9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

369 Presseschau-Absätze - Seite 16 von 37

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2021 - Wissenschaft

Der Berliner Hirnforscher John-Dylan Haynes erzählt Daniela Wakonigg von hpd.de über ein Experiment. Er bittet Probanden sich gedanklich zu entscheiden, ob sie die linke oder rechte Hand heben wollen. Offenbar lässt sich diese Entscheidung irgendwie auslesen  - aber die Probanden möchten das nicht hören: "Diese falsche Intuition hängt damit zusammen, dass Menschen zum Dualismus neigen. Wir neigen eigentlich immer dazu zu glauben, dass der Geist und der Körper trennbar sind und dass man mit dem Gehirn den Geist nicht vollständig erklären kann. Das Bild der modernen Hirnforschung ist dagegen ein anderes, nämlich dass egal wie komplex und egal wie subtil Gedanken sind, dass alle zumindest prinzipiell ausgelesen werden könnten, weil sie im Trägermedium des Gehirns codiert sind. Das heißt aber noch nicht, dass wir heute alle Gedanken wirklich praktisch auslesen könnten. Wenn man also wirklich von einer Trennung ausgeht, hat man noch ein paar Rückzugspositionen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.07.2021 - Wissenschaft

Vor einiger Zeit hat sich ein "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" gegründet, um gegen Dogmatisierungstendenzen in den Geisteswissenschften zu protestieren (unsere Resümees). Nun gibt es eine Gegengründung unter fast gleichem Namen, berichtet Mathias Brodkorb in der FAZ: "Beide Netzwerke trennen ideologisch Welten. Während dem eigentlichen, als eher konservativ geltenden Netzwerk Hochschullehrer fast aller Disziplinen und Weltanschauungen angehören, speisen sich die Mitglieder der Nachfolgeorganisation vor allem aus der Medienwissenschaft, den Gender Studies und der Rassismusforschung und dürften daher überwiegend dem linken Milieu verpflichtet sein. Und während in dem einen Netzwerk immer wieder sehr viel von 'Wahrheit' die Rede ist, die der Freiheit bedürfe, geht es in dem anderen um 'Macht' und deren 'Aushandlungsprozesse'." Zu den Gründern des neuen Netzwerks gehört Yasemin Karakasoglu, deren Name einst durch einen Brandbrief gegen Necla Kelek in der Zeit bekannt wurde (unsere Resümees).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.06.2021 - Wissenschaft

In der SZ fragt sich Nicolas Freund, was er von den Ufos halten soll, die angeblich überall gesichtet wurden. "Fakt ist: Die amerikanische Armee und der nüchterne Barack Obama haben die Existenz von Ufos offiziell bestätigt. Radarsysteme, Kameras und gut ausgebildete Navy-Piloten berichten seit Jahren von Sichtungen unbekannter Flugobjekte oder UAP, Unidentified Aerial Phenomena (etwa: unbekannte Luftraumphänomene), wie die Dinger inzwischen genannt werden, weil das Wort Ufo leider zu sehr von den Spinnern vereinnahmt worden ist. Irgendwas ist da oben. ... Nur: Wer sagt eigentlich, dass irgendein Zusammenhang besteht zwischen verwackelten Infrarotvideos und außerirdischem Leben, für das es - wir erinnern uns - nach wie vor keinerlei Beweise gibt?"
Stichwörter: Ufos, Obama, Barack

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.06.2021 - Wissenschaft

Die Philosophen Tobias Rosefeldt, Thomas Grundmann und Geert Keil nehmen in der FAZ Stellung zum Streit um #IchBinHanna, also den Protest des akademischen Mittelbaus gegen die vielen befristeten Stellen. Die müssten gar nicht sein, meinen sie, wenn man die Leute nicht ins Rattenrennen zur Habilitation schicken würde, das nur ein Viertel der Anwärter überlebt: "So wird es in fast allen anderen Ländern mit starken Wissenschaftssystemen gemacht. Die Vereinigten Staaten, England, Frankreich, die skandinavischen Länder: sie alle kommen ohne die Schnapsidee einer zehnjährigen zweiten Qualifikationsphase ohne Möglichkeit der Entfristung aus. Das Beispiel der amerikanischen und englischen Spitzenuniversitäten zeigt, dass dies ohne Qualitätsverluste möglich ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2021 - Wissenschaft

