Magazinrundschau - Archiv

La vie des idees

181 Presseschau-Absätze - Seite 16 von 19

Magazinrundschau vom 13.03.2012 - La vie des idees

Fabien Truong vergleicht in einem Essay Gemeinsamkeiten und Unterschiede, mit denen die US-amerikanische Fernsehserie "The Wire" von David Simon und die Publikation "La Force de l'ordre" von Didier Fassin - eine Art Anthropologie der französischen Polizei - auf die jeweilige Arbeit der Polizeikräfte in sozialen Brennpunkten und verarmten Stadtbezirken schaut. "Was sie uns zeigen ist erstens, dass die tägliche Polizeiarbeit als eine potenziell delegitimierende Tragikomödie wahrgenommen wird, da sie das heroische und aufwertende Bild des Polizeibeamten in Frage stellt; zweitens, dass die Polizisten gleichwohl über einen starken Glauben an die Rechtmäßigkeit ihres Einsatzes und ein mobilisierendes Berufsethos verfügen müssen, um die Widersprüche ihrer Einsätze zu verkraften; und drittens, dass man sich nicht mit der Polizei beschäftigen kann, ohne Politik zu machen."

Magazinrundschau vom 28.02.2012 - La vie des idees

In einem sehr interessanten und ausführlichen Gespräch (Teil 1 und Teil 2) mit Nicolas Delalande wirbt der in Montreal lehrende Historiker Anastassios Anastassiadis für Verstädnnis für Griechenlands heutige Probleme: Sie resultierten unter anderem daraus, dass Griechenland im 20. Jahrhundert noch mehr als die meisten anderen europäischen Länder von Kriegen und Bürgerkriegen traumatisiert wurde, an denen die Deutschen bekanntlich nicht ganz unschuldig waren: "Die Zeit der Besatzung war entsetzlich, die griechische Widerstand sehr stark. Er verlängerte sich in einen mörderischen Bürgerkrieg, den ersten wirklichen Konflikt des Kalten Krieges. Während der Rest Europas (zumindest im Westen) nach 1946 mithilfe des Marshall-Plans an seinen Wiederaufbau ging, hat der selbe Plan in Griechnland bloß zur Finanzierung des Bürgerkriegs gedient, der bis 1949 dauerte. Erst 1950 konnte der Wiederaufbau angegangen werden, bevor das Land dann 1967 in die Militärdiktatur taumelte."

Magazinrundschau vom 21.02.2012 - La vie des idees

Vor dreißig Jahren bereits hat das syrische Regime in einer Aktion, die an der Weltöffentlichkeit vorbeiging, in der Stadt Hama Tausende Oppositionelle umbegracht. Nora Benkorich erzählt in einem Text, der auch Licht auf die aktuelle Situation wirft, die Geschichte dieses Massakers. Die Grundkonstellation war damals eine gänzlich andere als heute, schreibt sie, weil die aktuelle Opposition mehrheitlich friedlich agiert. "Im Gegensatz dazu waren die Akteure der Schlacht von Februar 1982 Dschihadisten, die einen Gottesstaat errichten wollten... Die Tragödie von Hama kam nicht aus dem Nichts. Sie ist der Gipfelpunkt eines 1976 lancierten bewaffneten Kampfes, der von einer dschihadistischen Untergrundbewegung ausging, die unter dem Namen 'Bewaffnete Avantgarde der Muslimbrüder' bekannt war, obwohl sie mit den Muslimbrüdern eigentlich gar nichts zu tun hatte." Hama galt zugleich als die syrische Hochburg der Muslimbrüder, die auf diese Weise dezimiert wurden.

Magazinrundschau vom 25.10.2011 - La vie des idees

Enrique Klaus schreibt in La Vie des idees einen kenntnisreichen Hintergrundartikel über die Rolle der staatlichen und privaten Presse und des Internets in der ägyptischen Revolution. Nebenbei erfährt man, wie die private Presse unter dem Mubarak-Regime, trotz einer gewissen Offenheit, gegängelt wurde: "Das Quasi-Monopol der Al-Ahram Advertising Company auf dem Anzeigenmarkt erlaubt es den staatlichen Zeitungen, sich den Löwenanteil der Werbeeinnahmen zuzuschanzen, während die so genannte Oppositionspresse (ob sie parteigebunden oder unabhängig war) stets in einer heiklen finanziellen Lage lebte. Lange Zeit waren auch die Staatsdruckereien die einzigen, die Zeitungen drucken durften, so dass missliebige Ausgaben leicht in der Druckerei zurückgehalten werden konnten."
Stichwörter: Monopole

