Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

196 Presseschau-Absätze - Seite 15 von 20

Magazinrundschau vom 21.09.2010 - New Statesman

Als ein Meisterwerk der historischen Forschung preist John Gray Frank Dikötters Buch über die Große Hungernot in China, "Mao's Great Famine", in deren Zuge 45 Millionen Menschen verhungerten, zu Tode geprügelt und gefoltert wurden: "Dikötter schreibt in einem durch und durch nüchternen und zurückhaltenden Stil, der den Horror der beschriebenen Ereignisse umso stärker zum Ausdruck bringt, und er zeigt in aller Ausführlichkeit, wie die Verantwortung für dieses Desaster direkt auf Mao zurückgeführt werden kann. Es war Mao, der seine kommunistischen Genossen zum Großen Sprung nach vorn drängte und die politische Säuberung von drei Millionen 'rechten Elementen' anordnete, denen er vorwarf, seine Politik in Frage zu stellen. Noch im Sommer 1959 hätte eine Änderung der Direktiven die Opferzahlen der Hungersnot auf einige Millionen begrenzen können. Aber Mao drängte weiter, und es starben zig Millionen. Dikötter deckt die gesamte Bandbreite dieses schrecklichen Verbrechens auf und hat damit eines der wenigen Bücher vorgelegt, die schlichtweg jeder, der das 20. Jahrhundert verstehen will, gelesen haben muss."

Magazinrundschau vom 13.07.2010 - New Statesman

Junge Menschen lesen nicht mehr, können sich auf nichts wirklich konzentrieren und sind sozial unterentwickelt, wird heute oft geklagt. Ach ja? Vielleicht sollten wir nicht so schnippisch über die "digital natives" sprechen, meint John Naish. Die produzieren nämlich einige Genies. "Multitasking ist für die meisten von uns schwierig. Versuche zeigen, dass es meist damit endet, dass man zwei Dinge schlecht macht statt eins gut. Aber einer von vierzig Menschen scheint gegen dieses Problem immun zu sein. Diese glücklichen Geschwindigkeits-Freaks können zum Beispiel Auto fahren und gleichzeitig mit ihrem Handy telefonieren und sich auf beide Aktivitäten gleich gut konzentieren. Das ergab ein Test an 200 Menschen, den der Psychologe Jason Watson von der Utah Universität durchgeführt hat. Supertaskers machen nur 2,5 Prozent der Bevölkerung aus, glaubt Watson. Aber sogar diese Zahl ist überraschend hoch. 'Nach der Kognitionswissenschaft dürfte es diese Individuen gar nicht geben', sagt er in einem Artikel, der bald im Psychonomic Bulletin and Review veröffentlicht wird."

Magazinrundschau vom 22.06.2010 - New Statesman

Leo Robson rühmt Wassili Grossmans ins Englische und Deutsche neu übersetzten Roman "Alles fließt". Grossman spannt darin den Bogen von der Russischen Revolution bis zu Stalins Tod und versucht, die gusseiserne Logik hinter dem großen Terror zu ergründen: "Grossman wollte den Sinn in Stalins Russland erkennen, und dies beinhaltete auch, sich diejenigen zu erklären, die mit dem Staat kollaboriert haben - die ihre Freunde und Nachbarn als Parasiten, Kosmopoliten, jüdisch-bourgeoise Nationalisten, Diener des Westens denunzierten. Grossman zeigt einen Schauprozess, mit einem Ankläger, der Informanten befragt. 'Denken wir nach, empfiehlt er, 'bevor wir das Urteil verkünden'. Nachdem er die Umstände erklärt, aber nicht wegerklärt hat, die einen Menschen dazu bringen zu denunzieren, ruft er: 'Trotzdem - was für ein Hund!' Und als sein moralischer Zorn ein wenig zu weichen beginnt, schließt er, dass eine bestialische Atmosphäre aus Menschen Bestien macht. Die russische Geschichte ist die Beklagte, aber dies ist kein Freispruch für den Einzelnen in Russland."

In einem kurzen Interview spricht zudem Grossmans Tochter Jekaterina Korotkowa-Grossman (mehr hier) über das Buch, dessen Kapitel über den "Hunger-Terror" sie für das stärkste im Werk ihres Vaters überhaupt hält: "Aber dies war kein von den Russen an den Ukrainern ausgeübter Genozid. Es war ein Angriff gegen die gesamte bäuerliche Bevölkerung der Sowjetunion", meint sie. "Die fruchtbaren Gegenden an Don und Kuban litten genauso schwer wie die Ukraine." Und in einem Interview über die Finanzkrise, Cameron und wer schuld ist an der Finanzkrise platzt der Epistomologe und schwarze Schwan Nassim Nicholas Taleb praktisch vor Selbstbewusstsein: "Viele, aber die größte Schuld gebe ich Ben Bernanke. Er hat die Große Depression studiert, er sollte es besser wissen. Alan Greenspan ist ungelernt. Die Ungelernten nimmt man nicht ernst."

