Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.01.2025 - Bühne

"Sankt Falstaff" am Residenztheater. Foto: Sandra Then.


"Beeindruckend hoffnungslos" findet SZ-Kritikerin Christiane Lutz Alexander Eisenachs Inszenierung von Ewald Palmetshofers "Sankt Falstaff" am Münchner Residenztheater, es passt aber als "Lehrstück in maskulinem Machtgebaren" perfekt in diese Woche von Trumps Amtsantritt. Palmetshofer hat sich an Shakespeares "Henry IV." und dessen ständig besoffenen "Lebemann" Falstaff orientiert: "Man darf sich daher keinesfalls täuschen lassen vom arg überstrapazierten Fäkalhumor, der doch vor allem die Lächerlichkeit solcher Dominanzgesten illustriert. Männliches Machtgebaren ist nun mal plump, doch Eisenach gibt sein Bestes, dieses nicht auch noch zu plump wirken zu lassen, was über große Strecken auch klappt. Gesten bleiben auf der Bühne halb ausgeführt, Kack-Witze wirken wie Störkörper in Palmetshofers Wortpalästen. 'Sankt Falstaff' ist ein oft prolliger, hitziger und gleichzeitig eiskalter Abend, bei dem man das Menschliche nur in einer Figur findet: im titelgebenden Falstaff. Dass das nicht anstrengend ist, hat niemand behauptet, aber das darf ja ruhig mal so sein im Theater." Vor der Kulisse aktuellen Männlichkeitsgebarens auf der Weltbühne wirkt das Stück vielleicht so auch besser, als wenn es von denjenigen Akteurinnen und Akteuren erzählen würde, die diese Strukturen durchbrechen, überlegt Lutz noch. Weitere Besprechungen: nachtkritik und Standard.

Besprochen wird: Tonio Schachingers "Echtzeitalter", inszeniert von Gerald Maria Bauer im Wiener Theater der Jugend (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.01.2025 - Bühne

Die Jury des Berliner Theatertreffens hat die zehn "bemerkenswertesten" Stücke aus 738 Inszenierungen der vergangenen zwölf Monate gekürt, mit dem letzten René-Pollesch-Stück "Ja nichts ist ok" (unsere Resümees) und Florentina Holzingers Hindemith-Bearbeitung "Sancta" (unsere Resümees) ist die Volksbühne gleich zweimal vertreten. In der SZ begrüßt Peter Laudenbach die vielfältige Auswahl: "Alle sind sie ziemlich eigenwillig und auf je unterschiedliche Weise radikal, sei es in der emotionalen Ungeschütztheit, sei es in der Freude an Exzess und Grenzüberschreitung." Welt-Kritiker Jakob Hayner zürnt hingegen: Alles ziemlich in sich gekehrt, die großen Konflikte bleiben außen vor, meint er: "Die soziale Apathie greift ins Ästhetische über. Wo bleiben die Wiederbelebungsmaßnahmen? Die Pressekonferenz zum diesjährigen Theatertreffen erweckt den Eindruck, dass man sich nicht genötigt sieht, dem Publikum groß entgegenzukommen. Fürs Rahmenprogramm wird ein Ehemaligentreffen aus den vergangenen Jahrzehnten des hauseigenen Internationalen Forums in Aussicht gestellt. Das wirkt ausgesprochen selbstbezogen." In der nachtkritik kommentiert Christian Rakow die Auswahl.

