9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

1453 Presseschau-Absätze - Seite 55 von 146

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.11.2021 - Kulturpolitik

In einem langen und reich bebilderten Artikel in der NZZ geht Susanna Petrin der Frage nach, ob die NS-Kunst, die für die Öffentlichkeit weitgehend unzugänglich in einem Kellermagazin der amerikanischen Militärbasis Fort Belvoir unweit von Washington lagert - darunter Aquarelle von Hitler und Werke über Hitler - nicht zurück an Deutschland gegeben werden müsste: "Die USA halten es bis heute für zu gefährlich, diese Werke an die Bundesrepublik Deutschland zurückzugeben oder in ihrem Armeemuseum auszustellen. 'Aufgrund von Bedenken, dass diese Werke Neonazis anstacheln oder für sie als Gedenkstücke dienen könnten, sind sie hier', sagt Sarah Forgey, 'alles, was die Swastika zeigt, aggressiven Militarismus oder die Nazis glorifiziert.' Als gesetzliche Basis diene den USA bis heute das Potsdamer Abkommen von 1945." Aber Gordon Waverly Gilkey, der Kunsthistoriker, der die NS-Werke in die USA brachte, beschlagnahmte einige Werke teils zu Unrecht und hielt sich selbst nicht an das Potsdamer Abkommen, weist der Kunsthistoriker Gregory Maertz in seinem Buch "Nostalgia for the Future" nach, so Petrin.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.11.2021 - Kulturpolitik

Im Tagesspiegel berichtet Nicola Kuhn von einer Tagung zu Rückgabeforderungen an deutsche und europäische Museen, die zeigte, wo die Reise hingehen soll: Rückgabe aller Kulturgüter in den ethnologischen Museen auf der Grundlage des Rechts des Herkunftslandes und oral history. Die Berliner Museumsdirektoren Barbara Helwing und Martin Maischberger würden das im Interview mit dem Tagesspiegel etwas differenzierter sehen: Für den Pergamonaltar, so Maischberger, gibt es nicht mal eine Rückforderung der türkischen Regierung. Und die Behauptung, alles sei geraubt, sei schlicht falsch: "Es steht außer Frage, dass die Pergamongrabung 1878 - 1886 im Kontext asymmetrischer Machtverhältnisse durchgeführt wurde. Eine koloniale Situation bestand jedoch nicht. Wenn solche Begriffe in Bezug auf das Verhältnis zwischen Osmanischem Reich und Deutschem Reich verwendet werden, halten wir das für historisch falsch und verzerrend. Es ist übrigens schon seit langem bekannt, dass für das Erwirken von Grabungslizenzen, Genehmigungen von Fundteilungen etc. Gefälligkeiten eingesetzt wurden, dass hin und wieder etwas getrickst wurde und dass die Grabung heutigen Kriterien von Augenhöhe natürlich nicht entsprach."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.11.2021 - Kulturpolitik

"Es ist bizarr, dass der Bereich, der den Alltag der Bürger am meisten berührt, nicht in einem eigenen Ministerium abgebildet wird", schreibt FAZ-Redakteur Niklas Maak in einem flammenden Appell für ein eigenes Bauministerium, das nicht als fünftes Rad an einem andern Ministerium hängt. Einer der Gründe dafür ist der Klimawandel, denn das Bauen erzeugt sieben Prozent der Klimagase. Auch deshalb will Maak vor der geplanten massiven Bautätigkeit der Ampel-Koalition ein Moratorium und einen Neustart: "Ein Bauministerium müsste für einen wirklichen Neuanfang nicht nur den Verordnungsdschungel lichten. Es müsste auch eine internationale Bauausstellung durchführen, in der die Bürger sehen können, wie man zusammenleben würde, wenn man nicht mehr jeden Tag um neun ins Büro oder um sieben in die Fabrik fahren muss. Eine solche Bauausstellung würde auch den zahlreichen gerade jüngeren Büros, die im verkorksten deutschen Wettbewerbssystem oft schon an den Zulassungsbedingungen scheitern, die Möglichkeit geben, ihre Ideen für einen besseren Städtebau umzusetzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.11.2021 - Kulturpolitik

