Außer Atem: Das Berlinale Blog

Flirrendes Gespensterhaus: Guy Maddins 'Keyhole' (Berlinale Special)

Von Thomas Groh
13.02.2012.

Jeder, der es ernst meint mit der Berlinale, wird diesen Zustand kennen: Nach einigen Tagen blenden die Filme ineinander über, eine leicht fiebrige Müdigkeit überfällt einen im Kino, das Gefühl für Zeit, die Fähigkeit, einem Plot zu folgen, wird fragil: Stattdessen Lichtreflexe, denen man mit den Augen folgt. Wenn man so will hat Guy Maddin mit "Keyhole" den Film zu diesem Zustand gedreht: Doppelbeleuchtungen, schummriges Licht, oft totes Schwarzweiß, ein Soundtrack, der so wabert wie es im Innern eines betrunkenen Seemanns nachts auf Deck klingt, eine assoziative Montage, die die Geschehnisse nicht so sehr in Zeit anordnet, sondern die Dinge aufeinander schichtet. Sitzt man selbst dazu berlinale-übernächtigt im dunklen Kino, geht man dazu ganz eigene Korrespondenzen ein. "Im Kino zu schlafen, heißt dem Film vertrauen", lautet ein Satz in Rudolf Thomes "Berlin Chamissoplatz". Bei Guy Maddins "Keyhole" kann man einschlafen, wieder aufwachen oder ganz in den Schwebezustand zwischen Traum und Diesseits-Verankerung eintauchen, den schwere Augenlider im Kinosaal markieren – der Film verzeiht einem diese Schwäche ohne weiteres, ja, er wattiert einen gleichsam ein, vielleicht will er das sogar so.


Jeder, der es ernst meint mit der Berlinale, wird diesen Zustand kennen: Nach einigen Tagen blenden die Filme ineinander über, eine leicht fiebrige Müdigkeit überfällt einen im Kino, das Gefühl für Zeit, die Fähigkeit, einem Plot zu folgen, wird fragil: Stattdessen Lichtreflexe, denen man mit den Augen folgt. Wenn man so will hat Guy Maddin mit "Keyhole" den Film zu diesem Zustand gedreht: Doppelbeleuchtungen, schummriges Licht, oft totes Schwarzweiß, ein Soundtrack, der so wabert wie es im Innern eines betrunkenen Seemanns nachts auf Deck klingt, eine assoziative Montage, die die Geschehnisse nicht so sehr in Zeit anordnet, sondern die Dinge aufeinander schichtet. Sitzt man selbst dazu berlinale-übernächtigt im dunklen Kino, geht man dazu ganz eigene Korrespondenzen ein. "Im Kino zu schlafen, heißt dem Film vertrauen", lautet ein Satz in Rudolf Thomes "Berlin Chamissoplatz". Bei Guy Maddins "Keyhole" kann man einschlafen, wieder aufwachen oder ganz in den Schwebezustand zwischen Traum und Diesseits-Verankerung eintauchen, den schwere Augenlider im Kinosaal markieren – der Film verzeiht einem diese Schwäche ohne weiteres, ja, er wattiert einen gleichsam ein, vielleicht will er das sogar so.

Neu sind diese Filmkonvolute im Werk Guy Maddins natürlich nicht. Seit vielen Jahren baut der Kanadier an einem ganz eigenen, idiosynkratischen Werk, welches das Geisterhafte der frühen Filmgeschichte in experimenteller Anverwandlung als Mittel zur Neurosenschau aufgreift und doch nicht bloß Pastiche ist (hier als Beispiel der Kurzfilm "Night Mayor). Die Bilderwelten des Stummfilms hat Maddin hier nun für einmal hinter sich gelassen, der frühe Gangsterfilm, der Film Noir und nicht zuletzt die Haunted-House-Movies vergangener Dekaden bieten Maddin diesmal die Schlüsselreize: Ins vielstöckige, viktorianisch anmutende Haus der Familie Pick – der alte Patriarch, zugleich Rhapsodist dieser Nachtgeschichte, ist im Dachboden nackt ans Bett gekettet – dringen Gangster mit kantigen Gesichtern und Hollywood-Hüten ein, es wird geschossen, geballert, der eine von ihnen, Ulysses (Jason Patric), ist der Sohn des Patriarchen. Wie alle alten Häuser kennt auch dieses Geheimnisse – und Geister: Die Neurosen früherer Zeiten haben sich tief ins Gemäuer und Inventar eingeschrieben. Während oben Isabella Rossellini den alten Patriarchen liebkost, begibt sich Ulysses auf seine eigene Odyssee durch das verkantete Haus, blickt durch Schlüssellocher, begegnet Gespenstern, leidet an Amnesie und wird schließlich auf einem improvisierten elektrischen Stuhl gegrillt, nur um dann doch noch eine Überraschung parat zu haben.



Auch für Maddin-Verhältnisse ist "Keyhole" sehr kryptisch geraten. So wie Geister eine ortsgebundene Präsenz jenseits ihrer Zeit darstellen, scheint es auch in diesem Film keinen rechten Vektor, sondern nur Schichten über Schichten zu geben. Vielleicht ist "Keyhole" weniger als chronologisch ablaufende Sequenz zu begreifen, sondern als ein großes Bild, dessen Details sich dem Zuschauer nach und nach entblättern. Zumindest grundsätzlich scheint es schon auch um die Präsenz der Kulturgeschichte zu gehen: Die Odysseus-Allusionen – neben der offensichtlichsten Anspielung über den Figurennamen Ulysses wird zudem einmal eine Frau unter den Worten "Nobody is watching" entkleidet, während eben doch ein überdies gefesselter junger Mann zusieht – scheinen (womöglich auch mit James Joyce) in die Tiefe der europäischen Geistesgeschichte zu verweisen, in der bekanntlich manche Gespenster umgehen. Die Ketten des nackten Patriarchen erinnern freilich an Marley aus Dickens' "Christmas Carol", wie dieser überhaupt mit seinem Schmerbauch und seinem dünnen, fusselig umhaarten Blutpenis an die vielen vergleichbar nackten Männer bei Greenaway erinnert. Überhaupt Greenaway: An dessen barocken "Prospero's Books" dachte ich auch zuweilen. Darüber wäre dann ja auch Shakespeare mit an Bord dieses Geisterschiffs, in dessen Gewusel dann noch Udo Kier als teutonisch radebrechender Dr. Lemke Diagnosen stellt.

Vielleicht lässt sich dieser Film wirklich verstehen. Ich habe alle guten Geister irgendwann fahren, habe sie flimmern, rauschen, heulen lassen. Und mich manchmal am Kopf gekratzt. Was ich dann aber wirklich nicht verstanden habe, ist, warum mein Sitznachbar nach einer Weile damit begann, das Berlinaleprogramm von den Kanten her genüsslich anzunagen. Wunderliches geschieht in Geisternächten.

"Keyhole". Regie: Guy Maddin. Mit: Jason Patric, Isabella Rossellini, Udo Kier, Brooke Palsson, Kevin McDonald u.a., Kanada 2011, 93. Minuten. (Vorführtermine)