Szene aus "Festen" an der Royal Opera. Foto: Marc Brenner. Ein "dichtes, ausgefeiltes Ensemblestück" bekommt FAZ-Kritikerin Gina Thomas im Königlichen Opernhaus in London serviert. Die Kritikerin staunt nicht schlecht: Mark-Anthony Turnage hat aus Thomas Vinterbergs Kult-Film "Das Fest" eine Oper konzipiert. Das widerspricht zwar nicht nur einem der "Dogma-95"-Prinzipien, nach denen Vinterbergs Film gedreht ist (zum Beispiel "keine untermalende Musik"). Dafür gelingt es dem Regisseur laut Thomas hervorragend, die düstere Geschichte über eine Familienfeier, auf der der jahrelange Missbrauch der Kinder durch den Vater aufgedeckt wird, auf die Bühne zu bringen: "Trotz der hochkarätigen Besetzung nimmt niemand eine Starrolle ein. Alle glänzen auch in den kleinsten Partien, wie der des von John Tomlinson verkörperten Großvaters, der die Pointe seiner schmuddeligen Anekdote nicht mehr zusammenkriegt, oder Susan Bickley als dessen Frau, die mit einem verträumten Volkslied vom Horror ablenken will. Turnage hat ein dichtes, ausgefeiltes Ensemblestück komponiert, dem er in einem hundert Minuten dauernden Fluss jazziger Rhythmen, mokanter Kontrapunkte und ominös anschwellender Passagen für ganzes Orchester dramatische Intensität verleiht."
Im Guardian ist Andrew Clements ebenfalls restlos begeistert und attestiert "makelloses dramatisches und musikalisches Tempo": Drehbuchautor Lee Hall hat einen straffen, schnörkellosen Text zur Verfügung gestellt, in dem kein Wort verschwendet wird, so dass die schreckliche Geschichte, die sich beim Abendessen zum sechzigsten Geburtstag des Hotelbesitzers Helge abspielt, von einer Familie, die durch Kindesmissbrauch zutiefst gezeichnet ist und von einem Selbstmord heimgesucht wird, in einer einzigen 95-minütigen Spanne präsentiert wird, die vom ersten bis zum letzten Moment packt, bewegt und entsetzt."
Weitere Artikel: nachtkritiker Janis El-Bira fragt sich, warum die Theater so gern Georg Büchners "Woyzeck" spielen. Verena Harzer besucht für die taz das Berliner Kostümkollektiv, das Theaterkostüme neu aufbereitet.
Besprochen werden Sapier Hellers Inszenierung von Hanoch Levins Komödie "Dingens" am Schauspiel Frankfurt (FR), K.D. Schmidts Inszenierung von Philip Glass' Oper "The Fall of the House of Usher" am Staatstheater Mainz (FR), Lorenz Noltings Inszenierung von "Oklahoma" inspiriert von Franz Kafka am Thalia Theater Hamburg (nachtkritik), Mizgin Bilmens Inszenierung von Georg Büchners "Woyzeck" am Badischen Staatstheater Karlsruhe (nachtkritik), Thomas Jonigks Doppelinszenierung von Marius von Mayenburgs Stücken "Egal" und "Ellen Babić" am Akademietheater Wien (nachtkritik) und Kurdwin Ayubs Inszenierung ihres Stücks "Weiße Witwe" an der Berliner Volksbühne (taz).
In der FRzeigt sich Sylvia Staude beeindruckt, wie frisch und aktuell Jura Soyfers "Der Weltuntergang" wirkt. Soyfer war im Alter von 27 Jahren im KZ Buchenwald an Typhus gestorben. Sein Stück "Der Weltuntergang", 1936 nur kurz aufgeführt, hat jetzt Michael Quast an der Frankfurter Volksbühne inszeniert: "Man merkt, die Volksbühne - Quast zeichnet für Bühnenbild und Regie verantwortlich - hat ein wenig aktualisiert, womöglich auch beim Wort 'Dekrete', auf die die Sonne ebenso stolz ist wie ein gewisser Trump. Allerdings staunt man auch, wie die Szenen keineswegs verstaubt wirken, wie präzise die Eitelkeit eines Adolf Hitler aufgespießt wird ('zum Zerschmettern bin ICH da', sagt eine AH-Puppe, wütend) - und der Weltuntergang an sich droht sowieso jederzeit. Da bräuchte es noch nicht einmal den neu dazugekommenen Klimawandel. Es ist der Umgang des Menschen mit einer so gewaltigen Gefahr, aus der Soyfer seinen Witz vor allem schöpft."
