9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1585 Presseschau-Absätze - Seite 18 von 159

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.10.2024 - Geschichte

Es gibt in Hamburg, sozusagen dem Hauptumschlagsplatz des deutschen Kolonialismus, nach wie vor keinen Gedenkort für die deutschen Verbrechen in diesem Kontext. Der Baakenhafen soll neu gestaltet wetden. Das wäre die Gelegenheit, meint der Historiker Kim Todzi bei geschichtedergegenwart.ch: "Es geht bei der Auseinandersetzung um die Erinnerung im Baakenhafen also um nichts weniger als darum, dass im öffentlichen Raum anerkannt wird, dass der Völkermord an den Herero und Nama nicht nur ein Teil der namibischen, sondern auch der deutschen Geschichte ist. Dabei sollten auch die ermordeten und anonym gebliebenen Opfer des von Deutschen verübten Genozids bewusst- und sichtbar gemacht werden."

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Der Historiker Heinrich August Winkler bespricht im Tagesspiegel das neue Buch des Historikers und Publizisten Volker Ullrich "Schicksalsstunden einer Demokratie". Das Scheitern der Weimarer Republik war weder "ein zwangsläufiges Ergebnis der deutschen Geschichte noch ein bloßer Betriebsunfall", wird ihm von Ullrich anschaulich vor Augen geführt. Ullrich "schildert den Einfluss, den Intriganten wie der als Reichskanzler inzwischen abgelöste Franz von Papen, der rechte Flügel der Schwerindustrie und der Reichslandbund auf den greisen Bundespräsidenten und seine engsten Berater, die 'Kamarilla', ausübten, um den letzten Weimarer Reichskanzler, den General Kurt von Schleicher, zu Fall und eine von den Konservativen dominierte 'Regierung der nationalen Konzentration' unter Hitler als Kanzler an die Macht zu bringen (...) Hindenburg hätte Schleicher, der sich einen gewissen Rückhalt in der politischen Mitte und bei den Gewerkschaften erarbeitet hatte, nach einem Misstrauensvotum des Reichstags geschäftsführend im Amt belassen können. Er hätte auch, was Ullrich nicht erwähnt, einen nicht polarisierenden Fachmann zu seinem Nachfolger ernennen können und damit Zeit gewonnen. Am Ende waren es die alten wilhelminisch geprägten Machteliten, die mit ihrem Votum für Hitler dessen Wahlniederlage vom 6. November 1932 um ihren politischen Sinn brachten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2024 - Geschichte

Wenn autoritäre Machthaber ins Amt kommen, legen sie immer eine eigene, heroische Geschichtsinterpretation vor, erklärt die Juristin Angelika Nußberger, die am paneuropäischen Projekt "Memocracy" beteiligt war, im SZ-Interview mit Jakob Wetzel. Für das Projekt hat sie vor allem auf osteuropäische Staaten und ihre Erinnerungskultur geblickt. So bräuchten autoritäre Staaten die Geschichte als Legitimation. "Demokratien können sich besser legitimieren, vor allem mit fairen Wahlen. Sie halten es aus, wenn man in der Geschichte dunkle Flecken findet, sie haben gelernt, damit umzugehen. Autoritäre Regime haben dagegen Angst vor Kritik. Sie müssen die Geschichte festzurren. Aber instrumentalisiert wird die Geschichte von allen, auch von Demokratien. Jeder Staat baut Denkmäler und benennt Straßen nach bestimmten Helden. Auch das deutsche Grundgesetz erzählt ein Narrativ, eines der Abgrenzung und des 'Nie wieder'. Die ganze Verfassung definiert sich in Abwendung von der NS-Zeit. Auch Demokratien brauchen solche historischen Narrative. Nur ist es in diesem Fall nicht die große heroische Geschichte, sondern sozusagen das Gegenteil."