Im Gespräch mit der NZZ erklärt der Harvard-Astronom Avi Loeb, warum er außerirdisches Leben für nicht unwahrscheinlich hält. Dass es sich nie gezeigt hat, spricht nicht dagegen, meint er, wir sind einfach nicht interessant für die da draußen: "Wir haben erst in den letzten hundert Jahren Technologien entwickelt, die für solche Zivilisationen interessant sein könnten - Technologien, die zeigen würden, dass auch wir eine intelligente Lebensform sein könnten, bei der sich ein Besuch lohnen würde. In der gesamten Geschichte der Menschheit lassen sich Beispiele finden, wie wir beim Versuch, uns gegenüber anderen überlegen zu fühlen, eine Menge Ressourcen für zerstörerische Aktionen vergeudet haben. Das ist kein Zeichen von Intelligenz. Ein Zeichen für die Intelligenz einer Zivilisation ist für mich, dass sie von den Prinzipien der Wissenschaft geleitet ist, dass sie evidenzbasiertes Wissen teilt und in Richtung einer besseren Zukunft zusammenarbeitet. Das haben wir noch nicht erreicht, und allein schon das macht uns nicht ausreichend interessant für außerirdische Zivilisationen. Wir müssen nach ihnen Ausschau halten, nicht umgekehrt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2021 - Wissenschaft

Die Coronakrise war immerhin dazu gut, dass sie in der Gesellschaft - etwa an den Bühnen, jetzt an den Unis - strukturelle Ungerechtigkeiten in den Vordergrund rückte, die alle bisher stillschweigend ignorierten, die einen, weil sie profitierten, die anderen, weil sie sich nicht wehren konnten. Die taz greift heute die Protestbewegung #IchBinHanna (unser Resümee) des akademischen Mittelbaus auf, der gegen seinen prekären Status protestiert. Ralf Pauli kommentiert: "Von den prekären Arbeitsbedingungen an Hochschulen weiß der Bund schon lange - und dennoch ändert er kaum etwas daran. Im Gegenteil: Mit den Milliardenzuschüssen, die er über die Exzellenzstrategie und andere Förderprogramme verteilt, kettet er Hochschuljobs an Förderlaufzeiten. Dass die Unis solche Drittmittel gerade deshalb gerne nehmen, ist kein Geheimnis: Sie stärken ihr Profil, ohne dauerhafte Personalkosten zu verursachen." Nicole Opitz hat für die taz mit drei Wissenschaftlerinnen über das Thema gesprochen.

In der SZ nimmt Gustav Seibt die "Marktlügen" des Systems unter die Lupe: "Wenn nach Jahren der 'Qualifikation' schon statistisch nur ein Bruchteil der dann hochspezialisierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler überhaupt Aussicht auf eine Festanstellung hat, dann nimmt das System eine große Zahl gebrochener Erwerbsbiografien kalt lächelnd in Kauf. In den noch überschaubaren persönlichen Nahverhältnissen der Universitäten die Rekrutierung des Nachwuchses mit einem solchen Scheinwettbewerb zu organisieren, führt auch in der Sache nicht unbedingt zu besseren Ergebnissen. Es befördert Duckmäuserei und Anpassung. Das Humboldt-Mantra von Einsamkeit und Freiheit, seit den Bologna-Reformen absichtsvoll verlassen, hatte seinen Sinn. Angst ums Fortkommen ist Unfreiheit, sie nötigt zum Wohlverhalten gegenüber Vorgesetzten und der Gruppe."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2021 - Wissenschaft

Wer planbaren Berufsweg, Festanstellung und Eigenheim wünscht, sollte keine Karriere als Akademiker anstreben, bescheidet in der SZ Marlene Knobloch jungen Menschen, die unter dem Hashtag  "#ichbinhanna" gerade an ihrer prekären Situation als wissenschaftliche Mitarbeiter in befristeten Stellen verzweifeln. Gewiss, das System hat auch seine ausbeuterischen Seiten, aber die Karriere als Wissenschaftler war schon immer eine höchst unsichere Angelegenheit. Und nicht nur dort: "Künstler networken von Ausstellung zu Ausstellung, Verlagen ging es schon mal besser, Schriftsteller, in den Feuilletons gefeiert, mit prekärem Einkommen, ziehen freiwillig monatelang nach Rottweil, um dort als Stadtschreiber zu arbeiten. Liest man die Bitterkeit der jungen Akademiker, scheint ein befristeter Arbeitsvertrag mit Mitte 30 ein Zeugnis des Scheiterns zu sein, des Nicht-geschafft-Habens. Aber seit wann müssen wir mit 35 das Karriereziel erreicht haben? Was soll dieser Wohlstandsdruck?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.06.2021 - Wissenschaft

Stephan Russ-Mohl kritisiert in der NZZ die Medien, die die These, das Coronavirus sei in einem chinesischen Forschungslabor entstanden, immer wieder als Verschwörungstheorie abgetan hatten, statt sich mit den Fakten, die dafür bzw. dagegen sprechen, auseinanderzusetzen: "Wäre das Virus tatsächlich aus einem Labor entwichen, wäre das im Übrigen ein starker Beleg für unverantwortbare Forschungsaktivitäten. Dass dies zumindest möglich ist und dass vergleichbare Forschungsarbeiten wohl auch anderswo hinter verschlossenen Türen stattfinden, sind die eigentlichen beunruhigenden 'News'. Denn die Türen sind eben womöglich doch nicht 100-prozentig verschließbar. Diese Nachricht ist freilich weder ganz neu noch wirklich nachgewiesen, sondern 'nur' plausibel."