Weitere Artikel: Eva Behrendt stellt in der tazLena Brasch vor, Nichte von Thomas, die gerade am Gorki-Theater "Brasch - Das Alte geht nicht und das Neue auch nicht" inszeniert. In "Bilder und Zeiten" (FAZ) sucht Stefana Sabin nach der Quelle von Shakespeares italienischen Inspirationen, und Martina Wagner-Egelhaaf überlegt, warum das Dämonische auf der Bühne und in der Literatur gerade so beliebt ist.
Besprochen werden Doris Uhlichs Choreografie "Come Back Again" im Brut-Theater mit der 82-jährigen Ballerina Susanne Kirnbauer-Bundy (Standard), Eva Meyer-Kellers Performance "Turn the P/Age", die in den Berliner Sophiensälen "kreative Bilder für hormonelle Prozesse menopausierender Frauen" sucht (nachtkritik) und Stefan Vögels "Bis dass der Tod" an der Frankfurter Komödie (FR).
"Die Liebe der Danae." Bild: Monika Rittershaus. "Geradezu mustergültig" inszeniert Claus Guth Richard Strauss' vorletzte Oper "Die Liebe der Danae" in der Bayrischen Staatsoper, lobtNZZ-Kritiker Marco Frei, dem der Bezug zwischen der Entstehungsgeschichte während des Nationalsozialismus und den Populisten von heute natürlich nicht entgangen ist: "Guth nimmt die von der Weltgeschichte überschattete Werkgenese zum Anlass, um die Handlung an heutigen Verhältnissen zu spiegeln - im Gewand einer Dystopie. Aus dem Königreich, in dem Pollux, der Vater Danaes, verschwenderisch herrscht, wird ein Wolkenkratzer - wohl der Trump-Tower in New York (…) Zudem scheint Trumps schöne neue Weltordnung Geister einer Zeit wiederzuerwecken, die man eigentlich überwunden glaubte. Hier setzt Guth an und skizziert zugleich einen möglichen Ausblick in die Zukunft. Im Verlauf des Abends bricht nämlich die Glitzerwelt im Trump-Tower zusehends in sich zusammen. Bald rauchen Ruinen, im Wolkenkratzer hausen Obdachlose. Als ein Helikopter vor der Fensterfassade auftaucht, machen die Gestrandeten auf sich aufmerksam, doch die letzte Rettung fliegt einfach davon."
Weiteres: Die deutsche Choreografin Sasha Waltz und der isländisch-dänische Künstler Ólafur Elíasson bekommen den mit 20 000 Euro dotierten Helmut-Schmidt-Zukunftspreis, meldet die FR. Besprochen wird Doris Uhlichs Stück "Come Back Again" am Brut Wien (Standard).
Der georgische Theaterkünstler Data Tavadze schickt der nachtkritik einen Brief aus Georgien, wo die Proteste gegen die mutmaßlich gefälschten Wahlen, die die prorussische Partei "Georgischer Traum" in die Regierung hievten, weitergehen. "Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an den Tag, an dem die Theatersäle mit Zuschauern gefüllt waren - alle in georgische und EU-Flaggen gehüllt. Sie warteten darauf, dass sich die Schauspieler ihrem Protest anschließen würden, und das geschah dann auch: Die Schauspieler bildeten eine Barriere zwischen Polizei und Publikum. 'Theater als Schutzschild der Menschen', sagte einer von uns. ... Die gewaltsame Repression gegen friedlich Demonstrierende hat sich dramatisch verschärft. Etwa 300 von ihnen wurden von der Polizei verprügelt und misshandelt. Allein in den ersten zwei Wochen des Jahres 2025 wurden in Tblisi über 500 Personen festgenommen. Künstler und Journalisten zählten dabei zu den Hauptangriffszielen des Regimes."
