Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

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Magazinrundschau vom 05.10.2010 - London Review of Books

Sichtlich gern folgt Marina Warner den Ausführungen Laurie Maguires zur Geschichte der Sagenheldin Helena von einst bei den Griechen bis heute in Hollywood. Bei allen Aneignungen und Umdeutungen und Anverwandlungen, resümiert sie, bleiben doch die Griechen selbst am erstaunlichsten: "Man vergisst zu schnell die unüberwindliche Seltsamkeit der griechischen Geschichten. Es verblüfft einen ganz unfehlbar, wie brillant ihre Imaginationen sind und wie ingeniös sie eine mögliche Wirklichkeit konstruierten. Das Ei, aus dem Helena geschlüpft sein soll, wurde im ihren Brüdern Castor und Pollux (sie stammten aus dem zweiten Ei, das die Frucht der Vereinigung von Leda und Zeus war) gewidmeten Tempel auf Korfu ausgestellt. Pausanias erzählt uns, wie er dorthin reist und die Eierschale über dem Altar hängen sah, in Bänder geknüpft. Die einzige Reliquie Helenas auf Erden war wahrscheinlich ein Dinosaurierei."

Weitere Artikel: Zwar will James Lever, offensichtlich ein guter Kenner des Werks von Jonathan Franzen, gar nichtleugnen, dass der neue Roman "Freiheit" gut und an manchen Stellen hervorragend gemacht ist. Insgesamt aber ist es für ihn eher etwas wie eine "Fernseh-Miniserie: angenehm schlau, moderates Tempo, ein Cliffhanger hier und da." David Runciman liest die Memoiren Tony Blairs als Selbstzeugnisse eines Mannes, der nicht zuletzt daran scheiterte, dass er in den Griff zu bekommen versuchte und im Griff zu haben glaubte, was sich gar nicht in den Griff bekommen ließ. Besprochen wird außerdem Abbas Kiarostamis neuer Film "Certified Copy" mit Juliette Binoche, der für Michael Wood eine einzige Pein ist, aber eine der wohl auch beabsichtigten Art (hier drei Trailer zu dem Film).

Magazinrundschau vom 21.09.2010 - London Review of Books

Elif Batuman hat mit viel Interesse Marc McGurls Buch "The Programme Era" über die Ära der "Creative Writing"-Programme in den USA zur Hand genommen. Einerseits ist er zunächst enttäuscht über die allzu affirmative Haltung des Autors dem Gegenstand gegenüber. Andererseits kommt ihm das offenkundig auch ganz recht für eine weit über die bloßen Schreibschulen hinausreichende Diagnose einer von Schuldkomplexen geplagten Kultur: "Ich glaube, dass der Grund für die in vielen der Texte so zentrale 'Scham' nichts anderes als der Beruf des Schriftstellers ist - und diese Scham betrifft McGurl nicht weniger als den Minimalisten Raymond Carver und die Maximalistin Joyce Carol Oates. Literarisches Schreiben ist unvermeidlich elitär und unpraktisch. Es heilt keine Krankheiten, beseitigt keine Ungerechtigkeit und man verdient in der Regel auch nicht genug damit, um sich philantropisch betätigen zu können. Und weil Schreiben im Verdacht des Narzissmus und des Überflüssigen steht, muss es vom Creative-Writing-Programm 'diszipliniert' werden... Die berühmtesten Schlagworte des einflussreichen Iowa-Programms - 'Töte deine Lieblingswendungen', 'Merze alle überflüssigen Wörter aus', 'Zeige statt zu erklären' ('Show, don't tell') - zeugen von dieser Idee des Schreibens als Sichgehenlassen, von der Vorstellung, es handle sich um einen Exzess, der in Anonyme-Alkoholiker-artigen Sitzungen unter Schmerzen überwunden werden muss."

Weitere Artikel: James Davidson liest eine Enzyklopädie griechischer Personennamen, informiert dabei nebenbei aber auch über die britische Laissez-Faire-Kultur der Namensgebung, der sich die lange strengen skandinavischen Länder und auch Deutschland nun annähern: "Schwedische Gerichte haben die Vornamen Google, Metallica und Q genehmigt, allerdings nicht Albin in der Schreibweise Brfxxccxxmnpcccclllmmnprxvclmnckssql-bb11116." Im "Tagebuch" denkt Jenny Diski in gewohnt geistreicher Manier über ihre Schwierigkeiten mit Begriffen wie "Glück" und "Aufrichtigkeit" nach. Peter Cambpell besucht die Eedweard-Muybridge-Ausstellung in der Tate Britain. Adam Shatz geht ins Gericht mit einem Atlantic-Artikel, der einen Bombenangriff Israels auf den Iran als unmittelbar bevorstehend schildert. Gesammelt werden noch einmal Stimmen zum Tod des großen britischen Literaturwissenschaftlers und Review-Stammautors Frank Kermode.

