute wie Orgon braucht: naive Moralgläubige."
Weitere Artikel: SZ und nachtkritik sprechen mit Stefanie und Christoph Siegmann, die für 1500 Euro eine Nacht im Berliner Ensemble ersteigert haben: Eine Protestaktion des Hauses gegen die Berliner Sparmaßnahmen. Ebenfalls in der SZ überlegt Egbert Tholl, wie Katharina Wagner die durch Einzelspenden zusammengekommene zusätzliche eine Million Euro für die Bayreuther Festspiele einsetzen könnte. In der tazbefürchtet Jens Fischer das Aus des Tanzfestivals Bremen.
Besprochen wird Christoph von Bernuths Inszenierung der vergessenen Oper "Phèdre" von Jean-Baptiste Lemoyne lässt am Staatstheater Karlsruhe (FR).
Als szenische Lesung (und ohne Puppen) bringt das Puppentheater MagdeburgPeter Weiss' Stück "Die Ermittlung" über den ersten Frankfurter Auschwitzprozess auf die Bühne. Holk Freytags Regie gewinnt dem Klassiker des Dokumentartheaters neue Facetten ab, meintnachtkritik-Autor Michael Laages: "In größeren und kleineren Gruppen kommen Darstellerinnen und Darsteller (...) an die Lesepulte nach vorne; zwischen ihnen und dem Domchor hinten, in der Tiefe vor der Apsis, ruht das optische Zentrum der Aufführung - mehrere Dutzend sorgsam und sozusagen in Reih' und Glied umgestürzte Stühle. Ist von einem realen, namentlichen bekannten Auschwitz-Opfer die Rede, wird ein Stuhl im Stühlemeer aufgestellt; damit der oder die Tote wieder einen Platz bekommt in der Welt. Aber zum Schluss, im atemnehmenden 'Gesang von den Feueröfen', werden alle Sitzgelegenheiten zu einem großen Stühleberg übereinander geschichtet. Wie ineinander verkrallt sind sie das Bild, das bleibt - wie ein Leichenberg in der Gaskammer."
Außerdem: Wolfgang Behrens denkt auf nachtkritik über die natürliche Feindschaft zwischen Dramaturgen und Schauspielern nach.
Besprochen werden Tobias Kratzers Inszenierung von Richard Strauss' Oper "Die Frau ohne Schatten" an der Deutschen Oper Berlin (FAZ, van, nmz, "eine berührende, kluge und humorvolle Kunstphantasie"), Barbora Horákovás "Zauberflöte"-Grusical an der Wiener Staatsoper (Standard, "inspirierte, Repertoire-kompatible Konsensregie"), Claudia Bauers Jelinek-Inszenierung "Krankheit oder moderne Frauen" am Wiener Volkstheater (Welt, "für Jelineks Parodiedauerfeuer hat Bauer nicht die richtigen Mittel parat") und Georg Plass' "Lear"-Inszenierung am Wiener Theater an der Gumpendorfer Straße (Standard, "oft dominiert Überinszenierung das subtile Spiel").
Szene aus "Die Frau ohne Schatten" an der Deutschen Oper Berlin. Foto: Thomas Aurin. Zeuge einer gekonnten Entzauberung der "Geisterwelt eines Märchens aus dem Ersten Weltkrieg" wird SZ-Kritiker Wolfgang Schreiber an der Deutschen Oper Berlin: Tobias Kratzer hat Richard Strauss' und Hugo von Hofmannsthals Märchenoper "Die Frau ohne Schatten" auf die Bühne gebracht. Hier wird aus der Geschichte um eine kinderlose Kaiserin, die einer einfachen Frau ihren Schatten abkaufen will, (das heißt gebärfähig werden), eine recht realistische Oper übers Kinderkriegen, so Schreiber. Immer wieder gelinge es Kratzer, so Schreiber, "den erhabenen Kitsch der Oper in die reale Pfiffigkeit zu überführen." Er "bestückt das Märchen mit Elementen einer flotten Reportage: So wird Amme und Kaiserin ein Film gezeigt, der die künstliche Befruchtung in einer Arztpraxis minutiös dokumentiert. So erlebt man Färberin und Färber bei der emotional exakt nachgestellten Beratung im Büro einer Paartherapeutin. Kratzer gelingen in der verzaubernden Oper wiederholt komödiantische Bilder mit Knalleffekt, da unterläuft er schlicht die Maxime, dass Frauen für Liebe und Kinder zuständig sein sollen."
Auch Judith von Sternburg ist in der FR, trotz eines etwas "braven" Anfangs, überzeugt von diesem Abend, auch musikalisch: "Runnicles und das Orchester bieten dazu einen sinfonisch brausenden, sich - wie die Inszenierung - allmählich hineingroovenden Klang. Ein Großereignis für die tiefen Blechbläser, und sie machen etwas draus. Das Solistenensemble bewegt sich im erforderlichen Wagnerformat, angeführt von Brünnhilde, nein, pardon, Catherine Foster als ihrer schlechten Laune und ihrem aufbrausenden Temperament absolut hingegebene, glücklicherweise aber lieber charaktervoll als keifend singende Färberin. In ihrer nicht zu beruhigenden Unzufriedenheit ist sie, wie zumeist, die interessanteste Figur." Im Tagesspiegel stimmt Frederik Hanssen weitgehend in das Lob mit ein und hebt ein "exzellentes Solistenteam" hervor. Szene aus "Der Komet" am Staatsschauspiel Dresden. Foto: Sebastian Hoppe. Fans von Frank Castorf können sich den Theaterbesuch von Tilmann Köhlers Inszenierung von "Der Komet" sparen, meint Michael Bartsch in der taz. Denn sie würden bei dieser Adaption von Durs Grünbeins Roman am Staatsschauspiel Dresden "halbstündiges Kino auf der Hinterbühne, aufgesetzte Predigten und Drastik nur vermissen". Köhler lässt die Geschichte über Dresden während des Nationalsozialismus stattdessen von seinem starken Schauspiel-Ensemble erzählen und setzt so "auf die ursprüngliche Kraft des Sprechtheaters. Das Konventionelle kann ja heute schon wieder als ausgefallen gelten. Sparsamkeit erweist sich als Gewinn. Man erlebt viel mehr als etwa eine szenische Lesung, denn die Illustrationen sind sehr genau gearbeitet und gestische Unterstreichungen harmonieren. Das nutzt sich über zweieinhalb Stunden reine Spielzeit auch nicht ab oder erschöpft sich in Stereotypen."
