9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

369 Presseschau-Absätze - Seite 17 von 37

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2021 - Wissenschaft

Ralf Bönt begibt sich in Zeit online auf die Spur der Wissenschaftsskepsis in der Coronakrise, deren Protagonisten nicht selten andere Akademiker sind: "Vermutlich nicht zufällig sind es oft Großdenker anderer Disziplinen, gerne Philosophen und Historiker, die die Leistungen der sogenannten exakten Wissenschaften relativieren und letztlich diskreditieren wollen. Pikanterweise geben sie sich dann als etwas aus, das sie kaum sein können: Experten des Infektionsschutzes."
Stichwörter: Coronakrise, Bönt, Ralf

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.04.2021 - Wissenschaft

Mit der KI hat die Physiognomik wieder Auftrieb erhalten, gruselt sich Michael Moorstedt in der SZ. Wissenschaftler wie der polnische Psychologe Michal Kosinski behaupteten, von äußerlichen Merkmalen auf Eigenschaften von Personen schließen zu können: "Die Methoden sind Wiedergänger mit unrühmlicher Geschichte. Und ein Korrektiv wird schmerzlich vermisst. Denn auch die Wissenschaftskommunikation macht mit beim Hype um die KI-Vermessung. Kosinskis gesichterbasierte Sexual- und Politikdeutungen finden ihren Weg in renommierte Fachzeitschriften wie in die von Nature herausgegebenen Scientific Reports. Potenziert wird die Renaissance der Phrenologie durch eine Tech-Presse, die so gut wie jeden Spin für bare Münze nimmt, solange er nur aus dem Silicon Valley stammt."
Stichwörter: Physiognomik, Silicon Valley

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.04.2021 - Wissenschaft

In einem ganzseitigen Gespräch mit Joachim Müller-Jung in der FAZ fordern die beiden offenbar sehr einflussreichen Mediziner Christof von Kalle und Roland Eils eine radikale Digitalisierung des Gesundheissystems. Aber bei aller rhetorischen Verve kann man inhaltlich nur ahnen, worum es geht. Kalle: "Die aktuelle Pandemie hat sehr klar gezeigt, dass unsere Unfähigkeit, klinische Daten gemäß den Wünschen unserer Patienten auf sinnvolle Weise zu verarbeiten, vielen Menschen das Leben oder zumindest ihre Gesundheit kosten kann. Diese Unfähigkeit sollten wir uns nicht länger als beabsichtigten Datenschutz schönreden. Informationelle Selbstbestimmung heißt nicht nur das Recht auf Nichtverwendung. Datenschutz ist für krankheitsbedrohte Patienten in erster Linie sinnvolle Datenverwendung zum Schutz ihres Lebens und ihrer Gesundheit unter Wahrung ihrer Privatsphäre."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.04.2021 - Wissenschaft

Ilija Trojanow fordert in der taz eine Abschaffung der Patente auf Pharmaprodukte, die die Impfstoffe künstlich verknappten, während ihre Erfindung überhaupt erst durch staatliche Forschung ermöglicht worden sei: "Also, zum Mitschreiben, für all jene ohne Herz und Hirn, die dieses menschenverachtende System aufrechterhalten: Uns allen gehört der Impfstoff und es ist in unser aller Interesse, dass weltweit alle geimpft werden, also gibt es nur eine vernünftige und ethische Politik: Impfstoff als Gemeingut, weltweit kostenlos oder zum Selbstkostenpreis verteilt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2021 - Wissenschaft

Der Philosoph Dieter Schönecker begründet in der Welt, warum er dem "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" (unsere Resümees) beitrat, auch wegen der Polarisierung in den sozialen Medien, die er zwar nach eigenem Bekenntnis nicht nutzt, aber doch einzuschätzen weiß: "Als Anfang Februar 2021 das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit gegründet wurde, brach, wie zu erwarten, ein Twitter-Sturm los, und wie ebenfalls nicht anders zu erwarten wurde das Netzwerk sofort als rechts diffamiert. So zwitscherte der Göttinger Historiker Tobias Weidner in Anspielung auf seinen Kollegen Andreas Rödder, der ebenfalls Mitglied im Netzwerk ist, das Netzwerk müsse sich umbenennen in 'Rödders Rechtsaußen-Resterampe'. Ist das differenziert?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.03.2021 - Wissenschaft

