Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

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Magazinrundschau vom 06.04.2010 - London Review of Books

Der irische Schriftsteller Colm Toibin schreibt über den Renaissancemaler Lorenzo Lotto, den er spürbar außerordentlich schätzt. Er konzentriert sich dabei auf das Gemälde "Giovanni Agostino della Torre und Sein Sohn, Niccolo". Sehen kann man es hier. Toibins intensive und genaue Deutung des Gemäldes rückt das Bildnis spekulativ in die Nähe der unmittelbar bevorstehenden Reformation - ist aber auch voller sehr schöner Einzelbeobachtungen und Thesen: "Ich weigere mich, die Fliege, die auf dem Halstuch des Vaters gelandet ist, als Symbol von irgendetwas zu sehen. Das ist eine Fliege und sie ist mit großer Feinheit gemalt. Sie ist da, sich ausruhend vom Flug. Sie ist ein Witz - wie die Eidechsen, Eichhörnchen und Katzen als Amüsements zur Ablenkung des Auges auf anderen Lotto-Gemälden erscheinen. Sie gibt dem Gemälde eine andere Art Leben, ebenso wie die Tinte, die um das Tintenfass kleckst, genauso die Art, wie die Bücher gestapelt sind und die Art, wie die Papiere auf dem Schreibtisch liegen. Möglicherweise braucht das Gemälde all das wegen der Bewegungslosigkeit der Zentralfigur. Die Fliege stört den Eindruck, dies Porträt stelle keinen in der Zeit Lebenden dar, den Eindruck, dass der Vater, anstatt von diesem Gemälde im Leben erfasst zu sein, von ihm in ein Reich anderer Art verbracht worden sei."

Magazinrundschau vom 23.02.2010 - London Review of Books

Wieder einmal ein Text aus der Rubrik "Gegenstände, die spannender sind, als wir dachten": Richard Hamblyn bespricht ein Buch von Richard Shelton über den Lachs, in dem man unter anderem dies lernt: "Die Mythopoeten der Indianer, der nordischen und keltischen Völker kennen die Figur des weisen oder edlen Lachses in einer Vielzahl früher Mythen und Legenden, etwa der walisischen Questenerzählung über Culhwch und Olwen aus dem sechsten Jahrhundert, gesammelt in 'The Mabinogion', in der ein vom Meer gegerbter, im Fluss Severn geborener Lach als die älteste und weiseste Kreatur auf Erden veehrt wird; oder die Ossianische Legende vom Lachs der Weisheit, dessen Haut aus Versehen Fionn mac Cumhaill verspeiste, der dadurch zum Orakel für das gesamte Wissen der Welt wurde. Der Lachs - sein englischer Name 'salmon' kommt, vermutet man, vom lateinischen salire, 'springen' - war immer ein Fisch der besonderen Art, ausgezeichnet durch seine ungewöhnliche Fähigkeit, zwischen den sonst getrennten Welten von Salz- und Frischwasser zu wandern."

Weitere Artikel: Will Self staunt über die verblüffend erfolgreiche britische Radio-4-Kultur-Diskussionssendung "In Our Time", deren Erfolgsgeheimnis der allem Elitären abholde Moderator und "Über-Dilettant" Melvyn Bragg ist. Keith Gessen liest ein Buch über die politischen Prozesse in Russland gegen Michail Chodorkowksi & Co. Jenny Diski schüttelt den Kopf über Antonia Frasers extrem leichtgewichtige Tagebucherinnerungen an ihre Leben mit Harold Pinter. Peter Campbell besucht eine Ausstellungen mit Fotografien von William Eggleston in der Victoria-Miro-Galerie in London. Michael Wood genießt eine komplette Ozu-Retrospektive im Britischen Film Institut am Südufer der Themse.

