9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2017 - Geschichte

Markus Roth, der gerade eine Biografie über den einst berühmten Journalisten und kritischen Hitler-Biografen Konrad Heiden schreibt, liest für die taz Stefan Austs Buch, das gerade zum Thema erschienen ist. Das Problem mit Heiden, sagt Roth, ist dass kaum persönliche Dokumente vorliegen. Er kann darum verstehen, dass Aust Heiden sehr viel im O-Ton zitiert. Allerdings ist das nicht alles: "Was Aust seinen Lesern .. verschweigt, ist, dass er sich Heidens Text sehr viel umfassender zu eigen macht, als es durch Anführungszeichen ausgewiesen ist. Austs Buch ist voll von Heiden-Zitaten, die als Text von Stefan Aust erscheinen, von wörtlichen Übernahmen, die nicht kenntlich gemacht wurden - von Verschleierungen der wahren Autorschaft. Der einzige Unterschied ist mitunter das Tempus. Wo Heiden im Präsens schrieb, hat Aust den Text ins Präteritum gesetzt. Schreibt Heiden in alter Rechtschreibung, ändert Aust dies in die neue; hinzu kommen manchmal kleine stilistische Eingriffe - das Semikolon aber, Heidens Marotte, blieb."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.06.2017 - Geschichte

Paul Ingendaay (FAZ) besucht den Historiker Robert Gerwarth, der gerade ein Buch über die Verlierer des Ersten Weltkriegs geschrieben hat, und lernt dabei die untergegangenen Reiche zu lieben: "Manches spricht dafür, die Jahre nach 1918 im Sinne osteuropäischer Historiker als Zeit eines 'erweiterten europäischen Bürgerkriegs' zu deuten. Der Untergang der großen Reiche und die Auflösung ihrer Suprastrukturen führten zur Entfesselung ethnischer Konflikte, die nur gewaltsam unter Kontrolle zu bringen waren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.06.2017 - Geschichte

Im Flensburger Schifffahrtsmuseum eröffnet morgen die Ausstellung "Rum, Schweiß und Tränen", die sich mit der Kolonialgeschichte Flensburgs auseinandersetzt. Die jamaikanische Kulturwissenschaftlerin Imani Tafari-Ama, die die Ausstellung kuratiert hat, berichtet im Gespräch mit David Joram (taz) von der Schwerigkeit, dem Thema Kolonialismus in Deutschland Aufmerksamkeit zu verschaffen: "Wenn ich Deutsche nach ihrer kolonialen Schuld befrage, heißt es oft, das kollektive Gedächtnis sei eben mit dem Holocaust viel zu sehr beschäftigt gewesen. Der habe alles andere verdrängt. Das mag stimmen. Trotzdem bleibt der Genozid an den Herero & Nama in Namibia bestehen; trotzdem bleiben die Unterdrückungsmaßnahmen in Togo, in Ruanda, in Tansania, in Kamerun - oder eben auf den Jungferninseln - Verbrechen, für die jemand haften muss. Die Europäer müssen anerkennen, dass die Verschleppung der Afrikaner das größte Verbrechen in der Menschheitsgeschichte ist, größer noch als der Holocaust."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.06.2017 - Geschichte

An den Ursachen für die Niederlage im Sechstagekrieg 1967 hat sich in Ägypten nicht viel geändert, und das nutzen heute unter anderen die Islamisten, meint der ägyptische Historiker Khaled Fahmy im Interview mit der SZ: "Meiner Ansicht nach ist es eine Folge des politischen Systems, das Nasser in den 15 Jahren davor installiert hatte. Es gab keine Wahlen, ein willfähriges Parlament, gleichgeschaltete Medien. Gewerkschaften und Berufsverbände wurden von den Sicherheitsdiensten kontrolliert. Niemand traute sich, Kritik zu üben. Nasser hat die Menschen infantilisiert. Er trat als Beschützer der Massen auf - und nahm ihnen ihre politischen Rechte. Im Sechstagekrieg wurde er zum Opfer eines Systems, das er selbst geschaffen hatte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2017 - Geschichte

In der taz erinnert Susanne Kaul mit einer Reportage über zwei Familien an den Sechstagekrieg vor fünfzig Jahren.
Stichwörter: Sechstagekrieg

