Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

196 Presseschau-Absätze - Seite 14 von 20

Magazinrundschau vom 25.09.2012 - New Statesman

In einem - leider viel zu kurzen - Interview erklärt Autor Neal Stephenson, dessen Essayband "Some Remarks" im Sommer erschienen ist, warum die intelligenten Frauen des 17. Jahrhunderts Gottfried Wilhelm Leibniz liebten und warum es heute weniger attraktiv ist, ein Wissenschaftler zu sein, als zu Leibniz' Zeiten: "Man muss heute einen unglaublich eingeschränkten Blickwinkel haben. Ich kannte Leute, die professionelle Wissenschaftler werden wollten. Dann erreichten sie einen bestimmten Punkt, an dem sie sich um der Karriere willen hätten spezialisieren müssen - und an diesem Punkt entschieden sie, dass sie so nicht leben wollten. Spezialisierung ist notwendig, aber sie hat den unglücklichen Nebeneffekt, dass sich viele Leute abgestoßen fühlen, die ihr Leben nicht so verengt führen wollen."

Der Autobiografie von Salman Rushdie fehlt es zwar ein bisschen an Kapitalismuskritik, meint der Literaturwissenschaftler Colin MacCabe, aber die "Satanischen Verse" waren schon ein echtes Wagnis: "Als Rushdie mir Mitte der achtziger Jahre von seinem neuen Roman erzählte, in dessen Zentrum koranische Verse stünden, die auch solche Götter anerkannte, die der Prophet abgelehnt hatte, betonte er, dass er einen Raum schaffen wolle, in dem man dem Islam Respekt zollen konnte, ohne an Gott zu glauben. Das war seine unverzeihliche Sünde. ... Rushdie wagte es, die islamische Tradition für Ungläubige zu enteignen, sie den Händen der Geistlichen zu entreißen. Der Ayatollah Khomeini musste das Buch nicht lesen, um zu begreifen, was für eine Bedrohung das war und immer noch ist."

Außerdem: "Eine intellektuelle Pest verseucht uns", stöhnt Steven Poole, nachdem er sich durch eine ganze Reihe von Neuerscheinungen über die angesagten Neurowissenschaften geackert hat.

Magazinrundschau vom 11.09.2012 - New Statesman

Der britische Autor David Flusfeder spielt professionelles Poker in Las Vegas. Er erzählt von seinen Erfahrungen und zeichnet nebenbei ein etwas anderes Bild der Stadt, die GQ letzte Woche "500.000 Dollar die Nacht"-Partystadt beschrieben hatte: "Vor fünf Jahren war Las Vegas die am schnellsten wachsende Stadt der Vereinigten Staaten, mit einer Arbeitslosenquote von 4,7 Prozent. Heute liegt die Arbeitslosenquote bei über 12 Prozent. Die Kriminalitätsrate ist hoch und steigt weiter. In diesem Jahr rechnet man mit 130 Totschlagsdelikten und 16.500 Gewalttaten - das ist zweieinhalb mal so hoch wie der nationale Durchschnitt. Die größte anti-Kriminalitätsinitiative der Polizei, die ich im Juli dort gesehen habe, war das harte Durchgreifen gegen Hausierer, die ohne Lizenz Flaschen mit Trinkwasser verkaufen. Sie gehören zum normalen Straßenbild wie die mexikanischen Familien, die Anzeigenzettel für erotische Dienste auf dem Las Vegas Boulevard verteilen und die Touristen, die in der Wüstenhitze über den Strip latschen, sind dankbar. Aber, wie das Las Vegas Review-Journal über eine Familie berichtete, die von Sicherheitskräften des Planet Hollywood verwarnt worden war, 'Delores Smith, 20, erkennt, dass es unfair ist gegenüber den überteuerten lizensierten Geschäften, wenn sie und ihre Cousins Wasser für einen Dollar verkaufen'. Das ist ein interessanter und sehr vegasmäßiger Gebrauch des Wortes 'unfair'."

Rachel Halliburton porträtiert den syrischen Cartoonisten Ali Ferzat, den Schergen Assads letztes Jahr brutal verprügelt und beide Hände gebrochen haben. Heute lebt Assad vorwiegend in Kuwait, Halliburton traf ihn anlässlich einer Ausstellung in London, wo er ihr erzählte, warum seine Karikaturen seit dem Aufstand keine Typen, sondern Individuen darstellen. Assad zum Beispiel: "Einige Monate, bevor der Aufstand anfing, fühlte ich, dass die Dinge sich schneller bewegten. Ich musste diese Veränderung festhalten, ohne lange nach einer Symbolik dafür suchen zu können. Aber ich wollte mich auch von der Angst freimachen, ihn persönlich zu porträtieren. Nicht zuletzt, weil die Revolution genau jetzt Karikaturen brauchte, die die Leute bei den Protesten tragen konnten, die sie auf der Straße hochhalten konnten. Ich habe immer wieder Demonstranten in ganz Syrien gesehen, die meine Karikaturen tragen. Und ich bin stolz darauf."