Magazinrundschau vom 09.02.2010 - London Review of Books

Der brillante Autor Tom McCarthy ("8 1/2 Millionen") analysiert und feiert anlässlich des Erscheinens zweier Romane in Großbritannien den Belgier Jean-Philippe Toussaint, der ihm fraglos ein Vorbild ist. Toussaint, dem das Label nouveau nouveau roman angeheftet wurde, hat, so McCarthy, einen Humor, der Alain Robbe-Grillet oder Claude Simon abgeht: "In einer wundervollen Sequenz in 'Camera' inszeniert Toussaint eine Dialogszene in einem Restaurant. Er platziert eine Schale mit Oliven auf dem Tisch (wie ein naturalistischer Schriftsteller es tun würde, der den Hintergrund mit Wahrhaftigkeit ausstatten wollte), unterdrückt die Dialoge vollkommen und beschreibt allein die Bewegung der Hände, wie sie in die Schale greifen, der Bogen, den die Frucht von der Hand zum Mund beschreibt, die Ergonomie des Kern-Transports vom Mund zur Tischdecke und, am verblüffendsten, die regelmäßigen Spuren, die die Rückseite der Gabelzinken quer über die Haut der einzelnen Olive zieht, mit der der Erzähler spielt, bevor er sie aufspießt. Wir wollen nicht Plot, Tiefe oder Inhalt: wir wollen Winkel, Bögen und Abstände; wir wollen Muster. Struktur ist Inhalt, Geometrie ist alles."

Weitere Artikel: Das Schwinden des französischen, das Wachsen nicht zuletzt des chinesischen Einflusses in den ehemaligen französischen Kolonien in Afrika schildert Stephen Smith. Toril Moi nutzt eine neue englischsprachige Ausgabe von Simone de Beauvoirs Klassiker "Das zweite Geschlecht" zur Relektüre - findet allerdings die Übersetzung nur sehr schwer verdaulich. August Kleinzahler berichtet, wie es sich anfühlt, das Haus, in dem er aufgewachsen ist, nach 42 Jahren zu verkaufen. Inigo Thomas hat William Langewiesches Buch über die Landung von Flug 1549 auf dem Hudson gelesen und Barry Schwabsky besucht Christian Boltanskis Installation "Personnes" im Grand Palais in Paris.

Magazinrundschau vom 26.01.2010 - London Review of Books

Die Schriftstellerin Anne Enright versucht sich an einem Psychogramm von Iris Robinson, der Politikerin, die Nordirland (und möglicherweise auch ihren Ehemann, den Premierminister) erst mit ihren Äußerungen zur Homosexualität ("eine Schande") und dann mit ihrer Affäre mit einem 19jährigen - sowie den diesem dabei gewährten Vergünstigungen - verstörte: "Wie weit darf es eine Frau nach oben schaffen? Ist es verrückt für eine Frau, die in Sozialwohnungen aufwuchs, ihre neue Villa mit handgemalten Wandfresken zu schmücken und jeden einzelnen Raum thematisch unterschiedlich zu dekorieren (orientalisch, schottisch, italienisch)? Ist es ein wenig gaga, im Arbeitszimmer einen handgemeißelten, drei Meter hohen, drei Tonnen schweren Kamin zu haben, entworfen und eingerichtet ganz nach den eigenen Vorstellungen? Ist es plemplem, wenn man sich eine Tapete kauft mit der handgedruckten Aufschrift 'Non magni pendis quia contigit' ('Man weiß das leicht Erworbene nicht zu schätzen.') - oder ist das alles einfach nur kontraproduktiv, weil es so klar zeigt, dass man die Schule schon mit sechzehn verlassen hat?"

Weitere Artikel: Daniel Soar denkt über den geheimdienstlichen Datenbank-Fehler nach, der dazu führte, dass der Unterhosenbomber Umar Farouk Abdul Mutallab an Bord eines Flugzeugs gelangte. Michael Hofmann nutzt die Lektüre der Übersetzung von Stefan Zweigs "Die Welt von gestern" für ein Porträt des Autors. Perry Anderson liest neue Bücher über den aktuellen Stand von Chinas Aufstieg zur Weltmacht. Gleich über zwei neue Bücher zur Jahrhunderflut in Paris im Jahr 1910 schreibt Jeremy Harding. In Maßen beeindruckt zeigt sich Michael Wood von James Camerons Fantasyfilm "Avatar".