Magazinrundschau vom 01.06.2010 - New Statesman

Mehdi Hasan fragt sich, ob das von so vielen europäischen Politikern geforderte Burka-Verbot wirklich ein Ausdruck der Sorge um muslimische Frauen sei. Und er findet ein Verbot eher kontraproduktiv. "Als der damalige Minister Jack Straw im Jahr 2006 enthüllte, darauf bestanden zu haben, dass Frauen in seinen Sprechstunden den Schleier ablegen, meldeten islamische Kleidergeschäfte in Nordwest-England einen Anstieg der Verkäufe von Niqabs, Burkas und anderen Ganzkörperschleiern. Ein junges muslimisches Mädchen sagte mir später, dass es Straws Ausführungen waren, die sie veranlasst hätten, von Kopftuch auf Niqab überzugehen."

Magazinrundschau vom 18.05.2010 - New Statesman

Penguin hat gerade zehn englische Übersetzungen zentraleuropäischer Klassiker veröffentlicht, darunter Essays von Czeslaw Milosz, Josef Skvoreckys Roman "Die Feiglinge" und Ciorans "Lehre vom Verfall". Muss man alle lesen, erklärt der Autor Adam Thirwell, dem es besonders Hasek und Cioran angetan haben. "Abschweifungen unter dem Zeichen der Niederlage: das ist die Form, die ich bevorzuge - der Roman als Gerümpel. Es ist eine Erfindung, die sicherlich durch die verrückte Politik in Zentraleuropa provoziert wurde, und doch ist der Stil von Hasek oder Cioran nicht von Politik geformt. Sie nehmen die Niederlage, die jede Politik aus dem Leben macht, und lösen sie auf in Sprezzatura." 

Magazinrundschau vom 06.04.2010 - New Statesman

Der britische Autor und Vatikan-Spezialist John Cornwell versucht sich die verharmlosenden Reaktion des Papstes auf den Kindesmissbrauch durch katholische Priester zu erklären und kommt zu dem Schluss, dass für den Papst Kindesmissbrauch eher einen Verstoß gegen geistliche Gebote als ein weltliches Verbrechen darstellt. "Benedikts Initiativen gegen die pädophilen Priester zielen denn auch eher auf übernatürliche denn auf menschliche Abhilfe. Er hat dekretiert, dass Hostien (von denen Katholiken glauben, sie seien 'Körper, Blut, Seele und Göttlichkeit Jesu Christi) in Hunderten von Kirchen in Irland zur Anbetung ausgestellt werden sollen. Er hat gelobt, Geistliche ins Land zu schicken, um die Seminare, Klöster, Gemeinden und Diözesen zu überprüfen. Diese spirituellen Stoßtruppen werden das Evangelium neu verkünden, um die irischen Priester und Nonnen zu beschämen. Sie werden Gebete anführen, Homilien halten und Beichten hören. Im selben Brief gibt der Papst geistlichen Fehlinterpretationen der Reformen des zweiten Vatikanischen Konzils die Schuld. Mit anderen Worten: katholische Liberale haben letztlich irischer Geistliche verführt und von ihrer priesterlicher Frömmigkeit abgebracht."

Außerdem denkt Terry Eagleton über das Böse nach, das erst mit Freud und schließlich mit der Postmoderne ein wenig aus der Mode gekommen ist: "Im Großen und Ganzen können postmoderne Gesellschaften trotz ihres Faibles für Monster und Vampire mit dem Bösen wenig anfangen. Vielleicht liegt das daran, dass dem postmodernen Menschen - cool, nicht festgelegt, gelassen und dezentriert - die Tiefe fehlt, die wahre Zerstörungslust braucht. Im Postmodernismus muss nichts erlöst werden. Für die großen Modernen wie Franz Kafka, Samuel Beckett oder den jungen T.S. Eliot gab es noch sehr wohl etwas, das gerettet werden musste, es war nur unmöglich geworden zu sagen was. Becketts verlassene, verwüstete Landschaften erscheinen wie eine einzige nach Erlösung schreiende Welt. Aber Rettung setzt Verlorenheit voraus, Becketts nichtsnutzige, bedeutungslose menschliche Figuren sind zu versunken in Apathie und Trägheit, um auch nur milde unmoralisch sein. Sie bringen nicht die Kraft auf, sich selbst zu hängen, schon gar nicht, ein ganzes Dorf voller unschuldiger Menschen in Brand zu stecken."

