Spätaffäre

Die schnellste Art des Karriereselbstmords

Vorschläge zum Hören, Sehen, Lesen. Wochentags um 17 Uhr
09.04.2014. Nicht etwa klassisch-griechisch, sondern ganz klar amerikanisch-christlich sind die Wurzeln des Superhelden "Captain America", stellt John Gray im New Statesman klar. Bayern2 feiert den 250. Geburtstag des prächtigen Museums Eremitage in St. Petersburg. Eurozine erinnert an Milan Kunderas großen Essay über "Die Tragödie Mitteleuropas". Und Arte erforscht die Phasen und Facetten im Werk David Bowies.

Für die Augen

Kurz vor der großen David-Bowie-Ausstellung in Berlin wärmt arte schon mal die Vorfreude an und zwar mit einer an Archivaufnahmen reichen Dokumentation über den einzigartigen Popstar: Hier in der Mediathek des Senders. (58 Min.)

So recht überzeugen wollte Robert Borgmanns in Köln aufgeführte Inszenierung von Anja Nioduschewskis Bühnenadaption von Andrej Tarkowskijs Klassiker "Andrej Rubljow" die Kritiker nicht (von einem "quälend langweiligen Abend" spricht etwa die Nachtkritik). Dank des offiziellen Youtube-Kanals des russischen Filmstudios Mosfilm kann man sich nun immerhin das Original nochmal zu Gemüte führen. Hier der erste, hier der zweite Teil des insgesamt über dreistündigen Films (auf russisch mit optionalen englischen Untertiteln).

Für die Ohren

Eines der schönsten Museen der Welt, die Eremitage in St. Petersburg, feiert in diesem Jahr 250-jähriges Jubiläum. Pauline Tillmann porträtiert in einem Feature für Bayern2 Menschen, die für die Eremitage leben und arbeiten - etwa den Uhrmacher Michail Gurjev, der sich seit einem Jahr um eines der Leuchtturmprojekte zum Jubiläum kümmert. Sein Auftrag: Er soll die größte Uhr der Eremitage, die sogenannte "Strasser-Uhr", wieder zum Klingen bringen. Zum Nachhören hier. (53 Minuten)

"Tod! Tod! Die Gräben sind erst zur Hälfte mit den Leichen der Tutsi gefüllt. Beeilt euch, sie ganz aufzufüllen!", tönte es während des Genozids in Ruanda aus dem Radio. In seinem Theaterstück "Hate Radio" demonstriert der Schweizer Autor und Regisseur Milo Rau, wie der Radiosender RTLM systematisch Hass schürte und zum Völkermord anstachelte. Beim WDR steht die Hörspielfassung des Stücks bis zum 14. April zum Download (aus Jugendschutzgründen nur zwischen 20 und 6 Uhr, 53 Minuten).

Für Sinn und Verstand

John Gray hat Mark D. Whites Buch über die Tugenden des Comic-Helden "Captain America" wirklich gern gelesen. Es ist amüsant und durchgehend anregend, kurz: populäre Philosophie erster Güte, lobt er im New Statesman. Wie White allerdings behaupten kann, die Ideale des Captains seien klassisch-griechisch, wo sie doch ganz klar amerikanisch-christlich sind, ist Gray ein Rätsel: "Zum Teil kann man das vielleicht mit der professionellen Deformation der akademischen Philosophie erklären. Vor allem in Amerika ist zeitgenössische Philosophie stur säkular. Auch nur das geringste symphathisierende Interesse an Religion zu zeigen, ist die schnellste Art des Karriereselbstmords. Vielleicht deshalb wurde die Tugendethik recht populär. Viele Philosophen haben erkannt, dass Utilitarismus und Menschenrechte armselige Arten sind über Ethik nachzudenken. Wenige haben sich bemüht, die jüdischen und christlichen Wurzeln zu erkunden, aus denen sich die moderne westliche Ethik entwickelt hat. Stattdessen blickt man zurück auf die Griechen. Ohne Sinn dafür, wie sich moralische Ideale verändern - denn zeitgenössische angelsächsische Philosophie ist durch und durch unhistorisch - versteht man nicht, dass die antiken Vertreter der Tugendethik in einer Welt lebten, die fast unvorstellbar weit von der unseren entfernt ist."

Jonathan Bousfield erinnert in Eurozine an Milan Kunderas großen Essay "Die Tragödie Mitteleuropas", der vor dreißig Jahren erschien (hier auf Englisch als pdf). "Für den in Litauen geborenen Polen Czesław Miłosz umfasste Mitteleuropa den gesamten Landstrich, der sich vom 'barocken Vilnius' im Norden bis zum 'mittelalterlichen Renaissance-Dubrovnik' im Süden zog und ungefähr alles einschloss, was östlich von Deutschland lag und von seinem kulturellen Erbe her katholisch oder jüdisch geprägt war. Auch wenn der ethnische Pluralismus Mitteleuropas hochgehalten wurde, herrschte zugleich eine sehr klare Ansicht darüber, was es nicht war: christlich-orthodox, islamisch oder russisch. Nicht jeder mochte den Begriff. Der österreichische Schriftsteller Peter Handke sah in Mitteleuropa nichts weiter als einen 'meteorologischen Begriff'. Der ungarische Erzähler Peter Esterhazy erklärte 1991, dass ein Schriftsteller 'einer Sprache angehört, nicht einer Region'. Jugoslawiens Danilo Kiš trat vorsichtig auf, als er 1987 schrieb, dass die Vorstellung von einem mitteleuropäischen Kulturraum heutzutage vielleicht im Westen verbreiteter sei als in den Ländern, die logischerweise dazugehörten'."