Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

570 Presseschau-Absätze - Seite 12 von 57

Magazinrundschau vom 03.05.2022 - London Review of Books

Christopher de Bellaigue, einst Reporter im Mittleren Osten, erkundet die Verzweiflung der britischen Landwirte, die James Rebanks in "English Pastoral" und Bella Bathurst in "Field Work" beschreiben. Wenn Bathurst Abdecker, Apfelbauern und Ministerialbeamte trifft, dann lernt de Bellaigue, wie groß das Unwissen der Städter und Beamte mittlerweile geworden sei: "Während Bathaurst einem Tierarzt namens Dan dabei hilft, Kühe auf Tuberkulose zu testen, erfährt sie, dass der Trend zum Double-Muscling - der Zucht von Rindern, die doppelt so viele magere Muskeln haben wie von Natur aus - dazu führt, dass die Kälber bestimmter Rassen nur noch per Kaiserschnitt geboren werden können. Das macht Dans Leben gefährlicher - kürzlich wurde er doppelläufig (also von zwei Hufen) quer durch einen Stall geschleudert und entging nur knapp einem Genickbruch. Von Bathursts Tag auf dem Hereford Tiermarkt erfahren wir, dass britische Muslime die Schafzucht am Leben halten, während der Rest des Landes zu Nuggets verarbeitete Hühner aus Watte bevorzugt. Sie beschreibt den ständigen Kampf der Landwirte gegen Krankheiten. Für die britische Stadtbevölkerung fiel Covid als Jahrhundertereignis wie ein Meteorit vom Himmel. Für die Landbevölkerung, die an aufeinanderfolgenden Wellen von Tuberkulose, BSE und Maul- und Klauenseuche gewöhnt war, war es nur eine weitere notwendige Anpassung auf der langen Liste für Anpassungen'. Und, so hätte Bathurst hinzufügen können, ein weiterer Beitrag zur Kluft im Verständnis zwischen den Stadtbewohnern und der winzigen Zahl derer, die weiterhin auf dem Land leben."
Stichwörter: Kühe

Magazinrundschau vom 26.04.2022 - London Review of Books

Der Lockdown für ganz Shanghai hat die Stadt, die sich so gern als Musterbeispiel des neuen Chinas präsentiert, zutiefst beschämt, erzählt Mimi Jiang, die auch zu berichten weiß, dass der Omikron-Ausbruch in einem Quarantäne-Hotel für Reisende aus Hongkong seinen Anfang nahm, dessen veraltete Klimaanlage die Viren verbreitete: "Als Wissenschaftler Alarm schlugen, war es bereits zu spät für die dynamische Null-Covid-Strategie. Seitdem herrscht Chaos. Die Führung war sich über das weitere Vorgehen uneinig. Die Mehrheit der Ärzte neigte zu einem sanften Ansatz: Die Sterblichkeit bei Omikron ist gering und die meisten Menschen erholen sich innerhalb weniger Tage, so dass Schnelltests und Zuhausebleiben ausgereicht hätten. Einige Beamte waren ebenfalls dieser Meinung, da Chinas Finanz- und Handelszentrum zu wichtig sei, als dass es hätte geschlossen werden können. Leider schloss sich sonst niemand dieser Meinung an. Als auch in den Nachbarprovinzen positive Fälle auftraten, reagierten die lokalen Behörden verärgert und stellten Belohnungen in Aussicht, wenn jemand Besucher aus Shanghai meldete. Dann - heißt es - beschwerten sie sich in Peking über das verantwortungslose Verhalten der Shanghaier. Peking schickte ein Inspektionsteam, dem nicht gefiel, was es sah. Im Netz wurde gewitzelt, dass Shanghai versuchte, still liegen zu bleiben, während seine Bruderprovinzen versuchten, ihm aufzuhelfen: Das Ergebnis waren Sit-ups ohne Ende."

