Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

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Magazinrundschau vom 10.09.2013 - London Review of Books

Hugh Roberts liest neue Bücher über die Situation in Ägypten. Seine Einschätzung der vergangenen zwei Jahre fällt enorm ernüchternd aus: Eine Revolution hat es im Grunde nicht gegeben. "Was die Medien den 'Arabischen Frühling' nannten, war in Wirklichkeit eine Abfolge von Revolutionen. Das galt bald als ausgemachte Sache. Für Ägypten war die Idee des 'Arabischen Frühlings' unausweichlich und so musste auch dieses Land eine Revolution gehabt haben. Zum Teil entsprach dies Wunschdenken. Die wagemutigen jungen Ägypter, die die bemerkenswerten Demonstrationen am Tahrirplatz und anderswo organisiert hatten, waren sicherlich revolutionär im Geiste. Und als ihrer Forderung nach Mubaraks Abdankung entsprochen wurde, konnten sie nicht anders, als zu glauben, dass ihre Leistung eine Revolution darstellte. ... Die Ereignisse in Tunesien waren gewiss eine Revolution. Die Rolle der tunesischen Armee war eine sehr bescheidene, im wesentlichen lag sie in der Verweigerung in der Stunde der Wahrheit, die Demonstranten abzuschlachten. Die Rolle der ägyptischen Armee im Februar 2011 war unterdessen alles andere als bescheiden, sie schien bloß so. ... Die ägyptische Armee entschied sich für eine neutrale Attitüde und demonstrierte sogar Sympathie für die Demonstranten, was die wirklichen Absichten der Kommandeure verschleierte. Den Reportern, die den Unterschied zwischen Schein und Sein nicht kennen, reichte dies schon völlig aus."

Außerdem besucht Eleanore Birne die Ausstellung "The Crisis of Brilliance" in der Dulwich Picture Gallery, wo sie unter anderem Bilder von Dora Carrington und Stanley Spencer sieht:

Magazinrundschau vom 27.08.2013 - London Review of Books

Ian Penman liest Richard Weights Buch über die Subkultur der Mods, die ab den späten 50ern mit Jazz, Sartre, Amphetaminen und smarter Kleidung Popkultur und Existenzialismus miteinander verschmolzen (und sich, wie in "Quadrophenia" zu sehen, mit Rockern prügelten). "In ihrem weiteren Verlauf verlagerte sich die Subkultur vor allem darauf, die richtigen Platten und die abgenickten Uniformen zu tragen, doch zu Zeiten ihrer aufregenden, modernistischen Morgendämmerung gab es echten Hunger auf Filme, Bücher, Dialoge. ... Die frühen Mods waren Navigatoren, Magellane der Nachkriegs-Freizeitwelt, die man sich überhaupt erst vorstellen, der man diese oder jene Form verpassen musste. Alles war zu haben: Musik und Kleidung, Sex und Sexualität; Wort und Sprache von Verrissen und Hypes und Pop-Fantum; die Verkehrsmittel und Reisemöglichkeiten; Nacht ein, Nacht aus. Tatsächlich alles, was wir für heute als 'Jugendkultur' für selbstverständlich halten. Es war eine berauschende Zeit der Neudefinitionen, auch wenn uns der erste Migräneblitz jenes Paradoxons ereilen würde, der Mod aufteilen und andere Subkulturen hervorbringen würde: was als grundsätzliche Ablehnung des geregelten Lohnsklaven-Daseins begann, fand auf den Straßen seinen lebhaftesten Ausdruck im eifrigen Konsumismus. Wie Peter Gay in einer Paraphrase von Walter Gropius sagte: 'Das Heilmittel gegen die Krankheiten der Moderne ist noch mehr Modernität von der richtigen Sorte.' Hier könnte ein Mod gesprochen haben." In der Szene selbst kommt das Buch im übrigen gar nicht gut an. Und ziemlich herzig ist auch diese Reportage aus den 60ern:



Weiteres: Susan Watkins spürt anhand zahlreicher neuer Buchveröffentlichungen der neuen, von der Troika angeführten EU auf den Grund, die sie im Kern als demokratisch nicht legitimierten Übergriff auf nationale Souveränitäten versteht. Nikil Saval liest sich durch Romane von Nobelpreisträger Mo Yan. Christian Lorentzen erinnert daran, wie Norman Mailer 1969 Bürgermeister von New York werden wollte. Michael Wood begibt sich in die "moralische Wildnis" von Nicolas Winding Refns Film "Only God Forgives". Brian Dillon führt durch das Programm eines Festivals, das sich mit Marcel Duchamps Aufenthalt in Herne Bay befasst. Von dort hat er auch Postkarten geschrieben:


Magazinrundschau vom 30.07.2013 - London Review of Books

Adam Shatz berichtet aus dem Post-Mursi-Ägypten, das er auf keinen Fall mit dem Prä-Revolutions-Ägypten verglichen wissen will: "Es gibt wichtige Unterschiede. Der Aufstand von 2011 vereinte Linksliberale und die Unterstützer der Muslimbrüderschaft. Heute leben die Ägypter in verschiedenen, einander feindselig gesinnten Welten, sie beäugen einander mit gewaltigem Misstrauen und sprechen eine Sprache, die sehr nach Krieg klingt. Islamisten beschreiben ihre säkularen Gegner als Ungläubige und attackieren die koptischen Christen wegen ihrer angeblichen dunklen Rolle bei den Protesten, die Mursi zu Fall gebracht haben. Linksliberale dagegen singen ein Loblied auf ihren neuen Erlöser, auf General al-Sisi mit dem schwarzen Beret, der über den Arrest der Muslimbrüder wacht - eine 'Vorsichtsmaßnahme, um Gewalt zu verhindern', wie El-Baradei es gegenüber der New York Times delikat umschrieb. Der Fernsehmoderator Bassem Youssef beschuldigte die Bruderschaft, das Massaker der Republikanischen Garde an ihren Unterstützern am 8. Juli auf dem Rabia al-Adawiya Platz provoziert zu haben, und schrieb in einem Tweet: 'Statt zahlreicher Tweets hier nur ein einzelner zur Zusammenfassung: Die Muslimbrüder sind eine neue Art Nazis, verstanden?'"

Weitere Artikel: Ghaith Abdul-Ahad war bei den Auseinandersetzungen um den Taksimplatz in Istanbul hautnah dabei. Andrew O'Hagan besucht eine Jugendstrafanstalt in Kandahar, wo ihm die inhaftierten Kinder und Jugendliche ihre Lebensgeschichte zu Papier bringen. Michael Wood schaut sich nochmals den großen 70mm-Schinken "Cleopatra" an. John Barrell besucht eine Ausstellung mit Arbeiten von L.S. Lowry in der Tate Modern.


Magazinrundschau vom 16.07.2013 - London Review of Books

Leben wir in reformatorischen oder revolutionären Zeiten, fragt sich Slavoj Zizek beim Überblick über die momentane Proteslage weltweit. Dabei fällt ihm auf, dass nicht nur in Nationen wie Griechenland rebelliert, wo es den Leuten an die blanke Existenz geht, sondern insbesondere auch in zuletzt enorm aufstrebenden Nationen wie der Türkei oder Brasilien. In revolutionäre und reformatorische Bewegungen möchte Zizek die Bewegungen allerdings nicht spalten - er sieht vielmehr alle an einem Strang: "Als sich 2011 die Proteste in Europa und dem Nahen Osten entflammten, insistierten viele, dass man diese nicht als Vertreter einer einzigen, globalen Bewegung sehen sollte. Vielmehr, argumentierte man, handelt es sich um Antworten auf spezifische Situationen. ... Es ist klar ersichtlich, warum eine solche Vereinzelung des Protests für die Verteidiger des Status Quo attraktiv ist: Es gibt keine globale Bedrohung gegen die globale Ordnung als solche, nur eine Abfolge verschiedener Probleme vor Ort. Der globale Kapitalismus ist ein komplexer Prozess, der verschiedene Länder auf verschiedene Weise betrifft. Was die Proteste in all ihren vielfältigen Facetten eint, ist, dass sie allesamt Reaktionen gegen verschiedene Aspekte der kapitalistischen Globalisierung darstellen."

John Lanchester will die Banken retten, indem er sie in die Pflicht nehmen will, bei ihren Investitionen mehr Eigenkapital zu verwenden. Eleanor Birne besucht die Ausstellung "Curiosity" in der Turner Contemporary. Stephen Holmes liest ein neues Buch über die CIA unter Obama und schlussfolgert dabei in der Frage, ob Obamas Drohnenpolitik nicht eigentlich nur die Fortsetzung von Bushs Krieg gegen den Terror darstelle: "Obamas Hinwendung zum Drohneneinsatz ist eine logische Konsequenz aus Obamas Schwur, sich von den Landkriegen und Invasionen aus der Bush-Ära abzugrenzen."

