"Der Sandmann" am Schauspiel Frankfurt. Bild: Birgit Hupfeld.
Lilja Rupprecht inszeniert am Schauspiel FrankfurtE. T. A. Hoffmanns Erzählung "Der Sandmann": Die "Geschichte über die Angst vor einer Gruselgeschichte" um den psychisch kranken Nathanael und seine Partnerin Clara, die er im Wahn zu töten versucht, weißFR-Kritikerin Judith von Sternburg trotz stellenweiser Harmlosigkeit prinzipiell zu überzeugen, zum Beispiel "mit der Begegnung mit einem manipulativen Betrüger und einer Automate, die durch eine Brille jenes Betrügers für Nathanael zur schönsten Frau der Welt wird. Alle anderen wissen Bescheid, so dass nebenbei noch ein Beschämungsalptraum mitläuft. Für den traumatisierten und retraumatisierten jungen Mann wird das böse enden. Für die glücklichen oder unglücklichen Nachgeborenen wurde 'Der Sandmann' hingegen zur fantastischen Vorschau auf psychotherapeutischen Bedarf und Künstliche Intelligenz. Auch wenn der Holzroboter Olimpia keineswegs intelligent ist. Allen anderen außer Nathanael ist das klar. Darum ist uns die Romantik so unangenehm nahe: Weil sie längst nicht mehr naiv ist, sich aber dennoch willig in alles Unmögliche verwickeln lässt." Eine weitere Besprechung findet sich in der FAZ.
Robert Menasses Roman "Die Erweiterung" kommt im Nationaltheater Mannheim auf die Bühne, inszeniert von Anna-Elisabeth Frick, freut sich Björn Hayer in der taz. Dass die Romanhandlung, die einen möglichen Beitritts Albanien zu EU verhandelt, mit vielen Perspektivwechseln einhergeht, macht die Adaption für die Bühne nicht gerade einfach, was aber vielleicht auch ein ganz treffendes Bild für die Lage der EU ist, deren Staatschef sich auf Kreuzfahrten zu einigen versuchen: "Auf dem Schiff hat sich ein Magen-Darm-Virus ausgebreitet, der die sich erbrechenden Ego-Player dahinrafft. Inmitten sämtlicher umgeworfener Requisiten - vom Spielzeughund mit Wischmoppfell bis zu Holzrosen - liegen die Darsteller:innen am Boden. Treffender könnte man einen Staatenbund im Siechtum gar nicht in Szene setzen. Dazu erklingt kaum hörbar von einer Violine die Europahymne aus Beethovens 9. Sinfonie. Sie, ein Ruf aus einer verschütteten Vergangenheit, verhallt im Nichts. Oder ist sie doch eine leise Melodie der Hoffnung? Es bleibt offen, genauso wie der Ausgang von Menasses Trilogie. Diese furiose Premiere lässt Vorfreude aufkommen auf deren noch nicht erschienenen dritten und letzten Part."
Weiteres: Die nachtkritikliefert einen Überblick über die Wiener Festwochen. Die Berliner Zeitungerinnert sich anlässlich ihrer Jubiläumsausgabe daran, was sich in den letzten 80 Jahren alles auf den Berliner Bühnen abgespielt hat.
Besprochen werden: Florentina Holzingers Inszenierung "A Year Without Summer" an der Berliner Volksbühne (Welt), "The Visitors" auf den Maifestspielen Wiesbaden, inszeniert von Constanza Macras (FR), Philipp Arnold erzählt Mary Shelley neu in "Frankenstein oder Schmutzige Schöpfung" am Volkstheater München (SZ), Armin Petras inszeniert "Tesla, die Spree und der Kirschgarten" mit Motiven aus Tschechows "Kirschgarten" am Staatstheater Cottbus (Nachtkritik).