Stefan Collini liest zum hundertsten Bestehen der BBC zwei neue Bücher: einen etwas schwärmerischen Insider-Report von David Hendy sowie eine kritische-nüchterne Geschichte von Simon Potter. Und auch wenn beide ein wenig darüber hinwegtäuschen, dass die BBC als riesiger halb-kommerzialisierter hybrider Behemoth längst nicht mehr die nationale Institution ist, die sie während des Zweiten Weltkriegs oder des Kalten Krieges war, referiert er freudig die Geschichte der Feindschaft zwischen der BBC und Downing Street: "Wer schon immer glaubte, die BBC würde sich am Ende den Wünschen der jeweiligen Regierung beugen, führt oft den Generalstreik von 1926 an. Der amtlichen Position gegen den Streik wurde viel Sendezeit gegeben, der Position der Streikenden nicht. Als der BBC-Direktor John Reith in der Downing Street bei Stanley Baldwin eruierte, ob sie einen Aufruf des Erzbischofs von Canterbury senden könnten, der beide Seiten aufforderte, in kameradschaftlichem Geist die Feindseligkeiten zu beenden, wurde ihm mild-drohend beschieden: 'Dem Premier wäre lieber, wenn Sie es nicht täten.'... Die Labour-Regierungen der sechziger und siebziger Jahre waren der BBC ebenso feindlich gesinnt, Tony Benn verglich sie mit der 'katholischen Kirche des Mittelalters, darauf bedacht, aus der Position des Mittelschicht-Establishment die Gedanken zu kontrollieren'. Harold Wilson, der einen Hang zum Misstrauen hatte, glaubte, die BBC würde gegen ihn konspirieren, und schlug Mitte der siebziger Jahre vor, die Gebühren abzuschaffen, um den Sender direkt unter Regierungskontrolle zu bringen. Vorhersehbar war, dass Margaret Thatcher die British Bastard Corporation hasste, wie ihr Mann sie gern nannte. Der Falklandkrieg wurde zum unvermeidlichen Reizthema, als Thatcher dagegen wütete, dass Reporter stets von den britischen Streitkräften sprachen, nicht von 'unseren Truppen'."

Magazinrundschau vom 22.03.2022 - London Review of Books

Tom Stevenson hat sich mittlerweile auch nach Kiew durchgeschlagen und berichtet von Flüchtenden in den Zügen nach Westen und Paramilitärs, die sich in Kellerkneipen martialisch geben, aber absolut nüchtern bleiben. Über die Kriegsgeschehnisse hat er auch einiges in Erfahrung gebracht: "Der militärische Erfolg der Ukraine lässt sich größtenteils mit den Waffenlieferungen und der Ausbildung erklären, die die ukrainischen Streitkräfte seit 2014 erhalten haben. Gemessen an ihrem Geldwert war die von den USA und ihren Verbündeten gelieferte militärische Ausrüstung bescheiden. Aber die Waffen erwiesen sich als gut geeignet für diesen Krieg. Die von den USA gelieferten Panzer- und Flugabwehrwaffen wie auch Radarsysteme und Geräte für die sichere Kommunikation erscheinen heute als vorausschauend. (Es kann nicht geschadet haben, dass der amerikanische Geheimdienst anscheinend eine Quelle im Kreml mit Zugang zu den Kriegsplänen hatte.) Die ukrainische Armee hat die Panzerabwehrwaffen aus westlicher Produktion gut genutzt, und tragbare Luftabwehrsysteme scheinen den Einsatz russischer Luftstreitkräfte im großen Stil verhindert zu haben. Anstatt die Ukraine mit protziger und teurer Ausrüstung zu versorgen, die im Nahen Osten eher dazu dient, Abhängigkeit zu fördern als Effektivität, haben die USA die ukrainischen Streitkräfte in Form gebracht, um Russlands konventionelle Armee zu frustrieren."

Außerdem liefern zahlreiche LRB-Autoren Beiträge zur russischen Invasion in der Ukraine, darunter Neal Ascherson, Sheila Fitzpatrick, Jeremy Harding, Laleh Khalili, Thomas Meaney, James Meek, Pankaj Mishra, Azadeh Moaveni, Vadim Nikitin, Olena Stiazhkina, Vera Tolz und Daniel Trilling. Fredric Jameson feiert Olga Tokarczuks "Jakobsbücher" als Beleg für das "eigentlich Unmögliche, den Roman eines Kollektivs zu schreiben. 'Denn der Messias ist hier nicht ein einfach falscher Prophet, sondern der in allen Adern fließende, kostbare Glaube des Menschen daran, dass Erlösung möglich sei.'"