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.06.2017 - Geschichte

Das Potemkinsche Dorf ist im Russland Putins zur Dauereinrichtung geworden, schreibt Sonja Margolina, die dem Phänomen in der NZZ einen historischen Rückblick widmet. "Der russische Absolutismus trat zwar im Konzert europäischer Mächte als selbstbewusster Akteur auf, zugleich war ihm jedoch bewusst, dass er den Anforderungen eines modernen Staates nicht gewachsen war. ... Die Ansteckungsgefahr durch Revolutionen und Befreiungsbewegungen verleitete die Despotie zur Selbstisolierung. Russische Untertanen durften bis 1862 nicht ins Ausland reisen. Auch Ausländer waren, anders als unter Katharina II., nicht mehr willkommen. Nach dem entlarvenden Reisebericht von Marquis de Custine 'Russland im Jahre 1839', in dem er das Zarenreich als 'Land der Fassaden' bezeichnet hatte, fühlte sich sein Gastgeber Nikolaus I. in seiner Abneigung gegenüber dem Westen aufs Neue bestätigt."

Die taz hat heute ihren Schwerpunkt zu 67. Lesenswert ein Interview mit Howard Rheingold über die Anfänge der Cyberkultur und die Bedeutung des Whole Earth Catalog für die 68er.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2017 - Geschichte

1967 war das deutsche 1968. Überall Texte zum 2. Juni. Bei aller Kritik, die man an den 68ern haben kann, meint Max Thomas Mehr im Deutschlandfunk: "Die APO sorgte ... für eine grundlegende Modernisierung der Gesellschaft - Stichwort: das Private ist politisch. Frauenemanzipation und Schwulenbewegung, antiautoritäre Kinderläden, aber auch die Impulse der Alternativ- und Anti-Atomkraftbewegung sind heute aus der Gesellschaft nicht mehr wegzudenken."

Eva Quistorp, die bei der Demo am 2. Juni dabei war, erzählt - übrigens in der Welt - wie das mit den Fake News damals funktionierte: "In jener Zeit gab es weder Handys, noch Computer, kein Internet, und die wenigsten von uns hatten Telefone in ihren WGs, manchmal eines für alle, und das auf dem Flur. Wir waren auf Gerüchte angewiesen und auf die Radionachrichten. Und schließlich erschienen die Meldungen und die Fotos in der BZ unter anderem, angeblich sei die Gewalt von den Studenten ausgegangen, die allesamt als 'Krawallbrüder' beschimpft wurden. In dieser Nacht ist mir klar geworden, wie dringend wir Gegeninformationen brauchten." Ebenfalls in der Welt erinnerte Wolfgang Kraushaar an das kleine Detail, dass die Idee, selbst Gewalt auszuüben, bei Rudi Dutschke oder Bahman Nirumand nicht erst durch den 2. Juni ausgelöst wurde (unser Resümee).

"Es geht auch um Verantwortung", schreibt Gereon Asmuth in der taz: "Noch immer. Für die Gewalt einer Berliner Polizei, in der es 1967 noch alte Nazi-Seilschaften gab. Für deren von oben gedecktes brutales Vorgehen. Für die systematische Vernichtung von Beweisen, die Vertuschung des tödlichen Schusses aus der Waffe eines Polizisten. All das ist so unglaublich, dass es nicht nur die damals Beteiligten, sondern auch jüngere Generationen fassungslos macht. Es ist mehr als überfällig, dass sich der Berliner Senat zu seiner politischen Verantwortung bekennt. Mit einer Bitte um Entschuldigung. Der 2. Juni 2017 wäre dafür das passende Datum." Und tatsächlich sagt der Berliner Justizsenator Dirk Behrendt im Interview Plutonia Plarre: "Ich denke über eine Entschuldigung nach." Ebenfalls in der taz liefert Christian Ströbele seine Version der Heldengeschichte.