Im Interview mit der Welt spricht der Historiker Timothy Snyder über sein neues Buch "Über Freiheit".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2024 - Geschichte

Bis heute ist das Verhältnis zwischen Israel und Großbritannien angespannt. Das hat historische Gründe: Der Schriftsteller Chaim Noll blickt in der NZZ zurück auf die Gründung Israels. Immer noch wird, so Noll, an britischen Universitäten stolz verkündet, dass der jüdische Staat seine Existenz dem Vereinigten Königreich zu verdanken habe. Das ist insofern richtig, als dass die Briten mit der Balfour-Deklaration die Grundlage für die Gründung Israels schufen. In der Folge jedoch agierten die Briten immer weniger im Sinne der jüdischen Bevölkerung, erinnert Noll, auch dann, als 1939 die Not immer größer wurde: "Im Mai 1939 veröffentlichte die britische Regierung das 'Weißbuch' ('White Paper'), ein Konzept zur Eindämmung der jüdischen Einwanderung ins Mandatsgebiet: Danach durften nur noch 10 000 Juden jährlich einreisen, eine lächerliche Zahl angesichts der Hunderttausende, die sich vor den Nachstellungen der Nazis in Sicherheit bringen mussten und überall sonst abgewiesen wurden. Das 'Weißbuch' versuchte nachzuweisen, dass die natürlichen Ressourcen des Gebiets (wie Wasser) nicht ausreichten, alle jüdischen Einwanderer zu versorgen. Und die Briten setzten ihre Restriktionen gnadenlos um. Mit Waffengewalt wiesen sie jüdische Einwanderer ab, manchmal wurden ganze Schiffe am Anlegen in den Häfen des Mandatsgebiets gehindert und die eben Geflüchteten in Lager auf Zypern deportiert (in einigen Fällen spedierte man sie gar zurück nach Europa). Dabei kam es zu Todesopfern. So waren die ersten von den Briten getöteten Gegner im Zweiten Weltkrieg nicht etwa Soldaten der Deutschen Wehrmacht, sondern Juden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.09.2024 - Geschichte

Marco Zschieck erzählt in der taz, wie in der Westukraine, die seinerzeit zu Polen gehörte, an den Hitler-Stalin-Pakt erinnert wird, mit dem für diese Gebiete der Zweite Weltkrieg anfing. Heute jährt sich der russische Einmarsch auch in Städten wie Lwiw. Eliten wurden ermordet. "Wer noch am Leben war, wurde nach Sibirien deportiert. Insgesamt rund 1,1 Millionen Menschen aus den vormals polnischen Gebieten. Aber es gibt auch höhere Schätzungen. Bis Mitte 1941 Nazideutschland den Pakt mit Stalin brach, gab es vier Verhaftungswellen. Die letzte kurz vor dem Angriff der Wehrmacht. Als sich die deutschen Truppen der Stadt näherten, hatte der NKWD keine Zeit mehr für einen Abtransport der Gefangenen. Alle 1.681 Menschen wurden Ende Juni 1941 erschossen. Das ganze war kein Einzelfall. In der Region gab es 16 Massenerschießungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2024 - Geschichte

Der Rechtsphilosoph Dietmar von der Pfordten versucht indes auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ Wagenknechts Popularität zu ergründen, indem er zunächst die Trennlinie zwischen internationalistischer und nationalstaatlicher Ausrichtung innerhalb sozialistischer Parteien skizziert: "Während der Trotzkismus radikal internationalistisch eingestellt war, also sofort die Weltrevolution in allen Ländern erstrebte oder zumindest für unabdingbar hielt, befürworteten weniger internationalistisch gesonnene Linke den 'Sozialismus in einem Land'. Stalin wandte sich etwa nach Lenins Tod mit dieser Formel gegen seinen parteiinternen Konkurrenten Trotzki. In den Dreißigerjahren wurde die Formel zur Staatsdoktrin der Sowjetunion. Und auch die SED hat in der DDR stärker diese Variante des Sozialismus verfolgt, nicht zuletzt um gegenüber der Bundesrepublik ihre Eigenstaatlichkeit zu rechtfertigen. Die 'sozialistische Nation' wurde zur Staatsdoktrin."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2024 - Geschichte

