
Gängige Auffassungen, dass das Assad-Regime im
syrischen Bürgerkrieg in den letzten Zügen liegt,
zerstreut Patrick Cockburn in alle Winde: Eher werde der Krieg noch weitere Kreise ziehen als sich in absehbarer Zeit zugunsten der Rebellen zu entscheiden. Das Missverhältnis zwischen internationalen Einschätzungen und der Situation vor Ort - Cockburn berichtet etwa, dass sich die Strecke zwischen Damaskus und Homs ohne Patrouillenabsperrungen zurücklegen lässt und die Rebellen ohnedies nur einzelne Erfolge vorweisen können - erklärt er sich durch die
Bildmacht der digitalen Medien: "Den ikonischen Bildern zum Trotz stand Bagdad weder 1991 noch 2003 massiv unter Beschuss. Viel schwerer als in Irak oder 2001 in Afghanistan wiegt im Fall Syrien allerdings das Problem, dass die dramatischsten Aufnahmen zuerst auf
Youtube landen und größtenteils von
politischen Aktivisten beigesteuert werden. Das Fernsehen zeigt sie mit üblichen Warnhinweisen, für ihre Gültigkeit nicht einstehen zu können, doch nehmen die Zuschauer an, dass der Sender sie wohl nicht zeigen würde, wenn sie nicht echt wären. Es wird immer schwieriger,
echte Augenzeugen aufzutreiben, da selbst noch wenige Straßen von den Auseinandersetzungen in Damaskus entfernt wohnende Leute ihre Informationen aus Internet und TV beziehen. Nicht alle
Youtube-Beweise sind verdächtig. ... Doch
Youtube kann einem nicht sagen, wer den Krieg gewinnt. Die Wahrheit lautet:
Keiner gewinnt."
Außerdem: In einer ziemlich launigen Reportage über
Deutschland wirbt ein beim SPD-Parteitag vom "Geruch von Bratwurst, Senf und deutschem Kaffee" umwehter Neal Ascherson für ein wenig mehr Sympathie für
Peer Steinbrück und erklärt dabei noch, wie ihm das Vogelgezwitscher vor seinem Hotel verrät, dass
Berlin niemals zu einer wirklichen Hauptstadt aufsteigen wird. David Runciman
liest den ersten (bereits stolze 859 Seiten zählenden) Band der offiziellen Biografie von
Margaret Thatcher. Christian Lorentzen
überlegt, warum er die kanadische
Schriftstellerin Alice Munro nicht mag: "Weil ich ein Riesenchauvinist bin? Oder ein Misogynist? Oder autistisch?" Ganz überwältigt
berichtet Iain Sinclair von seinem Besuch einer
Ausstellung mit Bildern von
Leon Kosof (unten seine Zeichnung "City of Rooftops" von 1957), während Michael Wood nochmals
Rossellinis Film "Reise nach Italien"
schaut.
