9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1585 Presseschau-Absätze - Seite 19 von 159

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2024 - Geschichte

Russland ist im Ukraine-Krieg vor allem auf den Zugang zum Schwarzen Meer als "das wirtschaftliche und logistische Rückgrat der Reichsbildung" aus, erklärt uns der Historiker Herfried Münkler in der NZZ. Sollte Russland gewinnen, könnte sich das Interesse schnell Richtung Ostsee verschieben. "Man kann davon ausgehen, dass der Raum um das Schwarze Meer auch nach einem wie auch immer gearteten Ende des Kriegs in der Ukraine einer der Instabilität und der immer wieder aufflackernden Kriege bleiben und dass das erhebliche Auswirkungen auf den Balkan haben wird. Hinzu kommt, dass die Geopolitik der Binnenmeere aus russischer Sicht auch für den Ostseeraum gilt: Alles, was mit Blick auf das Schwarze Meer gesagt wurde, lässt sich mit geringfügigen Modifikationen auch über die Ostsee sagen: für Russland ein seit Peter dem Großen beherrschter Raum, der attraktiv ist, wenn es darum geht, einen starken Einfluss auf Mittel- und Westeuropa auszuüben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2024 - Geschichte

Der Historiker Peter Oliver Loew, Direktor des Deutschen Polen-Instituts, zeigt sich im FR-Interview anlässlich des Überfalls von Nazi-Deutschland auf Polen am 1. September 1939, verärgert über den Wahltermin in Sachsen und Thüringen. "Wer auch immer es für eine gute Idee hielt, Wahlen am 1. September abzuhalten, hatte kein gutes Gespür für die Geschichte. Das kann zu sehr unguten Assoziationen führen, wenn in Dresden und Erfurt dann auch noch eine Partei gewinnt, deren Verhältnis zur NS-Zeit alles andere als eindeutig ist." Außerdem ruft er die deutschen Parteien zu einer stärkenden Unterstützung der Ukraine auf: "Tut etwas, um eure Freiheit zu verteidigen. Es gibt in Deutschland und anderen Ländern genügend Menschen, die für einen Frieden mit Russland die Ukraine aufgeben würden. Aber Frieden kann es nur geben, wenn wir durch die Unterstützung der Ukraine auch die Freiheit für die östlichen Mitgliedsstaaten der EU verteidigen, die sonst die nächsten Opfer der expansiven und aggressiven Politik Putins würden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.08.2024 - Geschichte

Nirgendwo waren die Nationalsozialisten so früh erfolgreich wie in Thüringen, erinnert Thomas Schmid (Welt), der bis ins Jahr 1485 zurückgeht, um die thüringische Anfälligkeit für völkische Parolen nachzuvollziehen. Er stellt fest, dass der Ost-West-Gegensatz in Deutschland viel älter ist als die Teilung: "Vor allem im Südwesten Deutschland kämpften sich in der frühen Neuzeit bis zu hundert große, kleinere und kleine Städte gegen die Fürsten frei. Sie erlangten eine bestimmte Form von Selbstverwaltung - eine Vorstufe der Demokratie. Das gab es im Osten Deutschlands und auch in Thüringen kaum. So fehlte dort die Tradition eines selbstbewussten Bürgertums, das die Geschicke seiner Stadt und der Region in die eigenen Hände nehmen wollte." In Thüringen entwickelte sich dann trotz der schönen Episode der Weimarer Klassik eine Art Bratwurstpatriotismus: "Dieser Patriotismus ist gemeinschaftlich, nicht gesellschaftlich. Wir sind wir: Die Parole hat in Thüringen schnell etwas Ausschließendes, Aggressives."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2024 - Geschichte

Das Museum Berlin-Karlshorst, das lange Zeit lang von Russland mit getragen wurde (mehr hier), zeigt eine Ausstellung über die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts, die offenbar nichts beschönigt - Klaus Hillenbrand berichtet für die taz. Die Folgen hießen natürlich für die osteuropäischen Länder jahrzehntelange Unfreiheit: "So verwundert es nicht, dass die Bewohner dieser Länder die Bedeutung des Pakts ganz anders sehen als die im Westen - er hat schließlich dazu beigetragen, ihre Unterdrückung zu ermöglichen. Die Länderstationen der Schau machen deutlich, wie das vorging: mit manipulierten Wahlen, Verschleppungen von Kritikern nach Sibirien und nackter, brutaler Gewalt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2024 - Geschichte

Der Hitler-Stalin-Pakt spaltet Europa bis heute, schreibt der Historiker Felix Ackermann in der FAZ: "Anders als die vom Hitler-Stalin-Pakt betroffenen Gesellschaften verstand die Bundesrepublik 2014 als Staat und als Gesellschaft nicht, dass die russische Annexion der Krim den Beginn der Zerstörung der europäischen Nachkriegsordnung markierte." Die Erinnerung an sowjetische Repression sei in der DDR systematisch ausgelöscht worden - und damit ein realistischer Blick auf die Geschichte, so Ackermann. "Diese programmatische Abkehr ermöglichte einer ganzen Gesellschaft, sich ideologisch und psychologisch von der eigenen Vergangenheit abzutrennen."