Im Frühjahr 1989 beschloss die ungarische Regierung, nach jahrelanger Zusammenarbeit mit dem SED-Regime, den Grenzzaun zu Österreich abzubauen: "Das so entstandene Loch im Eisernen Vorhang entfaltete einen Sog, als hätte man in einer vollen Badewanne den Stöpsel gezogen", erinnert Hubertus Knabe in seinem Blog. Wie kam es zu dieser Entscheidung vom Politbüro der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei? Knabe ergründet die "eigentümliche Passivität", die die SED-Führung angesichts dieser Entwicklungen an den Tag legte anhand der Aufzeichnungen der Geheimdienste Ungarns und der DDR aus dem Budapester Archiv der Staatssicherheit. Sie zeigen, dass es eine "Mischung aus Agonie und Selbstgefälligkeit war", die den Untergang des SED-Regimes besiegelte. Die enge Zusammenarbeit zwischen den Ungarischen Behörden und der Stasi geriet in den 1980er-Jahren an seine Grenze, hält Knabe fest, als die Zahl der Flüchtlinge immer weiter stieg, die DDR-Führung aber bis zuletzt passiv reagierte: "Am 31. August reiste der ungarische Außenminister Horn deshalb zu seinem ostdeutschen Amtskollegen Oskar Fischer. Sein Land sei nicht länger bereit hinzunehmen, dass in Ungarn rund 10.000 DDR-Bürger auf eine Ausreisemöglichkeit warteten. Die DDR-Regierung solle erklären, dass sie deren Anträge auf Ausreise wohlwollend bearbeiten werde, wenn die Antragsteller nach Hause zurückkehrten - ansonsten werde man die Grenzen am 4. September öffnen. Weil die SED-Führung sich nicht darauf einließ, kündigte Horn schließlich an, dass Ungarn die Ostdeutschen ausreisen lasse (...)"

Vor 75 Jahren wurde Theodor Heuss erster Bundespräsidenten der BRD. Der Historiker Norbert Frei fächert in der Zeit die Widersprüche in Heuss' Haltung, was die Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen anging, auf. Vehement stellte er sich gegen die Verdrängung der Vergangenheit ("Wir dürfen nicht vergessen die Nürnberger Gesetze, den Judenstern, den Synagogenbrand, den Abtransport von jüdischen Menschen in die Fremde, ins Unglück, in den Tod.") Gleichzeitig setzte er sich für NS-Kriegsverbrecher ein: "So entschieden, wie Heuss sich gegen das Vergessen der NS-Verbrechen positionierte, arbeitete er - wohlwissend, dass sein präsidiales Begnadigungsrecht in solchen Fällen nicht griff - vor und hinter den Kulissen an der 'Lösung der Kriegsverbrecherfrage' mit, die sowohl bei der Regierung als auch bei der SPD weit oben auf der Tagesordnung stand. Dabei ging es um Deutsche, die seit 1945 vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg und in den zwölf sogenannten Nachfolgeprozessen, aber auch in zahlreichen Militärgerichtsverfahren wegen Kriegs- und NS-Verbrechen verurteilt worden waren." Unter anderem für den ehemaligen Staatssekretär im Auswärtigen Amt Ernst von Weizsäcker, der "nicht zuletzt wegen eines von ihm abgezeichneten Vermerks zur Deportation von Juden aus Frankreich zu sieben Jahren Haft verurteilt worden war. ... Im Oktober 1950 kam Weizsäcker frei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2024 - Geschichte

Der Historiker Ulrich Schlie hält in der NZZ einen Vergleich der Gegenwart mit der Situation in der Weimarer Republik nicht für angemessen. Auch die AfD mit dem Nationalsozialismus in Verbindung zu bringen, hält Schlie für überzogen. Er behauptet tatsächlich, die AfD habe "bisher wenig Anhaltspunkte geliefert, die als Verteidigung des Nationalsozialismus hätten gewertet werden können. (...) Was hinter verschlossenen Türen gesagt wird, kann nur vermutet werden." Immerhin, so viel gesteht Schlie dann doch ein: Es sei klar "erkennbar, dass sich die Partei zunehmend radikalisiert." Aber die aktuelle politische Krise habe "völlig andere Ursachen als die, die zur Auflösung der Weimarer Republik geführt haben: Sie ist in erster Linie auf das Versagen der Staatsspitzen zurückzuführen (...) Der Schaden, den die AfD in den auswärtigen Beziehungen anrichten kann, ist immens und geeignet, die Stellung Deutschlands in der Welt erheblich zu beeinträchtigen. Dass dies so ist, hängt wesentlich mit Hitlers langem Schatten und der dauerhaften Präsenz des Nationalsozialismus im deutschen Nachkriegsbewusstsein zusammen."