Und: Laurie Penny ("The vagina can monologue, but it takes a cunt to throw a brick through a window.") und Helen Lewis ("mystic woo woo to the froo froo") nehmen Naomi Wolfs "Vagina"-Biografie auseinander.

Magazinrundschau vom 20.12.2011 - New Statesman

Ganz aus dem Häuschen ist Slavoj Zizek von Ralph Fiennes' "Coriolanus"-Verfilmung, die ihm zwei Dinge zeigte: Das Stück ist besser als Hamlet, und Coriolanus gar kein fanatischer Militarist, sondern ein radikaler Freiheitskämpfer!: "Ja, Coriolanus ist eine Mordmaschine, ein perfekter Soldat, aber er ist nicht an eine feste Klasse gebunden, er kann sich auch den Unterdrückten in den Dienst stellen. Wie Che Guevara es ausgedrückt hat: 'Hass ist ein Element des Kampfes; rücksichtsloser Hass auf den Feind treibt uns über die natürlichen Grenzen des Menschseins und verwandelt uns in effiziente, gewalttätige, ausgewählte und kalte Killermaschinen. So müssen unsere Soldaten sein; ein Volk ohne Hass kann einen brutalen Feind nicht besiegen.'" (Und Arno Breker soll ihn in Stein hauen!)

Jason Cowley wird in seinem Nachruf auf Christopher Hitchens, der im New Statesman seine Journalistenkarriere begann, nicht unhöflich, bleibt aber kühl: "Hitchens war vieles zugleich: Polemiker, Reporter, Autor, Rhetoriker, militanter Atheist, Trinker, Name-dopper, Erzähler. Er war auch ein Absolutist. Er mochte es, ein klares Ziel ins Visier zu nehmen und drauflos zu feuern; er wusste, wogegen er schreiben wollte und tat dies mit all der Kraft und Macht seiner formidablen Gelehrsamkeit und Eloquenz."

Zu lesen ist ein kurzer Auszug aus dem letzten Interview, das Richard Dawkins mit seinem atheistischen Mitstreiter Hitchens führte.

Magazinrundschau vom 29.11.2011 - New Statesman

"Der Körper der Muslimbrüder ist schneller gewachsen als ihr Hirn", schreibt Fawaz A. Gerges, Nahostexperte an der London School of Economics, in einem ausführlichen Hintergrundartikel zum Aufstieg der Muslimbrüder in Ägypten. Der Erfolg bei den Wahlen könnte sie zerreißen - nicht nur wegen des Streits zwischen den konservativen und fortschrittlichen Kräfte innerhalb der Bruderschaft. "Wenn sie eine Mehrheit gewinnen und die Regierung bilden, werden sie liefern müssen. Bedenkt man die Größe der Probleme Ägyptens und den Mangel an klar formulierten Vorschlägen für die Schaffung von Arbeitsplätzen, dann stehen die Wetten gegen sie. Und wenn sie versagen, werden ihre Wahlkampfparolen - 'Islam ist die Lösung' - mit Macht auf sie zurückschlagen."

Lesen darf man jetzt auch Richard Evans' Aufmacher aus der letzten Woche, der den Briten erklärt, dass die Deutschen keineswegs ein "Viertes Reich" zu errichten wünschen, wie einige Kommentatoren behauptet haben, aber gern eine Inflation wie in den zwanziger Jahren vermeiden möchten.

Magazinrundschau vom 30.08.2011 - New Statesman

Jaron Lanier erinnert sich, wie er mit anderen Hippies Anfang der Achtziger in Silicon Valley landete. "In Sofia Coppolas Film 'Marie Antoinette' gibt es eine Szene, wo ein Gruppe junger Adliger durch einen Ballsaal wirbelt. Ausstattung und Kostüme sind historisch, aber die Musik und das Benehmen kommen direkt aus einem modernen Tanzklub. Es scheint, als wäre eine elitäre Minderheit in der Lage gewesen, einen Zeh in die Zukunft zu stippen, um zu erfahren, was heute normal ist. So ähnlich war es in dem Silicon Valley, das ich in den 1980ern kannte. Die Debatten und Probleme, die heute eine ganze Generation beschäftigen, gab es in Miniatur schon, bevor es das Internet gab."

Magazinrundschau vom 23.08.2011 - New Statesman

Die große chinesische Firewall, etliche Zusatzprogramme und 50.000 Techniker kontrollieren die chinesische Suchmaschine Baidu auf unerwünschte Inhalte hin, doch die Chinesen benutzen sie lieber als Google, zu dem sie auch Zugang hätten. Auch die westliche Musikindustrie schätzt Baidu, weiß Jonathan Margolis in einem großen Report zu berichten: "Mit ungefähr 400 Millionen hat Baidu schon fast so viele Nutzer allein in China wie Google mit 425 Millionen weltweit. Die Firma ist in Hinsicht auf künftige Gewinne sogar so zuversichtlich, dass sie freiwillig auf Einnahmen verzichtet: Künftig will sie Nutzer nicht mehr zu Seiten leiten, auf denen man illegal Musik herunterladen kann, was fast schon chinesische Tradition ist. Stattdessen hat Baidu ein bahnbrechendes Abkommen mit Universal, Warner und Sony abgeschlossen, um geschützte Stücke auf der neuen Musikplattform 'Ting!' (Hören! auf Madarin) anzubieten. Baidu ist Chinas Fenster zur Welt und zu sich selbst, ultimativer Schiedsrichter über die Realität, Quelle der Wahrheit für ein Viertel der Menschheit. Sie wird in rasanter Geschwindigkeit so bedeutend wie die KP - vielleicht noch mehr, denn die breite Bevölkerung vertraut ihr vorbehaltlos, während sie unaufhörlich über die herrschende Elite murrt."