Magazinrundschau vom 29.12.2009 - London Review of Books

In Großbritannien erscheint die englische Übersetzung von Orhan Pamuks jüngstem Roman "Das Museum der Unschuld" (hier die Stimmen zur sehr viel früher erschienenen deutschen Übersetzung). Adam Shatz nimmt das zum Anlass für ein Review-typisches Großporträt von Autor und Gesamtwerk. Obwohl Shatz nur an der Instrumentalisierung des Dichters für weltanschauliche Toleranz-Zwecke ausdrücklich Kritik übt, bleibt eine gewisse Distanz zu Pamuk doch durchweg unübersehbar. Auch in dieser Passage zu Pamuks Herkunft: "In der Türkei hat man Pamuk auch seinen Oberschicht-Hintergrund zum Vorwurf gemacht, wo er als jemand betrachtet wird, der 'nicht genug geschwitzt' hat. Pamuk ist in einem wohlhabenden Viertel in Istanbul aufgewachsen, hat eine amerikanische Elite-Privatschule besucht und ist der erste türkische Romancier, der nie einen Brotjob ausüben musste. Aber der Reichtum seiner Familie hat möglicherweise dem Image des Sprösslings im Ausland geholfen, dank des Alte-Welt-Stammbaums: die Pamuks haben ein Vermögen mit dem Eisenbahnbau in den letzten Tagen des Ottomanischen Reiches gemacht und das meiste davon durch schlechte Investitionen nach dessen Zusammenbruch wieder verloren; das verbliebene Geld hat eine Aura verblassten Glanzes, ganz wie die Stadt, die der Gegenstand seines Erinnerungsbuch und der Schauplatz der meisten seiner Romane ist."

Weitere Artikel: Steven Shapin resümiert das Darwin-Jahr und rückt dabei ein paar Dinge zurecht. Anne Enright porträtiert Irland in der Rezession. John Lanchester erweist sich in seinem Kommentar zum Verkauf der britischen Schoko-Legende Cadbury als intimer Kenner der Schokoriegel-Szene.

Magazinrundschau vom 15.12.2009 - London Review of Books

Taylor Branch hat fast ein Jahrzehnt lang immer wieder Gespräche mit dem Präsidenten (dann Ex-Präsidenten) Bill Clinton geführt. Die Transkripte sind noch unter Verschluss, aus seinen eigenen Aufzeichnungen rekonstruiert Branch in seinem nun erschienenen 700-Seiten-Buch "The Clinton Tapes" jetzt die Begegnungen. Für den Rezensenten David Runciman ergibt sich daraus das faszinierende und nicht unbedingt schmeichelhafte Bild eines informationssüchtigen und in vieler Hinsicht - nicht einmal primär sexuell - promisken Mannes mit gelegentlich obsessiven Zügen: "Er liebt es, wenn Leute ihm ihre Lebensgeschichten erzählen, und liebt es ebenso, über ihre tieferen Gefühle zu spekulieren, wie ihr demografisches Profil zu analysieren. Er möchte wissen, wie du tickst, egal wer du bist und woher du kommst. Warum trinkt Boris Jelzin so viel? (Bei einem denkwürdigen Besuch im Weißen Haus endet Jelzin in Unterhosen auf der Pennsylvania Avenue und versucht ein Taxi herauszuwinken, das ihn in eine Pizzeria fahren soll.) Clinton überlegt, Jelzin zu einem vertraulichen, ja vielleicht sogar therapeutischen Gespräch zu sich zu rufen. Man gewinnt den Eindruck, dass er nichts lieber täte, als Jelzins Kindheit zu durchforsten, Ursachen zu finden, und die Geschichten über die Trunksüchtigen in Arkansas zu erzählen, darunter sein eigener Stiefvater."

Magazinrundschau vom 17.11.2009 - London Review of Books

Michael Wood nimmt zwei neue Bände mit Texten von Roland Barthes zum Anlass, nach der anhaltenden Faszination des Denkers zu fragen: "Ein unreines Subjekt, so nennt er sich am Ende selbst, 'ein offenkundig unreiner Kerl'. Und dann sagt er etwas, das auf einen Schlag klar macht, warum die Barthes-Lektüre so ein Vergnügen ist und warum all seine Vorbehalte und Ambiguitäten solch offensichtliche Tugenden sind. Er wird nun, fährt er in seiner Dankesrede zur Aufnahme ins College de France fort, nicht mehr weiter über die Ehre nachdenken, die die Zuerkennung einer Professur am College bedeutet und sich stattdessen auf seine Freude über diese Gelegenheit konzentrieren, 'denn eine Ehre kann unverdient sein, Freude niemals'. Man muss nur einen Satz wie diesen lesen und weiß, dass man einen Freund gefunden hat. Und man versteht auch das Konzept der Freude besser als zuvor."

