Spätaffäre

Dunkle Fantasien

Vorschläge zum Hören, Sehen, Lesen. Wochentags um 17 Uhr
15.05.2014. La Vie des Idées gibt einen Einblick in Business und Bürokratie der Pilgerfahrten nach MekkaBayern2 begibt sich auf die Spur des "Geheimprojekts Freihandelsabkommen". Und zum Gucken: Ein "Haus der Sünde" und David Cronenberg.

Für Sinn und Verstand

Ausführlich und sehr kenntnisreich beschreibt die Historikerin Sylvia Chiffoleau für La Vie des Idées das Business und die Bürokratie der Pilgerfahrten nach Mekka. Erst 1957 erhalten die Saudis nach der Phase des Kolonialismus die volle Oberherrschaft über den Hajj. Seitdem steigt der demografische und darum der polizeiliche und der gesundheitspolitische Druck gewaltig - denn die Pilgerfahrt ist seit je ein gefürchteter Brutplatz für Seuchen. Im letzten Jahr wurden die Kontingente für die islamischen Länder, die bisher jährlich ein Tausendstel ihrer Bevölkerung schicken durften, um 20 Prozent reduziert, unter anderem wegen des Mers-Virus. Der politische Druck bleibt beständig. Von Beginn an musste die Dynastie der Saud, die überdies nicht vom Propheten abstammt, beweisen, "dass ihr Zugriff auf die Provinzen der Halbinsel keine Privatisierung der heiligen Orte nach sich zieht, die als Allgemeinerbe der Sunna angesehen werden. Überdies berufen sich die Saudis auf die marginale Doktrin des Wahabismus, die sie den heiligen Orten zwangsweise auferlegt haben, vor allem durch eine strikte Kontrolle der Sitten und eine Schleifung von Heiligengräbern, die vielen der Pilgerer teuer waren."

Lange bevor Jim Nelson Chefredakteur von GQ wurde, versuchte er in Hollywood durchzustarten. Als Assistent zweier Comedy-Autoren, die er M und L nennt, war er Muse, Sklave und dankbares Publikum in Einem, erinnert sich Nelson in einem sehr amüsanten Artikel: "Am schlimmsten war es nach dem Mittagessen, wenn sie sich ihre Nachrichten im Eingangsraum abholten und alle ihre Assistenten versammelt waren. Direkt vor meinem Schreibtisch brachen sie in ungebändigte Improvisation aus. L: 'Lunch war toll! Steak in, was war das, Speichelsauce?' M: 'Nein, ich glaube das war, äh, Fußpilz.' L: 'Ja, Fußpilzsauce! Köstlich!' M: 'Und, Jim, wir haben ganz vergessen dir zu sagen: Du bist gefeuert! Haha...' Irgendwann konnte ich es nicht mehr vortäuschen. Als ich es nicht mehr über mich brachte, sie anzusehen oder mich wegzudrehen und zumindest ein einfaches 'Ha' herauszubringen, entwickelte ich die Methode, schnell mit den Schultern zu zucken und hörbar einzuatmen, als hätten sie mir das letzte Lachen aus den Lungen geraubt."

Für die Ohren

Europa und die USA verhandeln gerade über das "Transatlantic Trade and Investment Partnership", auch Transatlantisches Freihandelabkommen genannt. Darüber sollen wir möglichst wenig wissen, selbst das EU-Parlament und die Parlamente in den europäischen Staaten sind nicht informiert. Dabei gehen die Themen uns alle an: Standards von Verbraucher-, Umwelt- und Datenschutz, Buchpreisbindung oder Filmförderung stehen auf dem Spiel. Im Zündfunk Generator von Bayern2 suchen Markus Metz und Georg Seeßlen nach Informationen über das "Geheimprojekt Freihandelsabkommen". Hier zum Nachhören (47 Min.)

Im Deutschlandradio Kultur porträtiert Waclaw Stawny die polnische Roma-Dichterin Papusza. Sie selbst nannte sich immer eine Zigeunerin, lässt sich Stawny von der polnischen Autorin Angelika Kuźniak erzählen. "Ihre Empfindsamkeit ließ Papusza über die Natur der Dinge staunen und sie bewundern. Mit eigenen Worten besang sie das unmittelbar Erlebte und Gesehene. 1949, nach einer schicksalhaften Begegnung mit dem Dichter Jerzy Ficowski, als sie schon etwa 40 Jahre alt war, sind aus ihren Gesängen Gedichte geworden. Zu ihren Lebzeiten war die Lyrikerin eine Ausnahmeerscheinung, denn das Volk der Zigeuner bediente sich bis dahin kaum der Schrift, und die Frauen waren allgemein Analphabetinnen ohne irgendeine schulische Bildung." Hier zum Nachhören (28 Minuten)

Für die Augen



Arte bringt Bertrand Bonellos auf Deutsch etwas sehr schmierig "Haus der Sünde", im Original deutlich poetischer "L'Apollonide" betitelten Film, der in einem Pariser Bordell an der Schwelle zum 20. Jahrhundert spielt. Darin geht es nicht um "erotische Schwärmereien", schrieb Cristina Nord zum Kinostart in ihrer begeisterten Kritik für die taz: "Eher gibt sich der Film dunklen Fantasien hin, Fantasien, die aus der Härte der Verhältnisse notwendig hervorgehen." Lesenswert ist auch ein Interview, das die Kritikerin mit dem Regisseur führte. Hier steht der Film in der Mediathek (119 Minuten, Bild: Carole Bethuel).

Wer heute den 71. Geburtstag von David Cronenberg begehen möchte, tut das vielleicht mit einem seiner Bodyhorror-Klassiker wie "Videodrome" oder "Dead Ringers" - oder mit der instruktiven BBC-Doku "David Cronenberg and the Cinema of the Extreme" aus dem Jahr 1997, in der, neben dem kanadischen Kultregisseur selbst, George A. Romero und Alex Cox ausführlich zu Wort kommen (22 Minuten):