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Sören Kittel resümiert in der Berliner Zeitung indes eine Vorstellung von Phillipp Ruchs Buch "Es ist 5 vor 1933". Ruchs Botschaft ist ganz klar, so Kittel: die AfD gehört verboten - und zwar schon lange: "Das Buch lenkt den Fokus weg von der Zeit nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten hin zu den Jahren davor. Ruch erklärt schlüssig, warum er die Abwehrpolitik der Weimarer Republik besser bewertet als die der heutigen Regierung. Mehr als 2000 Beweisstücke hat das Zentrum für Politische Schönheit zusammengetragen, um die Verfassungsfeindlichkeit der AfD nachzuweisen. ... Die Toleranz den Parteimitgliedern gegenüber hält er für verhängnisvoll. Er schreibt: 'Sie werden sich dafür rächen, nicht ernst genommen worden zu sein.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2024 - Geschichte

In der NZZ erinnert der Historiker Ekkehard Kraft an den griechischen Bürgerkrieg zwischen der Kommunistischen Partei Griechenlands und den Antikommunistischen Kräften, der vor 75 Jahren endete. "Der griechische Bürgerkrieg war der erste 'heiße' Konflikt des Kalten Krieges - noch vor dem Koreakrieg - und der einzige in Europa." Die antikommunistischen Kräfte gewannen den Krieg, in Griechenland folgte nach 1949 die Militärdiktatur. "Die unterlegene Linke wurde ausgegrenzt und stigmatisiert, die Geheimdienste überwachten sie mit einem Netz von Spitzeln. Die Zahl der politischen Gefangenen ging nur langsam zurück, Ende 1962 waren es noch 1655. Für die Ausstellung eines Passes oder eines Gewerbescheins benötigte man ein von der Polizei ausgestelltes Gesinnungszertifikat. Auch der Militärputsch von 1967 und die nachfolgende siebenjährige Diktatur waren letztlich eine Folge des Bürgerkriegs. Die Putschisten begründeten ihren Staatsstreich mit einer angeblich drohenden kommunistischen Machtübernahme. Erst das Ende der Diktatur im Juli 1974 setzte einen Schlussstrich unter diese Ära."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.09.2024 - Geschichte

Die "jüdische Angst hat in München tiefe Wurzeln", erinnern Roman Deininger und Uwe Ritzer in der SZ und rekapitulieren die Ereignisse um das Olympia-Attentat 1972, (im Englischen treffender "Munich Massacre", wie die Autoren anmerken): "Munich Massacre, der Begriff erreicht schmerzhafte Präzision auch darin, dass er den Ort des Anschlags von 1972 benennt. Und das hat seine besondere Berechtigung, denn das Olympia-Attentat war einst nur der traurige Höhepunkt einer Kette von schrecklichen antisemitischen Attacken, die sich alle in der bayerischen Landeshauptstadt zutrugen." 1970 versuchten drei palästinensische Terroristen ein israelisches Flugzeug kapern und scheiterten knapp, auch weil sich einer der Passagiere, Ariel Katzenstein, opferte. Kurze Zeit später wurden die verhafteten Palästinenser "durch eine Flugzeugentführung freigepresst. Die 'Volksfront für die Befreiung Palästinas' hatte gleich vier Maschinen gleichzeitig entführt und zeitweise 750 Geiseln in ihrer Gewalt." Die antisemitische Bedrohung, so die Autoren "hatte in diesen dunklen Jahren drei Quellen, und meistens wussten die Sicherheitsbehörden nicht, mit wem sie es gerade zu tun hatten: mit palästinensischen, einheimischen linken oder rechten Terroristen." Drei Tage später brannte ein jüdisches Altenheim, acht Personen kamen zu Tode, erinnern die Autoren, alle waren Holocaust-Überlebene.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.09.2024 - Geschichte

Viktoria Grossmann besucht für die SZ Leokadia Wieczorek, die als Kind mit ihren Eltern von den Deutschen aus Polen entführt und in Deutschland zur Arbeit gezwungen wurde. Wieczorek kämpft seit dreißig Jahren dafür, dass ehemalige Zwangsarbeiter Entschädigungen erhalten, berichtet Grossmann. In Weimar, wo das Museum "Zwangsarbeit im Nationalsozialismus" kürzlich eröffnet wurde, könnte es hinsichtlich der Finanzierung bald eng werden, so Grossmann: "Wohl gerade noch so und gerade noch rechtzeitig konnte das Museum eröffnet werden, das zur Gedenkstätte Buchenwald gehört, die wiederum vom Bund und vom Freistaat Thüringen finanziert wird. Auch das Gebäude gehört dem Freistaat. Vertreter der AfD Thüringen fordern, Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner abzusetzen. Dieser bekommt Morddrohungen. In einem Interview mit der SZ sagte er, die AfD 'könnte versuchen, uns Mittel zu streichen', wenn sie genügend Macht im Landtag erhält. 'Dass die AfD keine Scheu hat, Kürzungen bei Gedenkstätten zu fordern oder deren Finanzierung ganz infrage zu stellen, hat sie bereits mehrmals gezeigt.'