Magazinrundschau vom 08.03.2022 - London Review of Books

Wahrscheinlich liegt es an den gemeinsam besuchten Elite-Unis, dass sich in Britannien die Milieus nicht so strikt getrennt haben und deswegen auch die linke LRB über Militärexpertise verfügt. Simon Akam beleuchtet - in einem vor Ausbruch des Ukraine-Krieges geschriebenen Text - die Führungsqualitäten in der britischen Armee und verweist auf die Untersuchung des einstigen Oberstleutnant Richard Sale, der bereits vor über dreißig Jahren mithilfe psychologischer Software 49 Brigadegeneräle testete: "Die Brigadegeneräle schnitten im Bereich 'Differenzen beilegen' 20 Prozent schlechter ab als ihre Gegenparts im zivilen Management, in alle anderen Bereichen betrug der Unterschied weniger als fünf Prozent. Sales zufolge war dies 'ein klarer und überzeugender Indikator für autoritatives Verhalten'. Sale war beeinflusst von der Arbeit des Psychologen Norman Dixon, der in seinem Buch "On the Psychology of Military Incompetence' (1976) argumentierte, dass die britische Armee ihre Offiziere von einem begrenzten gesellschaftlichen Segment rekrutiere, das intellektuelle Anstrengung unter- und Tradition überbewertet. Bei Beförderungen würden autoritative Persönlichkeiten bevorzugt, die sich ihren Vorgesetzten andienten und Untergebene herrisch behandelten. Die höheren Ränge ignorierten Individuen ebenso wie Vorstellungen, die mit ihnen nicht übereinstimmten. Der starke autoritative Zug schmälert die Fähigkeit, gegenteilige Meinungen einzubinden, er macht aus Untergebenen Jasager und ist allgemein extrem kontraproduktiv... Sales Einschätzung zeigt eine Kultur, die Rigidität erfordert, um unter dem Terror, der Verwirrung und der Erschöpfung des Krieges zu funktionieren, die in der Konsequenz allerdings oft Kritik ignoriert - und manchmal auch die Realität. Sonst könnte man kaum erklären, wie zwei Monate nach dem chaotischen Rückzug aus Afghanistan, wo der einheimische, vom Westen unter immensen Kosten aufgebaute Sicherheitsapparat innerhalb weniger Tage zusammenbrach, die britische Armee, ohne mit der Wimper zu zucken, ein Buch herausgibt mit dem Titel: 'Aus Gewohnheit exzellent: Warum die britische Armeeführung funktioniert.'"
Stichwörter: Ukrainekrieg

Magazinrundschau vom 01.03.2022 - London Review of Books

Tony Wood wirft den USA und der Nato vor, Putins Krieg gegen die Ukraine richtig vorhergesehen, aber nichts unternommen zu haben, um ihn aufzuhalten. Die Waffenlieferungen an Kiew dürften Putin eher noch angespornt haben, meint Stevenson, jetzt drohe ein brutaler Blitzkrieg oder ein brutaler Stellvertreterkrieg: "In beiden Szenarios dürfte der Konflikt für die Ukraine zu einem massiven Verlust an Souveränität führen. Russlands will demonstrieren, dass es das ukrainische Militär neutralisieren kann und sich nach Belieben Stücke ihres Territoriums herausbrechen kann. Sein Gewaltakt soll aber auch die Ukraine unfähig machen, als unabhängiger Staat zu funktionieren. Selbst im Falle einer Waffenruhe oder eines russischen Rückzugs wird die Handlungsfähigkeit der Ukraine drastisch eingeschränkt, ihre Wirtschaft lahmgelegt und ihre Sicherheit kompromittiert. Die Ukraine als Klientelstaat der Nato in einer intensivierten geopolitischen Auseinandersetzung ist keine bessere Aussicht. Das wäre die Souveränität eines Schlachtfelds. Die andere Möglichkeit wäre, die Souveränität der Ukraine von einer Nato-Mitgliedschaft zu entkoppeln. Es gibt keine intrinsische Verbindung zwischen Europa und Nato, wie es die EU-Mitgliedschaft Österreich, Irland und Schweden zeigen - alles neutrale Staaten, keiner davon in der Nato. Am 24. Februar zeigt sich Präsident Selenski bereit, über die Neutralität der Ukraine im Austausch für Frieden zu verhandeln, und die könnte die beste Chance sein zu überleben, für ihn und die Ukraine."