Der Theaterregisseur Christopher Rüping kommt am Samstag mit seiner Züricher Inszenierung von Sarah Kanes "Gier" ans Deutsche Theater Berlin. Warum er sich für Kane interessiert, die so gar nicht mehr zum Zeitgeist passt, erklärt er im Interview mit der Welt: "Die Bühne wird seltener als Ort genutzt, an dem sich Gewalt und Abgründe ereignen. Heute geht es häufiger um Utopien als um Dystopien. Kane wollte alles, wovor wir zurückschrecken, auf die Bühne zerren. Das zeitgenössische Schauspiel will eher Welten entwerfen, in denen das Gewalttätige und Abgründige überwunden werden. Da hat ein radikaler Beleuchtungswechsel stattgefunden und jemand wie Kane passt auf den ersten Blick nicht mehr rein. ... Kane sagte über 'Gier', es sei ihr düsterstes Stück, doch für mich ist es ihr hellstes. Die Figuren suchen nach etwas, an dem sie sich wärmen können und finden ab und zu sogar ein kleines Teelicht oder ein flackerndes Feuerzeug im Schneesturm. Der Text schreit nach etwas, ist geboren aus einer unstillbaren Gier nach Nähe - körperlicher, intellektueller, emotionaler Nähe. Als wir das Stück vor zwei Jahren probten, fragte ich mich, welches Bedürfnis ein Publikum ins Theater treibt. Und Kanes Gier schien mir aktuell, gerade für eine junge Generation, deren Hunger nach Leben und Nähe während der Lockdowns ungestillt bleiben musste."
Weiteres: Helmut Mauro schreibt in der SZ zum Tod der Sopranistin Edith Mathis. Besprochen werden die Soloperformance "Rage" von Daphna Horenczyk im Wiener Wuk (Standard), ein theatraler Abend mit Amir Gudarzis "Quälbarer Leib" und Heiner Müllers "Bildbeschreibung" am Landestheater Marbach (FR) und die Choreografie "En Kopp Kaffe" des 79-jährigen Choreografen Mats Ek in Stockholm (FAZ).
In der FAZ schreibt Jürgen Kesting zum Tod der Sopranistin Edith Mathis, deren Susanna wir noch im Ohr haben: "Immer kommt eine ihrer wichtigsten Qualitäten zur Geltung: die Fähigkeit, den Klang ihrer Stimme mit dem der Partnerinnen zu mischen, beispielsweise im Briefduett mit dem Sopran von Gundula Janowitz in der Rolle der Gräfin."
Weitere Artikel: Thomas Birkmeier, Direktor des Theaters der Jugend, Wien, meldet sich zu Wort und antwortet auf Machtmissbrauchs-Anschuldigungen, berichtet der Standard, auf dessen Recherche die Vorwürfe zurückgehen. Ebenfalls im Standardberichtet Margarete Affenzeller von einer szenischen Lesung des Éric-Vuillard-Romans "Die Tagesordnung" am Wiener Volkstheater.
Szene aus "Fräulein Else" am Volkstheater Wien. Foto: Marcel Urlaub. Christiane Lutz hat sich für die SZ mit der Regisseurin Leonie Böhm zum Plaudern getroffen und sich außerdem ihre Version von Arthur Schnitzlers "Fräulein Else" am Wiener Volkstheater angesehen. Böhm befreit die Figuren ihrer Inszenierungen oft von der "Testosteronlast" der Textvorlage, so Lutz, als "feministische Überschreibung" würde sie das aber nicht bezeichnen, denn "die Essenz der Originaltexte ist immer da, sie negiert nichts. Sie legt viel mehr etwas bislang Ungesehenes frei." So wird auch das moralische Dilemma der Fräulein Else, die aus der Not heraus damit hadert, sich vor dem reichen Dorsday auszuziehen, in einer emanzipatorischen Geste aufgelöst: "Sie überlegt, Dorsday zurückzuweisen oder sich einfach umzubringen. Sie imaginiert das Gerede auf ihrer Beerdigung: 'Die is da selber schuld. Allein wie die anzogn war. Außerdem hätt sie ja einfach nein sagen können.' Kleiner Gruß an die 'Me Too'-Debatte und an die immer noch beliebte Täter-Opfer-Umkehr. Irgendwann ruft Else das Publikum auf, einfach mit ihr gemeinsam zu Dorsday nach Hause zu gehen, das ganze Theater, 700 Leute! 'Wenn einer mich sieht, dann sollen mich auch andere sehen. Die ganze Welt soll mich sehen', das Publikum lacht, aus der bedrohlichen Situation entsteht ein Moment der Gemeinschaft. 'Die meisten von uns sind nackt unter ihren Mänteln. Schämen? Wir uns? Warum? Ich schäme mich nicht', ruft Else und zieht ihren Mantel und den weißen Spitzenkragen aus, darunter ist sie nackt. Es ist eine die Angst überwindende Nacktheit."
