Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

582 Presseschau-Absätze - Seite 33 von 59

Magazinrundschau vom 11.04.2014 - London Review of Books

In einer Riesenrecherche verfolgt Seymour Hersh für die London Review of Books weiter, wer für den Giftgasangriff von Damaskus im August 2013 verantwortlich ist. In seinen Augen spricht alles für die Türkei, die ihre Felle davon schwimmen gesehen habe, als die sogenannte "Rattenlinie" geschlossen wurde - also als der CIA verboten wurde, über die türkische Grenze Waffen aus Libyen nach Syrien zu schmuggeln. Hersh Report ist voll von solchen wahnwitzigen Geschichten: "Ein amerikanischer Geheimdienstberater sagte mir, dass er einige Woche vor dem 21. August ein streng geheimes Dossier für Dempsey und Verteidigungsminister Chuck Hagel gesehen hatte, das die aktuelle Befürchtung der Regierung Erdogan über die "schwindenden Aussichten der Aufständischen" beschrieb. Die Analyse warnte, dass die türkische Führung es für erforderlich halte, "etwas zu tun, was eine militärische Reaktion Amerikas herbeiführen würde". Im Spätsommer hatte die syrische Armee noch immer die Oberhand über die Aufständischen, erklärte der frühere Geheimdienstmitarbeiter, und nur amerikanische Luftschläge könnten das Blatt wenden. Im Herbst, fuhr der Geheimdienstler fort, spürten die Analysten der Nachrichtendienste, die an den Ereignissen vom 21. August arbeiteten, "dass Syrien die Angriffe nicht geführt hat. Aber die große Frage war, wie das geschehen ist? Der unmittelbare Verdacht fiel auf die Türken, denn sie hatten alles, was es dafür braucht.""

Magazinrundschau vom 04.04.2014 - London Review of Books

Bashar Al-Assads Baath-Regimes mag streng säkular sein und die Muslimbrüder brutal unterdrückt haben, doch den Dschihad haben die syrischen Geheimdienste seit Beginn des Irak-Krieg nach Kräften unterstützt, erklärt Peter Neumann in einem kenntnisreichen Report der London Review of Books. Einerseits um die Islamisten loszuwerden, andererseits um die alliierten Truppen zu schwächen: "Bashar al Assad beschuldigt meist das Ausland - insbesondere die Türkei und die Golfmonarchien -, Geld und Einfluss zur Unterstützung des Aufstands bereitgestellt zu haben, die Rebellen zu bewaffnen und fremde Kämpfer zu rekrutieren. Das ist sicherlich richtig, aber nur die eine Hälfte der Geschichte. In den Jahren vor dem Aufstand waren Assad und seine Geheimdienste der Ansicht, dass der Dschihad gefördert und genutzt werden könnte, um den Zwecken der syrischen Regierung zu dienen. Damals kamen die ersten Dschihadisten ins Land und halfen die Strukturen und Versorgungslinien aufzubauen, die jetzt dem Kampf gegen die Regierung dienen. In der Hinsicht bekämpft Assad einen Feind, den er selbst mitgeschaffen hat."

Außerdem: T.J. Clark widmet sich in einem epischen Text Veroneses "Allegorien der Liebe" anlässlich einer großen Ausstellung in der National Gallery. Geoff Dyer erzählt von seinem Schlaganfall. Der Maler Julian Bell besucht die Ausstellung "Cezanne und die Modernen" im Ashmolean Museum in Oxford. Rosemarie Hill besichtigt Ruinen in der Tate Britain. Sheng Yun informiert über den Stand der Übersetzung von "Finnegans Wake" ins Chinesische. Und Helen Vendler liest die Briefe in der neuen Gesamtausgabe des Werks von Gerard Manley Hopkins.

Magazinrundschau vom 21.03.2014 - London Review of Books

Dass Putin für seine Gegenrevolution so viel Unterstützung in der russischsprachigen Welt bekommen hat, erklärt sich James Meek in einem langen Report auch mit der jahrelangen und letztlich erfolgreichen Verklärung der sowjetischen Vergangenheit: "Viele der wortgewandtesten und geistreichsten Russen und Ukrainer mittleren Alters, die noch die Wirklichkeit des sowjetischen Lebens kannten und später in der postsowjetischen Welt erfolgreich waren, sind ins Ausland oder in die Wirtschaft gegangen oder eingeschüchtert worden: Auf jeden Fall haben sie die politische Arena verlassen. In Russland und der russischsprachigen Ukraine haben neosowjetischen Populisten die Bühne übernommen, die sich die UdSSR als paradiesartiges Commonwealth vorstellen, über das Moskau gütig herrschte, ein natürliche Kontinuum des Zarenreichs, das allein von den eindringenden Nazi gestört wurde, deren Erbe der Westen angetreten hat und somit einziges Hindernis auf dem Weg zu dessen Wiederbelebung ist. Wer nach 1985 geboren ist, hat keine erlebte Erinnerung, um die Falschheit dieser Version zu bemessen."
Stichwörter: Russland, Commonwealth