Der ökologische Zustand der Erde ist "erbärmlich", schreibt der Umweltforscher Josef Settele in einem recht ausgewogenen Text in der Welt, in dem er den Zusammenhang zwischen Klimawandel, Artensterben und Pandemien erläutert: "Diese drei Komponenten, die ich die 'Triple-Krise' nenne, bedingen und befeuern sich wechselseitig. Durch Rodung mit Kettensägen oder durch Brände verschwindet Lebensraum für Wildtiere, damit dort Palmöl angebaut werden kann oder Wohnungen errichtet werden können. Die Pufferzonen zwischen Wildnis und Zivilisation schwinden, Mensch und Wildtier kommen sich ungewollt immer näher, von den hässlichen Wildtiermärkten in Asien und Afrika ganz zu schweigen. (…) Das Coronavirus und Covid-19 sind eine Lappalie gegen das, was noch im Dschungel auf uns lauert. Alarmismus? Mitnichten. Die Erderwärmung sorgt dafür, dass eingeschleppte Mücken-, Hornissen- und Zeckenarten, die für Menschen äußerst gefährliche Krankheitserreger in sich tragen, in Europa Fuß fassen, weil sie die Winter locker überleben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.03.2021 - Wissenschaft

Zu Beginn der Woche warf der Historiker Caspar Hirschi in der FAZ der Wissenschaftsakademie Leopoldina und dem RKI-Präsidenten Lothar Wieler vor, Regierungspropaganda zu betreiben (unser Resümee). Heute entgegnet ihm recht scharf Gerald Haug, der Präsident Leopoldina. Wo sind die Belege?: "Hirschis Gespinst ist rundum falsch. Wie jede ihrer Stellungnahmen hat die Leopoldina auch die Ad-hoc-Stellungnahme vom 8. Dezember 2020 ohne politischen Druck und ohne Einmischung der Politik unabhängig erarbeitet. Die Kernaussage der Stellungnahme, dass ein 'harter Lockdown' zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung eine normativ gebotene Handlungsoption sei, beruhte ausschließlich auf den Einsichten von insgesamt 34 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die an der hochgradig interdisziplinären Arbeitsgruppe mitgewirkt haben. Wer hier ein 'Kalkül' unterstellt, das politisch motiviert den wissenschaftlichen Diskussionsprozess fremdgesteuert habe, beschädigt mutwillig nicht nur das Ansehen der unabhängigen Wissenschaft und einer ihrer Institutionen. Darüber hinaus verunglimpft er vor allem die an der Arbeitsgruppe beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in ihren jeweiligen Fachgebieten eine hohe Reputation genießen, als willfährige Mitläufer."
Stichwörter: Lockdown, Leopoldina

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2021 - Wissenschaft

Der Wissenschaftsbetrieb liegt vielerorts während der Pandemie brach, Bibliotheken, Archive und Labore sind geschlossen, Labortiere und -kulturen mussten vernichtet werden, Promotionsstipendien wurden häufig nur nach Ermessen der Fachbereiche verlängert, weiß Jonas Feldt in der Welt: "Auch für die Zukunft sieht es nicht besonders gut aus - für das in diesem Jahr beginnende Exzellenzforschungsprogramm Europe Horizon ist das Budget bis 2027 auf 95,5 Milliarden Euro festgelegt worden. Vom Europäischen Parlament wurden ursprünglich 120 Milliarden gefordert, die Kommission strebte 100 Milliarden Euro an. Konkurrenzfähig mit anderen großen Wissenschaftsstandorten ist die EU damit nicht. Bei einem derartigen Umgang mit der Wissenschaft und ihrem Nachwuchs wird sich dieser nach neuen - und alten - Forschungshotspots wie China oder den USA umschauen und umschauen müssen. Die Folgen solcher Abwanderungen sind katastrophal, auch für den Wirtschafts- und Innovationsstandort Europa. Denn mit den Professoren gehen ganze Arbeitsgruppen, einschließlich ihrer Doktoranden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.03.2021 - Wissenschaft