Magazinrundschau vom 02.07.2013 - London Review of Books

David Bromwich fasst die ersten zwei Wochen nach dem Prism-Skandal und insbesondere Edward Snowdens Weg von der patriotischen Begeisterung nach dem 11. September bis zu seiner Offenlegung der NSA-Machenschaften zusammen. Snowden, fällt ihm in dem Guardian-Interview auf, unterscheidet sich in einer Sache von anderen Whistleblowern: "Seine Gedanken waren kein Geheimnis. In Unterhaltungen mit Freunden machte er keinen Versuch, seine Gewissensbisse zu verbergen. Es scheint auch wahr zu sein - obwohl er diesen Punkt im Interview nicht direkt formuliert - dass er, selbst wenn er bei der Arbeit war und dort seinen privilegierten Zugang nutzte, Reue empfand wegen der Überlegenheit, die er über andere Bürger hatte, die dem Auge der Regierung, für die er arbeitete, jederzeit ausgeliefert waren. Die Reue (wenn diese Vermutung richtig ist) entstand nicht aus dem Verdacht heraus, dass er sein Privileg nicht verdiene, sondern aus der Überzeugung, dass niemand es verdiene. Die Verfasser der neuen Gesetze und die Wächter über die geheime Interpretation dieser Gesetze, glauben dagegen, dass sie diese Privilegien sehr wohl verdienen. [...] Das System, wie Snowden schlicht erkannt hat, ist unvereinbar mit dem 'demokratischen Modell' und kann nur praktiziert oder akzeptiert werden von Menschen, die jede Idee einer liberalen Demokratie aufgegeben haben, außer der Vorstellung von allgemeiner Verteidigung und Fürsorge."

Außerdem: John Lanchester lässt eine ganze Reihe von Bankenskandalen genüsslich Revue passieren. James Pogue lässt WalMart und Konsorten nach dem Fabrikbrand in Bangladesch nicht so schnell davon kommen. Ganz tief taucht Thomas Powers in die Welt des "Great Gatsby" ein. Marina Warner erinnert an die Frauenrechtlerlin Emily Davison. Brian Dillon besucht Simon Starlings "Phantom Ride" in der Tate Britain. Michael Wood bespricht Steven Soderberghs Fernsehfilm "Behind the Candelabra".

Magazinrundschau vom 18.06.2013 - London Review of Books

Mit großer Begeisterung stellt Geoff Dyer den Fotografen Garry Winogrand (1928-1984) vor, den das Museum of Modern Art in San Francisco mit einer großen Ausstellung ehrte und dessen Katalog Dyer durchgeblättert hat: "Winogrand ist unerschöpflich. In einem Winogrand-Bild lässt sich wahrscheinlich mehr sehen als in den Bildern jedes anderen Künstlers (ein Teil der Attraktivität von Weitwinkelobjektiven liegt darin, dass sie ihm nicht nur gestatten, mehr Leute aufs Bild zu bekommen, sondern auch, dass man das Bild mit dem Raum zwischen ihnen füllen kann) und doch verzehren wir uns nach immer mehr Fotografien. Er belichtete mehr Film als fast jeder andere Fotograf und zwar tatsächlich so viel Film, dass er nicht mehr in der Lage war, die Bilder zusammenzustellen, was er dann auch nach und nach sein ließ, bis er schließlich mehr oder weniger ganz damit aufgehöre, sie überhaupt noch anzusehen - oder zu entwickeln. Die oft zitierte Behauptung, dass er etwas fotografierte, 'um herauszufinden, wie es fotografiert aussehen würde', verwandelte sich schließlich in ein 'sich nicht weiter darum kümmern, wie etwas fotografiert aussehen würde, sondern allein des Fotografierens willen zu fotografieren'. Oder aber - doch darauf setzen nur die Risikofreudigen - hatte er schon so weit internalisiert, was die Fotografie mit den Objekten anstellte, dass er gar nicht mehr hinsehen musste?"
Stichwörter: San Francisco