Weitere Artikel: Slavoj Zizek spekuliert in einem "Post-Wall" überschriebenen Denkstück über den neuen Anti-Kommunismus, das autoritär-kapitalistische Erfolgsmodell China - und fragt, ob nicht ein "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" eine weitere Chance verdient hätte. Tariq Ali denkt über die verfahrene Lage in Afghanistan nach und schließt mit der eher verzweifelten Frage: "Wie kann das gut ausgehen?" Hal Foster besucht eine Ed-Ruscha-Ausstellung in der Londoner Hayward Gallery. Besprochen werden eine Geschichte des britischen Geheimdienstes MI 5 und eine Studie über die Psychologie des Ökonomischen, die John Gray zwar einleuchtend scheint, aber weit weniger originell, als ihre Verfasser glauben.

Magazinrundschau vom 03.11.2009 - London Review of Books

Die London Review of Books feiert ihren dreißigsten Geburtstag - und stellt zu diesem Anlass die komplette aktuelle Ausgabe ins Netz. Das ist natürlich das, was man im Englischen eine "embarrassment of riches" nennt. Die komplette Übersicht hier - und hier eine Auswahl:

Mehrere in Großbritannien erschienene Bücher zum Thema "Ehrenmord" stellt Jaqueline Rose vor. Besonders eindrücklich findet sie den Fall der ermordeten Fadime Sahindal, den Unni Wikan detailliert schildert. Fadime nämlich hatte explizit den Schutz der breiten, massenmedialen Öffentlichkeit gegen die Familie gesucht - vergeblich: Ihr Vater ermordete sie, als sie in ihre Heimatstadt Uppsala zurückkehrte: "Dieser Fall ist so ungewöhnlich, und lohnt Wikans genaue Analyse, weil Fadime von einer besonderen Vision einer gesellschaftlichen Verpflichtung angetrieben war. Sie spricht für die unsichtbare Frau ihrer Gemeinschaft. Da lag sie auf einer Linie mit Rana Husseini, die eben deshalb Fall für Fall für Fall - unter hohem persönlichen Risiko - an die Öffentlichkeit bringt, weil sie darauf insistiert, dass jedes Beispiel eines Ehrenmords in die Nachrichten gehört. Jedes dieser drei Bücher kann als eine Form der Hingabe gelesen werden: Sie sind zugleich Tribut und Kampagne. Über Ehrenmorde zu schreiben, heißt in erster Linie: Fordern, dass diese Verbrechen wahrgenommen werden, dass man über sie spricht."

Julian Barnes bespricht zwei neu erschienene Übersetzungen von Maupassant-Büchern und zitiert gleich einmal aus einem etwas lebensmüden Brief des 28-jährigen Autors an Gustave Flaubert: "Frauen zu vögeln ist nicht weniger öde, als männlichem Witz zu lauschen. Ich finde, dass die Nachrichten in den Zeitungen sich unaufhörlich wiederholen, dass die Laster trivial sind und dass es zu wenige unterschiedliche Varianten gibt, Sätze zu bilden."

Weitere Artikel: Jenny Diski nähert sich in ihrer Tagebuch-Kolumne dem Fall Polanski aus einer außergewöhnlichen, nämlich sehr persönlichen Perspektive: "Im Jahr 1961 wurde ich von einem Amerikaner in London vergewaltigt. Ich war 14, also ein Jahr älter als das Mädchen, dem Polanski eine halbe Quaalude-Tablette mit Champagner verabreichte, bevor er oralen, vaginalen und analen Sext mit ihr hatte." Hilary Mantel liest Brian Dillons Buch "Zerquälte Hoffnung" (Verlagswebsite) über das Leben von Hypochondern. Peter Campbell besucht im British Museum die Ausstellung über den Azteken-Herrscher "Moctezuma" und Michael Wood hat im Kino Agnes Vardas autobiografischen Film "Die Strände von Agnes" gesehen.

