Plagiatsvorwurf gegen Slavoj Zizek

Von Thierry Chervel
14.07.2014. Das kann Zizek doch nichts anhaben! (Andy Miahs Zizek-Porträt ist unter CC-Lizenz bei Flickr erschienen: https://www.flickr.com/photos/andymiah/) Slavoj Zizek darf eigentlich alles. Noch die größten in seinem Redeschwall versteckten Hämmer werden ihm als popironische Pirouetten ausgelegt und sorgen bei Vernissagen und avantgarde-retro-kommunistischen Kolloquien für gehörige Heiterkeit.Nun wird ihm Plagiat vorgeworfen, Newsweek kam am Donnerstag mit der Story und bezog sich auf den Blogger Deogolwulf, der Plagiate und Originalzitate fein säuberlich und in langer Reihe nebeneinander stellte. Wir fanden den Hinweis zuerst in Open Culture (hier).
Zizek streitet es auch gar nicht ab, bestreitet aber, den Charakter des Textes gekannt zu haben, den er da in langen Passagen als seinen eigenen ausgab: Es handelt sich um einen Text (hier als pdf-Dokument) Stanley Hornbecks aus der Zeitschrift American Renaissance, Jahrgang 1999. American Renaissance ist eine rassistische Zeitschrift der Spielart "White Supremacism". Hornbeck setzt sich in dem Text mit dem antisemitischen Buch "The Culture of Critique" des Autors Kevin McDonald auseinander, der dem Geheimnis jüdischen Erfolgs auf die Spur kommen will.
Dafür paraphrasiert Hornbeck die Thesen McDonalds, und diese Paraphrasen gibt Zizek in seinem Text "A Plea for a Return to Différance (with a Minor Pro Domo Sua)" über Jacques Derrida aus dem Jahr 2006 ausführlich und eins zu eins wieder.
Der Text sei ihm ohne Quellenangabe von einem Freund per E-Mail gesandt worden, schreibt Zizek in einer Mail an die Zeitschrift Critical Theory, die ebenfalls berichtete.
Und dann schreibt er noch: "The problematic passages are purely informative, a report on another"s theory for which I have no affinity whatsoever."
Wie unschuldig diese Paraphrasen sind, wäre allerdings eine nähere Untersuchung wert: Derridas Begriff der "Différance" beschreibt ja gerade so etwas wie eine Veränderung eines Inhalts durch Wiederholung. Zizek ist jedenfalls ein Philosoph der weiterspinnenden Paraphrase, und er liebt es, – wie ich vor ein paar Jahren schon kurz darzustellen versuchte – besonders, wenn es um jüdische Fragen geht, durch Kitzeln an vermeintlichen Tabus zu provozieren und seine eigene Position in einer kunstvoll zweideutigen Schwebe zu halten.


Thierry Chervel