Magazinrundschau vom 07.09.2010 - London Review of Books

Jenny Turner hat "C" gelesen, den neuen Roman des furiosen Antirealisten Tom McCarthy, in dem dieser seinen Helden Serge Carrefax durch die Diskurse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schickt . Und wenngleich Turner im Wirbel aus Anspielungen und Verweisen nicht immer alles ohne weitere versteht - begeistert ist sie doch: "Sie werden inzwischen begriffen haben, dass ich eine großartige Zeit hatte bei der Lektüre, auf meinen Laptop gestützt, Wikipedia im einen Fenster, das Oxford English Dictionary im anderen Fenster immer geöffnet. Es war, als wäre ich zu Gast bei der Traumparty eines extrem belesenen Gastgebers: Dinge, die ich vor langer Zeit gelesen und mehr oder weniger vergessen, andere Dinge, die ich nie gelesen habe, jetzt aber auf jeden Fall lesen werden, nachdem mir McCarthy gezeigt hat, wie man sie brillant einsetzen kann. Er vergleicht seinen Job als Autor manchmal mit dem eines DJs oder Kurators, der ein Set ans andere fügt: die Analogie trifft, so lange sie einen nicht auf die falsche Idee bringt, das ganze habe mit Literatur wenig zu tun."

Weitere Artikel: Jonathan Steele erklärt im "Tagebuch", was man über die Taliban, die sich seit zehn Jahren fast komplett aus der westlichen Medienöffentlichkeit zurückgezogen haben, so alles nicht weiß. Tony Wood hat sich im sibirischen Yakutsk umgesehen und bringt Eindrücke vom Permafrost, Infomationen zur Wissenschaft der "Frozenology" ("Gefrierologie"?) und weit auseinandergehende Meinungen der russischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zur Klimaerwärmung mit. Michael Wood hat im Kino Bob Rafelsons Semiklassiker "Five Easy Pieces" wiedergesehen. Mary-Kay Wilmers schreibt zum Tod des Literaturwissenschaftlers und London-Review-Inspirators und -Autors Frank Kermode.

Magazinrundschau vom 17.08.2010 - London Review of Books

In einem langen Essay, der als Besprechung von Angelo Quattrocchis Buch "Der Papst ist nicht schwul" daherkommt, untersucht der schwule irische Schriftsteller Colm Toibin die psychosexuellen Strukturen der katholischen Kirche. Er erklärt, warum es für viele "sexuell verwirrte" männliche Jugendliche die eleganteste Lösung war, Priester zu werden. Und er berichtet durchaus aus eigener Erfahrung, unter anderem in Erinnerung an einen Workshop für zukünftige Priester, an dem er sechzehnjährig 1971 teilnahm. "Dass man schwul war, war etwas, das einem über sich selbst zugleich zu wissen und nicht zu wissen gelang. Ich bin mir zum Beispiel fast sicher, dass ein Priester, der mich in der Schule vor einem Jungen mit Mittelscheitel warnte (ein klares Zeichen für Homosexualität - und das war das einzige Mal, dass das Wort fiel), selbst keine klare und offene Vorstellung davon hatte, dass er selbst Jungs im Teenageralter begehrte. (Mehr als zwanzig Jahre später kam er wegen Missbrauchs ins Gefängnis.) Er hatte, da bin ich sicher, die in der Adoleszenz, und mit guten Gründen, erlernte Fähigkeit, manche seiner Handlungen und Wünsche vor sich selbst zu verbergen. Seine Macht und seine Stellung würden auch bedeuten, dass die von ihm begangenen Verbrechen niemals ans Tageslicht kommen würden. Das Priesteramt hatte, so musste er das sehen, diese Probleme für ihn gelöst."

Weitere Artikel: Andrew O'Hagan kommentiert die Veröffentlichung der geheimen Afghanistan-Papiere durch WikiLeaks. Neal Ascherson bespricht Adam Sismans Biografie (Verlagsseite) des eminent öffentlichkeitswirksamen britischen Historikers Hugh Trevor-Roper und Melissa Danes hat mit einigem Missvergnügen Christos Tsiolkas' viel gefeierten Roman "The Slap" gelesen. Peter Campbell besucht die Alice-Neel-Ausstellung "Painted Truths" in der Whitechapel Gallery.