Der atomaren Abschreckung ist seit jeher ein Moment des Wahnsinns eingeschrieben, erinnert Tom Stevenson in einem Text, der vor Russlands Einmarsch in die Ukraine erschien. Ihm zufolge waren es bisher allerdings die USA, die immer wieder mit dem Einsatz ihrer Atomwaffen drohten und für sich auch das Recht auf den atomaren Erstschlag herausnahmen. Vor allem sind sie nicht erst wieder wieder in Mode, seit Donald Trump drohte, Nordkorea 'mit Feuer und Zorn vollständig zu vernichten': "Das Gleichgewicht der Kräfte zwischen den Nuklearstaaten hat geschwankt. Die USA haben zu jeder Zeit die atomare Überlegenheit über andere Staaten angestrebt und in trüber Regelmäßigkeit mit dem Einsatz von Atomwaffen gedroht. Sie haben kein nachhaltiges Interesse an Rüstungskontrollverträgen und ihre Kriegspläne beinhalteten völkermörderische Erstschläge. Russlands Atomstreitkräfte waren in den 1990er und frühen 2000er Jahren im Niedergang begriffen. Seine atomar bewaffneten U-Boote waren in dieser Zeit größtenteils nicht einmal auf Patrouille. Doch in den letzten zehn Jahren hat Russland den Verfall zum Teil wieder rückgängig gemacht. Es hat viele kleinere taktische Atomwaffen beibehalten, angeblich aus Furcht vor einer Bodeninvasion aus dem Westen (und vielleicht dem Südosten). Seit den 1960er Jahren stützen sich die britischen Atomstreitkräfte auf von U-Booten abgefeuerte ballistische Raketen. Die Raketen werden von den USA geleast. Im März verpflichtete sich das Vereinigte Königreich, seine Atomwaffenbestände um 40 Prozent aufzustocken und damit den vier Jahrzehnte andauernden Abbau rückgängig zu machen."

Magazinrundschau vom 22.02.2022 - London Review of Books

Jennifer Otter Bickerdike bemüht sich in ihrer Nico-Biografie "You Are Beautiful and You Are Alone" wirklich, all die Stationen, Liebhaber und Koryphäen der Pop-Geschichte zu sortieren, die den Weg der charismatischen Christa Päffgen kreuzten, trotzdem verliert die Dichterin Lavinia Greenlaw immer wieder den Überblick. Paris, London, New York. Alain Delon, Jim Morrison, Brian Jones, Iggy Pop. Andy Warhols Factory, Musikhimmel, Drogengosse. Sympathischer wird ihr die Ikone auch nicht: "Sie hatte ein geschäftsmäßiges Verhältnis zu ihrem Aussehen, machte sich aber nicht die Mühe, ihre Verachtung für diejenigen zu verbergen, die nicht zu ihr passten. 'Ich war groß, ich war blond, und ich war würdevoll. Mehr braucht es nicht, um Wirkung zu erzielen. Nur kleine Menschen brauchen Technik. Andy Warhol hat Technik. Ich hatte keine.' Otter Bickerdike lässt die Spitze gegen Warhol unerwähnt, aber die Bemerkung zeigt Verachtung. Nico hatte eine Vorgeschichte rassistischer Äußerungen, die von ihren Biografen mit Begriffen wie Trauma, Zeitgeist, Ironie und dem Wunsch zu schockieren erklärt wurde, aber die Vorfälle häufen sich zu einer Virulenz, die sie nicht verdrängen wollte. Nico war das, was man heute 'extra' und früher 'too much' nannte. Ihr Verhältnis zu ihrer eigenen Anwesenheit macht sie so stark. Sie ist da und nicht da. Man kann den Blick nicht von ihr abwenden, hat aber nicht das Gefühl, sie richtig gesehen zu haben. Mary Woronov, die 1966 mit ihr im Rahmen von Warhols 'Exploding Plastic Inevitable' auftrat, beschwört sie als sexuellen Strudel: 'Sogar die Möbel ... stöhnten laut auf, wenn sie den Raum betrat. Ich hatte Stühle über den Teppich kriechen sehen, in der Hoffnung, dass sie sich darauf setzen würde. Ihre Schönheit war befremdlich, wie die von Chaucers Criseyde - so himmlisch perfekt, als wäre sie auf Erden geschickt woden, um die Natur zu verhöhnen. Es half nicht, dass sie andere Menschen eigentlich immer ein bisschen verachtete."