Besprochen werden Claus Guths Inszenierung der Strauss-Oper "Die Liebe der Danae" an der Bayerischen Staatsoper (FAZ), Haitham Assem Tantawys Inszenierung von Peter Maxwell Davies' Oper "Der Leuchtturm" und Julia Langeders Inszenierung von Henry Purcells Oper "Dido und Aeneas" an der Oper Duisburg (FR), zwei Inszenierungen von Elfriede Jelineks Stück "Asche", einmal von Jette Steckel am Hamburger Thalia Theater und von Lilja Rupprecht am Schauspiel Hannover (taz) und Barrie Koskys Inszenierung der Puccini-Oper "Manon Lescaut" an der Oper Zürich (NZZ).
Szene aus "Pasolini. Io so." am Theater an der Ruhr. Foto: Franziska Götzen "Nicht weniger mutig als sein illustrer Vorläufer und Bruder im Geiste" ist der Regisseur Roberto Ciulli, der im Theater an der Ruhr ein Stück über Pier Paolo Pasolini inszeniert hat, findet SZ-Kritiker Martin Krumbholz. Dabei beleuchtet Ciulli auch die immer noch nicht aufgeklärten Umstände des brutalen Mordes an dem Filmemacher und legt nahe, dass es sich um eine politische Tat gehandelt haben könnte. Wie soll man so etwas in zwei Stunden auf eine Theaterbühne bringen, fragt sich der Kritiker. Aber: es funktioniert: "Es beginnt stocknüchtern: Vier Spieler und eine Spielerin sitzen auf Stühlen frontal zum Publikum und deklamieren, so muss man es nennen, einige Essentials zur Vor- und Nachgeschichte des Mordes, aus Originaldokumenten montiert (...) Ein Engel erscheint plötzlich und tanzt irritierend schön, indem er sich minutenlang um die eigene Achse dreht. Ciulli liebt solche ein wenig kryptischen Einsprengsel, die sein Theater immer schon in andere, abgehobene Dimensionen befördert haben. Er liebt auch die bewundernswerte Schauspielerin Eva Mattes, die, in Bauerntracht gekleidet, zwei bemerkenswerte, fast etwas bizarre Auftritte hat. Schließlich ist dieser Abend ein Requiem, und das Unerklärlich-Schöne gehört ebenso dazu wie der staubtrockene Nachruf."
Eine sehr aktuelle Dimension hat das Stück außerdem, wie Dorothea Marcus in der tazfesthält: "Wie Botschaften aus dem Jenseits und Kommentare zur Gegenwart wirkt das zuweilen: Pasolini spricht davon, wie viel er 'weiß' (io so), droht, konkrete Namen zu nennen und beschreibt einen mörderisch faschistisch-neoliberalen Komplex aus 'Willkür, Wahnsinn und Geheimnis'. Aktueller klingen seine Worte, als man es sich je hätte träumen lassen."
In der FAZ macht sich Wiebke Hüster Gedanken über die neue Volksbühnenintendanz (mehr bereits hier): Mit Florentina Holzinger und Marlene Monteiro Freitas hat man sich für zwei Choreografinnen und Tänzerinnen entschieden, die unterschiedlicher nicht sein könnten, so Hüster. Holzingers "sexy bildungsunterfüttertem Feminismus" kann die Kritikerin wenig abgewinnen, aber "Monteiro Freitas, die in Lissabon lebt und mit ihrem Tanzensemble Compass arbeitet, ist eine phantastisch wandlungsfähige und ausdrucksstarke Darstellerin ihrer eigenen Gedanken. Sie kommuniziert mit ihrem Publikum auf unterschiedlichen Ebenen. Es wirkt nie, als folge sie einem ideologischen Konzept, einem Programm. Ihr Auftreten wirkt dichterisch, frei, wild, es riskiert, phasenweise idiosynkratisch zu sein. Holzingers oberflächliche, plakative Kritik etwa am klassischen Ballett als einem Spielfeld der Zurichtung vor allem weiblicher Körper hat das Tanztheater seit den Siebzigerjahren oft genug thematisiert, das wäre so gar nicht das explizite Problem von Monteiro Freitas."