"Das Ungeheuer singt", staunt FAZ-Kritiker Hubert Spiegel. "Es ist die Klage eines kindlichen Wesens und eines furchterregenden Menschenfressers, halb Mensch, halb Stier, der seines Schicksals müde ist, sich nach Erlösung sehnt und weiß, dass nur der Tod sie bringen kann." Wer da so ergreifend singt, ist der britische Musiker Phil Grainger, der mit Alexander Wright bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen die zweiteilige musikalische Theaterperformance "Half Man / Half Bull" hinlegt: "Es sind Studioprojekte, entstanden, als alle Bühnen in Großbritannien geschlossen waren: zwanzig Songs über zwei antike Mythen auf einem Doppelalbum, das Wright und Grainger zusammen mit Oliver Tilney aufgenommen und zunächst nur über das Internet vertrieben haben. Erst nach dem Ende der Pandemie wurde daraus ein zweistündiger Theaterabend, von vier charismatischen Bühnenperformern dargeboten als höchst eigenwillige, mitreißende und wohl einzigartige Melange aus Schauspiel, Musiktheater, Rap, Sprechgesang und Poesie."
Weitere Artikel: In der nachtkritikberichtet Dorothea Marcus über die Antrittspressekonferenz von Kay Voges am Schauspiel Köln. In der FAZ erinnert Jürgen Kaube an den Verbrecher Jonathan Wild, der heute vor 300 Jahren hingerichtet und von Bertolt Brecht als Peachum in der Dreigroschenoper verewigt wurde.
Besprochen werden außerdem Anna-Elisabeth Fricks Adaption von Robert Menasses Roman "Die Erweiterung" am Nationaltheater Mannheim (nachtkritik), Florentina Holzingers Choreografie "A Year without Summer" an der Berliner Volksbühne ("Kaum eine Künstlerin sonst trifft aktuell so sehr den Nerv junger Theaterbesucher. Und zwar, weil sie gerade kein zynisches Feuilletontheater macht, sondern eines, das empowert", ist sich taz-Kritikerin Anna Fastabend sicher), Lydia Steiers Inszenierung von Wagners "Tannhäuser" an der Staatsoper Wien (Standard), Raquel Nevado Ramos' Choreografie "Plié" bei den Wiesbadener Maifestspielen (FR), Peter Quilters Stück "Fisch sucht Fahrrad" in der Frankfurter Komödie (FR), Jetske Mijnssens Inszenierung von Wagners "Parsifal" in Glyndebourne (FAZ) und ein Opernverismo-Abend mit Ruggero Leoncavallos "Pagliacci" und Pietro Mascagnis "Cavalleria rusticana" an der Staatsoper München (SZ-Kritiker Helmut Mauró stürzt von einem Gefühlsbad ins nächste - "Das könnte man nur mit schlechterer Musik verhindern").
Deutlich weniger angetan ist Manuel Brug in der Welt nach der Premiere dieses "pornografischenKrankenschwester-Musicals": "Das Holzinger-Theater, es ist eine behäbig kreiselnde Zitaten-Zentrifuge, die alles klein und matschig kriegt. Die aber immer stärker vor allem selbstreferenziell um das eigene Ego kreiselt." In der FAZ vermisst Wiebke Hüster nicht nur eine Dramaturgie dieses Stückes, das irgendwie um Empowerment, Schönheits-OPs und Unsterblichkeitswünsche kreist - sie wundert sich auch: Sich von einem "'Macht kaputt, was euch kaputt macht'-Splatter-Feminismus zu einer Art Harald Welzer oder Richard David Precht des deutschen Tanztheaters zu entwickeln, darin hatten wir Holzingers Zukunft nun nicht unbedingt gesehen." Dorion Weickmann rät Holzinger in der SZ indes dringend zu einer Pause. Weitere Besprechungen in Standard und Tagesspiegel.
Besprochen werden außerdem Silvia Costas "Otello"-Inszenierung an der Oper Stuttgart (FR) und die von Unsuk Chin komponierte und von dem Regiekollektiv Dead Centre inszenierte Oper "Die dunkle Seite des Mondes" an der Hamburger Staatsoper (NZZ).