Magazinrundschau vom 21.02.2014 - London Review of Books

Hazem Kandil versucht zu rekapitulieren, wie sich Ägypten drei Jahre nach der Revolution, nach der Herrschaft der Muslimbrüder und dem Putsch des Militärs zum härtesten Polizeistaat seit Nasser entwickeln konnte: "Ägyptens für kurze Zeit machtvolle Bürger mussten erleben, wie ihre Intervention beinahe den Weg zu einem islamischen Faschismus geebnet hätten, und nun, da das Desaster abgewendet ist, lassen sie die politischen Machthaber lieber unkontrolliert agieren. Mubarak warnte, dass die Alternativen zu seiner Herrschaft Islamismus oder Chaos sein würden. Beides wurde ausprobiert und abgelehnt. Die Leute wollten Brot, Würde und Freiheit, deshalb scheuten sie vor den Tagträumern von 2011 zurück und hefteten ihre Hoffnungen auf einen Nasser vom Nil. Wenn nur Abdel Fattah al-Sisi als Präsident installiert werden könnte, wären all ihre Probleme vorbei. Die Krönung eines Feldmarschalls wurde zu der Schlacht, die die Bürger entschlossen waren zu gewinnen."

Außerdem in der LRB: Daniel Soar liest mit Angehaltenem Atem den Bericht des Guardian-Reporters Luke Harding über die "Snowden Files" und lernt, warum sich die Briten nicht über die Affäre aufregen und wie die iPhone-Plugins heißen, mit denen die Geheimdienste übers Handys Gespräche abhören. Mary Beard erzählt, wie Frauen in der Öffentlichkeit zum Schweigen gebracht wurden, seit Penelope in der "Odyssee" von ihrem Sohn Telemach den Mund verboten bekommen hat.

Magazinrundschau vom 07.02.2014 - London Review of Books

Zwei Jahrzehnte hat die Historikerin Barbara Taylor in psychiatrischer Behandlung im Friern Mental Hospital in London verbracht. In ihren Buch "The Last Asylum: A Memoir of Madness in Our Times" schildert sie ihre Verzweiflung und eine totale Hilflosigkeit. In der London Review of Books vergleicht die Schriftstellerin Jenny Diski Taylors Erinnerungen mit ihrem eigenen Erleben von Klinik und Wahn: "Diese Hilf- und Hoffnungslosigkeit kenne ich sehr gut. Sie kehrt immer und immer wieder, wie ein Mantra, meist unausgesprochen, in Träumen und Ängsten oder ungefähren Gefühlen im Bauch. Manchmal habe ich sie in meinen verrückteren (oder klareren?) Momenten laut ausgesprochen, so wie Taylor es tut, und verlangte Hilfe, was irrational war, denn ich wusste die ganze Zeit, dass die Hilfe, nach der ich verlangte, mir nicht gegeben werden konnte, oder es sie überhaupt nicht gab. Schließlich wusste ich überhaupt nicht, was mir hätte helfen können, und ich bin mir ziemlich sicher, dass auch sonst niemand das wusste, weder Analytiker noch Psychiater oder Hausarzt, weder Liebhaber noch beste Freundin, abgesehen von ihren professionellen oder menschlichen Überzeugungen, dass Reden und Deuten, Medikamente oder eine Umarmung einem Einsicht oder eine Verschnaufpause gewährt. Es ist das Wissen, dass man keine Hilfe bekommt, wie dringend man sie auch braucht, was dieses Gefühl zum Wahnsinn steigert, ein Teufelskreis, der völlig außer Kontrolle gerät."
Stichwörter: Madness, Medikamente

Magazinrundschau vom 27.01.2014 - London Review of Books

Perry Anderson beobachtet, wie die französischen Provinzstädte langsam aus dem Schatten des selbstgefälligen Paris heraustreten. Selbst das erzkatholische Nantes ist unter seinem Ex-Bürgermeister Jean-Marc Ayrault zu einer echten Kulturmetropole geworden: "Das Banausentum ist dem kulturellen Engagement europäischer Städte gewichen, in denen Konzerte, Festivals und Kolloquien das Image der Stadt fördern und Investitionen anziehen sollen. Was Nantes von anderen derartigen Programmen unterscheidet, ist der Raum, den es Filmen aus Afrika, Asien und Lateinamerika auf seinem Festival der drei Kontinente bot. Alle drei der aktuell besten chinesischen Regisseure - Hou Hsiao-Hsien, Jia Zhangke und Wang Bing - verdanken ihren Durchbruch den Erfolgen in Nantes, das mit Jacques Demy auch ihr eigenes Talent hervorgebracht hat."