Weiteres: David Trotter findet Robert Gottliebs Greta-Garbo-Biografie wirklich faszinierend, muss aber zugeben, dass Gottlieb nichts Neues über das irdische Leben der Göttlichen zu berichten weiß.

Magazinrundschau vom 15.02.2022 - London Review of Books

Musab Younis liest einen ganze Reihe von neuen Antirassismus-Büchern, die den Rassismus nicht strukturell, sondern als individuelles Problem angehen ("Institutionen bestehen aus Individuen", meint Robin Di Angelo). Younis muss daran denken, dass ihm auf dem Schulhof nicht unbedingt die groben Beleidigungen am meisten zusetzten, sondern die weißen Kinder, die ihm empört Gemeinheiten von anderen zutrugen. Aber überhaupt ist ihm die Art von psychologisierendem Antirassimus nicht geheuer, der das große Ganze aus dem Blick verliere: "Auch wenn der Begriff 'Mikroaggression' den Rassismus in den westlichen Gesellschaften verharmlost, so drückt er doch genau die begrenzte Spannbreite des neuen Antirassismus aus. In diesem Zusammenhang wird die grenzüberschreitenden Makroaggressionen des Rassismus in seiner alten kolonialen Form oft übersehen. Die Kränkungen, die eine aus Haiti stammende Frau aus der Mittelschicht in den USA erleidet, stellen die systematische Verarmung des haitianischen Staates über zwei Jahrhunderte in den Schatten. Die globale Wohlstandsverteilung - es besteht ein Zusammenhang zwischen dem Wohnort und der Menge an Lebensmitteln, die Menschen auf dem Tisch haben - ist weit entfernt von dieser Art, über Rassismus zu denken, selbst wenn Grenzgebiete von Mexiko bis zum Mittelmeer von der Gewalt zeugen, die durch Ungleichheit erzwungen wird."

Magazinrundschau vom 08.02.2022 - London Review of Books

Jeremy Harding liest Erinnerungen Aziz BineBines an seine Haft im Foltergefängnis "Tazmamart" und reiht sie in die lange Geschichte der Überwachung und Repression in Marokko unter König Hassan II: "Aziz BineBines Buch über seine achtzehnjährige Inhaftierung ist ein intimer Erinnerungsbericht, der uns dennoch zwingt, über die Gefängnistore hinaus ein Jahrhundert der Unruhen in Marokko und die Entstehung der Kerkerkultur zu betrachten, der er zum Opfer fiel. BineBine war in Tazmamart inhaftiert, einer abgelegenen Einrichtung am Rande der Wüste. Er ist einer der wenigen Überlebenden von Tazmamart, die ihre Erfahrungen schriftlich festgehalten haben: Fast alle waren wie BineBine Soldaten oder Angehörige der Luftwaffe, die sich dem König entgegengestellt hatten. Tazmamart wurde 1973 eröffnet, um etwa sechzig Straftäter unterzubringen, von denen weniger als die Hälfte 1991 wieder auftauchte. Die übrigen starben dort, ohne Bewegung, Licht, essbare Nahrung, sauberes Wasser, Kleidung und Bettzeug, medizinische Versorgung und Rechtsbeistand. Sie verbrachten ihre Tage in unbeleuchteten Betonzellen mit Stahlgitterdecken. Über dem Gitter befand sich ein Dach aus Wellblech. Die 2,5 mal drei Meter großen Zellen waren von Ungeziefer befallen, auch Skorpionen. Im Sommer herrschten hohe Temperaturen, im Winter Kälte unter Null. Gelegentlich, so erinnert sich BineBine, ging man auf den sandigen Hof, um Kameraden zu begraben: ein kurzes Beten des Salat al-Janazah, ein verwirrender Blick in den Himmel und dann zurück in den Kerker, während die Wärter Branntkalk auf die flachen Gräber streuten."