Für die SZ trifft sich Florian Hassel mit Ihor Tulusow, Generaldirektor der Charkiwer Oper, der zu Kriegsbeginn in das Operngebäude zog und den Betrieb seit 2024 unermüdlich aufrechterhält. Zwar ist der 1500-Zuschauer-Saal für Aufführungen gesperrt, aber "mehrere Stockwerke tiefer haben die Opernleute einen früheren Abstellraum zum Theater umgewandelt. (…) Werke russischer Komponisten, die vorher rund 40 Prozent des Repertoires ausmachten, sind in Charkiw wie auf anderen ukrainischen Bühnen seit einem entsprechenden Gesetz vom Juni 2022 tabu. Kein Tschaikowski, kein Rachmaninow, kein Rimski-Korsakow mehr. Stattdessen kommen die ukrainische Nationaloper 'Natalka Poltawka' oder von westlichen Komponisten stammende Evergreens wie 'Tosca', 'La Traviata' oder die 'Zauberflöte' zur Aufführung - wenn auch meist nur ausschnittsweise, denn oft fehlen passende Sänger oder männliche Tänzer ..."
Weitere Artikel: In der nachtkritiksendet der Regisseur Johannes Müller, derzeit Fellow im Thomas-Mann-Haus in Los Angeles, einen Theaterbrief aus den USA, in dem er schildert, wie die Theater versuchen, sich gegen Trumps geplante Streichungen des National Endowment for the Arts (NEA) und die verschärften Förderrichtlinien zur Wehr zu setzen. In der FAZ berichtet Frauke Steffens derweil, dass die Mitarbeiter des Kennedy Centers, dessen Vorstand Trump umbauen und sich zum Vorstand wählen ließ (unser Resümee), eine Gewerkschaft gründen wollen. Im Tagesspiegelbilanziert Rüdiger Schaper sehr zufrieden das Berliner Theatertreffen.
Besprochen werden Milo Raus Inszenierung von Elfriede Jelineks Skandalstück "Burgtheater" am Wiener Burgtheater (Zeit, mehr hier), die von Rugile Bardziukaite inszenierte litauische Supermarktkassen-Oper "Have a Good Day!" bei den Maifestspielen in Wiesbaden (FR) und Inszenierungen des Oratoriums "Solomon" und der Oper "Tamerlano" bei den Händel-Festspielen in Göttingen (FAZ).
Keine Frage, Grigorovich hat Spuren in der Geschichte der Tanzkunst hinterlassen, meint Dorion Weickmann in der SZ. Aber er hatte in gut drei Jahrzehnten am Bolschoi eben auch "Zeit genug, jeden nur denkbaren Fauxpas zu begehen: falsche Tänzer zu promovieren, öde Ballettschinken zu produzieren und daneben rundum für Furcht und Stagnation zu sorgen." In der FAZ erinnert Wiebke Hüster an Grigorovich.
Außerdem: Merle Kralfeld unterhält sich auf van mit Annina Machaz, die in Florentina Holzingers "Sancta" auf der Bühne steht. Die Berliner Bühnen sind Spitzenklasse, freut sich Rüdiger Schaper im Tagesspiegel anlässlich eines Rückblicks aufs Theatertreffen. Patricia Kornfeld befragt auf nachtkritik den Schauspieler Matthias Leja über seine Rolle in Dea Lohrers "Frau Yamamoto ist noch da". Ebenfalls für die nachtkritikmacht sich Atif Mohammed Nour Hussein Gedanken über Adornos Text "Jene Zwanziger Jahre" und dessen Aktualität unter anderem für theaterpolitische Debatten. Bojan Budisavljevic schreibt auf nmz über die Zwischenspielzeit 2025/26 an der Deutschen Oper Berlin.
Besprochen werden eine Bühnenversion von Annie Ernaux' "Die Jahre" am Thalia Theater Hamburg (FAZ, "Bei Ernaux sprechen die Dinge, bei Jette Steckel dagegen plappern sie so vor sich hin"), die Uraufführung von Unsuk Chins Oper "Die dunkle Seite des Mondes" an der Staatsoper Hamburg (FAZ, "Von Zauber, Poesie oder Anlass zur Ergriffenheit ist an diesem Abend aber keine Spur", Anno Schreiers Oper "Die blaue Sau" am Theater Bonn (nmz, "ein großer Spaß", auch wenn die Handlung etwas arg sprunghaft geraten ist) und Johann Adolph Hasses Oper "Serpentes ignei in deserto" an der Berliner Philharmonie (BZ, "musikalisch reichhaltig und differenziert gegliedert").