Der 23. August ist der "Internationale Tag der Erinnerung an den Sklavenhandel". Michaela Dudley erzählt in der taz die Geschichte ihrer Vorfahren, die Opfer des transatlantischen Sklavenhandels waren. Allerdings reicht ihr die Erinnerung daran nicht aus: "Die Verdrängung der Sklaverei ist ... eine Tendenz, die nicht nur der weißen, christlich-konservativ geprägten Dominanzgesellschaft bescheinigt werden muss." Dudley konstatiert eine "auffällige Zurückhaltung" bei "woken Wortführer:innen und muslimischen Meinungsbildner:innen ", die sich mit der anderthalbtausendjährigen Geschichte der muslimischen Versklavung von Afrikanern nicht auseinandersetzen wollen: "Das Schweigen über die eigene dunkle Geschichte erzeugt eine kognitive Dissonanz, die es der propalästinensischen Bewegung ermöglicht, den Rassismus in einem moralisch selbstgerechten Rahmen zu verurteilen, während sie gleichzeitig dazu aufruft, den jüdischen Staat auszulöschen."

Der Schriftsteller Hans Christoph Buch wirft indes in der NZZ der postkolonialen Kulturanthropologie Einseitigkeit vor, indem er etwa daran erinnert, "dass Ex-Sklaven aus Jamaica und dem Süden der USA im 19. Jahrhundert von Philanthropen freigekauft und nach Afrika verschifft wurden, wo sie die Anwohner unterjochten und als Sklaven verkauften. Kein Lehrstück von Brecht, sondern ein historischer Fakt - in Liberia und Sierra Leone bilden sie bis heute die Oberschicht. Dass die Dekolonisation Afrikas nicht die ersehnten Resultate brachte und Afrikaner als Boat-People ihr Leben riskieren, um korrupten Regimen zu entfliehen, ist bekannt: Auch Südafrika, der einzige Industriestaat des Kontinents, der dank Mandelas Regenbogenpolitik beste Startbedingungen hatte, ist heute von Gewalt und Korruption bedroht. Kulturanthropologen tun sich schwer, Fehlentwicklungen beim Namen zu nennen, denn die Selbstbestimmung ethnischer Gruppen und Völker ist für sie oberstes Gebot: nicht aus naivem Gutmenschentum heraus, sondern aus Empathie für die Opfer des Kolonialismus, mit deren Revolte jüdische Intellektuelle sich einst identifizierten."

Ebenfalls in der taz erzählt Uta Schleiermacher die ruhmreiche Geschichte der "Roten Hilfe", die hundert Jahre alt wird.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2024 - Geschichte

In der FAZ stellt Stefan Locke die Litauerin Irena Saulutė vor, die, heute 96 Jahre alt, 1941 als Zwölfjährige mit ihrer Mutter und ihrem Bruder nach Jakutien, im Osten Sibiriens, deportiert worden war. Heute führt sie Besucher durch ein Freilichtmuseum bei Kaunas, um an den Überfall der Sowjets auf die baltischen Staaten zu erinnern. "Ein Drittel der ans Lena-Delta Deportierten überlebte den ersten Winter nicht, sagt Saulutė. Auch ihre Mutter starb an Unterernährung und Skorbut, sie wurde 44 Jahre alt. In einer Nacht schaffte sie es gemeinsam mit ihrem Bruder, ein Grab ins Eis zu schlagen und die Mutter zu beerdigen. ... Fast sechs Jahre blieb Saulutė in der Arktis, dann gelang es ihr, in die 1700 Kilometer südlich gelegene Großstadt Jakutsk zu entkommen und von dort 'über tausend Zufälle', wie sie sagt, wieder nach Litauen. Dort blieb sie als Spross einer 'nicht erwünschten' Familie nicht unentdeckt, der NKWD nahm sie abermals fest und brachte sie zurück nach Sibirien, wo auch ihr Bruder noch lebte. 'Der Terror gegen die Balten war in der Nachkriegszeit unbeschreiblich', sagt Historiker Bubnys. Zwischen dem Sommer 1944, als die Rote Armee das Baltikum zurückerobert hatte, und Stalins Tod 1953 wurden allein in Litauen 150.000 Menschen aus politischen Gründen verhaftet und 130.000 deportiert. Von ihnen starben bis zu 25.000 in Lagern und Gefängnissen, 28.000 kamen in der Verbannung ums Leben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2024 - Geschichte