Szene aus "Echo 72. Israel in München". Bild: Sandra Then

Für die Zeit besucht Christine Lemke-Matway den jüdischen Komponisten Michael Wertmüller, bei den Proben zu seiner sechsten Oper "Echo 72. Israel in München" über das Olympia-Attentat, die am kommenden Samstag am Staatstheater Hannover uraufgeführt wird. Die Oper konzentriert sich auf die Sicht der Opfer: "Die Figuren im Stück heißen 'Ein Trainer', 'Eine Fechterin' oder 'Ein Polizist', sie bleiben abstrakt, verweigern jede Psychologie. Abstrakt ist auch Schimmelpfennigs Libretto, stellt halb poetische, halb lapidare Betrachtungen zu 'Theorie und Praxis' der jeweiligen Sportarten an. Narrativ zusammengeschnürt wird der Textkörper von einer Sprechrolle, der 'Klage', die die Ereignisse am 5. September 1972 im olympischen Dorf in München rapportiert und skandiert. Auf der Bühne verkörpert die junge schwarze Sängerin Idunnu Münch die 'Klage', im Video - und diese Bild- und Soundkarambolage ist zweifellos eine der stärksten Szenen des Abends - übernimmt die Schauspielerin Corinna Harfouch die Partie und grüßt als Dagmar-Berghoff-Verschnitt von einem körnig flimmernden Fernsehschirm. Wertmüllers Partitur vollzieht die Bewegung einer Schlinge nach, die sich immer fester zuzieht. Diese Oper rennt musikalisch, emotional, politisch 90 Minuten lang gegen die Wand. Schüsse knallen, eine Totenglocke läutet, Riffs jaulen."

Weitere Artikel: Irene Bazinger freut sich in der FAZ auf den Hildegard-Knef-Abend "Noch da! 100 Jahr, blondes Haar" von Ulrich Michael Heissig aka Irmgard Knef. In der taz fasst sich Michael Bartsch an den Kopf: Am Mittwoch erhielt Georg Genoux, Leiter des soziotheatralen Zentrum Thespis einen der beiden Förderpreise zum Lessingpreis, gleichzeitig strich der Sächsische Freistaat dem Theater sämtliche Förderungen. Regine Müller staunt bei VAN, dass das Theater an der Wien nach zwei Jahren Generalsanierung den Betrieb schon wieder aufnehmen kann.

Besprochen werden Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti" am Staatstheater Meiningen (FAZ), Tatjana Gürbacas Inszenierung der Berlioz-Oper "Die Trojaner" an der Oper Graz (FAZ), Amelie von Godins Inszenierung "Schimmernde Schluchten" nach Anais Clerc an den Bühnen Bern (nachtkritik), Christian Thausings Inszenierung der Johann-Strauss-Operette "Das Spitzentuch der Königin" am Theater an der Wien (NZZ) und Silvia Costas Inszenierung der Stockhausen-Oper "Montag aus Licht" an der Opéra de Lille (VAN, mehr hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.01.2025 - Bühne

Scènes de 'Montag aus Licht' - Karlheinz Stockhausen, Première CE SOIR Opéra de Lille © Hervé Escario


Nicht den gesamten, alle sieben Wochentage umfassenden "Licht"-Zyklus Karlheinz Stockhausens bringen Regisseurin Silvia Costa und das von Maxime Pascal geleitete Ensemble "Le Balcon" derzeit in der Opéra de Lille auf die Bühne; aber immerhin einen halben "Montag". Holger Noltze hat sich die Vorführung für die FAZ angesehen und ist, bei Kritik im Detail, doch beeindruckt vom Mut der Unternehmung: "Ein wenig Glaubensbereitschaft gehört schon dazu, und wer sich mit dem Weiblichkeitsbild der Gebärenden schwertut, ist für das aufs Kosmisch-Essenzielle zielende Erleuchtungs-Projekt verloren. Den Versuch sollte es aber wert sein, achtzehn Jahre nach dem Tod des Komponisten und soweit möglich jenseits von Orthodoxien, mit der Sympathie für einen auf die Grenzen des Möglichen zielenden Weg aus den Betriebsroutinen der Oper." Vielleicht ja auch eine Anstrengung zur rechten Zeit. Denn "wo der Meta-Chef Mark Zuckerberg gerade ernsthaft wieder mehr 'maskuline Energien' fordert, erscheint diese Feier des Weiblichen von brennender Aktualität."