In Grenoble sind zwei Professoren in sozialen Medien und über Graffiti an Uni-Gebäuden als "Islamophobe" und Faschisten an den Pranger gestellt worden (unser Resümee). In Frankreich hat die Affäre nach dem Mord an Samuel Paty, der mit einer ähnlichen Kampagne anfing, Aufsehen erregt. Hadrien Brachet berichtet für die Zeitschrift Marianne über die Atmopshäre an der Uni Grenoble, wo sich Professoren in einem Papier äußerten: "Merklich hin- und hergerissen zwischen der Verurteilung der Graffiti und Sympathie für andere Kollegen beklagen sie in dem Kommuniqué 'gefährliche Handlungen' und rufen zur 'Befriedung' auf, ohne jedoch eine Unterstützung der Angegriffenen zu formulieren. Der Repräsentant des wichtigsten Studentenverbands prangert seinerseits eine 'instrumentalisierte Polemik' an und fordert sogar Sanktionen gegen die beiden der 'Islamophobie' bezichtigen Professoren an." In der Welt wird Klaus Kinzler, einer der beiden attackierten Professoren, interviewt, das Interview steht leider nicht online.

Der "Islamogauchismus", die Allianz zwischen linken Intellektuellen und reaktionären Islamisten, ist nicht das Hauptproblem an den französischen Universitäten, meint die Kunstsoziologin Nathalie Heinich im Interview mit der NZZ, sondern "die Vermischung zwischen Aktivismus und Forschung. ... Wenn wir so weitermachen, entwickelt sich die Uni zu dem Ort, an dem in Dauerschleife rein ideologische Arbeiten über Diskriminierung entstehen. Damit man mich richtig versteht: Gegen Diskriminierung zu kämpfen, ist absolut richtig und legitim - in der Arena der Politik. Es gibt Parteien und Assoziationen dafür. An der Uni dagegen sind wir angestellt, um Wissen zu schaffen und weiterzugeben, und nicht, um die Welt zu verändern."

Der klassische Philologe Jonas Grethlein erzählt auf der Geisteswissenschaften-Seite der FAZ aus Cambridge und Oxford, wo Altphilologen Sensibilisierungskurse über ihren "strukturellen Rassismus" belegen sollen und kritisiert Bestrebungen, sein Fach nach den Kriterien der "Critical Race Theory" um den amerikanischen Althistoriker Dan-el Peralta neu zu orientieren: "Dan-el Peralta, Professor für römische Geschichte in Princeton, hat wiederholt festgestellt, als Schwarzer und Immigrant könne er Unterdrückung und andere Phänomene in der Antike anders und besser erschließen als seine weißen Kollegen. Hier wird die Identität des Wissenschaftlers zum Grund für neue Erkenntnisse, die Identitätslogik ist mit der Erkenntnislogik verbunden. ... Altertumswissenschaftler betrachten vergangene Kulturen wie die Antike im Horizont ihrer eigenen Zeit. Aber wenn dieser Horizont so übermächtig wird, dass sie die antiken Werte und Praktiken primär als Bestätigung oder Widerspruch zu ihren eigenen Vorstellungen sehen, dann verspielen sie die Möglichkeit, neue Perspektiven auf die Gegenwart zu gewinnen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.03.2021 - Wissenschaft

Der Trierer Historiker Benjamin Zachariah erzählt bei geschichtedergegenwart.ch, wie die indische Regierung die Coronakrise nutzt, um die akademische Freiheit einzuschränken: "In aller Stille wurde in einer bürokratischen Mitteilung des Bildungsministeriums der indischen Regierung vom 15. Januar 2021 festgelegt, dass alle akademischen Online-Veranstaltungen oder Konferenzen, die an oder mit Beteiligung von staatlich finanzierten Institutionen stattfinden, einer vorherigen Genehmigung bedürfen und beim Außenministerium registriert werden müssen, wobei das Programm auf eine vom Ministerium bereitgestellte Online-Seite hochgeladen werden muss. Bei den akademischen Veranstaltungen dürfen keine inneren Angelegenheiten Indiens, keine sensiblen Themen oder Angelegenheiten der nationalen Sicherheit zur Sprache kommen."