Magazinrundschau - Archiv

Literaturen

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Magazinrundschau vom 28.10.2002 - Literaturen

Was geht in der modernen russischen Literatur vor sich? Diese Frage versucht Irina Prokhorova, Chefredakteurin der in Moskau erscheinenden "Neuen literarischen Revue", zu beantworten. Sie findet, dass "immer mehr junge Autoren russischer Abstammung ihre sowjetische Vergangenheit bereits in der Sprache der Länder, in denen sie leben" reflektieren. Sie nennt Andrej Makine in Frankreich, Gary Shteyngast in Amerika und "das Phänomen Wladimir Kaminer in Deutschland": Sie sind für sie Zeugen, "dass die moderne russische Dichtung neue, bisher nicht beschrittene Wege einschlägt, um sich in die globale intellektuelle Welt zu integrieren."

Gespannt werden Liebhaber des südafrikanischen Schriftstellers J.M. Coetzee die Rezension des neuen Coetzee-Buches "Die jungen Jahre" (Leseprobe hier) von Sigrid Löffler lesen, - und vielleicht etwas enttäuscht sein. Sigrid Löffler ist zwar angetan davon, wie der Protagonist - kein Ich-Erzähler sondern einfach nur "John" - aus der eigenen Kälte weniger herausfindet als sie zur Literatur macht. Dennoch bleibt auch ihre Rezension eher kühl wenn sie zugesteht, dass der Reiz dieses Buchs vor allem darin liegt, "dass der Leser den Ausgang kennt, der Held aber noch nicht".

Ansonsten wartet das Novemberheft mit dem Schwerpunkt Religion auf (Editorial); allerdings sind die Reflexionen von Thomas Macho, Friedrich Schorlemmer und Ulla Berkewicz beziehungsweise Arno Stadler zum Thema nur im Druck zu lesen. Ebenfalls nur im Druck auch das Gespräch mit der schottischen Schriftstellerin A. L. Kennedy, deren Gesicht das Cover schmückt; auch sie erweist sich, so wird es angekündigt, als von Religion geprägt: dem schottischen Calvinismus.

Magazinrundschau vom 30.09.2002 - Literaturen

Zeitgemäß oder nicht, jedenfalls ist das neueste Heft ausgerechnet im heiligen Büchermonat Oktober dem Schund gewidmet, frei nach Susan Sontag "Es ist gut, weil es furchtbar ist." Viel lesen darf man online nicht, so auch nicht das Streitgespräch zwischen Hera Lind und Bodo Kirchhoff.

Frau Löffler untersucht den Umsatz-Einbruch auf dem deutschen Buchmarkt, den sie vor allem den Konzernen anlastet. "Die Großen, namentlich Bertelsmann, Holtzbrinck und Axel Springer, schluckten, was sie kriegen konnten. Sie kauften Verlage gleich reihenweise auf ... Zwei bis vier Prozent Ertrag, wie es bisher rechtschaffener Verleger- und Buchhändler-Brauch gewesen war, sollten da nicht länger genügen." Kein Wunder, dass dabei keine attraktive Literatur gedeihen konnte. "Gefragt ist vielmehr das globalisierte Massenbuch, ein Lesestoff, der sich für eine möglichst 'kataraktartige Totalverwertung' eignet, so die Formel eines hohen Bertelsmanns - also leicht löslich und rückstandsfrei im Kopf, benutzerfreundlich, anwendungsorientiert, weltweit anschlussfähig und leserkompatibel, verfilmbar, besser noch: überhaupt multimedial weiter verformbar, womöglich mit großem Merchandising-Potenzial. Ein Stoff wie 'Harry Potter' eben." Doch damit, hofft Löffler, ist es jetzt hoffentlich erstmal vorbei.