Gut amüsiert hat sich Standard-Autorin Sofia Teresa Müller im Wiener Theater Bronski & Grünberg mit Kaja Dymnicki und Alexander Pschills Kriminalkomödie "Höllenangst". Lose an Nestroy-Motiven entlang wird ein haarsträubender Mörderspuk um einen charmanten Privatkommissar in Szene gesetzt: "Die allgegenwärtige Angst spiegelt sich in der klaustrophobischen Stimmung wider, die durch eine schlichte, aber eindrucksvolle Bühne mit antiken Möbeln eines düsteren Wohnzimmers entsteht. Die Erzählung ist reich gespickt mit slapstickartiger Komik und Wortspielen sowie schrulligen Sounds. (...) Der absurde Plot, der Elemente aus Wiener Varieté und geheimnisvollen Paktverhandlungen mit der Unterwelt miteinander verknüpft, erinnert an ein wildes Mosaik. Mit jedem Szenenwechsel - von der grotesken Darstellung eines korrupten Arztes bis hin zu surrealen Momenten, in denen eine Wurst als Tatwaffe dient - wird die Verwicklung dichter."

Außerdem: Albrecht Selge verabschiedet sich auf VAN von der umstrittenen "Tristan und Isolde"-Inszenierung Graham Vicks an der Deutschen Oper Berlin.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.01.2025 - Bühne

Szene aus "Blutbuch". Bild: Thomas M. Jauk

Kieran Joel hat Kim de l'Horizons mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman "Blutbuch" auf die Bühne des Potsdamer Hans Otto Theaters gebracht - und in der taz ist Michael Wolf erstaunt, wie gut das funktioniert: Im Zentrum der Inszenierung steht die Großmeer: "Nackt auf dem Rücken liegend, füllt sie, von der Bühnenbildnerin Barbara Lenartz entworfen, mit sicher zehn Metern vom Kopf bis zu den fast mannshohen Füßen die Bühne aus. Charlott Lehmann und Paul Sies, die beide die Hauptfigur Kim spielen, tollen auf dieser Landschaft aus Fleisch herum, rutschen über die Brüste, klettern die baumdicken Oberschenkel hinauf zum Knie, kriechen in die leeren Augenhöhlen, schlüpfen durch rotes Schamhaar. Da wäre in Kieran Joels Inszenierung also einerseits der riesenhafte, aber zugleich verschwindende, der sterbende Körper der alten Frau, der, einer Demenz geschuldet, seine eigenen Grenzen nicht mehr klar erkennen kann, der Kim ständig berührt, streichelt, abklopft, um sich zu vergewissern, wo sie aufhört und der andere Mensch anfängt. (…) Vor der Großmutter spielt das Kind Modenschau und hängt sein ganzes Glück daran, ob sie seine Schönheit lobt oder es tadelt, weil es 'Mädchenkleidung' trage. Eine solche Kategorisierung ist hier nichts anderes als nackte Gewalt."

Während sich Shirin Sojitrawalla in der nachtkritik darüber beklagt, dass jüngst wieder überwiegend Männer an Theatern bestimmen, berichtet Annette Reuther auf den Panorama-Seiten der SZ von der Inszenierung der Regisseurin Silvia Gallerano, die derzeit mit dem Stück "Svelarsi" (zu deutsch: "Enthüllen") durch Italien tourt: Sieben "Schauspielerinnen treten nackt auf die Bühne. Männern dürfen weder im Publikum sitzen noch bei der Produktion in irgendeiner Form mitwirken, keine Techniker, keine männlichen Journalisten, selbst die Feuerwehrbereitschaft im Theater muss eine Frau übernehmen. Eine Produktion frei vom 'männlichen Blick'. 'Wir zeigen uns nicht wie Tiere in einem Zoo', heißt der Aufruf."