Ein wenig verspätet, aber sehr ausführlich huldigt der Autor Jonathan Lethem seinem Science-fiction Vorbild Stanislaw Lem. Dessen große Romane - "Solaris", "Die Stimme des Herrn", "Fiasco" - haben Lethem zufolge der Suche nach Leben im All das Heroische genommen und als Zeugnis nihilistischer Eroberungswut entlarvt. Aber auch Lems Essays zeigen noch immer Durchschlagskraft, findet Lethem: "Als höchst ambitionierter Allesdenker scheut er sich nicht, Hegel abzutun ('ein totaler Idiot'), 'Die Enden der Parabel' ('ein völlig alberner Blindgänger') oder den Buddhismus ('ein furchterregender Anachronismus an Lehren und Unterweisungen'). Seine 'Summa Technologiae', ein sintflutartiges Magnum Opus des Futurismus und der spekulativen Philosophie, das er in seinen Wunderjahren zwischen 1961 und 1964 schrieb, wurde 2013 endlich auf Englisch veröffentlicht... Das Buch nimmt, unter anderem, Donna Haraway, Richard Dawkins, Timothy Morton und ganze Regale von Cyberpunk-Literatur und objektorientierter Ontologie vorweg."

Magazinrundschau vom 25.01.2022 - London Review of Books

Rivka Galchen liest zwei hervorragende Bücher zur Geschichte der Impfgegner, die sich, seit Großbritannien die Impfpflicht gegen Pocken einführte, auf drei Motive stützen: die Verunreinigung des Körpers, persönliche Freiheit und Skepsis gegenüber der Wissenschaft. Von Jonathan Bermans "Anti-Vaxxers. How to Challenge a Misinformed Movement" lernt Galchen, dass diese Kampagnen von Beginn an immer auch von Scharlatanen befeuert und finanziert wurden, die um ihre Einkünfte bangten. Wie man ihnen allerdings am besten beikommt, kann Berman nicht sagen: Für jeden wissenschaftlichen Artikel produziere die Gegenseite mittlerweile einen irreführenden Texte im selben Format. Noch hilfloser fühlt sie sich nach Lektüre des dennoch sehr lesenswerten Buchs "Stuck. How Vaccine Rumours Start - and Why They Don't Go Away" von Heidi Larson. Larson hat für die WHO gearbeitet und mitbekommen, wie Impfprogramme in Nigeria und Kolumbien durch haltlose Gerüchte zum Erliegen gebracht wurden: "Was hätte anders gemacht werden können? Die Bedenken von verängstigten Eltern lächerlich zu machen, dürfte nichts bringen, aber auf sie zu hören, wenn auch nur scheinbar, kann noch mehr Schaden anrichten. 1998 unterbrach die französische Regierung ihr Impfprogramm gegen Hepatitis B an den Schulen, um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass ihre Befürchtungen vor einem möglichen Link zu Multipler Sklerose ernst genommen werden. Die Impfraten fielen, am Ende waren selbst die französischen Ärzte verwirrt. Die große Mehrheit gab an, von der Sicherheit des Vakzins nicht überzeugt zu sein, zwei Drittel zweifelten an der Wirksamkeit. Etwas ähnliches passierte 2014 in Japan. Als Antwort auf wissenschaftlich unbegründete Befürchtungen von Müttergruppen senkte die Regierung ihre Impfpolitik in Bezug auf Gebärmutterhalskrebs (HPV) von 'aktiv' auf 'bei Bedarf erhältlich'. Die Nutzung des Angebots fiel bei Mädchen im Schulalter von siebzig auf 0,3 Prozent. Es gibt einen globalen wissenschaftlichen Konsens, dass die Impfstoffe gegen HPV sowie gegen Hepatitis B sicher und wirksam sind." (Sehr sehenswert auch die Dokumentation "Impfgegner - Wer profitiert von der Angst" auf arte.)