Magazinrundschau vom 16.02.2010 - New Statesman

Mit dem Titel "Alles, was Sie über den Islam wissen, ist falsch" will die linksliberale Zeitschrift dem Publikum die Angst vor dem Islam nehmen. Einer der Autoren ist der Reformprediger Tariq Ramadan, der sich die Frage stellt, was ein "gemäßigter Muslim" eigentlich sei, und zu dem Ergebnis kommt, dass schon der Begriff "irreführend" sei. Eines seiner Argumente: "Ich glaube, dass die Frage politischer Mäßigung oft subjektiv ist. Das afghanische Beispiel liegt auf der Hand: Dieselben Leute, die vor zwei Jahrzehnten als 'Freiheitskämpfer' gegen die sowjetischen Invasoren gefeiert wurden, beschreibt man heute als 'Terroristen' wenn sie sich der anglo-amerikanischen Besetzung ihres Landes widersetzen. Und jedermann wird natürlich terroristische Akte gegen Zivilisten in New York, Rabat, Bali, Amman, Madrid und London verurteilen, aber wie soll man die Widerstandbewegungen im Irak, in Afghanistan oder Palästina beschreiben, die gegen die von ihnen als illegal und illegetim verstandenen Besatzungen kämpfen?"

Magazinrundschau vom 22.12.2009 - New Statesman

Leo McKinstry wirft noch einmal die Frage auf, welchem Zweck die Bombardierung deutscher Städte durch die britische Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg diente. Nach Sichtung verschiedener Archive kommt er zu dem Schluss, dass die Hunderttausende zivilen deutschen Opfer nicht Unglück waren, sondern Absicht: "Typisch ist ein Papier aus dem Bombing Operations Directorate des Luftministeriums vom August 1941, das in den Archiven der Universität Cambridge liegt. Es erklärt, dass der Fokus zukünftiger britischer Attacken die 'Menschen in ihren Häusern und in Fabriken' sein müssten, 'wie auch die Versorgung mit Elektrizität, Gas und Wasser, von der das industrielle und häusliche Leben abhängt'. Während sich das Direktorium allmählich mit dieser Idee anfreundete, fand sie Bestärkung mit der Bombardierung Coventrys durch die Luftwaffe. Für die meisten Briten war dieser Angriff eine Gräueltat. Für den Stab der Royal Air Force war er eine Inspiration. Der Angriff auf Coventry, heißt es in dem Papier, war 'einer der erfolgreichsten der deutschen Luftstreitkräfte auf dieses Land', auf 800 Einwohner kam eine Tonne Spreng- und Brandstoffe. 'Wenn das Bomber Command jeden Monat einen Angriff im Maßstab von Coventry ausführen könnte, wäre das Ergebnis totale Panik im industrialisierten Westen Deutschlands' wie auch 'ein beträchtlicher Verlust an Leib und Leben, umfassende Zerstörung und Beschädigung der Häuser der Arbeiter'."
Stichwörter: Gas, Wasser, New Statesman, Coventry

Magazinrundschau vom 01.12.2009 - New Statesman

Amerikas bester Reporter Seymour Hersh spricht im Interview über die Tücken des investigativen Journalismus', zum Beispiel über die Frage, ob ungenannte Quellen - oder was man dann später im Text "a higher-level former senior intelligence official" nennt - nicht ziemlich gefährlich sind. "Ich hasse das. Um mit dieser Anomalie, dieser Schande vor mir zurechtzukommen, begrüße ich es, wenn Leute mich verklagen. Ich war in viele Prozesse verwickelt. Ich begrüße das, weil es ein geeigneter Maßstab ist. Ich glaube ich bin sieben mal verklagt worden. Wir waren einmal vor Gericht und der entscheidende Punkt war, dass der Richter meine Quellen genannt haben wollte. Ich war schon drauf und dran zu sagen, dass wir die Klage anerkennen und uns wegen Verleumdung verurteilen lassen. Der Richter war vor einigen Jahrzehnten in Chicago von Reagan ernannt worden, und dieser Reagan-Mann entschied, dass ich meine Quelle nicht nennen muss. Wir gingen zum Richter und gaben ihm einen Bericht über sechs Leute und beschrieben sie, und der Richter akzeptierte, dass sie real waren - dass ich seriös war und Quellen hatte. Aber wenn er das nicht getan hätte, hätte ich den Fall verloren geben müssen."

Magazinrundschau vom 17.11.2009 - New Statesman

Nicky Gardner schickt einen melancholischen Report aus dem Berliner Hinterland, dem Kohl "blühende Landschaften" versprochen hatte. "Fast zwanzig Jahre später warten viele Gemeinden im östlichen Deutschland immer noch auf Kohls Nirvana. Sicher, neue Namen bevölkern jetzt die ökonomische Wüste, die die Staatsbetriebe der DDR hinterlassen hat. Aber die Neuankömmlinge - multinationale Firmen wie Oracle, eBay, DHL, Mercedes Benz, Rolls Royce Aerospace, Pratt & Whitney, Bombardier und die Daimler AG - zieht die grüne Wiese an. Sie mögen Betonarchitektur und Glasbüros, die von jungfräulichen Wäldern umgeben sind. Oder Lagerhäuser aus Aluminium auf grüner Flur. Bei ihrem Umzug in Brandenburgs Business-Korridor haben viele Firmen Steuervorteile von einer Landesregierung erhalten, die behauptet, keine Ressourcen zu haben, um den Verfall der Städte aufzuhalten."

Außerdem: Terry Eagleton überprüft Walter Benjamins These, wir könnten die Vergangenheit ändern.