Schon letzte Woche zirkulierten auf Twitter Bilder der Hamas der total abgemagerten Geisel
Evyatar David. Am Samstag wurde ein Video nachgereicht, das ihn zeigt, wie er in einem Tunnel völlig erschöpft mit einem Spaten Erde aushebt. Wir binden diese Inszenierung nicht ein. Wer die Kraft hat, sich die Bilder anzusehen, kann
hier klicken. Was David sagt, ist hier auch übersetzt. "Wache auf, Welt.
Ich grabe hier mein eigenes Grab. Jeden Tag wird mein Körper schwächer und schwächer. Ich gehe direkt in mein Grab. Dies hier ist das Grab, in dem ich wohl beerdigt werde. Die Zeit läuft ab. Ihr seid die einzigen, die das beendigen könnte, so dass ich frei gelassen werde und in meinem Bett schlafen kann." Fünfzig Geiseln werden noch vermisst. Dreißig davon sollen von der Hamas umgebracht worden sein.
Die Bilder abgemagerter Kinder in Gaza haben ihre Wirkung getan. In den Zeitungen wird weiter vor allem die Frage diskutiert, ob
Israel einen Genozid begehe.
Andreas Platthaus zitiert in der
FAZ aus einem Gespräch mit dem israelischen Schriftsteller
David Grossman in
La Repubblica, das leider nicht online zu lesen ist. Lange Zeit habe er
das Wort "
Genozid" für die israelischen Krieg in Gaza nicht benutzen wollen, sagt er. Es "bleibe ihm keine andere Wahl mehr, als es nun doch zu tun, 'nachdem ich die Zeitungen gelesen,
die Bilder gesehen und mit Menschen gesprochen habe, die dort waren'. Dieses Wort aus dem Munde eines solchen Mannes wiegt schwer - gerade, weil es erst nach langer Bedenkzeit erfolgt ist. 'Als dieser Krieg begann', sagt Grossman, 'waren wir völlig verzweifelt, weil wir alles verloren hatten, woran wir geglaubt und was wir geliebt hatten. Wir haben Zeit gebraucht, um zu verstehen, was wir fühlen und denken, und dann die Worte zu finden, um es auszudrücken.'" Dem Interview hat ebenfalls in
La Repubblica und also ebenfalls nicht online die Schoa-Überlebenden
Liliana Segre widersprochen. Ausführliche
Auszüge aus dem Interview als in der
FAZ gibt es in
Ha'aretz.
Auch
FAZ-Korrespondent Christan Meier widmet sich im politischen Teil der Frage, ob
Israel einen Genozid begehe und der israelischen Diskussion darüber. Er verweist auf Demonstrationen linker Gruppen und auf Berichte der Nichtregierungsorganisationen B'Tselem und PHRI, die aber auch nach seiner Auskunft "als Teil der 'radikalen Linken' gelten, so wie die Demonstranten in Tel Aviv. Auch in diesem
sehr kleinen Teil der israelischen Gesellschaft hat es lange gedauert, bis so massive Kritik offen geäußert wurde. Viele Linke seien nach dem 7. Oktober schockiert gewesen und hätten in der Folge das vom Staat verbreitete Narrativ umstandslos übernommen, sagt Einat Gerlitz, die Aktivistin vom 'Radikalen Block'." Meier spricht auch mit dem Historiker
Lee Mordechai, der
hier Berichte über israelische Kriegsverbrechen dokumentiert. Auf die obszöne Geisel-Inszenierung der Hamas wird in einem Infokasten hingewiesen. Das "Entsetzen in israel" sei groß, heißt es, aber die Einordnung ist schnell bei der Hand: "Solche Videos gelten als Versuch der Hamas,
Druck auf die israelische Regierung auszuüben, einem dauerhaften Ende des Krieges im Gazastreifen zuzustimmen, um die Freilassung der Geiseln zu erreichen."
Auch Leon Holly erwähnt die Holocaust-Reinszenierung der Hamas im
taz-Leitartikel nicht und
mahnt vor allem die deutsche Regierung, gegen den "Genozid" in Israel vorzugehen. Dabei schließt er bestimmte Planspiele nicht aus: "Eine internationale Koalition könnte der israelischen Regierung und ihrer Marine durchaus zu verstehen geben, dass man gedenkt, etwa die
Seeblockade Gazas zu durchbrechen und Hilfslieferungen per Schiff zu organisieren."
Über die Videos
schreibt statt dessen Nicholas Potter in einem anderen Teil der
taz: Die Propagandavideos sollen "Druck erzeugen, um einen Waffenstillstand möglichst im Sinne der beiden Terrororganisationen zu erlangen, die ihre
Waffen nicht niederlegen wollen - egal, welchen Preis palästinensische Zivilisten in Gaza dafür zahlen. Denn die Hamas weiß nur zu gut, dass mit diesen Videos der Druck nicht auf sie wachsen wird, die restlichen Geiseln freizulassen, sondern alleine auf den jüdischen Staat, seinen brutalen Krieg in Gaza zu beenden."