Besprochen werden Zaza Muchemwas Inszenierung ihres Stücks "Das vierte Verhör" am Theater Krefeld (nachtkritik), Adrian Figueroas Inszenierung von Dawn Kings Stück "Alles wie es sein soll" am Schauspiel Essen (nachtkritik), Leonie Böhms Inszenierung von "Fräulein Else" frei nach Arthur Schnitzler am Volkstheater Wien (nachtkritik), Peter Carps Inszenierung von Theresia Walsers Stück "Die Erwartung" am Theater Freiburg (nachtkritik), Falk Richters Inszenierung von Shakespeares "König Lear" am Schauspiel Stuttgart (nachtkritik), Annika Nitschs Inszenierung von Domenico Cimarosas Oper "Der Operndirektor" am Nationaltheater Mannheim (taz), Claus Guths Inszenierung der Strauss-Oper "Die Liebe der Danae" an der Bayerischen Staatsoper (SZ) und Christina Tscharyiskis Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" am Schauspiel Frankfurt (FR, FAZ).
Matthias Lilienthal übernimmt die Intendanz der Berliner Volksbühne zusammen mit den Choreografinnen Florentina Holzinger und Marlene Monteiro Freitas! "Westberliner Shabbychic trifft auf Wiener Feminismusporno trifft auf kapverdischen Metamorphosentanz", kommentiert Simon Strauß in der FAZ, der diese Entscheidung für ein Theater der "Grenzüberschreitung" nicht goutiert: "Auf der Hand liegt, dass die Entscheidung auch eine gegen die kulturelle Identität des Hauses ist. Denn mit der lange hier bewirtschafteten Schicksalskategorie 'Ost' haben alle drei nichts zu tun - schade, denn vielleicht birgt sie die wirklichen Extreme." Im Tagesspiegel sieht es Rüdiger Schaper anders: "Lilienthal ist wieder da. Er war nie weg. Berlin, seine Geburtsstadt, hat er stets im Gepäck. Sollte es gelingen, Tradition und Zukünftiges zu verbinden, dann könnte die Volksbühne tatsächlich wieder tonangebend sein, eines Tages. Erfahrung schadet nicht. Und Lilienthal ist kein Künstler. Auch gut. Er kann sich dem Haus widmen."
Einen "international bestens vernetzten Theatermann mit der Nase fürs Besondere" hat man sich da geholt, meintNachtkritiker Janis El-Bira. Viele Herausforderungen warten: "Wird Lilienthal unter dem Sparzwang die besondere Autonomie der Volksbühne erhalten können, die als einziges Berliner Theater noch in eigenen Werkstätten fertigen lässt? Lilienthal hat bereits angekündigt, gegen die massiven Kürzungen 'lobbyieren' zu wollen. Das 'Schicksal' von Senator Chialo hänge schließlich auch an seinem eigenen, weshalb er eine 'gute Lösung' erwarte, so Lilienthal. Es gibt wahrlich leichtere Theaternüsse zu knacken. Aber die Volksbühne bekommt einen, der den Laden kennt, ohne ihm verfallen zu sein. Und der Intendanz kann. Eigentlich nicht das Verkehrteste in diesen Zeiten."
