Spätaffäre

Die Sache an sich ist so gut

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08.04.2014. Eine BBC-Dokumentation erinnert an Jacques Brel, der vor 85 Jahren geboren wurde. arte zeigt Alains Resnais' "Hiroshima mon amour". Auf SWR2 sorgt sich Peter Sloterdijk um den Fortbestand der Zivilisation. Und das Magazin der New York Times bringt eine Riesenreportage über den gerade verstorbenen Schriftsteller und Aktivisten Peter Matthiessen.

Für die Augen

Heute vor 85 Jahren wurde Jacques Brel geboren. In der BBC-Dokumentation "Ne me quitte pas" aus dem Jahr 2007 zeichnen Wegbegleiter und Verehrer - wie Olivier Todd, Petula Clark, Marc Almond und Neil Hannon - das Leben des belgischen Chansonniers und Schauspielers nach. (59 Min.) Wer im Französischen nicht auf Untertitel angewiesen ist, findet bei Youtube außerdem die beiden wenig bekannten Regiearbeiten Brels: "Franz" (1972, 88 Min.) und "Le Far-West" (1973, 84 Min.).

Alain Resnais' "Hiroshima Mon Amour" gehört zu den ganz großen Klassikern des französischen Autorenkinos. Ausgestrahlt im Zuge einer Resnais-Reihe auf arte, ist der Film nun auch online in der Mediathek des Kultursenders zu sehen. (86 Min.)
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Für die Ohren

Definitiv kein Stoff zum nebenbei Hören: Peter Sloterdijks kulturkritischer Radioessay "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit", in dem es dem Philosoph um nichts anderes geht als den "bedrohten Fortbestand der Zivilisation". Aus dem Programmtext: "Da in der Moderne die Traditionsfäden chronisch reißen und immerfort neue Vektoren den Zug ins Kommende bestimmen, wandeln sich die Individuen zu 'Kindern ihrer Zeit'. Und weil moderne Elterngenerationen selbst schon zivilisatorisch labil antreten, gerät die Formung ihres Nachwuchses zu einem unbeendbaren Match zwischen potentiell schrecklichen Eltern und potentiell schrecklichen Kindern." Hier zum Nachhören. (50 Min.)

Sabine Bergks "Ichi oder der Traum vom Roman" ist eine Hörspiel-Produktion von Deutschlandradio Kultur (2014): "Ichi will einen Roman schreiben. Ichi versucht, über sich selbst zu schreiben und findet überall nur Figuren, die Ichi links liegenlassen. Ichi streift mit einem toten Vogel in der Hand durch die Welt und versucht einen Roman zu schreiben. Das ist nicht einfach, wenn man kein Dach über dem Kopf hat. So begibt sich Ichi auf eine Reise ... durch Fragmente der Erinnerung, Kindheiten und andere Sommer Frostlandschaften." - Regie: Judith Lorentz - Komposition: Lutz Glandien - mit Brigitte Hobmeier (70 Min).

Für Sinn und Verstand

Zum Tod des amerikanischen Schriftstellers, Umweltaktivisten, Zen-Priesters und vermeintlichen CIA-Agenten Peter Matthiessen, Autor der Generation von Kurt Vonnegut und E.L. Doctorow, bringt das Magazin der NY Times einen Text von Jeff Himmelman, in dem unter anderem zu erfahren ist, wie Matthiessens Faszination für die Natur und sein Erzählen einander befruchten konnten: "In den späten 60ern schickte der New Yorker Matthiessen auf die Suche nach der Grünen Meeresschildkröte vor Nicaragua. Matthiessen lieferte seinen Artikel ab, fand aber, ein Roman würde besser ausdrücken, was er erlebt hatte. Acht Jahre experimentierte er an der Geschichte. Das Ergebnis war 'Far Tortuga', ein in jeder Hinsicht radikaler Roman mit Leerstellen, Dialogen ohne Anführungszeichen und Zuordnung, Piktogrammen, handgemalten Illustrationen und, das Erstaunlichste vielleicht, nur ein oder zwei Vergleichen im gesamten Text … Die Auslöschung des Ichs gehört zu den Standards im Zen. Ebenso das Streben nach Einfachheit und der Verzicht auf Ausschmückung. 'Ein Kakerlak, der unter dem Küchenschrank hervorkommt, Fühler aufgerichtet, das ist so überwältigend und schräg und schön, dass niemand einen Vergleich braucht, z. B. "wie eine Radioantenne" oder so was', sagte er. 'Nicht nötig. Die Sache an sich ist so gut.'"

Außerdem schreibt Michael Lewis eine seiner gefürchten Wirtschaftsreportagen, diesmal knöpft er sich den Hochfrequenzhandel vor.

Welche psychischen, politischen und sozialen Triebfedern führen dazu, dass Menschen zu Massenmördern werden? Wie lässt sich die Dynamik des Völkermords verstehen, die Naziverbrechen, der Hutu-Terror oder der Wahn der Roten Khmer? In Le Monde sprechen darüber der kambodschanische Dokumentarfilmer Rithy Panh, der Journalist Jean Hatzfeld und der Politikwissenschaftler Jacques Sémelin. Panh erklärt: „In Kambodscha unterscheidet man drei Typen von Schlächtern: Die Anstifter, die Delegierer und diejenigen, die mit den eigenen Händen töten. Erstere sind oft die Perversesten.“ Und Jean Hatzfeld sieht frappierende Analogien zwischen dem Holocaust und dem Völkermord in Ruanda: "Aufstieg eines Diktators, Erklärung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe als „überzählig“, Übernahme dieser Aussage in politische Diskussionen, Theaterstücke, Witze oder Radioprogramme. „Und nach und nach kommt es zu einem Anstieg von Gewaltakten, der Kennzeichnung, Ausgrenzung und Diskriminierung der abgelehnten Volkgruppe. Das Gefühl der Immunität stellt sich ein. Und dann kommt der Krieg. Ohne das Chaos, das er hervorruft, ohne den Zustand des Unrechts, den er installiert, ist das Massenverbrechen nicht möglich.“"