Die Antisemitismus-Historikerin
Izabella Tabarovsky richtet angesichts der neuen Videos einen zornigen offenen Brief an
Omer Bartov,
Masha Gessen und andere jüdische Intellektuelle, die die Genozid-These verfechten: "Sie haben zwei Jahre lang die Realität verdreht, um sie ihrer Völkermord-Erzählung anzupassen. Und doch sehen wir hier die einfache, ungeschminkte Wahrheit eines Juden, der aussieht, als wäre er direkt aus einem Foto aus der Zeit des Holocausts entsprungen -
absichtlich ausgehungert und erniedrigt von den Monstern der Hamas, die seit ihrem Völkermordfeldzug in Israel vor fast zwei Jahren keine Mahlzeit ausgelassen haben - und wir haben noch immer keinen Mucks von Ihnen gehört."
Politiker haben ihr Entsetzen über dieses Video geäußert, das
Statement von Armin Laschet übertrifft die übliche Betroffenheitsprosa: "Hamas-Terroristen veröffentlichen ein Horror-Video, in dem ausgehungerte Geiseln ihr eigenes Grab schaufeln. Sie sind sich ihrer Sache sicher, weil ihr Propaganda-Kampf in Europa längst Erfolg hat. Israels Staatspräsident @Isaac_Herzog appelliert jetzt an die Welt. Warum schafft es unsere Staatsspitze nicht, sich dem Appell anzuschließen, täglich
die Namen der deutschen Geiseln zu nennen und die sofortige Freilassung zu fordern?"
Der palästinensische Anwalt und Oppositionelle
Moumen al-Natour schildert im
NZZ-Interview mit Rico Bandle und Lucien Scherrer die Lage in Gaza. Nur die Einrichtung einer unabhängig kontrollierten
Sicherheitszone könne weiteres Leid verhindern: "Israel und Hamas sind gleichermaßen verantwortlich. Die Hamas klaut den Einwohnern das Essen, es ist ihre einzige Einnahmequelle. Israel ist dafür verantwortlich, dass es in Gaza keine humanitäre Sicherheitszone gibt, wo die Leute Nahrungsmittel beziehen oder sich medizinisch behandeln lassen können. Dieses Gebiet müsste von einer
dritten Partei überwacht werden, weder von der Hamas noch von Israel. Das wäre der Schlüssel, um die Leute in Gaza zu retten. Wenn die Israeli sich von Anfang an darum gekümmert hätten, würden viele Leute noch leben. Sie wussten ja, dass die Hamas Menschen als Schutzschilde missbraucht, dass sie Frauen und Kinder opfert."
Die Debatte um die
Anerkennung eines Staates Palästina nimmt immer absurderer Züge an,
meint Michael Wolffsohn in der
NZZ: "Frankreich selbst werde, so Emmanuel Macron, diese riskante Operation nicht übernehmen, aber Abbas-Palästina. Nicht Frankreich oder unausgesprochen ein anderer Staat, sondern der Nicht- oder Noch-nicht-Staat Palästina-Westjordanland werde (und könne) die Hamas entwaffnen und zugleich Westjordanland und Gaza zu 'Palästina' vereinen. In dieser Gedankenwelt fehlt die Wirklichkeit, denn weder Macron noch Abbas können Israel aus Gaza wegblasen oder die
Hamas entwaffnen, was bis anhin sogar Israel in knapp zwei Jahren noch nicht ganz gelungen ist, aber nur Israel gelingen kann. Das würde bedeuten, Israel hätte die 'Drecksarbeit' (Bundeskanzler Friedrich Merz) für die Palestine Liberation Organization (PLO), Macron und die Uno-Mehrheit erledigt. Denn wie sollten ausgerechnet die 2007 von der Hamas besiegten
Abbas/PLO-Kämpfer jetzt dazu in der Lage sein? Absurd."
In
Angola gibt es Revolten gegen Preissteigerungen. Das ist um so überraschender, als Angola eigentlich ein
reiches Land ist,
schreibt Dominic Johnson in der
taz: "Angola ist ein Land himmelschreiender sozialer Ungleichheit. Es fördert in etwa
so viel Öl wie Nigeria, hat aber mit 38 Millionen Einwohnern nur ein Siebtel der Bevölkerung und sollte daher mit Einnahmen von mehreren Dutzend Milliarden US-Dollar pro Jahr eigentlich reich geworden sein - zeitweise war Angola nach dem Ende seines Bürgerkrieges 2002 die schnellstwachsende Wirtschaft der Welt. Trotz stark gesunkener Fördermengen und Exportpreise verdiente Angola allein am Öl allein im ersten Halbjahr 2025 12 Milliarden US-Dollar, weniger als seit vielen Jahren, aber immer noch viel. Reich geworden ist an Angolas Öl aber einzig
eine schmale Elite rund um die Führung der ehemaligen sozialistischen Befreiungsbewegung MPLA (Angolanische Volksbefreiungsbewegung)."