Weitere Artikel: 2017 besetzten sie die Volksbühne, jetzt bewirbt sich die AktivistInnengruppe Staub zu Glitzer öffentlich für die Intendanz, meldet Erik Peter in der taz: "In ihrem Bewerbungsschreiben heißt es, man strebe nach einem 'Modellprojekt zur Überwindung des Intendanzsystems'. Das Kollektiv bewerbe sich nicht für die Intendanz, vielmehr gehe es ihnen darum, 'Enabler*innen eines völlig neuen Staatstheater-Modells' zu sein: Menschen aus der Volksbühnen-Community, darunter etwa die 230 Angestellten, Nachbar:innen, Wissenschaftler:innen und Aktivist:innen, sollen 'eingeladen sein, ihr Theater der Commons zu gestalten'." Für die SZ spricht Dorion Weickmann mit dem israelischen Choreografen Ohad Naharin, der das Stück "Momo" gemeinsam mit der israelischen Batsheva Dance Company auf die Bühne im Haus der Berliner Festspiele gebracht hat (unser Resümee) und der, obwohl er selbst die israelische Regierung kritisiert, immer wieder mit BDS-Protesten konfrontiert wird. Gerald Felber gratuliert dem Regisseur Peter Konwitschny in der FAZ zum Achtzigsten.

Besprochen werden die Tanztage in den Berliner Sophiensälen (taz), Christopher Rüpings Inszenierung "Ajax und der Schwan der Scham" am Hamburger Thalia Theater (taz), Martin G. Bergers Inszenierung der Wagner-Oper "Der fliegende Holländer" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Rainer Ewerriens Inszenierung von Elke Heidenreichs Ehe-Stück "Alte Liebe" in der Frankfurter Stalburg (FR) und Árpád Schillings Inszenierung von Peter Tschaikowskis "Eugen Onegin" an den Bühnen Bern (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.01.2025 - Bühne

Szene aus "Ein Blick von der Brücke".

Nachtkritikerin Grete Götze gefällt, wie in Eric de Vroedts Inszenierung von Arthur Millers Stück "Ein Blick von der Brücke" am Schauspiel Frankfurt "leichtfüßig über das Schwere" erzählt wird. Es geht um den Hafenarbeiter Eddie und seine Frau, die die beiden italienischen Cousins Marco und Rodolpho bei sich aufnehmen: Es "ist ein Stück über die Liebe, über das Begehren und langjährige Beziehungen, die aus dem Tritt geraten sind. Aber auch eins über Verrat, die Angst vor dem Fremden und darüber, was passiert, wenn keine Kompromisse geschlossen werden. Arthur Miller selbst hat es als Stück beschrieben, 'mit einer einzigen Handlungslinie von zunehmender Intensität, die unvermeidlich zum explosiven Höhepunkt führt'. Doch auch das Ende, in dem Marco Eddie ersticht, weil er ihn und Rodolpho verraten hat, gerät hier nicht düster. Das Licht geht an, Eddie steht auf und kuschelt sich zu einer italienischen Schnulze an seine Frau. Den Tod hat de Vroedt kurzerhand für beendet erklärt." Eine "runde Sache" ist das, meint die Kritikerin, die sich allerdings trotzdem ein wenig "mehr Widerstand im Material" gewünscht hätte.

Auch Judith von Sternburg findet in der FR, dass dem Abend ein bisschen mehr Struktur und weniger Beliebigkeit gut getan hätte - ein Lichtblick ist Heidi Ecks Darstellung von Anwalt und Erzähler Alfieri: "Ihre Mrs Alfieri ist durch ihr Mitgefühl bei gleichzeitiger Distanz (ist auch alles schon einen Moment her) tatsächlich die faszinierendste Figur des pausenlosen Zweistünders. Dass sie dazu große Gerichtssaalgesten benutzt, aber nach Eckscher Art schillernd fahrig aufführt: interessant."