Magazinrundschau vom 28.06.2011 - New Statesman

Der französische Islamwissenschaftler Olivier Roy liefert für den New Statesman eine geopolitische Anlayse der Lage nach dem arabischen Frühling: "Die prodemokratischen Bewegungen im Nahen Osten sind so stark, dass sie zum ersten Mal in der arabischen Welt keine übernationalen Ziele wie Panarabismus, Panislamismus oder Unterstützung für die Palästinenser verfolgen. Diese neuen Bewegungen sind eher patriotisch als nationalistisch ud wurzeln in heimischen Kontexten, wo sie die politische Führungen attackieren, ohne ihnen vorzuwerfen, dass sie Marionetten externer Kräfte sein."

Magazinrundschau vom 18.01.2011 - New Statesman

Gabriel Josipovici singt ein Liebeslied an Thomas Bernhard, dessen gerade auf Englisch erschienenen Essayband "Meine Preise" er mit großem Vergnügen gelesen hat: "Das Komitee für den Literaturnobelpreis hat in der Begründung für die Verleihung an Elfriede Jelinek 2005 angedeutet, dass es ein Fehler war, Bernhard nicht ausgezeichnet zu haben, als es erklärte, der Preis sei auch eine Auszeichnung für die ganze österreichische Tradition der Satire und Subversion - von Nestroy bis Jelinek. Aber damit steckt man Bernhard in die falsche Schublade. Jelinek ist, wie ihr Meister Theodor Adorno, eine scharfe und intelligente Polemikerin, nur für sich selbst und ihre eigenen Werte hat sie keinen Blick. Bernhard auf der anderen Seite ist viel beunruhigender, weil man unmöglich sagen kann, wo er steht."

Magazinrundschau vom 14.12.2010 - New Statesman

Anthony Barnett, Mitbegründer von OpenDemocracy, vergleicht die jetzigen Studentenproteste in Britannien mit den Studentenprotesten in den Sechzigern und fragt sich, ob auch sie von der Rechten bezwungen werden. "Im Oktober 1968 hielt eine damals noch unbekannte Margaret Thatcher eine Rede bei einem Nebentreffen während des Parteitags der Konservativen. Sie begriff den antistaatlichen Zeitgeist. Es war dann die politische Rechte, die irgendwann das Erbe des Antiautoritarismus der Sechziger übernahm. [...] Im Gegensatz zu den späten Sechzigern, als Studentenproteste lächerlich gemacht und angeprangert wurden, können sie heute glaubhaft für sich in Anspruch nehmen, den Ärger und die Besorgnis einer breiteren Öffentlichkeit zu artikulieren."

Magazinrundschau vom 05.10.2010 - New Statesman

Der Facebook-Film nährt bei Laurie Penny einen Verdacht: Speist sich der moderne Kapitalismus aus der Frustration von Männern, die an der Uni keine Freundin abbekommen haben? "'The Social Network' erinnert uns daran, dass ein Netzwerk, das die menschlichen Kontakte von 500 Millionen Menschen in aller Welt neu definiert, aus einem Akt rachsüchtiger Misogynie heraus entstanden ist. Frauenhass ist das Hintergrundgeräusch dieser Geschichte. Aaron Sorkins grandios geschriebener Showdown zwischen linkischen ehrgeizigen jungen Männern, die nach Reichtum und Respekt hungern, beschreibt Frauen und Mädchen nur als gloriose Sex-Extras, reizende Assistentinnen in der großen Zaubervorstellung, an deren Ende die Zukunft menschlicher Geschäfte und Kommunikation enthüllt werden."

Der Filmemacher Erik Gandini ("Videokratie") spricht im Interview mit Daniel Trilling über Berlusconi und seinen Fernsehstaat: "Italien ist kein faschistisches Land, aber es gibt etwas Totalitäres in unserer Kultur, und zwar in einer sehr modernen Art. Diese Celebrity-Kultur hat ein Wertesystem geschaffen, das eigentlich ein System von Nicht-Werten ist, in dem nichts wirklich gilt. Ich glaube nicht, dass Lele Mora ein politisch überzeugter Faschist ist, er steht meiner Ansicht nach weniger für eine Ideologie als für ihre Abwesenheit, und das ist sogar noch beängstigender, denn in Italien besteht der Kern der Kultur in dem Druck, ständig Spaß zu haben."