In den Kolumnen verbreitet sich Richard David Precht über persönliche Bestenlisten und offizielle Lieblingsbücher, die ihn nerven; Franz Schuh schreibt über Giuseppe Ferrandinos Roman "Pericle der Schwarze", den er nicht mag, und Boris Langendorf stellt den schwäbischen Buchhändler Jäger vor, dessen erfolgreiche Buchhandlung zu 80 Prozent modernes Antiquariat anbietet. Doch diese 80 Prozent sind "keine lieblos zusammengeschütteten Billigbücher, sondern sorgfältig ausgewählte Titel, größtenteils Restbestände aus den Verlagshäusern, persönlich dort abgeholt und gut präsentiert".

Robin Detje berichtet "Mitten aus New York" von einem auf der erste Seite der "New York Times" versteckten Artikel über den wohl nicht so gelungenen Krieg in Afghanistan, von der Angemessenheit Orwell?scher Angst-Fantasien im heutigen post-11. September-Amerika, einer Schauergeschichte aus den Kinderzimmern der Superreichen und einer wirklichen Schriftstellerin, Paula Fox, deren "A Servant?s Tale" wieder aufgelgt wurde.

Als Bücher des Monats werden besprochen Richard Sennetts "Respekt", Georg Kleins "Von den Deutschen", Oriana Fallacis "Die Wut und der Stolz", Michel Houellebecqs "H.P. Lovekraft", Heinrich Harrers "Mein Leben" - und Christinae Zintzen "begräbt", wie es dramatisch heißt, in der Besprechung von Zoe Jennys "Ein schnelles Leben" eine "literarische Hoffnung".

Magazinrundschau vom 02.09.2002 - Literaturen

Das Schwerpunkt-Thema (Editorial) ist (mit vielen schönen Fotos) Hannah Arendt gewidmet, deren "Denktagebuch 1950-73" im Oktober erscheint, womit für Literaturen nun die letzte Publikationslücke im Arendt-Werk geschlossen ist. Für den Philosophen Dieter Thomä (mehr hier), der das Buch bespricht, birgt es einen Schatz, "den man (ausnahmsweise zu recht) spektakulär nennen kann". Arendts Denktagebuch nämlich habe nun "Seiten ihres Denkens aus der Vergangenheit hervorgeholt", die sie selbst vergessen zu haben schien. Thomä, der den editorischen Kraftakt der Herausgeberinnen bewundert, gibt ihnen auch darin recht, dass das Denktagebuch für die Arendt-Interpretation in Zukunft einen hohen Stellenwert haben wird.

Mehr zu Arendt: Hanna Leitgeb hat sich mit Hannah Arendts Ehen und Liebesbeziehungen zu verschiedenen berühmten Denkern ihrer Zeit befasst. Michael Walzer (mehr hier) erläutert die Bedeutung von Hannah Arendts Werk für das 20. und 21. Jahrhundert. Hans Mommsen und Daniel Cohn-Bendit unterhalten sich über Hannah Arendt, ihre Ausstrahlung, ihr Werk und dessen verzögerte Rezeption in Deutschland. Christian Geulen (mehr hier) schreibt über die Praxis von Hannah Arendts politischer Theorie. Axel Honneth (mehr hier) besieht die Jahrhundert-Bedeutung ihres Werks aus der deutschen Perspektive. Und Slavoij Zizek sagt schließlich: "Hanna Arendt? Nein danke!"

Der September-Wahltag hat auch Literaturen nicht unbeeindruckt gelassen, weshalb das Journal Werner A. Perger, politischer Redakteur bei der Zeit, um einen Beitrag zum Thema bat. Angesichts der Aussicht, der nächste Kanzler könne womöglich Edmund Stoiber heißen ("eine rundum inszenierte Kunstfigur") stellt Perger eine Reihe von Fragen: Hatten die Rot-Grünen in ihrer vierjährigen Probe- und Bewährungszeit einfach zuviel Pech ("von Lafontaine bis Scharping, von BSE/MKS bis zum 11. September, vom Kosovo-Krieg bis zur Kapitalismus-Krise")? Haben die Schröders und Fischers schlicht und einfach versagt, "so wie es die Alten ihnen seit jeher prophezeit haben?" Dass diese Fragen die Regierung seit 1998 ständig begleitet hat, betrachtet Perger als "deutsche Spezialität". Nirgendwo sonst sei Politik auf diesem Niveau diskreditiert worden. "Es war, als wollten die Stützen der alten Gesellschaft sich für die Umbrüche der sechziger Jahre doch noch revanchieren. Den Neuen verweigerte man jede Schonzeit. Hinzu kam, dass diese Regierung, auch der Kanzler, sich in einer Unreife präsentierte, die alle Erwartungen übertraf."