Außerdem: Adam Mars-Jones bespricht die Roth-Biografie von Claudia Roth Pierpont. Ian Penman nimmt das Erscheinen dreier Biografien über Charlie Parker zum Anlass, einen eigenen biografischen Essay über den bewunderten Jazzmusiker zu schreiben. Barbara Newman liest eine englische Übersetzung der Briefe von Abelard und Heloise.

Magazinrundschau vom 03.12.2013 - London Review of Books

Deborah Friedell stellt Brad Stones Buch "The Everything Store" über Jeff Bezos und die Anfänge von Amazon vor. Im Großen und Ganzen lesen sich die daraus zitierten Anekdoten beinahe wie ein einziges großes Schelmenstück, bei dem einem fast das große Lachen kommen könnte, wenn die zahlreichen Finten des Online-Versandhauses nicht Bestandteil einer knallharten Verdrängungsstrategie wären. "Eine als Triumph für Versandhäuser und Katalogfirmen eingeschätzte Entscheidung des US Supreme Courts hatte zur Folge, dass Unternehmen in Staaten, in denen sie keine 'physische Präsenz' unterhalten, keine Steuern auf Verkäufe abtreten mussten. Alles, was online verkauft würde, konnte damit günstiger angeboten werden als Waren in einem Laden. ... Selbstverständlich konnte Bezos sein Geschäft nicht in New York errichten - hier lebten zuviele potenzielle Kunden, deren Einkäufe er nicht versteuern wollte -, während es sich andererseits in einer Gegend, die zu isoliert lag, schwierig gestalten würde, Personal für die Technik zu finden. Den Kompromiss bildete Seattle: immerhin war Microsoft nicht weit. Auch ist Washington einer der wenigen amerikanischen Staaten, die keine persönliche Einkommenssteuer verlangen (Im Jahr 2010 spendete Bezos einer Kampagne 100.000 Dollar, die mit Erfolg die von Bill Gates unterstützte Initiative 1098 zerschlug, die alle Einkommen oberhalb von 200.000 Dollar pro Jahr besteuern wollte)."

Außerdem: Peter Pomerantsev erklärt, wie man sich im russischen Medienbetrieb - und überhaupt in Russland - in angenehme Position schmiert oder, ebenfalls unter reichlichem Einsatz finanzieller Schmiere, dem Wehrdienst entgeht.Julian Barnes liest neue Bücher über Lucian Freud. Thomas Laqueur bespricht Christopher Clarks "atemberaubend gutes Buch" über den Beginn des Ersten Weltkriegs. Michael Wood frischt sich Ernst Lubitschs "Sein oder Nicht-Sein" auf, während Marina Warner die Kara-Walker-Ausstellung im Camden Arts Centre besucht.

Magazinrundschau vom 19.11.2013 - London Review of Books

Adam Shatz rekonstruiert die Hintergründe des 2011 in Jenin ermordeten Aktivisten und Theatermachers Juliano Mer-Khamis, der das Freedom Theatre im Flüchtlingslager von Jenin gegründet hatte und davor erschossen wurde. Als Sohn eines palästinensischen Vaters und einer jüdischen Mutter galt er gemäß den Statuten Israels als Jude und israelischer Staatsbürger, engagierte sich aber nicht nur für die palästinensische Sache, sondern auch ganz allgemein für die Befreiung von dogmatischem Zwang. Letzteres könnte ihm zum Verhängnis geworden sein: "Auch wenn er sein Leben der palästinensischen Sache verschrieben hatte, starb er nicht durch eine israelische Kugel. Der Mann, der ihn erschoss, war Palästinenser, wahrscheinlich aus dem Flüchtlingslager: niemand sonst hätte gewusst, wie man sich hier durch die Straßen bewegen und so schnell verschwinden konnte. Bei dem Mord dürfte es sich um eine Botschaft von den Kräften innerhalb des Lagers handeln. Ganz offen hatte Juliano die erdrückenden Auswirkungen des Patriarchats, der Geschlechterungleichheit und des religiösen Dogmatismus angesprochen. ... Unter den Fürsprechern der 'Tradition' machte ihn das genauso wenig beliebt wie die Theaterproduktionen, bei denen jugendliche Mädchen und Jungen gemeinsam auf der Bühne standen. ... Für einige sah es so aus, als wäre Juliano mit der Absicht gekommen, eine Jugendrevolte anzuzetteln. Es sei alles Teil eines israelischen Plans, um den Widerstand zu schwächen."