Szene aus "Burgtheater". Foto: Tommy Hetzel. "Was für ein Trio infernal!" ruftNachtkritiker Reinhard Kriechbaum angesichts der Stars, die er in Milo Raus Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Burgtheater" ebendort zu sehen bekommt. Vierzig Jahre durfte das Stück über die Nazi-Verwicklungen der Hörbiger-Familie nicht aufgeführt werden (unser Resümee), nun treten bei Rau "Birgit Minichmayr als Paula Wessely, Caroline Peters als Attila Hörbiger und Mavie Hörbiger als Paul Hörbiger (ihr Großvater) auf. (...) Milo Rau lässt die Jelinek-Abschnitte, die gut die Hälfte der Spieldauer ausmachen, quasi als Satyrspiele ablaufen, in extrem schrillem Ton, mit krasser Outrage, meilenweit über die Grenzen bloß karikierender Überhöhung hinaus." Nicht nur hier geht Rau dem Kritiker ein bisschen zu weit - der Regisseur hat so viele verschiedenen Elemente und Themen in diese "Posse mit Gesang" gepackt, dass Kriechbaum geradzu "nach Luft japsen" muss und im "übervollen Wimmelbild" den roten Faden sucht.
Jürgen Kaube sieht es in der FAZ ähnlich, auch die moralisierenden Anekdoten hätte es für ihn nicht gebraucht. Vielleicht hätte sich Rau auf seine tollen Schauspieler verlassen sollen: "Wenn Minichmayr einen Filmmonolog der Wessely voll nationalen Sirups und einen ihrer Nachkriegsauftritte als Jüdin in 'Der Engel mit der Posaune' (1948) nachspricht, hält man den Atem an ob der perfekten mimischen Nachahmung von verlogenem Pathos. Doch das ist Schauspielertheater und genügt dem Regisseur nicht. Den Hörbigers wird vorgeworfen, die nationalsozialistischen Emotionen in die Herzen ihrer Zuschauer hineingespielt zu haben: Aufputschmittel und Valium fürs Volk. Er selbst will dasselbe mit dem Antifaschismus tun. Dem Spiel selbst traut er diese Wirkung aber nicht zu, weswegen von der Bühne herab gepredigt werden muss." In der SZ enthält sich Egbert Tholl einer eindeutigen Wertung, freut sich aber über "faszinierende, ruhige Momente", wenn es mal nicht drunter und drüber geht. In der tazbespricht Uwe Mattheis das Stück, in der NZZschreibt Bernd Noack.
Besprochen werden Brigitte Fassbaenders Inszenierung von Wagners "Parsifal" an der Oper Frankfurt (FAZ), Unsuk Chins Musiktheater "Die dunkle Seite des Mondes" als Abschiedsvorstellung des Generalmusikdirektors Kent Nagano an der Staatsoper Hamburg (SZ, Welt), Karsten Wiegands Inszenierung von Alban Bergs Oper "Wozzek" Staatstheater Darmstadt (FR) und Lukas Bärfuss' Inszenierung seines Ein-Mann-Stückes "Sex mit Ted Cruz" am Zürcher Schauspielhaus (NZZ).
Gebannt verfolgtNachtkritiker Tim Schomacker Jette Steckels Inszenierung von Annie Ernauxs "Die Jahre" am Thalia Theater. Ein "Schauspieler- und Schauspielerinnen-Septett" erzählt Ernauxs Geschichte davon, als Frau in Frankreich aufzuwachsen und von der Schwierigkeit, ein eigenes Selbst auszubilden: "Jette Steckels von einer schier unerschöpflichen Vielzahl an Mikroideen, Rand- und Nebengesten gespickte Bühnenfassung präsentiert uns Ernaux' Ich-Text, der vor lauter konkreter Verallgemeinerung ungern Ich sagen möchte, fast als eine Art Maschine. (…) So entsteht ein trauriger Maschinenraum, der die weibliche Gemeinschaftsfigur immer wieder an ihrer eigenen Originalität zweifeln lässt, so sehr wird 'sie' von den Repräsentanten von 'Gesellschaft' unter Kuratell und Regelwerk, unter Beobachtung und Erwartung gestellt."