Magazinrundschau vom 03.08.2010 - London Review of Books

"Au revoir to all that" lautet der sarkastische Titel von Michael Steinbergers Buch (Leseproben hier und hier) , das - wieder einmal, und wohl auch nicht ohne Argumente - das Ende der großen französischen Küche herbeischreibt. Die Gründe hierfür sind vielfältig, resümiert Steven Shapin in seiner sehr ausführlichen Besprechung. Einer von ihnen heißt Paul Bocuse. "Die Revolution der Nouvelle Cuisine brauchte einen Trotzki. Was sie mit Bocuse bekam, war ein Stalin." Denn Bocuse, so Steinberger habe vor allem das Bild des Kochs als Selbstvermarkter etabliert, während die Innovation stecken blieb. "Bei den Recherchen zu seinem Buch ging Steinberger auch ins immer noch mit drei Sternen ausgezeichnete Restaurant Bocuses in Lyon: 'Das Essen war scheußlich... Jeder Gang war plump und übertrieben', besonders der Hauptgang, die Scholle, 'ein Stück geschmacksneutraler Fisch, der in einer fetten Soße unterging, flankiert von einem Stapel Gumminudeln.' Nouvelle Cuisine war ein Licht, das vorzeitig verlöschte, und trotz einiger Ausnahme ist die französische Küche seit den achtziger Jahren wieder in ihre erschöpften Traditionen zurückgefallen."
Stichwörter: Bocuse, Paul, Lyon, Stalin, Josef

Magazinrundschau vom 20.07.2010 - London Review of Books

Eine ganze Reihe von Büchern über das Leben, das Schreiben und sogar das Sterben von Leo Tolstoi nimmt James Meek sich vor und neigt in seinem weit ins Detail gehenden Referat nicht zu übermäßiger Heldenverehrung. Hier etwas über das Medienereignis, das der Tod des Dichters und Visionärs darstellte, erzählt nach dem Band von William Nickell: "Das Zimmer im Haus des Bahnhofsvorstehers, in dem der sterbende Tolstoi untergebracht war, wurde zum Auge eines Nachrichtenhurrikans. Eine Horde von Reportern drängelte sich durch die Massen der Schaulustigen und schickten ihre Meldungen in tausenden Telegrammen an hunderte Zeitungen, von denen manche die Hälfte des zur Verfügung stehenden Platzes für eine Art Proto-Blog freiräumten. 'Bitte löschen, dass Tolstoi zwei Eier gegessen hat: inkorrekt; hat nur Tee mit Milch getrunken', liest man in einem Telegramm. Die Kamera war da und der Kinematograf. Man kann Tolstoi auf Youtube sehen."

Zu schweren Unruhen kam es unlängst - wieder einmal - in Kaschmir. Die Sicherheitskräfte schossen auf Demonstranten, elf Menschen starben - und die westlichen Medien berichteten so gut wie gar nicht. Tariq Ali berichtet über Geschichte und Gegenwart der Unterdrückung der muslimischen Mehrheit in Kaschmir und die Aussichtslosigkeit jeder Hoffnung auf eine Änderung der Verhältnisse: "Die öffentliche Meinung in Indien schweigt. Die Parteien der Linken ziehen es vor, sich nicht zu äußern, aus Sorge, die Gegenseite könnte ihren Patriotismus in Frage stellen. Von Kaschmir ist nie die Rede und durfte die Rede nie sein. Mit seiner muslimischen Mehrheit durfte es 1947 nicht in einem eigenen Referendum entscheiden, welchem der beiden Länder es angehören wollte. 1984 fragte ich die damalige Premierministerin Indira Gandhi, warum sie die Entstehung Bangladeschs nicht zum Anlass nahm, eine Abstimmung zu veranlassen ... Sie schwieg... Heute schiene der Vorschlag allein schon utopisch."

Weitere Artikel: Über die zehn Nicht-Gerade-Superspione für Russland und Sinn oder Unsinn ihrer Unternehmung denkt Daniel Soar nach. Michael Wood sieht zum fünfzigsten Jubiläum der Entstehung einmal wieder Jean-Luc Godards Klassiker "Außer Atem". Peter Cambpell besucht die Fälschungs-Ausstellung "Close Examination: Fakes, Mistakes and Discoveries" in der National Gallery. Andrew Cockburn liest ein Buch über die Sanktionen gegen den Irak in den Jahren 1990 bis 2003.