Besprochen werden Bernadette Sonnenbichlers Adaption von Boris Vians Roman "Die Gischt der Tage" am Düsseldorfer Schauspielhaus  (nachtkritik), Georg Schmiedleitners Inszenierung von Erich Kästners Roman "Fabian oder der Gang vor die Hunde" am Theater Heilbronn (nachtkritik), Susanne Frielings Inszenierung des Briefwechsels von Ingeborg Bachmann und Max Frisch am Schauspiel Frankfurt, der unter dem Titel "Wir haben es nicht gut gemacht" herausgegeben wurde (FR), das Tanzstück "Momo" der Batsheva Dance Company und Trisha Browns Choreografie "Glacial Decoy" im Haus der Berliner Festspiele (taz), Kim Brandstrups Ballett "Of Light, Wind and Waters" mit Märchen-Motiven von Hans-Christian Andersen am Opernhaus Zürich (NZZ) und Marie Schleefs Inszenierung von Valeria Gordeevs Text "Er putzt" am Staatstheater Wiesbaden (nachtkritik, FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.01.2025 - Bühne

"Opera of Hope". Foto: Mable Preach


Recht angetan ist nachtkritiker Andreas Schnell vom Versuch der Hamburger Regisseurin Mable Preach, mit ihrer "Opera of Hope" auf Kampnagel Hamburg die Oper zu entkolonisieren und dabei Täter und Oper säuberlich zu sortieren: "Es ist kein musikalisch durchkomponierter Abend, eher eine Reihe von Songs; zudem wird gesprochen und viel getanzt. Aber es ist - wie die Oper einst - ein subversiver, ein kämpferischer Abend. Das Stück verflicht individuelle Geschichte mit gesellschaftlichen Verläufen von Rassismus, von Identität, vom Kampf um die eigene Vergangenheit, ohne die es keine Zukunft gibt. Und es verflicht die verschiedenen Ausdrucksformen zu einem dramaturgischen Gewebe, das im Bühnenbild seinen sinnfälligen Ausdruck findet: Links beherrscht ein großer Baum die Bühne, von dem kräftige Wurzelstränge ausgehen, rechts sitzt Martha Samba mit langen Zöpfen, dazwischen webt das Ensemble im Verlauf des Abends ein Netzwerk. Samba ist dabei eher für den Meta-Text zuständig, berichtet von Menschen, die sich auf Schlauchbooten auf den Weg übers Mittelmeer machen und dank der EU-Grenzpolizei Frontex wieder zurück geschickt werden ... Und immer wieder singen die Akteure zur Musik des String Archestra und der beiden musikalischen Direktoren Obed Owosu-Motovsky und Isaac Gordon jr., die sich vor allem bei Gospel, Soul und Pop umhört und oft sehnsüchtig klingt."

"Momo". Foto: Ascaf


Einen etwas ungemütlicheren Abend erlebte Tagesspiegel-Kritikerin Sandra Luzina, die einen Polizeikordon passieren musste, um eine Aufführung der israelischen Bathseva Dance Company im Haus der Berliner Festspiele zu sehen. Während draußen "circa zwanzig propalästinensische Aktivisten gegen das Gastspiel" protestierten, erlebten die Zuschauer drinnen eine Feier der Individualität: "Der Choreograf Ohad Naharin, das Mastermind der Company, arbeitet oft mit Gegensätzen, so auch in 'MOMO'. Zuerst betreten vier Männer mit nackten Oberkörper die Bühne. Sie bewegen sich im Gleichschritt, wirken angespannt, als wären sie auf der Hut. Die vier bilden eine eingeschworene Gemeinschaft, gehen ganz in ihrer kollektiven Identität auf. In diese Bruderschaft platzt der schlaksige Tänzer Nathan Chipps in fliederfarbenem Glam-Trikot, seine ausgreifenden Bewegungen wirken immer etwas zu schwungvoll. Nacheinander betreten dann sieben exzentische Akteure in knappen Outfits die Bühne. Während die vier Bros mit ihren Körperertüchtigungsritualen ein archaisches Bild von Männlichkeit entwerfen, verkörpern die Sieben einen hedonistischen Individualismus. Die vier Frauen und drei Männern demonstieren in kurzen Soli ihren ganz eigenen Look und Tanzstil."