In Afghanistan geht es den Musikern seit der Machtübernahme der Taliban schlecht, berichtet Klaus-Dieter Lehmann im Tagesspiegel: "Die Musikschule musste geschlossen werden, Herstellung, Besitz und das Spielen von Musikinstrumenten aller Art wurden mit einem totalen Verbot belegt. Erneut müssen Musikerinnen und Musiker um ihr Leben und ihre Berufsausübung fürchten, sie verlassen - soweit möglich - das Land. Die afghanische Musik hat nicht nur eine lange und vielfältige Tradition, sie ist für den Vielvölkerstaat mit seinen kulturellen, ethnischen und religiösen Prägungen ein Bindeglied. Auf Initiative des an der Weimarer Musikhochschule gegründeten Afghanistan Music Research Center wurde damit begonnen, das nationale Musikarchiv von Radio TV Afghanistan (RTA) zu sichern und zu erschließen. Es ist von unschätzbarem Wert für das Überleben der Musik Afghanistans, aber massiv durch die Taliban gefährdet. Es reicht zurück bis in die 1950er Jahre und enthält rund 30 000 Aufnahmen. Ein Großteil ist bereits digitalisiert und derzeit weltweit die wichtigste musikalische Quelle außerhalb Afghanistans."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2021 - Kulturpolitik

Auf Zeit online zeigt sich Jurik Caspar Iser enttäuscht von den Plänen zur Baupolitik der Ampelkoalition. "Im Sondierungspapier von Mitte Oktober geben SPD, Grüne und FDP den Bau von 400.000 neuen Wohnungen pro Jahr als Ziel aus - 100.000 davon öffentlich gefördert. Wie das gelingen soll, wird jedoch nur vage skizziert. Der Immobilienexperte Ludwig Dorffmeister vom Münchner ifo Institut sieht die Pläne skeptisch. 'In den vergangenen Jahren wurden lediglich rund 300.000 neue Wohnungen pro Jahr geschaffen. Die Zahl ist angesichts der Kapazitätsengpässe im Baugewerbe, bei Planern und in Baubehörden derzeit nicht wesentlich zu steigern', sagt der Ökonom. ... Unklar ist, wie die Parteien darüber hinaus den Anstieg der Mieten begrenzen wollen. Mieterschutzregeln sollen 'evaluiert und verlängert' werden, heißt es im Sondierungspapier weiter. Doch dass etwa die Mietpreisbremse den Anstieg der Mieten zwar ein wenig abmildern, aber nicht wirklich stoppen kann, ist bekannt. Was ist mit neuen gesetzlichen Maßnahmen, um die Mieten zu begrenzen", fragt Iser.

Außerdem: In der NZZ plädiert Tom Avermaete für Tabula scripta in der Stadtplanung statt für Tabula rasa.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.11.2021 - Kulturpolitik

In der SZ blickt Alexander Menden auf die "Mutter aller Restitutionsdebatten", den Streit um die Rückgabe des Parthenon-Fries, den der britische Botschafter Lord Elgin einst in einem Handel mit den osmanischen Besatzern von der Athener Akropolis abtransportieren ließ. Die Unesco hat sich im September hinter die Forderung Griechenlands nach Rückgabe gestellt. Bemerkesnwert, welche Gegenargumente das British Museum hinter vorgehaltener Hand auffährt. Zum Beispiel: "Dass man die politisierende Parteinahme der Unesco mit ihrer Fixierung auf nationalstaatliche Eigentumsrechte als ahistorisch und einseitig betrachte. Doch offiziell schweigt sich das British Museum bis dato aus."

Im Börsenblatt möchte Deniz Yücel als neuer PEN-Präsident die Freiheit des Wortes auch für rechte Verlage gelten lassen (die er allerdings nicht genauer definiert oder von rechtsradikalen oder rechtsextremen abgrenzt). Aber, meint er in der Diskussion um die Buchmesse: "Einen größeren Propaganda-Dienst als ihren Rauswurf kann man diesen Leuten gar nicht erweisen, woran ein Antifaschismus, dem es nicht um die narzisstische Selbstinszenierung, sondern um eben die Bekämpfung des Faschismus geht, kein Interesse haben kann. Das entbindet die Veranstalter nicht von aller Verantwortung. Und weil sie in dieser Frage mehrmals Taktgefühl vermissen ließen, hier als Merksatz: Platzierung neben Blauem Sofa - nicht machen; Platzierung zwischen Besenkammer und Herrenklo - ja, passt."