Weitere Artikel: Heinrich Detering portätiert Per Olov Enquist, weil ihm die Neuausgabe seines 1964 zuerst erschienen Romans "Der fünfte Winter des Magnetiseurs" gezeigt hat, dass dieser Schriftsteller zu den besten Europas gehört. Sigrid Löffler hat Ian McEwan daheim in Oxford besucht, und Ludwig Amman hat aktuelle Reiseberichte aus der islamischen Welt gelesen, die "ohne Blauäugigkeit und ohne Ressentiment" ihr Thema bearbeiten, darunter Peter Levis "Im Garten des Lichts. Mit Bruce Chatwin durch Afghanistan".

Magazinrundschau vom 24.06.2002 - Literaturen

Hier kommt Sigrid Löfflers Kommentar zur Walser-Debatte. Nachdem der Sturm sich gelegt hat, kann sie "Tod eines Kritikers" in aller Ruhe sezieren und feststellen: "Walsers Buch ist kein Skandal. Es ist weder antisemitisch noch ein Dokument des Hasses. Es ist ein Dokument der gekränkten, aber umso besesseneren Hassliebe eines Autors zu seinem lebenslangen Leibkritiker und Intimfeind - und insofern unklug; es ist eine ins Dämonische verzerrte Bloßstellung aller wohlbekannten Charakterschwächen und menschlichen Defizite dieses Kritikers - und insofern degoutant ... es ist eine Entlarvung der Mechanismen des Literatur- und Medienbetriebs unter den Bedingungen des Fernsehens - und insofern gnadenlos klug und fast prophetisch." Prophetisch, weil Walser eben jene medialen Prozesse der Ausschließung und Diffamierung analysiere, deren Opfer er nun selbst geworden sei.

Löffler porträtiert auch Jonathan Franzen und kommt wie der Spiegel auf seinen Zusammenstoß mit der Oprah-Winfrey-Show zu sprechen: "Franzens Analyse der totalen Macht des Fernsehens auf Kosten der literarischen Kultur wird durch den empörten Wirbel, den sein Widerstand auslöste, auf paradoxe Weise bestätigt. In der öffentlichen Meinung hat das Fernsehen natürlich gesiegt. Aber gerade weil er als Verteidiger der Buchkultur allseits ins Unrecht gesetzt wurde, behielt Franzen Recht." In einer Beilage bringt das Magazin auch Franzens kulturkritischen Essay "Vielleicht auch träumen" von 1996 erstmals auf Deutsch.

125 Jahre Hesse - Robin Detje memoriert seine "Siddhartha"-Lektüre ("im Schatten von Helmut Schmidt") und stößt auf erschreckende Parallelen zum Zeitgeschehen: "Da weigert sich ein junger Mann immerhin beständig, seinen Lehrern zu trauen, und zeigt selbst Buddha persönlich eine Lücke in dessen Lehre auf, wenn auch demütig. Die Jugend von heute wüsste sich das allerdings zu übersetzen und würde sofort zur Pump Gun greifen. Wehret den Anfängen. Der junge Herr Siddhartha ist auf seine Weise ein Terrorist und Selbstfindungs-Terminator." Ist es nicht ganz erstaunlich, überlegt Detje, "wie viel spirituellen Ehrgeiz der Kollege S. zwecks Erlangung der reinen Ehrgeizlosigkeit aufwenden musste? War er nicht vielleicht doch bloß ein kleiner heiliger Schnösel, den eine Backpfeife von Helmut Schmidt und ein dicker Band Karl Popper wieder auf den richtigen Weg gebracht hätten?"