Szene aus "Salome" am Residenztheater München. Foto: Birgit Hupfeld So richtig glücklich werden die Kritikerinnen nicht mit Ewelina Marciniaks Inszenierung des Stücks "Salome" am Münchner Residenztheater. Die Regisseurin möchte Klischees über Weiblichkeit entkräften, dabei geht aber einiges durcheinander, findet Nachtkritikerin Sabine Leucht: "Diese 'Salome', sehr frei nach Oscar Wilde und Richard Strauss, integriert nicht nur den Dichter und den Komponisten der gleichnamigen Oper in den Plot, sondern auch einen 'Jungen Konservativen' und dessen Geliebte. Die heißt Geli Raubal. Wie die Nichte von Adolf Hitler, mit der er einige Jahre zusammenlebte, bis sie sich 1931 mit nur 23 Jahren erschoss. Ob sie nun Hitlers große Liebe war oder nicht, auf der Bühne des Residenztheaters kommt zusammen, was nicht zusammengehört. Denn es geht zwar die Mär, dass sich Hitler und Strauss bei der Opernpremiere 1906 getroffen haben, aber Wilde muss, um auch dabei zu sein, seinen Tod vertagen. Und Geli ihren Geburtstag vorverlegen, wie sie selbst bemerkt." Auch Christiane Lutz findet die Inszenierung in der SZ ein bisschen "überladen". Stark ist allerdings die "Schleiertanz"-Szene am Ende: "Als löse sie Salome im Tanzen ab, folgt dann Geli (Vassilissa Reznikoff), die in Ultra-High-Heels eine atemberaubende Pole-Dance-Nummer hinlegt und völlig zu Recht Szenenapplaus erhält. ... Diese zehn Minuten sind intensiv, weil Figur, Musik und Choreografie und die Idee hinter alldem zusammen Sinn ergeben."
Besprochen werden Calle Fuhrs Inszenierung des Klima-Stückes "Atlas" in Kooperation mit "Correctiv" am Hamburger Schauspielhaus (FAS), Johan Simons Inszenierung von Elena Ferrantes Roman "Meine geniale Freundin" am Schauspielhaus Bochum (Welt), Caitlin van der Maas' Inszenierung von Olga Prusak Puppenstück "Drei kleine Schweine im Krieg" am Theater HochX in München (nachtkritik).
Bevor heute bekanntgegeben wird, wer die Intendanz der Berliner Volksbühne übernimmt, macht sich Ulrich Seidler für die Berliner Zeitung noch einmal Gedanken, was in der letzten Zeit alles schief gelaufen ist. Insbesondere der Umgang mit Kandidaten ist ihm ein ziemlicher Dorn im Auge, kaum, dass der Name Ersan Mondtag als Gerücht in einem Tagesspiegel-Artikel aufkam, wurde er zur Zielscheibe der Kritik einer Radio3-Sendung: "Mondtag hat in vielen Interviews, die schon Jahre zurückliegen und die er unter anderem auch der Berliner Zeitung gab, Stellung zu seinem aufbrausenden Temperament bezogen, sein Verhalten reflektiert und um Entschuldigung gebeten. Er hat damit in der Debatte um Machtmissbrauch am Theater einen wertvollen Beitrag geleistet, der nun aufgefrischt und gegen ihn verwendet wird."
"Die Ratten" in Dresden. Foto: Sebastian Hoppe. Sie hören ja nicht auf, die sozialen Spannungen und privaten Katastrophen, die Gerhart Hauptmann 1911 in sein Stück "Die Ratten" gegossen hat, seufzt Michael Ernst in der FAZ - die Neuadaption der Geschichte um Pauline, die ihr Kind an Henriette verkauft, um es dann wieder zurückzufordern, und alle anderen Bewohner dieses trubeligen Hauses hat Daniela Löffner treffend und zeitgemäß am Staatsschauspiel Dresden inszeniert. "Ihr Theater geht über die tragischen Wahrheiten von damals makaber hinaus und weist auf noch schroffere Kontraste zwischen den Bühnenfiguren, aber auch auf die Distanz zwischen Bühne und heutiger Welt. Nicht als Abgrenzung, versteht sich, sondern um vom Theater aus Position zu beziehen und direkter ins Tagesgeschehen zu wirken", etwa mit Bezügen auf das heutige Dresden, dafür "verbündet sich das Bühnenspiel mit dem davor sitzenden Publikum und attestiert im gedoppelten Spiel, dass niemand die grausamen Wahrheiten der Gegenwart hören mag."
