Spätaffäre

Beneidenswerte Negativa

Vorschläge zum Hören, Sehen, Lesen. Wochentags um 17 Uhr
14.05.2014. Dradio Kultur sendet Hattie Naylors Hörspiel "Ivan und die Hunde" über die wahre Geschichte eines vierjährigen Russen, der von zuhause ausreißt und von Hunden adoptiert wird. Karsten Lohmeyer und Simon Hurtz diskutieren auf lousypennies über Digital NativesPBS dokumentiert den zunehmenden Überwachungswahn nach dem 11. September. Und 3sat zeigt eine Hommage auf H.R. Giger.

Für die Augen

Alle Feuilletons trauern heute um den Schweizer Künstler H.R. Giger, dessen Tod gestern gemeldet wurde. Aus diesem traurigen Anlass hat 3sat gestern spontan eine knapp halbstündige Doku über den Meister der biomechanischen Insekten-Laszivität ins Programm genommen. In der Mediathek des Senders kann man sie hier ansehen.

Perfekt gemacht, in HD, mit Interviews aller wichtigen Beteiligten (außer Edward Snowden selbst) dokumentiert die PBS-Frontline-Dokumentation "The United States of Secrets" die nicht enden wollenden Enthüllungen der NSA-Affäre. Der Film (mehr hier) dauert 114 Minuten - und ist nur der erste Teil. Er befasst sich mit den Regierungsprogrammen nach dem 11. September, die dazu führten, dass Millionen Amerikaner von der NSA widerrechtlich abgehört wurden - die Europäer spielen in diesem Film leider die zweite Geige. Nächste Woche verspricht es genauso spannend zu werden: Dann geht's um die Frage, "Wie das Silicon Valley das Fischernetz der NSA füllt".

Für die Ohren

Am Montag wurde belgische Autorin Misha Defonseca zur Rückzahlung von 22,5 Millionen Dollar an ihren amerikanischen Verleger verurteilt, weil sie - entgegen der Schilderung in ihrer Autobiografie "Misha: A Memoir of the Holocaust Years" - nicht von Wölfen aufgezogen worden ist (mehr hier). Wahr ist hingegen offenbar diese Geschichte aus dem Russland der Neunzigerjahre: Als Vierjähriger läuft Ivan Mishukov von zuhause weg, kämpft auf der Straße ums Überleben und wird schließlich von einem Rudel wilder Hunde adoptiert. Dradio Kultur sendet das Hörspiel "Ivan und die Hunde" von Hattie Naylor. Regie: Reto Ott, Sprecher: Joel Basmann und andere, Produktion SRF 2013 (Hier nachzuhören, 49 Minuten).

Auf NDR Kultur unterhält sich Philipp Schmid mit Felicitas von Lovenberg über ihre Patchworkfamilie. Die Literatur-Chefin der FAZ ist Mutter und Stiefmutter und sagt: "Wenn man sich selber in so einer Konstellation wiederfindet, sucht man nach Vorbildern oder Ratgebern" - weshalb sie über ihre Erfahrungen nun das Buch "Und plötzlich war ich zu sechst" geschrieben hat. (Audio-Start 44 Min)

Für Sinn und Verstand

Geistvoll und neidlos beschreibt der große Frankophile der britischen Literatur, Julian Barnes, im TLS, was Georges Simenon so besonders macht und warum andere Schriftsteller ihn bewunderten, während er mit kaum einem der Kollegen etwas anfangen konnte. (Auch in Großbritannien erscheint nach der Ausgabe bei Diogenes eine komplette Neuübersetzung seiner Maigrets und vieler Non-Maigrets.) Was Simenon ausmacht, so Barnes, ist "eine Mischung von Dingen, die er besser kann, und Dingen, die er weglassen kann, ohne dass es ihm schadet. Zu seinen bewunderungswürdigen Positiva zählen: die Flüssigkeit seines Schaffens und seiner Effekte, sein ganz klar abgegrenztes persönliches Terrain, die intensive Atmosphäre und die sprechenden Details, seine Kenntnis der kleinen Leute und seine Sympathie zu ihnen, seine moralische Zwiespältigkeit, seine rätselvollen Plots mit meist zufriedenstellenden Auflösungen. Und seine beneidenswerten Negativa: Simenon kam mit einem sehr begrenzten und darum sehr repetitiven Vokabular durch (nach seiner Einschätzung 2000 Wörter) - er wollte nicht, dass ein Leser bei einem Wort stutzt oder gar zum Wörterbuch greifen muss. Er hielt seine Bücher kurz, so dass sie in einer Sitzung, auf einer Reise gelesen werden konnten: er hält sich nicht auf."

Karsten Lohmeyer, Journalist und Dozent, rauft sich in einem längeren Verzweiflungsausbruch auf lousypennies.de die Haare über die Damen und Herren Jungjournalisten, die trotz Besuch der Journalistenhochschulen nicht den geringsten Schimmer vom Internet haben und nicht mal begreifen, dass das Netz ihr wichtigstes Arbeitsinstrument - und nebenbei - Schaufenster ist: "Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. In Zukunft wird es sowohl für feste als auch freie Mitarbeiter immer wichtiger werden, eigene Leser mitzubringen. Wer im Vorstellungsgespräch damit prahlen kann, mehrere Tausend Twitter- oder Facebook-Follower zu haben, der ist so etwas wie eine wandelnde Abo-Kartei - nämlich Gold wert für jedes Medienunternehmen." Ihm antwortet der Jungjournalist Simon Hurtz. Zugegeben, das Netz ist toll: "Andererseits schaue ich mir meine Klasse an der DJS an: Die Hälfte meiner ehemaligen Mitschüler hat keinen Twitter-Account, höchstens ein Drittel ist dort regelmäßig aktiv. Journalistisch genutzte Facebook-Accounts? Null. Blogs? Zwei. Trotzdem sind viele bei großen Medien gelandet und machen da genau das, was sie wollen." Im Zweifel zählt doch vor allem, dass man bei den Hierarchen kompatibel ist!