Außer Atem: Das Berlinale Blog

Porträtiert die Skaterszene in Ostberlin: Marten Persiels 'This Ain't California' (Perspektive Deutsches Kino)

Von Elena Meilicke
13.02.2012.

Es sieht so aus, als sei 2012 die Berlinale, die die DDR, zumindest filmisch gesehen, in ein neues Licht rückt. Zuerst präsentierte Christian Petzold seinen neuen Film "Barbara" im Wettbewerb - "Ich wollte, dass die DDR Farbe hat", so Petzold in der taz - und jetzt läuft in der Perspektive Deutsches Kino "This Ain't California" über die Skaterszene im Ostberlin der 80er Jahre.


Es sieht so aus, als sei 2012 die Berlinale, die die DDR, zumindest filmisch gesehen, in ein neues Licht rückt. Zuerst präsentierte Christian Petzold seinen neuen Film "Barbara" im Wettbewerb - "Ich wollte, dass die DDR Farbe hat", so Petzold in der taz - und jetzt läuft in der Perspektive Deutsches Kino "This Ain't California" über die Skaterszene im Ostberlin der 80er Jahre.

Die DDR war zwar nicht Kalifornien, aber fast - so könnte man den Dokumentarfilm von Marten Persiel zusammenfassen. In originalen Super-Acht-Aufnahmen aus den 80ern leuchtet der Himmel über dem Alexanderplatz tiefblau und der weiße Beton unter dem Fernsehturm glänzt wie der Strand von Malibu. Und die blonden Jünglinge (Minipli-Dauerwelle, Pornobalken, superenge Shorts), die auf ihren "Rollbrettern" über den Platz flitzen, erinnern optisch durchaus an Sean Penn als Surferdude in "Fast Times at Ridgemont High" (1982). Weil sie darüber hinaus auch an die ironiegestählten Retro-Hipster aus jüngerer Zeit erinnern, dürfte "This Ain't California" auch jenseits von Skater-Historiografie rein kleidungs- und stiltechnisch für viele Zuschauer ein interessantes Dokument sein.

Filmemacher Marten Persiel, der neben Dokumentarfilmen auch Musikvideos (unter anderem für Lena Meyer-Landrut) und Werbespots dreht, hat eine Gruppe ehemaliger Skatern aufgespürt und lässt sie vor pittoresker Ost-Industrieruine von früher erzählen. Es entsteht das Bild einer Leistungsgesellschaft mit Gruppenzwang und Vernunftdiktat, in der das komplett sinnfreie Rollen über Betonböden als Befreiungsakt wirken musste. Die ersten Skateboards waren ganz Marke Eigenbau - die haben sich die Jugendlichen wirklich selbst aufgebaut. Unglaublicher Glücksfall für Filmemacher und Zuschauer ist, dass sie sich darüber hinaus auch schon seit den frühen 80ern selbst gefilmt haben - daher stammt das Super-8-Material, das das Rückgrat von "This Ain't California" bildet. So erst, im Zusammenklang von Text und Bild, entsteht der Stoff, aus dem die Träume sind: auch in der DDR konnte man jung, cool, sexy, frei und unbekümmert sein. Staat und Stasi erscheinen tendenziell eher in der Rolle idiotischer Dummbratzen, die vergeblich versucht haben, den "Rollbrettsport" in eine repräsentative Sportdisziplin umzumodeln; deutlich wird trotzdem, dass die Skater von Ostberlin unter permanenter Beobachtung und Repressionsandrohung standen.

Nervig ist, dass die Mythenbildung nicht ohne Machismo auskommt: da schwärmen mehr schlecht als recht gealterte Typen von ihrer ach so freizügigen Jugend in der DDR, wo die Frauen sich nicht so angestellt und echt mal keine Probleme mit ihrem Körper gehabt hätten. Wenigstens wird diese dämliche Aussage vom Filmemacher durch eine kleine Montage augenzwinkernd in Frage gestellt - das ändert aber nichts an der Tatsache, dass auch in dieser Rekonstruktion glorioser Jugendkultur Frauen so gut wie keine Rolle spielen (mit der Ausnahme einer 18jährigen Münsteranerin, die Ende der 80er für westdeutsche Fanzines über die Ost-Skater berichtete). Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass "This Ain't California" letztlich ein nostalgisches Projekt ist, das im Kern von einer Jungsfreundschaft erzählt. "This Ain't California" ist nämlich um einen toten Freund herum konstruiert, Denis Panicek a.k.a Panik, der mit der lautesten Klappe und den waghalsigsten Sprüngen. Nach der Wende verpflichtete sich ausgerechnet Panicek, den die Freunde immer als ultra-radikal, unbeugsam und individualistisch erinnern, als Soldat bei der Bundeswehr. 2011 kam er in Afganistan ums Leben.



Paniceks Tod wird, wie andere entscheidende Szenen auch, als schwarzweiße Zeichentrickanimation wiedergegeben wird - so als ob hier die Unverfügbarkeit und Unsicherheit eines Ereignisses markiert werden solle. Gleichzeitig suggeriert die Sequenz, Paniceks Tod sei eine Art Suizid gewesen, ohne offenzulegen, woher diese Annahme stammt. An Stellen wie dieser verschwimmt die Grenze zwischen Doku und Fiktion auf irritierende Weise; an Stellen wie dieser habe ich mir gewünscht, dass "This Ain't California" ein bisschen genauer hingeschaut und nachgefragt hätte, auch wenn das vielleicht den Rahmen einer Subkultur-Doku gesprengt hätte. Wie haben seine Protagonisten die Wende erlebt, was haben sie danach gemacht, was ist passiert, was hat sie (zumindest im Fall von Panicek) so ruiniert? Sollte es jedenfalls je ein Sequel von "This Ain't California" geben, dann würde ich es mir anschauen. Persiels Protagonisten sind nämlich spannend, so schnoddrig wie sprachgewandt, interessante Menschen, denen man gerne zuhört, wenn sie zum Erzählen ansetzen: "Damals war ick noch son kleener Piepl..." Es hätte deshalb vielleicht gar nicht so viel aufgepeitschte MTV-Ästhetik gebraucht, gar nicht so viel Wir-waren-jung-und-hatten-Spaß-Gepose; aber dass "This Ain't California" auf diese Weise ein bestimmtes Begehren bedient und deshalb ziemlich gut funktioniert, ist klar - wer möchte nicht Teil einer Jugendbewegung gewesen sein?

Elena Meilicke

"This Ain't California". Regie: Marten Persiel. Dokumentarfilm, Deutschland 2012, 90 Minuten. (Vorführtermine)