Früher waren die Bezüge zwischen der Gruppe Gob Squad und ihrem Publikum mal weniger verschwommen, beklagtNachtkritiker Janis El-Bira, die Performance "News from Beyond" am HAU Berlin arbeitet mit bekannten Mitteln, um eine Verbindung zwischen Performern und Zuschauern herzustellen. In einer Art "Ritual der Geisterbeschwörung" können die Anwesenden Fragen ans Universum auf die Bühne schicken, die Antwort wird im "Zwischenreich" der Straße gesucht. El-Bira fragt sich dabei, "was los ist, wenn sich selbst eine der gedankenschärfsten Gruppen der Freien Szene nun bis zum Haaransatz einmümmelt im Possierlichen. Gerade weil die Form bekannt ist, fällt umso deutlicher auf, wieviel schärfer, lustiger, mutiger, subversiver, auch utopistischer das alles einmal war." Das Stück wird auch im Tagesspiegelbesprochen.
Weiteres: Die SZ macht uns mit der Ballerina Victoria Dauberville bekannt, die mit Tanzvideos zu Hans Zimmer-Musik viral gegangen ist.
Besprochen werden: Prokofjews Oper "Der Spieler", inszeniert von Axel Ranisch, an der Oper Stuttgart (FR) und Caren Jess' "Heartship" am Schauspiel Zürich, inszeniert von Ebru Tartici Borchers (NZZ).
Szenenfoto aus "Othello" von David Petrosyan am National Lesya Ukrainka Theater Knapp drei Jahre nach Kriegsbeginn sendet die ukrainische Kulturjournalistin Olena Myashko der nachtkritik einen sehr lesenswerten Theaterbrief aus der Ukraine, in dem sie erzählt, wie viele ukrainische Theatermacherschaffende inzwischen im Ausland leben oder dass nicht wenige Theater aufgelöst werden mussten. Die meisten männlichen Theatermacher wurden zudem eingezogen, und doch boomen einige Stücke, "die die Themen der aktuellen Politik oder des Krieges ausblenden, die auf eine Art ästhetisches Vergessen abzielen und dennoch (oder gerade deswegen) eine enorme Publikumsnachfrage produzieren. (...) Andere Produktionen erkennen die Notwendigkeit, das Wesen der Gewalt zu untersuchen, von der die Gesellschaft durch den Krieg gegenwärtig dauernd umgeben ist. Eine genauere Betrachtung persönlicher Traumata unternimmt aktuell in 'Othello' von Oksana Dmitrieva das Kyiver Left-Bank-Theater und in einer weiteren Othello-Variation von David Petrosyan auch das National Lesya Ukrainka Theater. Beide Stücke zeigen den Titelhelden jeweils als PTBS-geplagtenSoldaten, der Gewalt nicht nur erlitten hat, sondern auch ausübt. Mit gebrochenen Figuren wie diesen wird nicht nur ein Gegenbild zur öffentlichen Heroisierung der Soldaten (etwa in Fernsehshows) gezeichnet, sondern implizit auch die Frage aufgeworfen, wie die ukrainische Gesellschaft mit dieser Art Kriegsfolgen künftig überhaupt umgehen kann. (Nach Angaben des Ministeriums für Veteranenangelegenheiten wird es nach der Beendigung der Militäroperationen in der Ukraine schätzungsweise 6 Millionen Kriegsveteranen geben)."
Weitere Artikel: Für die tazwirft Katrin Bettina Müller einen Blick auf die Website des Freelance Dance Ensemble Berlin, für die sich etwa 300 Beteiligte der Berliner Tanzszene zusammengeschlossen haben, um zu erzählen, was die Kürzungen in der Berliner Kulturförderung für sie bedeuten. Zudem fand unter dem Titel 'Tanz Macht Berlin' der letzte Samstagnachmittag in der Akademie der Künste eine Veranstaltung statt, bei der vierzehn Tanzakteure Joe Chialo unter anderem damit konfrontierten, dass nur 3 Prozent des Kulturetats in den Tanz geht. In der NZZ porträtiert Dorothea Walchshäusl den albanischen Tenor Saimir Pirgu, der aktuell als Renato Des Grieux in Puccinis Oper "Manon Lescaut" auf der Bühne des Opernhauses Zürich steht.
Besprochen werden David Hermanns Inszenierung der Oper "Guercœur" von Albéric Magnard an der Oper Frankfurt (VAN, mehr hier) und Dagmar Manzels Inszenierung von Engelbert Humperndincks "Hänsel und Gretel" an der Komischen Oper Berlin (VAN).
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