
Der Lockdown für ganz
Shanghai hat die Stadt, die sich so gern als Musterbeispiel des neuen Chinas präsentiert, zutiefst beschämt, erzählt Mimi Jiang, die auch zu berichten weiß, dass der Omikron-Ausbruch
in einem Quarantäne-Hotel für Reisende aus Hongkong seinen Anfang nahm, dessen veraltete Klimaanlage die Viren verbreitete: "Als Wissenschaftler Alarm schlugen, war es bereits zu spät für die dynamische Null-Covid-Strategie.
Seitdem herrscht Chaos. Die Führung war sich über das weitere Vorgehen uneinig. Die Mehrheit der Ärzte neigte zu einem sanften Ansatz: Die Sterblichkeit bei Omikron ist gering und die meisten Menschen erholen sich innerhalb weniger Tage, so dass Schnelltests und Zuhausebleiben ausgereicht hätten. Einige Beamte waren ebenfalls dieser Meinung, da Chinas Finanz- und Handelszentrum zu wichtig sei, als dass es hätte geschlossen werden können. Leider schloss sich sonst niemand dieser Meinung an. Als auch in den Nachbarprovinzen positive Fälle auftraten, reagierten die lokalen Behörden verärgert und stellten Belohnungen in Aussicht, wenn jemand Besucher aus Shanghai meldete. Dann - heißt es - beschwerten sie sich in Peking über das
verantwortungslose Verhalten der Shanghaier. Peking schickte ein Inspektionsteam, dem nicht gefiel, was es sah. Im Netz wurde gewitzelt, dass Shanghai versuchte, still liegen zu bleiben, während seine Bruderprovinzen versuchten, ihm aufzuhelfen: Das Ergebnis waren
Sit-ups ohne Ende."
Stefan Collini
liest zum hundertsten Bestehen der
BBC zwei neue Bücher: einen etwas schwärmerischen Insider-Report von David Hendy sowie eine kritische-nüchterne Geschichte von Simon Potter. Und auch wenn beide ein wenig darüber hinwegtäuschen, dass die BBC als riesiger halb-kommerzialisierter
hybrider Behemoth längst nicht mehr die nationale Institution ist, die sie während des Zweiten Weltkriegs oder des Kalten Krieges war, referiert er freudig die Geschichte der Feindschaft zwischen der BBC und Downing Street: "Wer schon immer glaubte, die BBC würde sich am Ende den Wünschen der jeweiligen Regierung beugen, führt oft den
Generalstreik von 1926 an. Der amtlichen Position gegen den Streik wurde viel Sendezeit gegeben, der Position der Streikenden nicht. Als der BBC-Direktor John Reith in der Downing Street bei Stanley Baldwin eruierte, ob sie einen Aufruf des Erzbischofs von Canterbury senden könnten, der beide Seiten aufforderte, in kameradschaftlichem Geist die Feindseligkeiten zu beenden, wurde ihm mild-drohend beschieden: '
Dem Premier wäre lieber, wenn Sie es nicht täten.'... Die Labour-Regierungen der sechziger und siebziger Jahre waren der BBC ebenso feindlich gesinnt, Tony Benn verglich sie mit der 'katholischen Kirche des Mittelalters, darauf bedacht, aus der Position des Mittelschicht-Establishment die
Gedanken zu kontrollieren'. Harold Wilson, der einen Hang zum Misstrauen hatte, glaubte, die BBC würde gegen ihn konspirieren, und schlug Mitte der siebziger Jahre vor, die Gebühren abzuschaffen, um den Sender direkt unter Regierungskontrolle zu bringen. Vorhersehbar war, dass Margaret Thatcher die
British Bastard Corporation hasste, wie ihr Mann sie gern nannte. Der Falklandkrieg wurde zum unvermeidlichen Reizthema, als Thatcher dagegen wütete, dass Reporter stets von den
britischen Streitkräften sprachen, nicht von 'unseren Truppen'."