Ferner im Sommer-Doppelheft: Ein großes Dossier über Städte mit Texten von Georg Klein, Juan Goytisolo, Ulrike Draesner und vielen anderen. Franz Schuhs Besprechung eines launigen Krimis von Driss Chraïbi, Henning Klüvers Gedanken über die Zusammenhänge von Politik und Literatur in Italien, sowie Nicolas Pethes' Ausführungen zur Wirkungsweise des Medical Thrillers.

Magazinrundschau vom 21.05.2002 - Literaturen

Schwerpunktthema ist in diesem Monat Afrika. Unter anderem findet sich ein Gespräch zwischen dem angolanischen Journalist Emanuel Matondo und dem deutschen Schriftsteller Uwe Timm über das Verhältnis von afrikanischen und europäischen Intellektuellen, ein Text von Hans-Christoph Buch über den Hintergrund von Joseph Conrads "Herz der Finsternis" und ein Porträt des somalischen Autors Nuruddin Farah von Sigrid Löffler - nichts davon ist leider online zugänglich. Lesen darf man aber ein Gespräch mit demEthno-Psychoanalytiker Paul Parin, der unter anderem erklärt, was man können muss, wenn man in Afrika auf Expeditionen geht: Autos reparieren. Das Beispiel von Bernhard Grzimek hatte sie gewarnt. "Der schrieb in seinem ersten Afrika-Buch, dass er den Hauptteil seiner Expeditionszeit in Autogaragen verbracht hatte. Also lernten Fritz Morgenthaler und ich, bevor wir losgefahren sind, von Grund auf Automechanik. Wir sind im Ganzen knapp vier Jahre in Afrika unterwegs gewesen und mussten so gut wie nie in eine Werkstatt. Wir konnten unseren Jeep komplett auseinander nehmen und wieder zusammensetzen."

Magazinrundschau vom 29.04.2002 - Literaturen

Für den Schwerpunkt Deutsche Mythen (hier das Geleitwort) lädt Literaturen Günter Grass zum Gespräch mit den Historikern Michael Jeismann und Karl Schlögel. Es geht um die Mythen der deutschen Vertreibung und die Literatur als Vorreiterin der Geschichtsschreibung. Im Dossier auch ein Beitrag über die Neuausgabe von Kriegs-Briefen Hans Erich Nossacks sowie ein Selbstgespräch des Dramatikers Moritz Rinke über sein tollkühnes Projekt, die Nibelungen neu zu schreiben.

Im einzigen freigegebenen Beitrag erzählt Ulrich Baron das sehr amerikanische Erfolgsmärchen der Krimiautorin Patricia Cornwell und ihrer Romane um die Chef-Leichenbeschauerin Kay Scarpetta, für die Cornwell schon mal selbst das Skalpell in die Hand nimmt und die Baron vor allem für ihre "Rigidität und Aggressivität des Tonfalls" schätzt. Für Baron, dem die Gemeinsamkeiten der Karriere Cornwells und derjenigen ihrer Heldin auffallen, erzählt jedes der Scarpetta-Bücher immer wieder die dieselben zwei Geschichten. "Die eine ist die weibliche Version der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, und dabei geht es um das Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach dem Glück. Die andere ist älter und hat einst auf populäre Weise von der Eitelkeit dieses Strebens erzählt, von Hybris und Nemesis, vom Totentanz, dem sich auch die Reichen, die Erfolgreichen und die Mächtigen dieser Welt eines Tages einreihen müssen."

Ferner: Ulrich Schacht besucht die Literatur-Insel Island, Robin Detje ereifert sich über das neue Berliner Hofschranzentum, Ian Buruma schreibt über den Dalai Lama als virtuelles Phänomen, und bespochen werden Heinz Schlaffers Kurze Geschichte der Literatur (lauter "falsche Thesen"), eine brandaktuelle Studie über das Erziehungssystem aus dem Nachlass Niklas Luhmanns sowie Erzählungen der Kanadierin Alice Munro.