Obwohl Barbara Bürk die psychologischen Tiefen von Henrik Ibsens "Frau vom Meer" in ihrer Inszenierung am Schauspiel Frankfurt eher links liegen lässt, ist Judith von Sternburg in der FR ziemlich zufrieden mit dieser Neuauflage des Stücks. Es geht um eine "Undine-hafte Frau, die durch eine alte Verlobungsgeschichte mit einem Fliegender-Holländer-haften Mann in ihrer Ehe mit einem braven Witwer und Vater zweier Mädchen nicht heimisch und glücklich werden kann." Das Stück wird inszeniert "mit so einer Zärtlichkeit dem Stoff und den Figuren gegenüber, dass es in den Kammerspielen ein besonderer Abend wird. (…) Bürks Zärtlichkeit: Sie schickt das Ensemble als skurriles Trüppchen auf die kleine Bühne, die älteren Figuren sind peinlich, die jüngeren sind unglücklich. Aber es sind doch Menschen."
Elisabeth Orth ist tot: Ronald Pohl trauert im Standard um die Großmeisterin des Wiener Burgtheaters, die aus der Schauspieldynastie Hörbiger kommt. Nicht nur an ihre Schauspielkunst, sondern auch an ihre Haltung erinnert Pohl: "Mit wenigen, kräftigen Strichen baute sie Figuren wie aus dem Nichts. Sie widerstand der überwältigenden Übermacht des Unglücks, etwa als Julie in Büchners Dantons Tod (1982, unter Achim Benning). Sie verkörperte grundsätzlich Widerstandsgeister. Orth half als Schauspielerin mit beim Zerstören von Illusionen, allen voran derjenigen, dass Österreich das erste 'Opfer' des Nazi-Terrors gewesen sei. Noch eine Grille verscheuchte sie: dass Schauspieler, überhaupt darstellende Künstler, allen Fragen der Moral enthoben seien. Dass ihre Eltern an netten Komödien mitgewirkt hätten, nur um die Menschen den Alltag in der Diktatur vergessen zu lassen. Bis an ihr Lebensende trat Orth ein für die Anerkennung jener Verantwortung, die auch Mitläufer zu tragen haben." Weitere Nachrufe bei Zeit Online, in der SZ und in der FR.
Weiteres: Peter Laudenbach zeigt sich in der SZ vergleichsweise unterwältigt vom diesjährigen Berliner Theatertreffen.
Besprochen werden: Giacomo Puccinis "Turandot" inszeniert von Gianluca Falaschi am Staatstheater Mainz (FR), "Anne Sophie Melita - Stimmen" vom Ensemble Kortmann & Konsorten in den Landungsbrücken Frankfurt (FR), "Sew Me to Your Pillow, Maman" von Raha und Ala Dehghani Vinicheh im Frankfurter Mousonturm (FR), "Das Letzte Jahr" vom Performanceduo Signa bei den Wiener Festwochen (Nachtkritik, Standard), Shakespeares "Der Sturm" am Staatstheater Braunschweig in einer Version von Sharon Dodua Otoo, inszeniert von Dagmar Schlingmann (Nachtkritik), Shakespeares "Romeo und Julia" inszeniert von Elsa-Sophie Jach am Münchner Residenztheater (SZ) und Robert Carsens Inszenierung von "Oedipus in Kolonos" und Roberto Andòs "Elektra" im Amphitheater Syrakus (FAZ).
