Spätaffäre

Einzigartige Formen der Kontinuität im Raum

Vorschläge zum Hören, Sehen, Lesen. Wochentags um 17 Uhr
27.02.2014. Pierre Assouline präsentiert Georges Simenon. Antje Starost und Hans-Helmut Grotjahn erinnern an Stéphane Hessel. Christoph Ransmayr redet über Gerede. In New Republic beschreibt Jed Perl die heikle Rolle der Futuristen und Nilanjana Roy die der indischen Autoren.

Für die Augen

Bis Sonntag ist in der Mediathek von Arte noch der ausgezeichnete Dokumentarfilm "Das Jahrhundert des Georges Simenon" zu sehen. Regie führte der französische Schriftsteller Pierre Assouline. Wer den belgischen Krimiautor im Original hören möchte, kann die deutsche Übersetzung über die Option "Version" am rechten oberen Bildrand abstellen. (52 Min.)

"Michael", das Regiedebüt des Wiener Filmemachers Markus Schleinzer über einen Pädophilen, der einen zehnjährigen Jungen in seinem Keller gefangen hält, beeindruckte 2011 in Cannes Kritiker und Zuschauer gleichermaßen. Via Netzkino ist der Film legal und in HD bei Youtube zu sehen. (93 Min., FSK ab 16)


Für die Ohren

Vor einem Jahr starb Stéphane Hessel. "Ein Kind von Jules und Jim" - so überschreiben Antje Starost und Hans-Helmut Grotjahn 1996 ihr Hörporträt des "Vordenkers der jungen, internationalen Protestbewegung" ("Empört Euch", 2010) der letzten Jahre. Seine Eltern, der Schriftsteller Franz Hessel und seine Frau Helen, lebten zeitweise mit Henri-Pierre Roché zusammen. Diese "ménage à trois" bildete die Vorlage für François Truffauts Film "Jules und Jim" (1962) mit Jeanne Moreau, Oskar Werner und Henri Serre. Hessel wurde 1917 in Berlin geboren, ging mit seiner Mutter nach Paris und wurde Franzose, war Mitglied der Résistance, wurde 1944 zum Tode verurteilt und nach Buchenwald deportiert. Nach seiner Befreiung war er an der Gründung der Vereinten Nationen beteiligt. (54 Min.).

Nur wer etwas erlebt, kann etwas erzählen, lautet eine Binsenweisheit. Der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr hat viel zu berichten. "Gerede" heißt sein neues Buch über das Erzählen - auf NDR-Kultur redet er mit Alexander Solloch über "Gerede". (42 Min.)

Für Sinn und Verstand

"Das Problem mit dem Futurismus ist, dass wir die Zukunft gesehen haben", schreibt Jed Perl in New Republic angesichts der großen Ausstellung "Italian Futurism: 1909-1944: Reconstructing the Universe" im New Yorker Guggenheim, die ihm die heikle Rolle der Futuristen in der Geschichte der modernen Kunst verdeutlicht: "Ein Ästhet mit einem politischen Programm ist grundsätzlich eine beunruhigende Erscheinung, und es lässt sich nicht leugnen, wie widerlich die avantgardistischen Exkapaden der Futuristen werden können, wenn sich ihr polemischer Überschwang nicht mehr von antidemokratischer Demagogie unterscheiden lässt... Im Großen und Ganzen fühlen sich diejenigen, die mit der Kunstgeschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts betraut sind, mit linken Exzessen wohler als mit rechten, sodass (um nur ein Beispiel zu nennen) El Lissitzkys Arbeit als Propaganist für Stalin und die Sowjetunion mehr Verständnis entgegengebracht wird als der Propaganda für Faschisten." (Links: "Einzigartige Formen der Kontinuität im Raum" von Umberto Boccioni aus dem Jahr 1939)

Wie ein Ausruf der Verzweiflung liest sich, was die Autorin Nilanjana Roy in New Republic zum Fall Wendy Doniger schreibt (deren alternative Geschichte des Hinduismus der Penguin Verlag zurückgezogen hatte, nachdem er jahrelang von orthodoxen Hindus unter Druck gesetzt worden war, mehr hier): "Manchmal wird das 'Nie wieder' zu einer geladenen Waffe an den Schläfen der Kreativen. Wir leben nun seit über zwanzig Jahren (seit der Fatwa gege Salman Rushdie, d.Red.) unter der ständigen Drohung von Gewalt, der wir uns beugen müssen. Und Künstler, Autoren, Historiker, die in irgendeiner Weise als provokativ gelten, werden für die Drohungen gegen sich selbst verantwortlich gemacht. Sie sollen schuld sein an dem Schwert, das andere über ihre Köpfe halten. Seit vielen Jahren sind die beiden Mantras der liberalen Klassen in Indien, besonders bei den Kreativen, schizophren: Immer mehr steigt der Ärger über das Mobbing, dem wir ausgesetzt sind, und immer dringender wird im Gegenzug darauf beharrt, dass wir jede Gefahr eines Aufstands meiden sollen."
Stichwörter: Futurismus, Salman Rushdie