Weiteres: In der FAZ wünscht sich Boris Motzki, dass das Theater die "gegenwärtige Brisanz" des italienischen Dramatikers Luigi Pirandello erkennen und ihn öfter spielen würde. Besprochen wird noch Christopher Rüpings Projekt "Ajax und der Schwan der Scham" am Thalia-Theater Hamburg (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.01.2025 - Bühne

"Ajax und der Schwan der Scham." Foto: Krafft Angerer.

Dass Christopher Rüpings Inszenierung "Ajax und der Schwan der Scham" am Hamburger Thalia Theater immer mal wieder den Fokus verliert, macht sie erst so richtig sehenswert, befindet Nachtkritiker Falk Schreiber, der der Verschränkung von Sophokles' "Ajax" und Darren Aronofskys Film "Black Swan" einiges abgewinnen kann. So wird denn auch Sarah Lane, die Ballerinen-Protagonistin des Films, digital der Kopf Natalie Portmans aufgesetzt, die die Ballettszenen des Films nicht selbst getanzt hat, sie wird hier von Pauline Rénevier gespielt: "Wahrscheinlich ist das die zentrale Szene von Rüpings mäandernder, tastender Annäherung an Ajax, eine eher unbekannte Figur der griechischen Mythologie. Hier wird die Frage gestellt, was eigentlich ein echtes Bild ist, was ein Trugbild, was mit einem Körper passiert, wenn er sich transformiert in einen anderen. Und nicht zuletzt: Wer sind die Menschen, die unsichtbar werden, weil jemand anders wichtiger wirkt, verkaufsfördernder, cooler? Die Frage, ob man einen Hollywoodstar aufs Plakat schreibt oder eine (hochgeehrte aber eben nur einem kleinen Kreis bekannte) Ballerina, beantwortet sich selbst: Manche Menschen sind eben die Zweitbesetzung." Weitere Besprechungen in der FAZ und Deutsche Bühne.

Weiteres: Dass die Sanierung der Komischen Oper in Berlin jetzt auch amtlich gesichert ist, meldet der Tagesspiegel.

Besprochen werden: "Justitia! Data Ghosts", eine Performance von Gin Müller und Laura Andreß im Wiener Brut-Theater (Standard), Paula Kläys "Gigantische Einsamkeit", inszeniert von Rosa Rieck an den Münchner Kammerspielen (Taz), Emre Akal und Elvin İlhan inszenieren "Animal Farm" "sehr frei" nach George Orwell am Schauspiel Hannover (Taz) und "Conni und Clyde" von Meo Wolf an der Berliner Volksbühne (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.01.2025 - Bühne

Szene aus "Istanbul". Foto: Foto: Fatih Kurçeren

Seit zehn Jahren läuft die umgekehrte Gastarbeitergeschichte "Istanbul" über den Deutschen Klaus Gruber, der in den sechziger Jahren in die Türkei muss, erfolgreich auf deutschen Bühnen, nun hat Regisseurin und Stückentwicklerin Selen Kara das Stück an das Schauspiel Essen geholt, wo sie seit 2023 Co-Intendantin ist. Für die SZ geht Max Florian Kühlem dem Erfolg des Stückes auf den Grund: "Es gibt Szenen in 'Istanbul', bei denen deutlich wird, was die Gesellschaft damals angerichtet hat. Menschen aus dem Publikum werden zur Musterung auf die Bühne gebeten. Alican Yücesoy, der in der Türkei ein Film- und Serienstar ist und im Stück auch Klaus Grubers besten Freund Ismet spielt, spielt den Arzt, der die Gemusterten nur auf Türkisch anspricht und scheinbar willkürlich auswählt: Du darfst in unserem Land arbeiten. Und du musst wieder gehen. Klaus Gruber muss sich auch mit der irritierenden Tatsache auseinandersetzen, dass die Politik im anwerbenden Land tatsächlich dachte, man könne ihn und seine Gastarbeiterkollegen nur für zeitlich begrenzte Arbeitseinsätze holen, dann wieder nach Hause schicken und bei Bedarf Nachschub ordern. Dieser unmenschliche Umgang produzierte in der Wirklichkeit ein starkes soziales Gefälle: Deutsche blickten herab auf die Gastarbeiter..."