Magazinrundschau vom 28.06.2011 - La vie des idees

Sylvain Parasie beschäftigt sich mit dem sich zunehmend ausweitenden "Datenjournalismus", der sich aus den vielfältigen Tätigkeiten von Programmierern, Website-Betreibern und Open-Data-Aktivisten entwickelt hat. "In ihren Augen ist der Computer nicht nur ein geeignetes Werkzeug, um die journalitische Arbeit zu vereinfachen und effizienter zu machen. Vielmehr kann er ihrer Ansicht nach das Wesen journalistischer Arbeit zutiefst verändern, indem er einen anderen Ansatz zu Ereignis und Information begründet ... Der Beruf des Journalisten entstand historisch, indem er die journalistischen Kompetenzen im eigentlichen Sinne - sammeln, analysieren, redigieren - von den technischen Kompetenzen der dazugehörigen Medien - Presse, Fernsehen, Radio und Web - unterschied. Es ist exakt diese Unterscheidung, die diese neuen Fachleute in der Figur des Programmierers/Journalisten gründlich in Frage stellen und verschieben."
Stichwörter: Datenjournalismus, Open Data

Magazinrundschau vom 07.06.2011 - La vie des idees

Unter der Überschrift "Die israelische Verlockung des Verzichts auf die Vergangenheit" beschäftigt sich der in Jerusalem lehrende Linguist Cyril Aslanov ausführlich Essay mit der Frage, aus welchen Gründen Romane aus Israel in Europa so erfolgreich sind. An ihrer literarischen Qualität alleine könne es nicht liegen, meint er, vielmehr spiele neben einem gewissen Orientalismus auch eine verzerrte Optik eine Rolle. Aslanov schreibt unter anderem: "Wenn die Rolle von Amos Oz als Wortführer der israelischen Linken auch unleugbar ist, ist sein Erfolg im Ausland teilweise einer Überakzentuierung seines politischen Engagements geschuldet. Die europäischen Medien versuchen, ihn vor allem als einen militanten Humanisten und Pazifisten darzustellen, als Gefangenen eines Staats, der als zynisch und kriegstreiberisch wahrgenommen wird. Der taube Dialog zwischen dem Schrifsteller und den Lesern ... leistet einem viel allgemeineren Missverständnis Vorschub, der sich in der Rezeption von Amos Oz, A. B. Yehoshua und David Grossman durch die europäischen Leser zeigt, welche die Tendenz haben, diese Autoren als viel pazifistischer wahrzunehmen, als sie in Wirklichkeit sind."

Magazinrundschau vom 16.11.2010 - La vie des idees

Olivier Alexandre bespricht eine soziologische Studie von Laurent Jullier und Jean-Marc Leveratto über Cineasten und Filmkunst ("Cinephiles et Cinephilies", Armand Colin). Ausgehend von einer Rezeptions- und Wirkungsgeschichte des bewegten Bilds entwickeln sie eine Art zeitgemäße Präzisierung der inzwischen zunehmend privatisierten Sehgewohnheiten: Die Liebe zum Kino, so die These, lasse sich nicht mehr mit Kennerschaft oder Wissen erklären und auch nicht mehr auf die Anzahl von Kinobesuchen reduzieren. "In diesem Kino-Universum 2.0 weichen die klassischen Unterscheidungen (Autorenfilme/kommerzielle Film, Kino/Fernsehen, Paris/Provinz, Form/Inhalt, männlicher Raum des Kinos vs. weiblicher Raum des Wohnzimmers etc.) einer von Mitbestimmung geprägten und relativistischen Zusammengewürfeltheit. 'Star Wars', Videoclips, die Mashups auf Youtube oder der letzte Autorenfilm, der auf dem koreanischen Filmfest von Pusan ausgezeichnet wurde - als dies wird unterschiedslos von Zuschauern konsumiert, die von einem Filmobjekt zum nächsten springen, mit dem einzigen Ziel, Spaß aus ihren Umherreisereien zu ziehen."