Nach dem neuen Ärger um die rechtsradikale Gesinnung des Großspenders Ehrhardt Bödecker hat die Stiftung Humboldt Forum die Plakette zu seinen Ehren entfernen lassen, nicht das Kreuz auf der Kuppel (unser Resümee). Im Tagesspiegel quälen jetzt Christiane Peitz Fragen über Fragen: Was ist zum Beispiel mit Bödeckers Frau, die sich bei der Flüchtlingshilfe engagiert und die mit auf der Plakette stand? Und: "Was ist etwa mit Rudolf-August Oetker, der sich zeitlebens gegen die Aufarbeitung der NS-Verstrickung seines Unternehmens gewehrt hatte? Die Großspende datiert dem Vernehmen nach aus der Zeit nach seinem Tod 2007, sie erfolgte über die gleichnamige Kunst- und Kulturstiftung. Alles in Ordnung? Dass aktuelle Rechtsextreme und Revanchisten als Spender fragwürdig wären, ist klar. Aber welches Geld aus deutschem Firmenerbe ist unbelastet, welches nicht? Welche Ehrentafeln in welchen deutschen Kultureinrichtungen stehen demnächst zur Debatte?" Berliner Kulturpolitik ist ein Graus!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.11.2021 - Kulturpolitik

Nachdem die rechtsradikale Gesinnung des Stadtschloss-Spenders Ehrhardt Bödecker bekannt geworden ist (unser Resümee), fordert der Architektur Philipp Oswalt die Prüfung weiterer Spender. Andreas Kilb geht das in der FAZ ein bisschen weit: "Soll jetzt jeder einzelne Spender ein politisches Leumundszeugnis nachreichen"? Blamiert sei ohnehin nicht der Spendenverein, dessen Preußen-Nostalgie nie in Frage stand. "Blamiert ist die Bundespolitik, die die Rekonstruktion der Barockfassaden zur Privatsache gemacht hat. Die kurzlebigen Vorteile der Mischfinanzierung des Humboldt-Forums, die der damalige Bauminister Tiefensee 2006 mit dem Berliner Regierenden Bürgermeister Wowereit aushandelte, haben sich in langfristige Nachteile verwandelt." (Ohne diese Mischfinanzierung wäre es allerdings nie gebaut worden.)

Das Bödecker ehrende Medaillon im Durchgang des Eosander-Portals soll laut Stiftung Humboldt Forum derweil "umgehend" abgenommen werden, meldet der Tagesspiegel mit dpa. Auch Bödeckers Sohn Andreas und Schwiegertochter Elvira Tasbach distanzieren sich: "In Schriften und Vorträgen seien 'Thesen und Formulierungen enthalten, die falsch und teils sogar rechtsextrem sind', auch habe Bödecker mitunter in 'rechtsextremen Kreisen' veröffentlicht. 'Diese Erkenntnis ist schmerzlich und erfüllt uns mit großer Betroffenheit', schreiben Elvira Tasbach und Andreas Bödecker. Sie betonen, dass sie selber Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus entschieden ablehnen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.11.2021 - Kulturpolitik

Bereits vergangene Woche fragte der Architekturhistoriker Philipp Oswalt im Tagesspiegel, ob das wiederaufgebaute Stadtschloss in Berlin seine mit dickem Kreuz versehene Kuppel der Finanzierung durch einen rechtsradikalen Spender, dem ehemaligen Juristen und Banker Ehrhardt Bödecker verdankt (unser Resümee). Die Stiftung Humboldt Forum will erst durch Oswalts Artikel von den Ansichten ihres Spenders erfahren haben, schreibt Jörg Häntzschel in der SZ. Für die Prüfung der Herkunft der Spenden sei der Spendenverein des Traktorfabrikanten Wilhelm Boddin zuständig gewesen, heißt es dort nun: "'Wir haben auf bürgerliche Reputation geachtet, nicht auf politische Einstellungen", sagte er gegenüber der Berliner Zeitung. Gegenüber der SZ war er nicht zu einer Stellungnahme bereit. Das Schlimme ist, so der Architekturkritiker Oswalt gegenüber der SZ, dass Bödeckers Weltbild für viele durchaus kompatibel sei mit 'bürgerlicher Reputation'. Boddiens Zurückhaltung dürfte aber auch darin begründet liegen, dass er und Bödecker teils in ähnlichen Kreisen verkehrten und in denselben Büchern publizierten, auch wenn Boddien sich nie in ähnlicher Weise geäußert hat wie Bödecker. Wie viel die Bödeckers gespendet haben und ob sie es waren, die die Kuppel finanziert haben, bleibt das Geheimnis der Stiftung."