 Conor Gearty fürchtet, dass Britanniens Oberster Gerichtshof auch ohne Druck von der Regierung eine konservative Richtung eingeschlagen hätte: "Boris Johnsons Brexit-Regierung ist in vieler Hinsicht eine Übung in Nostalgie, die Suche nach dem verlorenen England, und der Supreme Court unter Lord Robert Reed ist ähnlich rückwärtsgewandt. Er ist zurückkehrt zu rechtlichem Formalismus und einer extrem engen Auffassung von Rechtstaatlichkeit, während er ein altmodisches Desinteresse für die gelebte Erfahrung derjenigen an den Tag legt, deren Not sie vor die Richterbank geführt hat."

Außerdem schreibt Wolfgang Streeck über Technopopulismus. Und Terry Eagleton bewundert Malcolm Bull trotz seines leichten Hangs zum Nihilismus.

Magazinrundschau vom 11.01.2022 - London Review of Books

Mit einem gewissen Amüsement liest Tim Parks Joseph Farrells Geschichte des Duells, mit dem über Jahrhunderte die Ehre des Edelmanns auf Leben und Tod verteidigt wurde, bis diese Sitte schließlich endete wie das Tieropfer: Keiner wusste mehr, wie es überhaupt angefangen hatte und was der ganze Unsinn sollte: "Farrell, Professor für Italienisch an der Universität von Strathclyde, beginnt sein Buch mit Giacomo Casanova, der sich 1766 mit Franciszek Branicki duellierte. Casanova war damals Anfang vierzig und hielt sich in Warschau auf, um sein Glück am polnischen Hof zu versuchen. Nach einer Theatervorstellung gerieten er und Branicki in Streit um die Gunst ein Tänzerin. Als Casanova nachgab, beschimpfte ihn Branicki als Feigling und noch dazu als venezianischen Feigling. 'Es gibt keinen Menschen', schrieb Casanova später, 'der ein Wort verzeihen kann, das seine Nation verleumdet'. Der Streit war trivial, aber nicht unbemerkt geblieben. Nachdem Casanova eine Nacht lang gegrübelt hatte, entschied er, dass Philosophie und Religion zwar zur Untätigkeit rieten, dass dies aber bedeuten würde, 'an keinem Hof mehr leben zu können' ... Duelle waren in Polen verboten und wurden mit dem Tode bestraft. Die geheimen Verhandlungen zur Vorbereitung des Treffens förderten daher eine gewisse Komplizenschaft zwischen den Kontrahenten. Sie wurden zu Komplizen eines Verbrechens, wenn auch eines, das die meisten ihrer Altersgenossen billigten und sogar bewunderten. Farrell bemerkt perplex, dass Casanova den Einsatz von Pistolen ablehnte, weil sie 'zu gefährlich' seien, aber schließlich einwilligte, als Branicki ihn darum bat, 'einem Freund diese Gunst zu erweisen'. Er zeigt sich auch verwundert über Casanovas Versuche, Branicki in Smalltalk zu verwickeln. Was ihn jedoch noch mehr staunen lässt: Nachdem die beiden Männer gleichzeitig aus der vorgeschriebenen Entfernung von zehn Schritten geschossen hatten, fiel Branicki mit einer Kugel in der Brust zu Boden, doch als  sein Sekundant mit gezogenem Schwert auf Casanova zustürmte, rief der Verwundete: 'Canaille, respectez ce cavalier'. Casanovas Ehre wurde von seinem Widersacher wiederhergestellt."
Stichwörter: Duelle, Casanova, Giacomo