Magazinrundschau vom 25.03.2002 - Literaturen

Literaturen hält es mit der Entschleunigung, wie im Editorial zu lesen ist, mit einem vom Buchmarkt verschiedenen Wahrnehmungsrhythmus. Wie zur Bekräftigung dessen liefert das Aprilheft einen Fontane-Schwerpunkt. Darin: Eine politische Neudeutung der "Effi Briest", Burkhard Spinnens Blick auf Fontanes Frauenfiguren (als Pionierinnen des modernen Bewusstseins) und eine Besprechung der jüngst erschienenen Korrespondenz zwischen Fontane und seiner "Epipsyche", Tochter Martha ("Mete"). Eine editorische Höchstleistung auf dem weiten Feld des bisher unerforschten Beziehungsgeflechts der Familienmitglieder und Freunde, wie Sibylle Wirsing zu verstehen gibt, und eine Revidierung früherer Lesarten, in denen die Mete-Briefe konventionell als "Reflexe" auf Fontanes Person und Werk gedeutet wurden. "Man gewahrt die Tochter im Bann des Vaters. Ihr Frühwerk in Briefen ohne spätere Folgen ist das Gesellenstück einer Anverwandlung. Vom instinktiven Nachzwitschern kann keine Rede sein. Die Zwanzigjährige hat es geschafft, dem Sechzigjährigen zum Verwechseln zu gleichen."

Außerdem in Literaturen: Ein Portrait des norwegischen Schriftstellers Jan Kjaerstad, Gundel Mattenklott entdeckt in einem isländischen Kinderbuch Parallelen zum Kleinen Prinzen, Franz Schuh schreibt über die Diskrepanz zwischen literarischem Anspruch und Krimi-Schema bei Eugenio Fuentes, und Peter Demetz stellt Hitler-Literatur auf den Prüftstand.

Rezensionen gibt's u.a. zu Anatolij Kusnezows Roman-Dokument "Babij Jar", zu Michael Lentz' Prosaband "muttersterben", zu Lebenserinnerungen von Balthus und Oliver Sacks sowie zu Autorenratgebern.

Magazinrundschau vom 11.03.2002 - Literaturen

"Die Amerikaner kommen". Gemeint ist nicht etwa ein Antiterror-Bataillon, sondern die junge amerikanische Literatur. Literaturen widmet ihr einen Schwerpunkt. Unter anderem mit einem Beitrag Willi Winklers über das theologische Moment in Jonathan Franzens Roman "The Corrections" und einem Porträt des Autors Richard Powers ("Galatea 2.2.", "Schattenflucht"), der in den USA als erster Epiker des digitalen Zeitalters gehandelt wird und den Jan Bürger für einen wahren Tausendsassa hält. "Unerhört geistreich" nutze er die Erzähltechniken der klassischen Moderne zur Beschreibung von Problemen des 21. Jahrhunderts. "Während alle Welt nach verfilmbaren Büchern eifert, zielt er gerade auf das ab, was das Kamera-Auge nicht einfangen kann: komplexe psychische, gesellschaftliche und technische Muster."

In einem anderen Beitrag stellt Michael Maar eine Studie des britischen Autors Gilbert Adair vor: "The Real Tadzio" befasst sich mit dem "Nachleben" des Wladyslaw Moes, Vorbild für Thomas Manns Figur aus dem "Tod in Venedig". Verblüfft stellt Maar fest: "'Adzio', Kurzform für Wladzio, hatte ein Loch in der Lunge, wurde aber sechsundachtzig Jahre alt." Nicht weniger erstaunlich der Umstand, dass Moes' Wunsch, kurz vor seinem Tod noch einmal Venedig zu besuchen, ausgerechnet von einer Cholera-Warnung vereitelt wurde.

Ferner (und nur im Heft): Sigrid Löffler untersucht die Wandlung von Tolkiens "Herr der Ringe" vom privaten Spleen zum globalen Event, Hans Ulrich Gumbrecht erkundet die "monumentalisierte Zeit" in den Bildern Edward Hoppers, Hajo Steinert porträtiert John Irving. Und besprochen werden Handkes "Bildverlust", Houellebecqs "Plattform" (Robin Detje würde den Autor am liebsten anzeigen) sowie Christa Wolfs Erzählung "Leibhaftig".