Im März 1991 legten der Schriftsteller Friedrich Dieckmann, die Theaterkritiker Michael Merschmeier und Henning Rischbieter sowie der Publizist und Theaterintendant Ivan Nagel ihre heute als "Nagel-Gutachten" bekannte Bilanz der Berliner Theaterlandschaft nach der Wiedervereinigung vor, erinnert der Philologe Kai Bremer in der nachtkritik, der findet von den "unmissverständlichen politischen Positionierungen" könne sich die aktuelle Kulturpolitik auch heute eine Scheibe abschneiden: "So wird zwar erwogen, 'drei weltberühmte Theater zu schließen, etwa: Staatsoper, Staatliche Schauspielbühnen (samt Schiller-Theater), Berliner Ensemble - oder: Deutsche Oper, Deutsches Theater, Schaubühne am Lehniner Platz.' Es wird aber ebenso klar formuliert, was das hieße: 'Nur um den Preis einer dreifachen 'Kulturschande' käme man auf Größenordnungen, die vom Land Berlin allein finanziert werden können.' Das Gutachten benennt damit die Option Theaterschließung ausdrücklich. Von ihr wird aber abgeraten, indem an die internationale Strahlkraft der Häuser erinnert…"

Besprochen werden das Stück "Letters Home" des russischen Schauspielduos Alena Starostina und Ivan Nikolaev im Festspielhaus Hellerau Dresden (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.01.2025 - Bühne

Theater Nestroyhof Hamakom - Fragments of Our Time,
(c) Gregor Grkinic

Ein herausragendes Stück Tanztheater bringen Christoph Bochdansky und Rose Breuss am Wiener Theater Nestroyhof Hamakom auf die Bühne. "Fragments of Our Time" erzählt, so Sofia Teresa Müller im Standard, von exilierten Künstlern, die verlorene Tänze aufführen. "Aus der Hommage an vergangene Zeiten erwächst ein vielschichtiger Dialog zwischen Erinnerung und Gegenwart. Das Ensemble - unter ihnen internationale Künstler aus Argentinien, Taiwan oder der Ukraine - verwebt Vergangenheit mit biografischen Momenten der eigenen Tanzkarriere, die bis heute nachhallen. Mal wirken die Tanzenden wie im Stillstand gefangen, mal explodiert die Energie, wenn sich zeitgenössische Soundeffekte mit klassischer Klaviermusik verdichten." Besonders bemerkenswert sind außerdem "die überdimensionierten Puppen, die als Protagonisten auftreten und den Übergang von Historie zu zeitgenössischem Erlebnis erleichtern. Sie sind keine bloßen Spielfiguren, sondern werden zu Gesprächspartnern, Kommentatoren, manchmal sogar zum Teil der Identität der Tänzer."

Verena Großkreuz besucht für nachtkritik den Daniil Charms gewidmeten Soloabend "Zack. Eine Sinfonie". Der Schauspieler Wolfram Koch bringt diese dem 1942 als Opfer des stalinistischen Terrors verstorbenen Charms gewidmete Hommage derzeit am Schauspiel Stuttgart auf die Bühne - als absurde Nummernrevue, die sich aus Gedichten, Dialogen und kleinen Erzählungen zusammensetzt. "Eine ganz besondere, schön schockhafte Art von Komik entsteht oft gerade aus dem pausenlosen Umswitchen in die nächste Nummer. Das Lachen bleibt einem dementsprechend immer wieder im Halse stecken. Eine Professorenfrau, die gerade noch den Tod ihres Gatten betrauert, wird von 'fremden Menschen' gegen ihren Willen in eine Irrenanstalt abgeführt. Oder eine Hygienekommission legt den fast schon verhungerten Kalugin 'in der Mitte zusammen' und kippt ihn weg 'wie Müll'."