"Aufgeben ist keine Option", hält Anna Fastabend (taz) angesichts der Kürzungen des Berliner Kulturbudgets fest, nachdem sie beim 62. Berliner Theatertreffen feststellen kann, mit welcher Aktualität und Relevanz sich das Theater auch gegen den Vorwurf behauptet, man betreibe nur Nabelschau des eigenen Milieus: "Das mag zwar hier und da zutreffen, möchte man erwidern, aber nicht nur die 62. Ausgabe dieser wichtigen Werkschau für die darstellenden Künste bemüht sich um einen jüngeren, diversen Anstrich, indem sie Nachwuchstalente aus Paraguay, Tel Aviv oder Kyjiw einlädt." Für die FAS trifft sich Julia Encke mit Mavie Hörbiger, die in Milo Raus Inszenierung des in Österreich 40 Jahre gesperrten Jelinek-Stücks "Burgtheater" über die NS-Verstrickungen des Hörbiger-Clans am Burgtheater auf der Bühne stehen wird. Ebenfalls in der FAS denkt Katja Petrowskaja in der Bild der Woche-Kolumne über Romeo Castelluccis Inszenierung von Pergolesis "Stabat Mater" in Genf nach.
Besprochen werden Annalisa Enghebens Theatermonolog "Ich bei Tag und du bei Nacht in der Konditorei 'Patisserie Chaim Soutine' nach Josef Winkler am Stadttheater Klagenfurt (Standard) und Roberto Andòs Inszenierung der "Elektra" des Sophokles sowie Robert Carsens Inszenierung von "Oedipus in Kolonos" bei den Festspielen in Syrakus (FAZ).
Im Jahr 1985 veröffentlichte Elfriede Jelinek ihr Stück "Burgtheater", in dem sie die NS-Verstrickungen des Hörbiger-Clans offenlegte, fortan wurde sie in Österreich geschmäht und als "Nestbeschmutzerin" beschimpft, erinnert Verena Mayer in der SZ. Vierzig Jahre später hat Milo Rau, Intendant der Wiener Festwochen, das Stück zunächst als Lesung, dann als Boulevard-Komödie mit Birgit Minichmayr in der Hauptrolle auf die Bühne des Burgtheaters gebracht. Warum gerade jetzt, erklärt er Mayer im Gespräch: "Weil man gerade 80 Jahre Kriegsende begehe und das Stück davon handle, 'inwieweit man in Österreich verstanden hat, was in der Vergangenheit passiert ist: Krieg, Mitläufertum und Holocaust'. Und wie es sein könne, 'dass man nach dieser Erfahrung eine extrem rechte Parteidie Mehrheit erobern lässt'. Zwar werde in Österreich vieles auf einer symbolisch-rhetorischen Ebene verarbeitet, sagt Rau, 'aber eine tiefere Verständnisschicht wird dabei nicht berührt'."
Weitere Artikel: Am Sonntag feiert Wagners "Parsifal", inszeniert von der Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender und dirigiert von Thomas Guggeis, an der Frankfurter Oper Premiere, für die FRspricht Judith von Sternburg mit den beiden über ihre erste Begegnung mit Wagners letzter Oper. Die nachtkritik führt ihren Liveblog zum Berliner Theatertreffen 2025 fort. In der FAZ berichtet Wiebke Hüster vom inzwischen dritten Brief an Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda, in dem nun Ensemblemitglieder des Ballett am Rhein Düsseldorf / Duisburg ihre Kollegen am Hamburger Ballett bei ihren Beschwerden über den neuen Ballettdirektor Demis Volpi unterstützen. Im Standardporträtiert Margarete Affenzeller das dänisch-österreichische Duo Signa und Arthur Köstler, das bei den Wiener Festwochen ihr Stück "Das letzte Jahr" zeigt.
Besprochen werden Anne Lenks Inszenierung von Ernst Tollers Kriegsheimkehrer-Drama "Hinkemann" am Deutschen Theater in Berlin (Welt), Marco Moraus Choreografie "Notte Morricone", getanzt von der italienischen Company Aterballetto bei den Wiesbadener Maifestspielen (FR) und die Produktion "Kindheiten" des Kollektivs vorschlag:hammer am Berliner Ballhaus Ost (nachtkritik).
In der FAZ resümiert Wiebke Hüster den Streit um den Musikalischen Direktor des Stuttgarter Balletts Mikhail Agrest, dessen Vertrag nicht verlängert wird, was das Ballett fünfzigtausend Euro kostet. In der NZZ schaut Christian Wildhagen den ESC-Kontest aus der Sicht eines Opernkritikers.
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