Spätaffäre

Ausrufezeichen des Protests

Vorschläge zum Hören, Sehen, Lesen. Wochentags um 17 Uhr
26.02.2014. Douglas Fairbanks schwingt das Florett. Die Geschwister Brüggemann ziehen um. T.C. Boyle liest Donald Barthelme. David Runciman hofft auf den europäischen Moment. Und Paco de Lucía spielt noch einmal in Montreux.

Für die Augen

Bei der jüngsten Berlinale gewannen die Geschwister Anna und Dietrich Brüggemann den Silbernen Bären für das Drehbuch ihres Fundamentalismusdramas "Kreuzweg". Bei Arte ist ihr etwas heitererer Vorgängerfilm "3 Zimmer Küche Bad" zu sehen. Nicht die Leidensstationen Christi, sondern die diversen Umzüge der Protagonisten sind das formbildende Element dieses beschwingten Ensemblefilms. (112 Min.)

Klassisches Actionkino mit dem einzigartigen Douglas Fairbanks: In "Das Zeichen des Zorro" von 1920 schlüpft er zum ersten Mal in die Maske des Rächers. Gerade erst lief der Film in der Retrospektive der Berlinale, dank CineNet nun auch in der Spätaffäre. (107 Min.)



Stichwörter: Dietrich Brüggemann

Für die Ohren

Schon vor ihrer Veröffentlichung haben Heideggers "Schwarze Hefte" wegen einiger antisemitischer Passagen eine erhitzte Debatte ausgelöst. Im SWR diskutieren nun Micha Brumlik, Rainer Marten und Heidegger-Herausgeber Peter Trawny über "die dunklen Seiten des Philosophen". Hier zum Nachhören. (44 Min.)

Für den New Yorker liest Schriftsteller T.C. Boyle eine Kurzgeschichte seines Kollegen Donald Barthelme. Hier zum Nachhören und im folgenden eingebettet (37 Min.)


Gestern starb der Gitarrist Paco de Lucía im Alter von 66 Jahren in Mexiko. Neben Solo-Alben spielte er unter anderem mit Chick Corea, Al Di Meola oder John McLaughlin stilbildende Platten ein. Ein Nachruf auf sueddeutsche.de und ein Gespräch mit dem Musikredakteur von Dradio Kultur Thorsten Bednarz würdigen den Musiker. Hier ist er live beim Montreux Jazz Festival 2012 zu sehen (61 Min.):

Für Sinn und Verstand

Richtungsweisend nennt Solenn Carof in La vie des idées eine Studie der amerikanischen Soziologin Abigail Saguy, die den provozierenden Titel "Was spricht gegen Fett?" trägt ("What's Wrong with Fat?") und eine der ersten systematischen Untersuchungen der "Kollateralschäden des Kampfs gegen Übergewicht" (so der Untertitel) ist. Zwischen der Konstruktion einer sozialen Kategorie und der Verurteilung der Diskriminierungen, denen als "dick" angesehene Menschen ausgesetzt sind, liefert Saguys Arbeit einen wichtigen Beitrag an den Schnittstellen von Soziologie, Gender Studies, Politikwissenschaft und öffentlichem Gesundheitswesen, lobt Carof: "Sie zeichnet einige Debatten und Kontroversen nach, die es seit etwa zwanzig Jahren ermöglicht haben, Übergewicht auf die politische Agenda zu setzen. Und sie erinnert daran, wie der Diskurs über 'die Seuche Fettsucht' zwischen moralischem Kreuzzug oder politischer Zweckentfremdung von zahlreichen Akteuren dazu genutzt wurde, Finanzmittel, Anerkennung oder Medienpräsenz zu erhalten. Übergewichtige ihrerseits versuchten, gegen dieses Machtverhältnis durch eine konkretere, ja sogar forderndere Sichtweise anzukämpfen, indem sie sich nicht zuletzt an Bürgerrechtsbewegungen orientieren."

Michael Wiederstein interviewt für den Schweizer Monat (online in Eurozine) den britischen Politologen David Runciman, für den die Begriffe Demokratie und Krise geradezu Synonyme sind. Für Europa empfiehlt er eine Koordination der nationalen Wahlen: "Bezüglich der EU sprechen immer mehr Kollegen von der Notwendigkeit eines 'europäischen Moments' - also einer gleichzeitigen Wahl in allen Nationalstaaten des Kontinents. Die Idee ist reizvoll - vor allem auch, weil das dafür sorgen würde, dass sich nationale Parteien international abstimmen und gemeinsam Politik machen. So wären Allianzen denkbar, die beispielsweise stumpfem Nationalismus, der billigsten Form des etatistischen Populismus, den Riegel vorschieben. Nationale Ausrufezeichen des Protests würden dann bestenfalls durch diplomatische Anstrengungen ersetzt."