Weitere Artikel: Christiane Lutz kommentiert in der SZ die Entscheidung des Gerhart-Hauptmann-Theaters, die Namensrechte des Hauses zum Verkauf anzubieten: Warum nicht?, fragt sie sich beziehungsweise uns. Die FAZ erinnert an den verstorbenen Bremer Theaterindendanten Michael Börgerding. Atif Mohammed Nour Hussein plädiert auf nachtkritik für ein Comeback des kulinarischen Theaters. Das Berliner Ensemble nimmt, um Finanzierungslücken zu schließen, Übernachtungsgäste auf, berichtet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. Ebenfalls in der Berliner Zeitung fragt Carola Tunk: Hat das Land Berlin wissentlich eine korrupte Firma mit der Sanierung der Komischen Oper beauftragt?

Besprochen werden György Kurtágs "Fin de partie" an der Berliner Staatsoper (van, nmz) und Maria Milisavljevićs "Staubfrau" im Zürcher Schiffbau (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.01.2025 - Bühne

Szene aus "Fin de partie" an der Staatsoper Unter den Linden. Foto: Monika Rittershaus.

Die "trostloseste, die berühmteste Clownerie der Weltliteratur" hat György Kurtág zu einer Oper gemacht und mit Samuel Becketts "Endspiel" ein Stück vertont, in dem es um etwas ganz anderes geht als sonst in der Oper, macht SZ-Kritiker Wolfgang Schreiber klar. Das absurde Weltuntergangsszenario, das Johannes Erath für die Staatsoper Unter den Linden auf die Bühne gebracht hat, zeichnet sich aus durch seine "'Pausen und den Stillstand der Zeit, quasi das Warten auf etwas - das ist für eine Oper außergewöhnlich.' Hier gehe es einmal nicht um große Gefühle in Melodien, Gedanken, Konflikten, äußert Dirigent Alexander Soddy im Programmbuch. Mit der Staatskapelle Berlin gelingt ihm in hundert Minuten das Entscheidende: rhythmisch äußerst genau und doch hellhörig mit geschmeidiger Elastizität zu gestalten, die raffiniert geschichteten Klangfarben der komplexen Partitur aufleuchten zu lassen, immer wieder die folkloristischen Elemente von Akkordeon und Cimbalom in den Fluss zerrissener, bloß gezupfter, stockender Momente der Holz- und Blechbläser einzubinden. Ein Sog gezielt andauernder aphoristischer Verknappung muss entstehen."

Eingängig ist die Inszenierung und die Musik nicht gerade, findet FAZ-Kritiker Clemens Haustein, beeindruckende Szenen gibt es trotzdem: "Das Zirkushafte spielt eine Rolle, wenn Hamm, der Sohn, der nur noch sitzen, aber nicht mehr gehen, und Clov, sein Helfer, der nur noch gehen, aber nicht mehr sitzen kann, im paillettenbestickten Glitzeranzug erscheinen (Kostüme: Birgit Wentsch). Stephan Rügamer als glänzender Charaktertenor spielt und singt Nagg, den Vater, mit clownesker Agilität. Noch auf die Entfernung wirken Kraft und Präsenz seiner Mimik und Gestik." taz-Kritikerin Katharina Granzin ist "hingerissen" vom Bühnenbild: "Während das äußere Setting von Becketts Nicht-Drama prinzipiell maximale Trostlosigkeit vorsieht, wird diese Tristesse in der Oper ins Fantastische transportiert, wird Unsichtbares sichtbar gemacht: Wir sehen, was die statischen Figuren im Inneren bewegt, als äußere Aktion." Im Tagesspiegel schreibt Gregor Dotzauer über das Stück. 

Außerdem: Tom Mustroph unterhält sich in der taz mit dem Dramatiker Jeton Neziraj, dessen Theaterstück "Six against Turkey" die Auslieferung von sechs türkischen Staatsbürgern aus dem Kosovo an die Türkei aufgreift, und nun überraschend von den kosovarischen Behörden abgesagt wurde. Besprochen wird Jette Steckels Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Asche" am Thalia Theater in Hamburg (nachtkritik).