Magazinrundschau vom 06.07.2010 - London Review of Books

David Kaiser erzählt die Geschichte der Suche nach Kontakt mit außerirdischem Leben. Dass die US-Regierung das SETI-Projekt schon lange nicht mehr unterstützt, hält er dabei für einen Fehler. Nicht, weil uns tatsächlich demnächst ein Alien-Anruf erreichen könnte, sondern weil Alien-Know-How auch für die Kommunikation mit unserer eigenen Zukunft sehr hilfreich sein könnte: "Tatsächlich könnte SETI sich als Segen erweisen, wo es um Probleme der Nukleartechnologie geht. Einige der gefährlichsten Nebenprodukte des Nuklearzeitalters, darunter Plutonium-Isotope, haben Halbwertszeiten von hunderttausenden Jahren. Eine Herausforderung liegt darin, Weltgegenden zu finden, die über solche Zeiträume geologisch stabil sind, um die Abfälle dort zu vergraben. Eine zweite Herausforderung allerdings besteht darin, Symbole zu entwerfen, um unsere Abkömmlinge 300.000 Jahre in der Zukunft davor zu warnen, just in diesen Gegenden herumzubuddeln."

Jenny Turner berichtet von einer "Battle of Ideas" genannten Veranstaltung, auf der es um allerlei Vorschläge für eine bessere Zukunft ging: "Zwischen den Vorträgen wanderte ich von Stand zu Stand im Marktplatz Der Ideen... Da gab es den ManifestoClub ('Für Freiheit im Alltagsleben'): 'Wir veranstalten Picknicks an öffentlichen Orten', erklärte mir das sehr nette Mädchen, 'und wir rauchen und trinken dabei.' Oder WorldWrite ('Ferraris für alle'): 'Wir sind gegen die Idee des Mitleids', sagte ein junger Mann, während er mir eine DVD mit dem Titel Flush It! andrehen wollte, auf der es darum geht, wie der Westen den 'Mitbewohnern unserer Welt' qualitativ schlechte Toiletten andreht."

Weitere Artikel: Madelaine Reeves schildert die Ursprünge der Gewalt in Kirgistan. Peter Godfrey-Smith erklärt, wie Jerry Fodor und Massimo Piattelli-Palmarini in ihrem Buch "What Darwin Got Wrong" (dt. "Hier irrte Darwin") mit Hilfe sprachanalytischer Philosophie Mängel der Evolutionstheorie nachweisen wollen - und vor allem deshalb scheitern, weil sie einen zu engen Begriff vom Darwinismus haben. Peter Campbell besucht die Ausstellung "Magnificent Maps" in der British Library.

Magazinrundschau vom 22.06.2010 - London Review of Books

David Runciman liest Christopher Hitchens' Autobiografie "Hitch-22" (Verlagsseite), die er in weiten Teilen eher langweilig findet. Zur Analyse des Phänomens Hitchens kommt sie ihm jedoch gerade recht. So versucht Runciman einerseits nachzuweisen, dass Hitchens ziemlich genau dem entspricht, was Carl Schmitt einen "politischen Romantiker" genannt hat (also einem Menschen, der nicht genuin politisch denkt, sondern nur politische Gesten vollzieht). Andererseits zeigt er sich durchaus beeindruckt. Drittens dann auch wieder nicht so sehr: "Das klingt schon so, als wäre es ein Riesenspaß gewesen. Sein Leben war beneidenswert: nicht nur der Schnaps und der Sex und das Reisen und die Kameradschaft und der mittlere Ruhm (ganz sicher die beste Art), sondern auch die endlosen Aufregungen und Kontroversen, das Schlachtenschlagen und die Zerwürfnisse und das Zürnen und das Begleichen von Rechnungen, die Talkshow-Siege, das demonstrative Verlassen diverser Partys und der Spontan-Radau. Christopher Hitchens hatte ohne Frage großes Vergnügen daran, Christopher Hitchens zu sein. Aber - und ich will jetzt nicht zu mürrisch klingen - sollte irgendjemands Leben ein solches Vergnügen sein, ganz besonders dann, wenn es in irgendeiner Form ein politisches Leben sein will?"