Magazinrundschau vom 20.10.2009 - London Review of Books

Rachel Bowlby liest das Buch "Checkout: A Life on the Tills", in dem Anna Sam darüber schreibt, was es heißt, diejenige zu sein, die an der Kasse des Supermarkts sitzt. Die Autorin berichtet aus langjähriger eigener Erfahrung: "Sam hat acht Jahre lang an der Kasse eines großen Supermarkts in Rennes gearbeitet. Sie schreibt ihr Buch in der Art eines Überlebens-Manuals für den angehenden Kassenarbeiter. Kein Drumrum - kein Plot, keine Liebesgeschichte. (Was sollte man nicht sagen, wenn man beim Einstellungsgespräch gefragt wird, warum man diesen Job machen will? 'Weil meine Mutter schon an der Kasse gearbeitet hat'; 'Weil ich immer davon geträumt habe, in einem Supermarkt zu arbeiten') Nur die kleinen Vorfälle und Frustrationen des Alltags, erzählt in einer Serie von winzigen, thematisch geordneten Kapiteln. Am Anfang erhält man ein paar Tage Anleitung, aber nach einem Monat hat man sich ans Piepen, an die Erschöpfung gewöhnt. Man wird zur Maschine; oder, liebevoller gesagt, 'es ist, als würdest du eins mit der Kasse' - 'Mes caisses, mes amours.'"

Weitere Artikel: Sehr genau nimmt sich David Runciman die Thesen des Buchs "The Spirit Level" von Richard Wilkinson und Kate Pickett vor, das im Kern behauptet, dass Ungleichheit auch in reichen Ländern die Lebensqualität für alle so sehr senkt, dass ihr Gleichheit in ärmeren Ländern oft noch vorzuziehen ist. Mit Interesse hat Jenny Diski ein Buch über die Geschichte des amerikanischen Umgangs mit der Menstruation gelesen ("The Modern Period: Menstruation in 20th-Century America"). David Bromwich rechnet mit einem immerzu kompromissbereiten Barack Obama ab. Nicolas Pelham beschäftigt sich mit der Tunnel-Wirtschaft von Gaza. William Feaver besucht die Frank-Auerbach-Ausstellung "Recent Pictures".

Magazinrundschau vom 06.10.2009 - London Review of Books

Der große Kritiker James Woods macht sich mit gewohnt vernichtender Subtilität über A.S. Byatts neuen Roman "The Children's Book" her - und danach ist von dem Buch nicht mehr viel übrig. Byatt erzählt eine groß angelegte britische Familiengeschichte als Panorama der Jahre zwischen 1895 und 1919. Das Übererklären, so Woods, ist Byatts auf die Dauer sehr anstrengende Methode: "Außerordentlich - und ermüdend - viel Aufmerksamkeit wird Töpfen und Glasierungen, auf Töpfe gemalten oder gedruckten Mustern, wird der Beschreibung von Theaterbühnen, Kleidern, Gebäuden, Büchern und so weiter gewidmet. Der zentrale Modus der Beschreibung ist die Ekphrasis; auf beinahe jeder Seite findet sich die statische Verdopplung einer bereits vorhandenen Darstellung. Immer statisch, aber immer voller Eifer: der Roman zittert in Aspik." Oder: "Die Figuren ... werden zu Tode glasiert." Oder: "Wann immer ein Detail anstelle eines anderen zu wählen wäre, nimmt Byatt noch lieber beide - und die Quittung liefert sie auch noch mit."

Weitere Artikel: Die Malerin Bridget Riley denkt über die Praxis ihrer Kunst nach. John Lanchester schreibt über Geschlechts-Tests im Sport - und die damit verbundenen Schwierigkeiten. Michael Wood hat Neill Blomkamps Südafrika-SciFi-Film "District 9" gesehen.

Und Frank Kermodes Text über J.M. Coetzee würde man auch gerne online lesen. Darf man aber nicht.