Nuruddin Farah

Vater Mensch

Roman
Frederking und Thaler Verlag, München 2001
ISBN 9783894058081
Gebunden, 283 Seiten, 20,45 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Klaus Pemsel. Deeriye, die Hauptfigur in "Vater Mensch", ist ein Held des somalischen Widerstandes, der während der italienischen Kolonialherrschaft viele Jahre im Gefängnis verbringen musste. Inzwischen ist er alt und krank und lebt zurückgezogen im Haus seines Sohnes Mursal, eines Juraprofessors, und dessen amerikanischer Ehefrau. Mursal wird zur intellektuell treibenden Kraft einer kleinen oppositionellen Gruppe im Untergrund. Aber als die Aktionen der Verschwörer scheitern und Mursal durch die Hände der Sicherheitskräfte des Generals stirbt, entschließt sich Deeriye, der sein Leben lang Gewalt verabscheut hat, die Gerechtigkeit in eigene Hände zu nehmen. Er riskiert ein verzweifeltes Attentat auf den General...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2002

Die Auseinandersetzung mit der islamischen Kultur und Religion hat Konjunktur. Martin Halter ist nach Lektüre der Romane "Tochter Frau" und "Vater Mensch" von Nuruddin Farah der Meinung, dass man sich bei ihm über die Wurzeln und Opfer des fundamentalistischen Terrors in islamischen Gesellschaften weit besser informieren kann als bei "unseren Scholl-Latours", selbst wenn die beiden Romane fast zwanzig Jahre alt sind und erst jetzt - aus aktuellem Anlass - einen Verlag gefunden haben. Mit "Bruder Zwilling", im Vorjahr erschienen, liegt nun Farahs Trilogie aus den achtziger Jahren komplett vor.
Auch in dem Roman "Vater Mensch" spielt der aus Somalia stammende Autor - laut Martin Halter seit längerem übrigens als Anwärter auf den Literaturnobelpreis gehandelt - politische Fragen "im Binnenraum der Familie" durch. Wo hört der gerechte Krieg auf, wann schlägt er in Prinzipienreiterei und Terrorismus um - diese Fragen plagen den Protagonisten dieses Romans, der noch zur Generation der Kolonialkriegskämpfer gehört. Weil er die blinde Wut und den Fanatismus seines Sohnes nicht nachvollziehen kann, gerät er in Loyalitätskonflikte. Obwohl Farah westliche Vorbilder wie Joyce oder Brecht zitiert, ist er ganz der mündlichen Erzähltradition verhaftet, charakterisiert Halter Farahs Schreibweise. Sein synkretistischer Stil speise sich ebenso aus einer animistischen Weltanschauung, somalischen Märchen, arabischer Lyrik wie der Literatur der Europäer. Leider werde die Übersetzung diesem blumigen, reichen Stil nicht gerecht, sondern komme häufig hölzern daher. Darüber hinaus vermisst Halter ein Glossar. Doch trotz dieser Kritikpunkte möchte er Farahs Romane allen ans Herz legen.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 26.01.2002

Nuruddin Farah, 1945 im südsomalischen Baidoa geboren, zählt seit langem, weiß Angela Schader, zu den "geschätzesten" Autoren Afrikas. Sein kritisches schriftstellerisches Engagement führte ihn 1974 ins Exil. Seither hat er eine ganze Reihe von Werken verfasst, die sich mit dem Zustand seines kriegs- und krisengeschüttelten Landes befassen. Seine beiden Hauptwerke, die Trilogien "Variationen über das Thema einer afrikanischen Diktatur" mit den Teilbänden "Bruder Zwilling", "Tochter Frau" und "Vater Mensch" sowie der zweite Triptychon mit den Bänden "Maps", "Duniyas Gaben" und "Geheimnisse" liegen nun zur Freude der Rezensentin vollständig im Deutschen vor. In einer sehr langen Besprechung hat sich Schader mit dem zweiten und dritten Band der ersten Trilogie sowie dem mittleren Band der zweiten Trilogie auseinandergesetzt. Beide Werkgruppen, ist der Rezensentin aufgefallen, kreisen um die Themen Diktatur und Exil. Die Trilogie, deren dritten Band "Vater Mensch" bildet, begreift Schader als "vielschichtige künstlerische Replik der realen Scheinwelt", die sich in Somalia aus dem diffusen Zusammenspiel von Marxismus, Clanherrschaft, oppositionellen Untergrund und in- und ausländischen Abhängigkeiten zusammensetze. In "Vater Mensch" ist ein Mann, der greise Deeriye, die Hauptfigur. Hier geht es, informiert Schader, um die Lebensgeschichte dieses 1912 geborenen Protagonisten, die sowohl die Kolonialzeit, als auch den Unabhängigkeitskampf, die Zersetzung der jungen Nation und schließlich die Diktatur Barres umfasst. Deeriye ist kein aktiver Kämpfer, sondern während seiner zwölfjährigen Haft zur "Ikone für die spätere Generation von Widerstandskämpfern" geworden, einer, der eigentlich den Gesetzen des Islam folgt und für Gewaltfreiheit plädiert, aber am Ende, nach dem gewaltsamen Tod seines Sohnes, doch zur Waffe greift. Der Roman, in den frühen achtziger Jahren verfasst, ist, meint Schader, aktueller denn je. Denn gerade in jüngster Zeit werde die Grenze zwischen "Terrorist" und "Widerstandskämpfer" unklar gezogen. Und Farah zeigt, so Schader, sehr exemplarisch, wie Umdeutungsprozesse solcher Begriffe funktionieren.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.12.2001

Zwei Romane des Somaliers Nurrudin Farah sind jetzt parallel auf deutsch erschienen und beide gehören, wie Ilja Trojanow erläutert, zwei unterschiedlichen Trilogien an, die jetzt jeweils komplett übersetzt vorliegen: "Dunijas Gaben" (Suhrkamp) und "Vater Mensch" (Frederking und Thaler).
Trojanow geht in seiner Besprechung vor allem auf "Duniyas Gaben " ein, das Mittelstück aus einer Trilogie, zu der noch "Maps" und "Geheimnisse" gehören. Variationen zum Thema afrikanische Familie, benennt Trojanow das Oberthema. Gilt zu Beginn die Familie als Hort der Sicherheit und Gegenpol zum politischen Geschehen, das von Willkür bestimmt ist, bekommt der Gehorsam des Clandenkens im Laufe der Trilogie etwas Grausames, analysiert der Rezensent. Vor allem Kinder und Frauen komme dieses Denken teuer zu stehen. Trojanow bezeichnet Farahs Romane als weder exotisch noch folkloristisch - sie pflegen, wie er meint, "einen etwas überhöhten intellektuellen Diskurs". Der Somalier lebt seit vielen Jahren im Exil - und kehrt literarisch immer wieder in seine Heimat zurück, mit dem Blick des Gebildeten und Herumgekommenen, der für Trojanow den Besonderheiten seines Landes ein "anthropologisches Lehrstück" abgewinnt.
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