Spätaffäre

Dante und seine Familie

Vorschläge zum Hören, Sehen, Lesen. Wochentags um 17 Uhr
26.05.2014. Im Guardian schreibt David Runciman über Politik und Technik. Zu hören: Martin Heidegger und die Frage, ob er ein Antisemit war. Zum Gucken: Eine ARD-Dokumentation begleitet brasilianische Fußballer auf dem Weg nach Europa.

Für Sinn und Verstand

Den Verlautbarungen nach hat Googles selbststeuerndes Auto bisher keinen Unfall gebaut, einen solchen Erfolg könnte sich David Runciman bei einem Regierungsprogramm nicht mal im Traum vorstellen. Dennoch, meint er im Guardian, könne Technologie noch lange nicht Probleme lösen, wie die Politik das kann. Schlechte Politik kann nur durch bessere Politik ersetzt werden: "Das Internet wurde als militärisches Projekt ins Leben gerufen, auch die SMS. Natürlich wusste die Regierung überhaupt nicht, was sie mit dem, was sie da geschaffen hatte, anfangen sollte. Es mussten erst die hellen Burschen der Tech-Industrie auf den Plan treten, um wissenschaftliche Innovation zu einem marktfähigen Produkt umzugestalten: von Milnet und Arpanet zu Google und Twitter. Private Unternehmen können solche Sachen viel besser als Regierungen. Aber private Unternehmen können dies nur, weil Regierungen für den Auftrieb gesorgt haben und das Geld der Bürger ausgegeben haben, als gäbe es kein Morgen."

Bemerkenswert findet der Jurist Philippe Sands bei der Lektüre von Glenn Greenwalds "No Place to Hide" zudem, wie skrupulös Greenwald, Edward Snowden und Laura Poitras über die Legitimation ihrer Enthüllungen nachgedacht haben - im Gegensatz zu den britischen Medien: "Großbitannien braucht eine echte Debatte über die Macht des Staates, Information in dem Maße zu sammeln, wie Snowden berichtet, inklusive der Ziele und Grenzen."

Für die Ohren

Muss man Heidegger neu bewerten? Nach der Veröffentlichung seiner "Schwarzen Hefte" (hier unsere Rezensionsnotizen), in denen sich auch einige antisemitische Passagen befinden, entbrannte um diese Frage eine kontrovers geführte Debatte. Für das Nachtstudio des Bayerischen Rundfunks geht Thomas Meyer dieser Frage nun in einem ausführlichen Radioessay nach. Hier zum Nachhören. (56 Minuten)

Der MDR erinnert in einem Feature von Jürgen Balitzki an den einstigen DDR-Jugendsender DT64, der vor 50 Jahren - unter argwöhnischem Blick der Staatsobrigkeit - gegründet wurde. Im Mittelpunkt der Sendung stehen dabei vor allem die frühen Jahre der Jugendwelle. Hier kann man sie nachhören (30 Minuten).

Für die Augen

Einen seltenen Blick hinter die Kulissen des internationalen Fußballs wirft die Reportage "Mata, Mata - Spiel des Lebens" von Jens Hoffmann und Cleonice Comino, die am Samstag im Ersten ausgestrahlt wurde. Der Film begleitet über zwei Jahre einige junge Fußballer aus Brasilien auf dem Weg in europäische Clubs. Auch der Bayern-Star Dante kommt zu Wort. "Dante und seine Familie sind sehr sympathisch, aber interessanter als diese bekannte Geschichte vom Jungen aus den Favelas, dessen Traum schon wahr geworden ist, sind die anderen Geschichten. Die von den jungen Männern, die sich gerade auf den Weg machen", schreibt Thomas Gehringer im Tagesspiegel, der dem Film zwar eine gewisse Werbeästhetik übelnimmt, ihn aber letztlich wegen der Porträts der jungen Spieler doch empfiehlt. In der Mediathek der ARD ist der Film zur Zeit zu sehen, er dauert anderthalb Stunden. Das Bild zeigt eine Szene aus dem Film.

Die Schwulenheiler
oder Wie Ärzte Homosexuelle umpolen wollen: Eine Reise in die homophoben Winkel der Republik von Christian Deker, Oda Lambrecht, Jennifer Stange - Der "Panorama"-Beitrag - ein Video aus der NDR-Mediathek - Christian Deker ist Journalist: "Ich bin schwul. Und ich habe ein schlimmes Gerücht gehört: In Deutschland soll es Ärzte geben, die Menschen wie mich umpolen wollen. Von schwul zu hetero. Eine ärztliche Leistung, um mir die Homosexualität auszutreiben? Kaum denkbar." ... und das im Jahr 2014. "Tatsächlich halten immer noch viele Menschen Schwule für krank. Deker besuchte Ärzte, die offenbar seine sexuelle Orientierung ändern wollten. Seine Recherche führte ihn in eine Welt, die er so nicht erwartet hätte. Zu Ärzten, die ihn offenbar umpolen wollten. Ihm seine Homosexualität austreiben wollten. Eine Dämonenaustreibung?" (30 Min)