Der ehemalige tazler Klaus Hartung erinnert - in der taz - an die Konfrontation von Jürgen Habermas und Rudi Dutschke, zu der es bei einem Kongress nach dem 2. Juni kam: Habermas' "böses Wort vom linken Faschismus führte zu heftigem Streit innerhalb der Linken. Habermas revidierte später den Begriff. Aber die Idee der emanzipierenden Gewalt in ihrer diffusen Virulenz geisterte fortan durch die antiautoritäre Bewegung. Revolution durch die Revolutionierung der Revolutionäre, also durch gewaltsamen Ausbruch aus der bürgerlichen Herkunft - das war die Suggestion des entfesselten Selbst."

Außerdem: In der Mediathek der ARD findet sich - noch bis zum 5. Juni - eine Doku über die Todesumstände Benno Ohnesorgs und die Vertuschungsversuche der Behörden. Beim BR gibt es Margot Overaths Feature "Chronik einer Hinrichtung". In einem weiteren Feature für den SWR kontextualisiert Stefan Zednik den Tod Ohnesorgs mit der "Zauberflöte", die der Schah von Persien im Opernhaus sah, während der Polizist Kurras seinen Schuss auf Ohnesorg abgab.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.06.2017 - Geschichte

68er-Kreise um Rudi Dutschke und Bahman Nirumand sollen beim Schah-Besuch 1967 mit der Idee eines Attentats auf den Schah gespielt haben, schreibt Wolfgang Kraushaar in einem langen Text für die Welt am Sonntag (aus jenem Springer-Verlag, der in diesen Tagen bekanntlich ebenfalls ein Akteur war): "Dutschke hatte im Dezember 1968 im Spiegel zu einem Rundumschlag gegen angebliche 'Lügen und Halbwahrheiten der Spiegel-Maschinerie" ausgeholt. Darin kam er auf seinen Freund Nirumand zu sprechen und schrieb über den Schah in dem bereits bekannten Tenor: 'Ihn hätten wir erschießen müssen, das wäre unsere menschliche und revolutionäre Pflicht als Vertreter der Neuen Internationalen gewesen.' Nun erschien ihm die Ermordung des Diktators also gar als ein humanitärer und revolutionärer Akt, in gewisser Weise als eine moralische Selbstverpflichtung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.05.2017 - Geschichte

In der FR unterhält sich Arno Widmann mit Raphael Gross, dem neuen Direktor des Deutschen Historischen Museums in Berlin, über die Stellung des Historikers, das Sammeln und die Frage, wer ins Foyer des Museums gehört: Bismarck? Friedrich II., Lenin? "Die Versuchung, so darüber nachzudenken, dass man sich fragt, mit wem eigentlich die deutsche Geschichte anfängt oder wer sie entscheidend geprägt hat, ist groß. Mir wäre es aber lieber, wenn man die Eingangshalle so gestaltet, dass man sich dort gerne trifft, und etwas hat, worüber man nachdenken kann, wenn man auf jemanden wartet. Vielleicht Statuen von Personen, zwischen denen man sich ein interessantes Gespräch vorstellen könnte, das leider so nicht stattgefunden hat?"

Im Welt-Interview mit Matthias Heine findet der Kölner Germanist Karl-Heinz Göttert irgendwie illegitim, dass sich das Christentum aus dem Judentum heraus entwickelt hat: "Das Christentum hat sich das Alte Testament gegen den Willen der Juden angeeignet. Insofern finde ich die Formulierung 'feindliche Übernahme', die aus der Wirtschaft stammt, durchaus geeignet: Da ist etwas gegen den Willen der Eigentümer oder Hersteller geschehen." Wie gut, dass es endlich ein Leistungsschutzrecht gibt!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.05.2017 - Geschichte

Lobend bespricht der Historiker Götz Aly in seiner Kolumne in der Berliner Zeitung die Ausstellung "Berlin 1937 im Märkischen Museum, die erste Ausstellung des neuen Direktors Paul Spies. Das Jahr 37 sei gut gewählt - in diesem Jahr etablierte sich der Nationalsozialismus als respektabel und erfolgreich: "1936/37 kultivierten die Volksgenossen das für jeden Einzelnen erfreuliche Gefühl, es gehe mit Sieben-Meilen-Stiefeln voran. Deutschland rüstete auf, schuf Vollbeschäftigung, ignorierte den verhassten Versailler Vertrag, erzwang sich Respekt." Und der heimlich nach Deutschland eingereist Willy Brandt stellte fest, dass die arbeiterschaft vom Regime auch ganz angetan war.