Magazinrundschau vom 02.11.2010 - La vie des idees

Jean-Christian Vinel bespricht ausführlich, wenn auch kritisch Michael Berubes Buch "The Left at War". Darin plädiert der Kulturwissenschaftler Berube für mehr Gramsci und weniger Chomsky, denn dieser habe die Linke im Gefolge des 11. Septembers in eine Sackgasse geführt: "Laut Berube war die Friedensbewegung während der Bush-Ära buchstäblich gelähmt durch die Maßlosigkeit derer, die er im Gegensatz zur 'demokratischen' die 'manichäische Linke' nennt: 'Die Auswirkungen auf das linke Denken in den USA waren verheerend. Genau in dem Moment, als Amerika einen energischen und breiten Widerspruch zu den Verheerungen des Bush-Cheney-Regimes gebraucht hätte, trat die manichäische Linke mit der Kritik hervor, Amerika sei für die Entstehung von al-Qaida verantwortlich, der Krieg in Afghanistan eine der groteskesten Handlungen der Zeitgeschichte und jeder, der diese Beurteilungen nicht teilt, entweder ein Apologet oder ein Idiot.'" Vinel ist überhaupt nicht damit einverstanden, die Linke so zu unterteilen, meint aber: "Ohne Zweifel hat Berube recht, dass die linken Intellektuellen zwischen 2001 und 2002 die Gelegenheit verpassten, Nutzen aus dem Kontext des Krieges gegen die Taliban zu ziehen, um amerikanische Werte zu bestärken: Frauenrechte, Schwulenrechte, Abtreibung, freie Meinungsäußerung, alles Themen, die die amerikanische Rechte in Verlegenheit gebracht hätte. Denn damals erklärten noch Prediger wie Jerry Falwell und Pat Robertson, dass der 11. September eine göttliche Antwort auf die Exzesse des liberalen Amerikas war."

Magazinrundschau vom 17.08.2010 - La vie des idees

Muss man sich zwischen Gandhi und Lenin entscheiden, wenn man die Befreiung eines unterdrückten Volkes oder einer Bevölkerungsgruppe erreichen will? Mit dieser Fragestellung, der eine Unterscheidung von legitimer und illegitimer Gewalt zugrunde liegt, eröffnet Sylvie Laurent ihren ausführlichen Essay über die Frage, ob Gewaltlosigkeit überhaupt möglich ist, und entwickelt ihre Untersuchung entlang der Vorstellungen von Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Nelson Mandela. Am Ende lässt sie resümierend die Anthropologin Francoise Heritier zu Wort kommen: "Ohne Ideale gibt es weder Befreiung noch Widerstand gegen die schlimmsten Formen von Gewalt, vor allem aber keinen kollektiven Widerstand; und dennoch kann es keine Garantie bezüglich eines 'guten' oder 'schlechten Gebrauchs' von Idealen geben. Besser gesagt gibt es sicherlich Abstufungen in der Gewalt, mit der Ideale formuliert und umgesetzt werden, aber keinen Grad null. Deshalb gibt es keine Gewaltlosigkeit."

Magazinrundschau vom 06.07.2010 - La vie des idees

In seinem Buch "Les metamorphoses du gras", einer Kulturgeschichte der Fettleibigkeit, untersucht Georges Vigarello Körper- und Schönheitsbilder seit dem Mittelalter, in dem Gefräßigkeit verurteilt wurde, bis zur Gegenwart, die von Übergewicht geradezu besessen ist. Dickleibigkeit, so sein Befund, hat immer Kritik erregt und ist Teil der Logik sozialer Unterscheidung. So ist etwa in bestimmten Berufsgruppen wie bei Metzgern Übergewicht tolerierter als in anderen und steht quasi symbolisch für das, was sie verkaufen. Rezensent Thibaut de Saint Pol schreibt: "Der Autor vermerkt auch, dass Übergewicht beim weiblichen Körper viel strenger beurteilt wird, während es bei Männern deutlich stärker toleriert wird, weil Umfang häufiger den sozialen Status übersetzt. Weibliche Schönheit, für die Korpulenz ein wesentliches Merkmal ist, erscheint folglich als 'dekorative Schönheit', für den Empfang und das 'Innen' gemacht, im Gegensatz zur männlichen Erscheinung, die sich ans 'Außen' richtet und an der man vor allem Kraft würdigt."