Die Stiftung will nun "'ein renommiertes zeithistorisches Institut beauftragen, diesen Vorwürfen nachzugehen', hieß es am Dienstag nach einer Sitzung des Stiftungsrats", meldet der Tagesspiegel mit dpa.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.11.2021 - Kulturpolitik

Derzeit ist der Wohnungsbau beim "Heimatministerium" untergebracht. In der SZ wünschte sich Gerhard Matzig dagegen von der neuen Regierung ein "Superministerium der zukünftigen Lebensraumplanung". Einfach schnell mal 400.000 neue Wohnungen hochziehen, wie es die Ampelkoalition plant, reicht ihm nicht aus, man müsse "das Ganze zu sehen. Lamia Messari-Becker, Bauingenieurin und bis 2020 Mitglied des Sachverständigenrats für Umweltfragen der Bundesregierung, bringt das Thema auf den Punkt: 'Klar ist, dass es endlich um Lebensraumplanung gehen muss - und nicht mehr nur darum, Baumassen aufzutürmen und Fläche unkontrolliert zu verbrauchen.' Sie fragt (ein fiktives Bundesbauministerium): 'Wie verbinden wir Wohnen und Arbeit? Wie schaffen wir innerstädtische Freiräume? Wie überwinden wir die Kluft zwischen Stadt und Land? Wie nutzen wir die ökonomische Stärke der Baubranche für eine Kreislaufwirtschaft? Wie reduzieren wir den Energie- und Materialverbrauch beim Bauen? Wie schaffen wir eine Trendwende beim Flächenverbrauch? Wie lassen sich Energie und Mobilität bezahlbar für alle Menschen gestalten?' Das sind nur die drängendsten Fragen. Für die Antworten fehlt bisher nicht die Expertise in Deutschland - aber die politische Macht. Der politische Mut. Der Aufbruch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.10.2021 - Kulturpolitik

Der Architekturhistoriker Philipp Oswalt fragte gestern im Tagesspiegel (nicht online), ob das wiederaufgebaute Stadtschloss in Berlin seine mit preußisch-reaktionärem Zierwerk und dickem Kreuz versehene Kuppel der Finanzierung durch einen rechtsradikalen Spender verdankt. Oswalt hat den Großspender Erhardt Bödecker im Sinn, der auch bei der Garnisonkirche in Potsdam eine fatale Rolle spielte und der nun auch noch mit einem Medaillon im Eosanderportal des Schlosses geehrt wird: "Im Frühjahr 2013 stand die Entscheidung an, ob das Schloss mit oder ohne historische Kuppel gebaut wird. Mit einer siebenstelligen Spendenbetrag sicherte ein vom Förderverein eingeworbener Spender die Realisierung dieses ideologisch besonders problematischen Bausteins des Bauvorhabens. Bödeckers Spende war siebenstellig. Zu Fragen ihrer Zweckbindung verweigert die Stiftung Humboldtforum aus 'datenschutzrechtlichen Gründen' (Telefonat am 26.10.2021) die Auskunft. Doch die Öffentlichkeit ha ein Anrecht zu erfahren, ob sie den Bau der historischen Kuppel einem rechtsradikalen Spender verdankt."

Mit der Rückgabe von 26 Kunstwerken durch Frankreich an Benin haben Emmanuel Macron und Benedicte Savoy eine "Zeitenwende" markiert, meint Martina Meister in der Welt: "Auf 85 bis 90 Prozent wird der Anteil des afrikanischen Kulturerbes geschätzt, das nicht auf dem Kontinent, sondern in europäischen und amerikanischen Museen lagert oder gezeigt wird. 90.000 Objekte befinden sich allein in Frankreich, 70.000 davon im Pariser Musée du Quai Branly, 46.000 sind während der Kolonialzeit in die Sammlungen eingeflossen."