Ausstellungsansicht "Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus". Foto: © Gedenkstätte Deutscher Widerstand


Mutige Frauen sieht Renate Meinhof (SZ) in der Ausstellung "Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus", die die Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin ausgerichtet hat. Zum Beispiel Elise Hampel, Vorbild für die Arbeiterehefrau Anna Quangel in Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein". Es wurde auch langsam Zeit, diese zumeist vergessenen Frauen zu würdigen, denkt sie sich: Die Ausstellung "bringt jetzt Osten und Westen zusammen, stellt 32 Biografien von verfolgten Kommunistinnen, Gewerkschafterinnen und Künstlerinnen, von Christinnen oder Jüdinnen, von Zeuginnen Jehovas neben die Frauen des 20. Juli 1944. In einfacher Sprache werden sie vorgestellt, dazu Fotos, Dokumente ihrer Prozesse, Abschiedsbriefe. Gerade in dieser Schlichtheit treffen die Schicksale ins Herz." Die gesamten Forschungsergebnisse sind auch im Internet einsehbar.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2024 - Geschichte

taz-Urgestein Klaus Wolschner erzählt in der taz-Nord die erbauliche Geschichte zweier Richter, die nochmal ins Gedächtnis ruft, wie lange das mit der Aufarbeitung der Nazizeit gedauert hat. Der eine Richter war Hans Puvogel, Mitglied der NSDAP. Er hatte in seiner Doktorarbeit 1936 zum Thema Homosexualität geschrieben. "Ein wegen seiner Minderwertigkeit für die Gemeinschaft nutzloser, ja schädlicher Mensch ist ... auszuscheiden... Die große Aufgabe selbst darf nicht durch irgendwelche kleinlichen Kompetenzstreitigkeiten gehemmt und in ihrer Wirksamkeit lahmgelegt werden." Puvogel stieg in der Nachkriegszeit  bis zum Justizminister Niedersachsens unter Ernst Albrecht auf. Der andere Richter war Helmut Kramer, der 1978 Passagen aus Puvogels Dissertation öffentlich machte, was gar nicht gut ankam und keineswegs zum Rücktritt Puvogels führte. Aber: "Helmut Kramer, damals Richter am Oberlandesgericht Braunschweig, wurde strafversetzt - in einen Zivilsenat. Der Braunschweiger Oberlandesgerichtspräsident Rudolf Wassermann, ein engagierter Sozialdemokrat, leitete ein förmliches Disziplinarverfahren gegen Kramer ein, weil der 'seine Pflicht zu einem achtungswürdigen Verhalten gegenüber einem Dienstvorgesetzten verletzt' habe. Das Verfahren wurde zwar nach vier Monaten eingestellt, enthielt aber die Bemerkung, es habe sich um eine 'Dienstpflichtsverletzung' gehandelt." Und Kramer ist erst in diesem Jahr offiziell rehabilitiert worden!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2024 - Geschichte

Viel zu wenig wird der Warschauer Aufstand in deutsches und westliches Gedenken einbezogen, schreibt Richard Herzinger in seiner Perlentaucher-Kolumne. Für die Polen dagegen hat sich die brutale Niederschlagung des Aufstands durch die Deutschen, während Stalins Truppen genüsslich zusahen, "wie der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 bis 1941 als traumatischer Einschnitt und Symbol für das Zusammenspiel der beiden totalitären Mächte in das nationale Gedächtnis eingebrannt." Auch die westlichen Alliierten sind aus dieser Katastrophe nicht gerade ruhmvoll herausgekommen. Sie müssten sich fragen, "ob es nicht vorschnell war, die Freiheit Polens dem harmonischen Verhältnis zu dem sowjetischen Kriegsalliierten zu opfern. Gehörte es doch zur Tragik des Warschauer Aufstands, dass - was die Aufständischen nicht wussten - die Westalliierten den Sowjets schon längst zugesagt hatten, ihnen Polen als Teil ihrer Einflusssphäre zu überlassen."

