Spätaffäre

Modernisierung ohne Moderne

Vorschläge zum Hören, Sehen, Lesen. Wochentags um 17 Uhr
23.05.2014. Die Revista Anfibia beobachtet mit Bangen den Appetit des Mediengiganten Penguin Random House auf spanischsprachige Autoren. Im Guardian fürchtet Pankaj Mishra das Indien Narendra Modis. Der BR erinnert an das letzte Klassentreffen des Neuen Deutschen Films. Deutschlandradio Kultur beschäftigt sich in "Blumen für Otello" mit den Morden des NSU. Und Netzkino.de zeigt den Film "The Invisble Men" über schwule Palästinenser, die in Israel Schutz suchen.

Für Sinn und Verstand

Die Konzentration auf dem Buchmarkt schreitet brachial voran, der neue Medienriese Penguin Random House hat gleich auch noch die Buchverlage der spanischen Prisa-Gruppe geschluckt, zu der ansonsten etwa El País gehört. Unter dem Titel "Zentralmarkt" zeigt Daniela Szpilbarg in der argentinischen Revista Anfibia, was die Übernahme bedeutet: "Der deutsche Konzern Bertelsmann - Mehrheitseigner von Penguin Random House - hat damit in Spanien wie auch in ganz Lateinamerika, Brasilien eingeschlossen, nur noch einen einzigen Konkurrenten, die Verlagsgruppe Planeta. Und die Werke von Isabel Allende, Jorge Luis Borges, Julio Cortázar, Gabriel García Márquez, José Saramago, Mario Vargas Llosa, Carlos Ruiz Zafón und hunderter weiterer spanisch- und portugiesischsprachiger Autoren erscheinen künftig bereits im Original allesamt unter ein und demselben - mehrheitlich deutschen - Dach."

Auch in Indien rast die Zeit, aber niemand weiß wohin. Pankaj Mishra wütet im Guardian gegen Narendra Modi, der mit seiner BJP die Wahlen so eindeutig gewonnen hat. Und er schreibt: "Die anhaltenden Versuche von Indiens herrschender Klasse, dem Land ein modernes Gewand zu geben, haben im sechsten Jahrzehnt Folgen gezeigt, die weder Nehru noch sonst jemand hätte voraussehen können: eine starke Politisierung und einen heftigen Kampf um die Macht gehen einher mit Gewalt, Fragmentierung und Chaos, begleitet von einer Sehnsucht nach autoritärer Kontrolle. Modis Image als ein Exponent von Disziplin und Ordnung baut auf die Erfolge wie auf die Versäumnisse des alten Regimes. Er bietet, von oben nach unten, Modernisierung ohne Moderne: Hochgeschwindigkeitszüge ohne jede Kultur von Kritik, die Effizienz des Managements ohne die Garantie gleicher Rechte. Und dieses stromlinienförmige Design für ein neues Indien ist verlockend für die wohlhabenden, von den bettelarmen Massen abgestoßenen Inder, denen die Demokratie schon lange ein Ärgernis ist, und für die technokratischen, leicht despotischen 'Macher', wie Lee Kuan Yew, den ersten Premierminister von Singapur."

Mehr als nur eine Steampunk-Mode sieht außerdem im Guardian der Komponist Christopher Fox in dem Revival alter Aufnahmentechniken, gerade weil heute alle Musik der Welt jederzeit verfügbar und endlos ist.

Für die Ohren

In seinem für den br erstellten Radiofeature "Kurosawa 86" erinnert Moritz Holfelder an einen denkwürdigen Abend: 1986 kam Akira Kurosawa nach München, um seinen Film "Ran" zu präsentieren. Dessen Verleiher Bernd Eichinger berief aus diesem Anlass alle greifbaren deutschen Autorenfilmer zu einem Treffen mit dem japanischen Meisterregisseur ein. Heute erinnern sich die Regisseure an diesen Abend, der nicht umsonst vom Feature-Untertitel als "letztes Familientreffen des Neuen Deutschen Films" eingeschätzt wird. Hier kann man die Sendung nachhören (53 Minuten).

In einer Ursendung strahlte Deutschlandradio Kultur am Mittwoch Esther Dischereits Hörspiel über die NSU-Mordserie "Blumen für Otello" aus. Regie führte Giuseppe Maio. Aus dem Pressetext: "Der Generalbundesanwalt übernahm zehn Jahre nach dem ersten rassistisch motivierten Mord am 11.11.2011 die Ermittlungen. Damit wurden die Verbrechen als Taten angesehen, die die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland gefährden oder gefährdeten. Am gleichen Tag verschwanden in Bundes- und Landeskriminalämtern und den Organen des Verfassungsschutzes Akten zu diesen Verbrechen. Auf den Spuren der NSU-Mordserie sucht die Autorin in einer assoziativen Szenenfolge nach den Hintergründen und fragt nach dem Schicksal der Opfer." (54 Minuten)

Für die Augen

"The Invisible Men" befasst sich mit dem Nahost-Konflikt aus ungewöhnlicher, vor allem aber komplexer Perspektive: Im Mittelpunkt dieser Doku stehen drei homosexuelle Palästinenser, die wegen der in den palästinensischen Gebieten grassierenden Homophobie in Israel einen Schutzraum suchen, allerdings nicht immer finden. Die auf dieser Prämisse fußenden Vorwürfe, der Film betreibe sogenanntes "pinkwashing", hält Sigal Samuel von Daily Beast für unbegründet. Hier kann man sich den Film in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln ansehen. (68 Minuten)

Errol Morris ist bekannt für politische Dokumentationen mit suggestiven Bild- und Toncollagen, sein neuer Film "The Unknown Known" über Donald Rumsfeld kommt am 5. Juni in die Kinos. Vollkommen gegensätzlich nimmt sich sein Debütfilm "Gates of Heaven" aus dem Jahr 1978 aus. In der Doku über einen Haustierzoo in Kalifornien beobachtet er nur und lässt die Leute reden - mit erstaunlichem Erfolg. Der großartige fünfminütige Monolog einer älteren Anwohnerin in der Mitte des Films könnte direkt einem Stück von Tennessee Williams entstammen. (83 Minuten). Als Vorfilm empfiehlt sich Les Blanks' Kurzdoku "Werner Herzog Eats His Shoe" (die sich hier findet, 20 Minuten).