Peter Laudenbach kann dem in der SZ nur zustimmen: Die Schauspieler "übersetzen den Text szenisch mit schöner Klarheit und frei von pathetischem Dröhnen in Bericht und eher zeichenhaftes als übertrieben einfühlendes Spiel. Man könnte auch sagen: Sie zeigen und erzählen eine Geschichte von Verbrechen und Mord, die noch nicht so lange her ist und uns plötzlich wieder gefährlich nahe rückt. Die ziemlich großartige Henriette Hölzel spielt Dora Wachtel mit einem hellwachen, manchmal spöttisch erstaunten, kitschfreien Leuchten der Lebensgier."
Besprochen werden Lydia Steiers Inszenierung der Oper "Echo 72" am Staatstheater Hannover (taz), Barbara Freys Inszenierung von Molières "Tartuffe" am Wiener Burgtheater (FAZ, nachtkritik), Dagmar Manzels Inszenierung von Engelbert Humperdincks Oper "Hänsel und Gretel" an der Komischen Oper Berlin (SZ).
Szene aus "Echo 72" am Staatstheater Hannover. Foto: Sandra Then. "Was für ein bild-, was für ein klang-, was für ein gedankenstarker Abend", lobtNachtkritiker Michael Laages Michael Wertmüllers Oper "Echo 72. Israel in München" über das Attentat auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen 1972, die Lydia Steier inszenierung hat. Die Uraufführung am Staatstheater Hannover (mehr hier), "fordert und überfordert" den Kritiker im besten Sinne: "Schon die Musik des Schweizer Komponisten Michael Wertmüller, Jahrgang 1966, ist enorm komplex. Der gelernte Schlagzeuger begann an der 'Swiss Jazz School', suchte aber sehr bald schon den Grenzgang hinüber zur 'Neuen Musik' und auch wieder zurück. Dass er für Komposition und Arrangement eines der herausragendenJazz-Trios der Schweiz integriert hat, 'Steamboat Switzerland', die Band um Wertmüllers Schlagzeug-Kollegen Lucas Niggli, folgt konsequent dieser Strategie der Vermischung der Stile. Und tatsächlich zeigt das Trio sehr nachdrücklich, dass es den versammelten Energien des großen Orchesters kaum nachsteht."
Auch SZ-Kritiker Egbert Tholl ist schwer beeindruckt, beispielsweise von der Idee der "Klage" als Figur, die Einzelheiten des Tathergangs erzählt: "Idunnu Münch und Corinna Harfouch werden nun zusammen zu dieser Allegorie der 'Klage', erzählen die Biografien der elf getöteten Israelis; einige sind Überlebende des Holocaust gewesen, andere haben ihre Familien im Morden verloren, der Zynismus der Attentäter holt sie ein. Die Schilderung des Geschehens selbst, die zum Himmel schreiende Hilflosigkeit der bayerischen Polizei, die unfassbaren Falschmeldungen und Fehler, das alles geht im Zorn der Musik unter. Die Attentäter haben keine Namen. 'Sie brachten nichts anderes als den Tod.'"
Besprochen werden außerdem Konstanze Kappensteins Inszenierung des Stücks "22 Bahnen" nach dem Roman von Caroline Wahl am Volkstheater Rostock (nachtkritik), Philipp Löhles Inszenierung seines Stücks "Das deutsche Haus" am Deutschen Theater Göttingen (nachtkritik), Ariane Kareevs Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs Bearbeitung von Sophokles' "Antigone" am Theater Dortmund (nachtkritik), Bastian Krafts Inszenierung von "Die kleine Meerjungfrau. A fluid fairy Fantasy" nach Hans-Christian Andersen am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik, NZZ), Luise Kautz' Inszenierung von Arthur Honeggers und Jacques Iberts Oper "L'Aiglon" am Staatstheater Mainz (FR), Peter Atanassows Adaption von George Orwells "1984" zusammen mit dem Gefängnistheater "Aufbruch" in der JVA Plötzensee (taz), Christian Weises Inszenierung von Georges Bizets Oper "Carmen" am Gorki Theater Berlin (taz), Eric de Vroedts Inszenierung von Arthurs Millers Tragödie "Ein Blick von der Brücke" am Schauspiel Frankfurt (FAZ), Claudia Bauers Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Krankheit oder Moderne Frauen" am Wiener Volkstheater (SZ), Jan-Christoph Gockels Inszenierung der Nosferatu-Hommage "Oh Schreck" an den Münchner Kammerspielen (SZ) und Dagmar Manzels Inszenierung von Engelbert Humperdincks "Hänsel und Gretel" an der Komischen Oper Berlin (tsp).
Besprochen werden das KI-kritische Tanzsolo "protect. there is no wind in geometrical worlds" der Wiener Choreografin Inge Gappmaier im Brut-Theater (Standard), die Majakowski-Komödie "Die Wanze" durch das Meng Theatre Studio aus Peking am Hamburger Thalia Theater (FAZ).
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