Außerdem: John Lanchester verfeinert seine Kochkünste mittels kostenfreien Uni-Online-Seminaren aufs mathematischste. Anne Diebel liest eine neue Henry-James-Monografie. Und Julian Bell besucht eine Daumier-Ausstellung in London.

Magazinrundschau vom 05.11.2013 - London Review of Books

Katrina Forrester informiert sich in Rob Evans' und Paul Lewis' neuem Buch "Undercover: The Story of Britain's Secret Police" (beim Guardian gibt es ein Blog zum Buch) über Geschichte und Praxis der Undercover-Ermittlungen seit den späten 60er Jahren insbesondere im Milieu linker Aktivisten. Was sie von ihrem Lektürerlebnis berichtet, liest sich nicht nur wie ein Thriller in nuce, sondern holt auch einige äußerst schmutzige Details der Ermittlerarbeit ans Tageslicht: So gilt der Ermittler Bob Lambert, heute Professor für "Terrorism Studies", als besonders leuchtendes Beispiel für gute Spitzelarbeit, obwohl - oder gerade weil - er zur Wahrung seiner Doppelidentität eine langjährige Liebesbeziehung mit einer Aktivistin simulierte und ein Kind zeugte. "Der Ermittler Peter Francis erinnert sich an seine Ratschläge. Wie kann ein neuer Undercover Cop das Vertrauen einer Gruppe erlangen? Finde eine Frau. Wie kann er eine Frau davon abhalten, zu anhänglich und damit zu einem Problem für seine Arbeit und seine Deckung zu werden? 'Knall 'ne andere ... Es ist erstaunlich, wie wenig es Frauen ausstehen können, wenn Du mit einer anderen ins Bett gehst.' Und wie beendet man seinen Einsatz? Knall wieder eine andere. Aber denke daran, immer ein Kondom zu benutzen."

Außerdem: Andrew O'Hagan erinnert sich auf sehr persönliche Weise an Norman Mailer und Christian Lorentzen liest Jeff Guinns Biografie über Charles Manson (dazu passend: ein ausführliches Radiogespräch mit dem Autor beim NPR).

Magazinrundschau vom 22.10.2013 - London Review of Books

Alles im Grunde doch gar nicht so schlimm, was die NSA betrifft, könnte man nach der Lektüre von Daniel Soars Artikel zum Thema meinen: Zwar haben uns Guardian und andere Medien schockierende Headlines gebracht, doch fußen diese nur auf NSA-internem Promo-Sprech, meint Soar. Tatsächlich sei gar nicht zu wissen, was und wieviel der Schnüffeldienst abfängt und auswertet - zumal angesichts der schier überwältigenden Datenmengen, die allein pro Minute weltweit durch die Datenkanäle gehen. "Einer der Screenshots, die der Guardian nicht veröffentlichte - später tauchte er in der Washington Post auf -, zeigte ein Werkzeug zur Analyse von Prism-Aufzeichnungen. Die komplette Anzahl von Aufzeichnungen in der Datenbank betrug - im April, als der Screenshots angefertigt wurde - 117675. Es lohnt, sich die Nummer genauer anzusehen. Facebook hat eine Milliarde Nutzer: die Hälfte der Weltbevölkerung mit Internetanschluss hat dort einen Account. Der Anteil jener, deren völlig entschlüsselte Aktivitäten die NSA aktiv beobachtete, kann nicht mehr als 0,01 Prozent betragen. Das sollte einen noch nicht zu der Annahme verleiten, dass die NSA aus noblen Gründen davon absieht, sich Zugang zu unseren Babybildern und dümmlichen Kommentaren unter den Babybildern anderer Leute zu verschaffen. Aber es legt doch nahe, dass man nicht einfach bei Facebook ein Formular einreicht, um Zugriff auf die Timeline irgendeines Mexikaners zu erhalten, es sei denn, man verspricht sich davon Ergebnisse." Ach ja?

Stefan Collini liest Bücher zur Ökonomisierung der britischen Universitäten und muss sich danach doch sehr wundern: Obwohl große Unternehmen in der freien Wirtschaft äußerst wechselhafte Bilanzen aufweisen "und obwohl öffentliche Einrichtungen wie Museen und Galerien, die BBC und die Universitäten im Großen und Ganzen recht gut dastehen (...), haben Politiker in den vergangenen drei Jahrzehnten wiederholt Anstrengungen unternommen, die zweitere Gruppe von Institutionen der ersteren anzugleichen. Manche Historiker in der Zukunft dürften sich wohl auch wundern, warum es gegen dieses von Grund auf unplausible Programm so wenig konzertierten Widerstand gab. Doch dürften sie wohl zumindest bemerken, dass diese Regierungen, neben ihren vielen weiteren Glanzleistungen, bei den entscheidenden Schritte mitgeholfen haben, aus einigen Universitäten erster Güte drittklassige Firmen zu machen."