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In der taz rät Caroline Fetscher anlässlich des 120. Geburtstags von Ralph Bunche, den schwarzen Friedensnobelpreisträger und Mitgestalter der Vereinten Nationen, der 1949 auch zwischen Israel und den arabischen Anrainern vermittelte, wiederzuentdecken. Am besten mit der 2023 erschienenen Biografien von Kal Raustiala, die zeigt, wie unkonventionell Bunche versuchte, Frieden zu stiften: "Eine der Episoden illustriert das gut. Frustriert beorderte Bunche einmal das ägyptische wie das israelische Team in seine Suite. Er holte einen Schmuckteller aus einer Schublade, schön bemalt mit grünen und blauen Schleifen. Darauf stand: 'Armistice Negotiations Rhodes 1949'. Waffenstillstands-Verhandlungen, Rhodos 1949. 'Nach der Unterzeichnung bekommt jeder so einen als Souvenir', verkündete Bunche. 'Unterzeichnet ihr nicht', donnerte er, 'dann zerbreche ich diese Teller über euren Köpfen!' Alle mussten lachen - vielleicht sogar über sich selber. Ende Februar 1949 kam das israelisch-ägyptische Abkommen zustande, gefeiert bei einem Pingpongturnier mit gemischten israelisch-ägyptischen Teams."

In der FAZ erinnert Daniel Damler an das Triumvirat Ludwig Landmann, seit 1924 Oberbürgermeister in Frankfurt, den Stadtkämmerer Bruno Ash und den Stadtbaurat Ernst May, die im Frankfurt der Zwanziger schafften, wovon Berlin nur träumen kann: "In Rekordzeit entstanden in Frankfurt von 1925 an rund 12.000 Wohnungen für mehr als zehn Prozent der Bevölkerung." Auf Initiative Landmanns erwarb die Stadt 90 Prozent der Anteile von dem jüdischen Bankier Georg Speyer 1890 gegründeten "Aktienbaugesellschaft für kleine Wohnungen" (ABG): "Man wollte der ungesunden Immobilienspekulation ein Ende bereiten, nicht aber die Marktwirtschaft beseitigen oder das Subventionsfüllhorn so lange ausschütten, bis alles Geld verbraucht und die Stadt pleite war. Auch ein dem Gemeinwohl verpflichteter Wohnungsbau musste sich ihrer Ansicht nach selbst tragen und durfte der Stadt nicht auf der Tasche liegen. Zur ganzen Wahrheit gehört freilich auch, dass das Frankfurter Modell in dem Moment nicht mehr funktionierte, in dem - wie im Verlauf der Weltwirtschaftskrise - die Menschen verarmten und sich beim besten Willen nicht länger kostendeckend am Wohnungsbau beteiligen konnten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2024 - Geschichte

Buch in der Debatte

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Carl Schurz gilt als Identifikationsfigur für alle, die in Deutschland nach demokratischen Urvätern suchen. Er war 48er, emigrierte nach Amerika, wo er Politiker wurde. Frauke Steffens erzählt in der FAZ, wie nun auch dieses Denkmal gestürzt wird - und verweist dabei auf einen Aufsatz und ein Buch des deutschen Historikers Julius Wilm. Schurz, so stellt sich heraus, gehörte zu den Politikern, die die "Reconstruction-Ära", die zeitweilige Gleichberechtigung der Schwarzen nach dem Bürgerkrieg, tatkräftig beenden halfen - er stimmte 1890 etwa gegen die Wiedereinführung des Wahlrechts für schwarze Männer. Und er betrieb eine brutal-paternalistische Poltik gegenüber Natives. Werden damit heutige moralische Maßstäbe an die Vergangenheit angelegt? "Das Argument der 'modernen moralischen Maßstäbe' an dieser Politik verliere an Überzeugungskraft, sobald man zeitgenössische Kritik an Schurz' Politik zur Kenntnis nehme, sagt Wilm. So habe es eine stärker universalistisch orientierte Debatte schon zu dessen Lebzeiten gegeben. Gerade die zeitgenössischen Gegenstimmen von Afroamerikanern und Indigenen würden aber in Deutschland so gut wie nicht rezipiert. Hier gebe man sich immer noch gern damit zufrieden, auf die lobenden Äußerungen von Abolitionisten wie Douglass zu verweisen - die stammten aber aus der Zeit vor Schurz' inhaltlichem Wandel."

Ebenfalls in der FAZ vergleicht der Historiker Hans Günter Hockerts die Sozialstaatsmodelle von DDR und Bundesrepublik.