
Die
London Review of Books feiert ihren
dreißigsten Geburtstag - und stellt zu diesem Anlass die komplette aktuelle Ausgabe ins Netz. Das ist natürlich das, was man im Englischen eine "embarrassment of riches" nennt. Die komplette Übersicht
hier - und hier eine Auswahl:
Mehrere in Großbritannien erschienene Bücher zum Thema "
Ehrenmord"
stellt Jaqueline Rose vor. Besonders eindrücklich findet sie den Fall der ermordeten Fadime Sahindal, den Unni Wikan detailliert schildert. Fadime nämlich hatte explizit den Schutz der breiten,
massenmedialen Öffentlichkeit gegen die Familie gesucht - vergeblich: Ihr Vater ermordete sie, als sie in ihre Heimatstadt Uppsala zurückkehrte: "Dieser Fall ist so ungewöhnlich, und lohnt Wikans genaue Analyse, weil Fadime von einer besonderen Vision einer
gesellschaftlichen Verpflichtung angetrieben war. Sie spricht für die unsichtbare Frau ihrer Gemeinschaft. Da lag sie auf einer Linie mit Rana Husseini, die eben deshalb Fall für Fall für Fall - unter hohem persönlichen Risiko - an die Öffentlichkeit bringt, weil sie darauf insistiert, dass jedes Beispiel eines Ehrenmords in die Nachrichten gehört. Jedes dieser drei Bücher kann als eine Form der Hingabe gelesen werden: Sie sind zugleich
Tribut und Kampagne. Über Ehrenmorde zu schreiben, heißt in erster Linie: Fordern, dass diese Verbrechen wahrgenommen werden, dass man über sie spricht."
Julian Barnes
bespricht zwei neu erschienene Übersetzungen von
Maupassant-Büchern und zitiert gleich einmal aus einem etwas lebensmüden Brief des 28-jährigen Autors an
Gustave Flaubert: "Frauen zu vögeln ist nicht weniger öde, als männlichem Witz zu lauschen. Ich finde, dass die Nachrichten in den Zeitungen sich unaufhörlich wiederholen, dass die
Laster trivial sind und dass es zu wenige unterschiedliche Varianten gibt, Sätze zu bilden."
Weitere Artikel: Jenny Diski
nähert sich in ihrer Tagebuch-Kolumne dem
Fall Polanski aus einer außergewöhnlichen, nämlich sehr persönlichen Perspektive: "Im Jahr 1961 wurde ich von einem Amerikaner in London vergewaltigt.
Ich war 14, also ein Jahr älter als das Mädchen, dem Polanski eine halbe Quaalude-Tablette mit Champagner verabreichte, bevor er oralen, vaginalen und analen Sext mit ihr hatte." Hilary Mantel
liest Brian Dillons Buch "Zerquälte Hoffnung" (
Verlagswebsite) über das Leben von
Hypochondern. Peter Campbell
besucht im
British Museum die Ausstellung über den Azteken-Herrscher "
Moctezuma" und Michael Wood hat im Kino
Agnes Vardas autobiografischen Film "Die Strände von Agnes"
gesehen.