Magazinrundschau vom 04.06.2013 - London Review of Books

Gängige Auffassungen, dass das Assad-Regime im syrischen Bürgerkrieg in den letzten Zügen liegt, zerstreut Patrick Cockburn in alle Winde: Eher werde der Krieg noch weitere Kreise ziehen als sich in absehbarer Zeit zugunsten der Rebellen zu entscheiden. Das Missverhältnis zwischen internationalen Einschätzungen und der Situation vor Ort - Cockburn berichtet etwa, dass sich die Strecke zwischen Damaskus und Homs ohne Patrouillenabsperrungen zurücklegen lässt und die Rebellen ohnedies nur einzelne Erfolge vorweisen können - erklärt er sich durch die Bildmacht der digitalen Medien: "Den ikonischen Bildern zum Trotz stand Bagdad weder 1991 noch 2003 massiv unter Beschuss. Viel schwerer als in Irak oder 2001 in Afghanistan wiegt im Fall Syrien allerdings das Problem, dass die dramatischsten Aufnahmen zuerst auf Youtube landen und größtenteils von politischen Aktivisten beigesteuert werden. Das Fernsehen zeigt sie mit üblichen Warnhinweisen, für ihre Gültigkeit nicht einstehen zu können, doch nehmen die Zuschauer an, dass der Sender sie wohl nicht zeigen würde, wenn sie nicht echt wären. Es wird immer schwieriger, echte Augenzeugen aufzutreiben, da selbst noch wenige Straßen von den Auseinandersetzungen in Damaskus entfernt wohnende Leute ihre Informationen aus Internet und TV beziehen. Nicht alle Youtube-Beweise sind verdächtig. ... Doch Youtube kann einem nicht sagen, wer den Krieg gewinnt. Die Wahrheit lautet: Keiner gewinnt."

Außerdem: In einer ziemlich launigen Reportage über Deutschland wirbt ein beim SPD-Parteitag vom "Geruch von Bratwurst, Senf und deutschem Kaffee" umwehter Neal Ascherson für ein wenig mehr Sympathie für Peer Steinbrück und erklärt dabei noch, wie ihm das Vogelgezwitscher vor seinem Hotel verrät, dass Berlin niemals zu einer wirklichen Hauptstadt aufsteigen wird. David Runciman liest den ersten (bereits stolze 859 Seiten zählenden) Band der offiziellen Biografie von Margaret Thatcher. Christian Lorentzen überlegt, warum er die kanadische Schriftstellerin Alice Munro nicht mag: "Weil ich ein Riesenchauvinist bin? Oder ein Misogynist? Oder autistisch?" Ganz überwältigt berichtet Iain Sinclair von seinem Besuch einer Ausstellung mit Bildern von Leon Kosof (unten seine Zeichnung "City of Rooftops" von 1957), während Michael Wood nochmals Rossellinis Film "Reise nach Italien" schaut.


Magazinrundschau vom 21.05.2013 - London Review of Books

Zwar hat John Lanchester mit Self-Quantifying und dicht am Körper getragenen Computergeräten kein grundsätzliches Problem. Doch die Versprechungen einer schönen neuen Welt, mit denen GoogleGlass beworben wird, lassen ihn trotz aller PR-Glitzereien richtig frösteln. Kaum auszudenken vermag er sich die Konsequenzen für die Öffentlichkeit und den offenen Umgang miteinander, wenn alles, was man sagt und tut, gefilmt werden kann: "Es fällt wirklich schwer, sich selbst das einschneidende Potenzial solcher allgegenwärtigen Aufnahmemöglichkeiten völlig zu verdeutlichen. Als wir uns kürzlich in einem Redaktionsbüro eine Stunde lang unterhielten, kam die Sprache schließlich auch auf GoogleGlass. Wir spielten den bisherigen Gesprächsverlauf gedanklich nochmals durch und strichen alles, was wir nicht gesagt hätten, wenn die Möglichkeit bestanden hätte, dass ein Anwesender heimlich mitschneidet. Wir kamen zu dem Ergebnis, dass wir uns vielleicht fünf Minuten unverbindlich über das Wetter unterhalten hätten, um uns danach 55 Minuten lang anzuschweigen."

Außerdem: Thomas Jones liest sich durch einen halben Regalmeter neuer Literatur über den Klimawandel. Und Rosemary Hill besucht in der Whitechapel Gallery die Rekonstruktion einer Ausstellung von Barbara Jones' aus dem Jahr 1951 über populäre britische Kunst.


Magazinrundschau vom 07.05.2013 - London Review of Books

Iain Sinclair sucht die Beerdigungszeremonie von Margaret Thatcher nach "Symbolen und Omen" ab und zeichnet dabei ein aasiges Bild: "Selten sah man ein solches Alice-im-Wunderland-artiges Getöse lokaler Stereotype an einer Stelle versammelt. Einige davon (wie Dave und Samantha Cameron) amüsierten sich offenkundig prächtig, mit Lächeln, Witzeleien und niedlichem Händchenhalten für die Fotografen. Wie Spechte verteilten die ersten Reihen Stürme von Judasküssen: Bis aufs Blut verfeindete Parteien, die dazu gezwungen waren, spitze Lippen auf kalte Wangen zu pressen. Zahnlose Füchse, die an toten Hühnern schnuppern."