Weitere Artikel: "Durchaus fair" kommt Bernard Porter das Buch "Die stille Allianz" (Verlagsseite) von Sasha Polakow-Suransky vor, in dem der Autor eine langjährige Nähe Israels zum Apartheid-Südafrika beschreibt. Ob sie so weit reichte, dass Israel Südafrika sogar Atomwaffen zu verschaffen versprach - wie der Autor des Buches behauptet -, lässt sich, so Porter, wohl nicht mehr abschließend klären. Terry Eagleton bespricht Craig Raines Roman "Heartbreak", Jeremy Harding hat ein Buch übers das Essen in der Literatur der Renaissance von Rabelais bis Shakespeare gelesen und Michael Wood hat Werner Herzogs jetzt erst in die britischen Kinos gelangten "Bad Lieutenant"-Film gesehen.

Magazinrundschau vom 08.06.2010 - London Review of Books

Eine ganze Reihe von Büchern zum Umgang mit dem Internet, zur Entstehung und Nutzung sozialer Netzwerke und anverwandter Themen hat Stephen Burt gelesen. Besonders interessant scheint ihm eine Untersuchung von Craig Watkins, der zum Ergebnis kommt, dass sich das Sozialverhalten auch bei intensiver Netznutzung eigentlich wenig ändert - und zwar trotz der immer stärker abnehmenden Bedeutung von Vermittlerinstanzen: "Kein Wunder, dass dieses Verschwinden der Mittler (im Englischen: 'disintermediation') solche moralische Panik ausgelöst hat: Die Veränderungen, die es Disney und anderen Konzernen so sehr erschweren, zu kontrollieren, was wir sehen und hören, sind dieselben, die es für uns so viel schwerer machen, noch zu bestimmen, was unsere Kinder sehen und hören. Eine Heranwachsende in Tasmanien kann heute die Gedichte von Lorine Niedecker, die Musik der Fat Tulips und die Manifeste der Klimaaktivisten entdecken - und in sozialen Netzwerken Gleichgesinnte finden; sie kann zugleich auf den erschreckenden 'pro-ana'-(Anorexie)-Seiten Ermutigung finden, wenn sie sich zu Tode hungern will. Sie kann sich so selbst neu definieren, wenn sie mag, als Lyrikleserin, als Klimaaktivistin, als Anorektikerin. Und doch ist es (so jedenfalls die Ergebnisse von Watkins) viel wahrscheinlicher, dass sie sich ganz genauso definiert, wie sie es auch ohne Internet getan hätte - durch Klassenzugehörigkeit, ihren schon vorher existierenden Geschmack und durch ihre Schulfreunde." Aber kommt's hier auf die Mehrheit an?

Weitere Artikel: Der Historiker Keith Thomas schreibt zettelkastengelehrt über die Geschichte des Exzerpierens und Verzettelns und warum im Computerzeitalter keine Karteikarte auf der anderen bleibt. Sehr enttäuscht zeigt sich Andrew O'Hagan von der von Steven Spielberg und Tom Hanks produzierten HBO-Kriegsfilmserie "The Pacific".

Magazinrundschau vom 25.05.2010 - London Review of Books

In einem sehr persönlichen Artikel erinnert sich der große linke Historiker Eric Hobsbawm an die Zeit in den späten Fünfzigern, in der er unter dem Pseudonym Francis Newton einer der ersten britischen Jazzkritiker war: "Was hat es mir bedeutet, Francis Newton zu sein? Die Attraktion bestand weniger in der Gelegenheit, Jazz-Konzerte und die plötzlich zahlreich auf meinem Schreibtisch landenden Platten zu besprechen; auch nicht so sehr darin, diese außerordentliche Musik in ihrem Zusammenhang mit der Gesellschaft des 20. Jahrhunderts zu beschreiben. Nein, für mich war das Wichtige die Chance, die Musiker und ihre Welt zu verstehen, also kurz gesagt: 'die Jazz-Szene'. Ich lebte am Rand des West End und meine Lehrtätigkeit am Birkbeck College ließ mir die meiste Zeit meines Tages zur freien Verfügung, so dass ich meinen Beruf mit den Nacht- und Spätaufstehgewohnheiten der Szene gut vereinbaren konnte."

Weitere Artikel: In einer großen Reportage schildert Adam Shatz den maroden Zustand des Mubarak-Regimes - und er erklärt auch, dass angesichts der US-Furcht vor einer islamistischen Revolution wenig Hoffnung auf Demokratisierung oder einen Wahlsieg für den Aspiranten Mohammed el-Baradei besteht. David Runciman fragt sich, ob der Wahlausgang das Ende der großbritannischen Union bedeuten könnte. Christopher Tayler bespricht Chris Morris' zurückgenommene Filmkomödie "Four Lions", in deren Zentrum nicht gerade professionell auftretende islamistische Terroristen stehen (hier der Trailer).