Im Guardian wünschte sich Stephen Buranyi, es gäbe die Möglichkeit herauszufinden, wie das Virus in die Welt kam. "Zwar wurde gesagt, das sei epidemiologisch gesehen nicht wirklich wichtig. Labor oder nicht, die Pandemie hat stattgefunden und dauert noch an. Aber ihren Ursprung zu finden, wäre von enormer Tragweite. Ein natürlicher Ursprung würde jede einzelne Person freisprechen, aber weiter bestätigen, dass unsere die Natur umgebende Welt eine pandemische Krankheit in einer noch nie dagewesenen Rate ausbrütet. Ein Laborleck würde die Arbeit der wissenschaftlichen Forschung für ein ganzes Leben beflecken und einigen der schlimmsten Leute im Kulturkampf - teilweise - Recht geben. Ich denke, ich würde den ersten Fall bevorzugen, aber noch mehr als das, würde ich gerne die Wahrheit wissen."

Ebenfalls im Guardian warnt Thomas Frank: "Sollte sich tatsächlich herausstellen, dass die Laborleck-Hypothese die richtige Erklärung ist - dass das gemeine Volk der Welt in ein reales Laborexperiment gezwungen wurde, und zwar zu enormen Kosten -, dann ist ein moralisches Erdbeben im Anmarsch. Denn wenn die Hypothese richtig ist, wird den Menschen bald dämmern, dass unser Fehler nicht unzureichende Ehrfurcht vor Wissenschaftlern war, oder unzureichender Respekt vor Fachwissen, oder nicht genug Zensur auf Facebook. Es war ein Versagen, über all das kritisch nachzudenken und zu verstehen, dass es so etwas wie absolute Expertise nicht gibt. Denken Sie an all die Katastrophen der letzten Jahre: wirtschaftlicher Neoliberalismus, zerstörerische Handelspolitik, der Irak-Krieg, die Immobilienblase, Banken, die 'zu groß sind, um zu scheitern', hypothekarisch gesicherte Wertpapiere, die Hillary-Clinton-Kampagne von 2016 - all diese Katastrophen wurden verursacht durch die totale, selbstsichere Einstimmigkeit hochgebildeter Menschen, die angeblich wissen, was sie tun, plus die totale Selbstgefälligkeit der hochgebildeten Menschen, die sie angeblich beaufsichtigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2021 - Wissenschaft

Nach dem Historiker Michael Sommer (FAZ, unser Resümee), protestiert heute auch der Gräzist Jonas Grethlein in der Welt gegen die drohende Abschaffung der Altertumswissenschaften in Halle und damit auch, wie er meint, die Abschaffung des Erbes von Friedrich August Wolf, der vor 200 Jahren in Halle die immer noch andauernde Debatte über die Frage lostrat, ob es einen Dichter namens Homer wirklich gab. "Beherrschte zuerst Wolfs These einer multiplen Autorschaft die Philologie, so entfaltete seine These von der mündlichen Epentradition ihre Wirkung im 20. Jahrhundert. Vor allem anglophone Forscher betrachteten die homerischen Epen als mündliche Dichtung. Sie interpretierten die Formelsprache - wiederkehrende Phrasen wie 'der schnellfüßige Achill' oder 'als die rosenfingrige Morgenröte erschien' - und typische Szenen - zum Beispiel das Gelage oder die Ankunft eines Gastes - als Mittel des mündlichen Vortrags. Die Harvard-Gräzisten Milman Parry und Albert Lord zogen zum Vergleich die noch lebendige Rezitationskunst serbokroatischer Sänger heran. Zugleich formierte sich vor allem in Deutschland eine Gegenposition sowohl zur Analyse als auch zur Mündlichkeitsforschung ... Nachdem Wolfs Seminar die SED-Diktatur überstanden hat, soll es nun zur 'Profilschärfung und Haushaltskonsolidierung' geschlossen werden. Wie kann das Rektorat einer Universität dieses Erbe wegwerfen wollen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2021 - Wissenschaft

In der FAZ kritisiert der Historiker Michael Sommer scharf die Pläne der Universität in Halle, aus Geldnot seine Orchideenfächer in den Geisteswissenschaften (Altertumskunde zum Beispiel) abzuschaffen: "Wem ist damit gedient, wenn alle Philosophischen Fakultäten gleich aussehen? Können wir es uns in Zeiten, da sich immer mehr Debattenräume in selbstreferentielle Filterblasen verwandeln, überhaupt leisten, auf Fächer zu verzichten, die Studenten die fundamentale Erfahrung vermitteln, in eine völlig fremde Wirklichkeit einzutauchen? Die Vielfalt der Fächer gerade auch in den Geisteswissenschaften gehört zum Markenkern der Universität."