In Zypern trifft es keineswegs bloß die Reichen, wenn der Staat sich an den Ersparnissen seiner Bürger bedient, erklärt James Meek am Beispiel von Panikos Demetriou, dem von 178.000 Euro nurmehr 100.000 geblieben sind: "Was die 178.000 Euro betrifft: Das ist viel Geld, wenn man es ausgeben kann. Aber es ist nicht gar so viel, wenn man 58 Jahre alt ist und versucht, davon den Rest seines Lebens auszukommen. Anders als in Großbritannien oder den Vereinigten Staaten (...) ist es in Zypern gängig, sich mit einem großen, steuerfreien Pauschalbetrag zur Ruhe zu setzen, über den man nach Belieben verfügen kann. Für die Arbeiter in Zypern ist das üblich geworden."

Außerdem: Viel Verständnis bringt Richard Lloyd Parry für das Säbelrasseln Nordkoreas auf, das doch eigentlich nur an seiner Isolation leidet: "Mittels der einfachen mentalen Übung, sich in die nordkoreanischen Schuhe zu versetzen, erscheint Kims Verhalten verständlich, oftmals logisch und gelegentlich sogar vernünftig." Michael Wood stellt Joseph Loseys Film "The Servant" aus dem Jahr 1963 vor, der kürzlich frisch restauriert beim London Lesbian & Gay Filmfestival lief und "im Laufe der Jahre nichts von seinem Geheimnis eingebüßt hat" (mehr zu dem Film etwa auch in diesem Essay). Christian Lorentzen schreibt über die poröse Identität von Amerikanern in London. Seth Colter Walls liest "Middle C", das neue Buch von William Gass. Außerdem besucht Charles Hope die Barocci-Ausstellung in der National Gallery in London.


Magazinrundschau vom 23.04.2013 - London Review of Books

Peter Pomerantsev schreibt einen Doppel-Nachruf auf zwei russische Persönlichkeiten, die die frühe Post-Sowjet-Ära entschieden geprägt haben: Der eine ist Boris Beresowski, der ursprüngliche "Pate des Kremls", Königs-, beziehungsweise Präsidentenmacher nach dem Ende der Sowjetunion. Der andere ist Vladislav Mamyshev, ein unter dem Namen Vladik Monroe bekannter Performancekünstler, der sich schon zu Sowjetzeiten mit zuvor kaum denkbaren Provokationen einen Namen machte: "Nicht-Russen könnten Schwierigkeiten haben zu verstehen, warum seine Arbeit als so wichtig angesehen wurde. Doch in der Welt nach der Sowjetunion, in der alle alten Rollenbilder und Archetypen verschwunden waren, in der keiner mehr wusste, wie man sich verhalten sollte, und es den Anschein hatte, als würde jeder neue Posen einüben und sich in rasendem Tempo von Kommunismus über Perestroika, Liberalismus und Nationalismus hin zum Mafiastaat und der postmodernen Dikatur neue Ideologien überstreifen, in dieser Welt wurden der Begriff 'Performance' zu einem Modewort und Performancekünstler zu Stars. Keine Party war ohne Mamyshev oder einen seiner befreundeten Künstler komplett: Oleg Kulik, der einen tollwütigen Hund darstellte, um die Gebrochenheit des Post-Sowjet-Mannes darzustellen, Andrei Barteniev, der als Außerirdischer auftrat, um die Unheimlichkeit der neuen Welt darzulegen, oder German Vinogradov, der nackt durch die Straßen lief und sich mit Eiswasser übergoss."

Hier sehen wir Vladik Monroe gleich in mehreren Rollen:



Weiteres: Tariq Ali berichtet von Übergriffen buddhistischer Mönche auf die muslimische Minderheit in Sri Lanka. Ross McKibbin schaudert es vor den Absichten der Tories, den Sozialstaat weiter zu demontieren, und hält auch sehr wenig von den momentanen Lobliedern in der Presse auf Thatcher, die das Land mit ihren Einschnitten gerettet habe: "Ein deprimierender Anblick, nichts davon entspricht der Wahrheit." Wie eingebunkert fühlt sich Inigo Thomas im Lesesaal der British Library, deren Insassen immerhin über anonyme Notizzettel miteinander flirten. Nick Richardson liest das Buch seines London-Review-Kollegen James Lasdun über dessen Erfahrung mit einer Stalkerin. Adam Shatz bespricht James Buchans "gelehrtes" Buch über die Revolution in Iran und deren Folgen.