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Sönke Neitzel, Harald Welzer

Soldaten

Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben
Cover: Soldaten
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011
ISBN 9783100894342
Gebunden, 512 Seiten, 22,95 EUR

Klappentext

Dieses Buch legt auf der Basis von 150.000 Seiten Abhörprotokollen erstmals eine überzeugende Mentalitätsgeschichte des Krieges vor. In von Briten und Amerikanern eigens eingerichteten Lagern wurden deutsche Kriegsgefangene aller Ränge und Waffengattungen heimlich abgehört. Sie sprachen über militärische Geheimnisse, über ihre Sicht auf die Gegner, auf die eigene Führung und auf die Judenvernichtung. Das Buch zeigt die Kriegswahrnehmung von Soldaten in historischer Echtzeit und vermittelt eine faszinierende und erschreckende Innenansicht des Zweiten Weltkriegs durch jene Soldaten, die große Teile Europas verwüsteten. Zudem wird im Vergleich zu anderen Kriegen herausgearbeitet, was am Fühlen und Handeln der deutschen Soldaten spezifisch für den Nationalsozialismus war und was nicht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.06.2011

Heinrich Senfft würdigt Sönke Neitzels und Harald Welzers "Soldaten" als "wichtiges Buch", auch wenn die Lektüre niederschmetternd und anstrengend sei. Zwar bieten die von den Autoren gefundenen, ausgewerteten und kommentierten Protokolle heimlicher Abhörungen von Wehrmachtssoldaten in Kriegsgefangenschaft seines Erachtens in der Sache keine großen Überraschungen. Aber er sieht in den unverblümten Berichten der Soldaten, die sich gegenseitig vom Spaß am Morden erzählen, eine Quelle von besonderer Qualität, da die Protagonisten hier absichtslos miteinander redeten und nicht gefiltert wie in Feldpostbriefen oder Memoiren. Ob die Soldaten wirklich im Grunde meist "freundliche und gutmütige Männer" waren, wie die Autoren meinen, wagt Senfft allerdings zu bezweifeln. Unverständlich ist für nach wie vor, wie diese Männer zu "gnadenlosen Mördern" werden konnten.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.06.2011

Nein, die Diskussion um die Wehrmacht ist noch nicht zu Ende. Cord Aschenbrenner hat jede Menge neuen Stoff dafür. Das Buch von Sönke Neitzel und Harald Welzer mit seiner Auswertung von Abhörprotokollen deutscher Wehrmachtssoldaten in britischer und amerikanischer Gefangenschaft kommt ihm manchmal vor wie eine Szenenfolge aus britischen Kriegsfilmen. Leider sind die Dokumente echt, die Schlussfolgerungen auch. So muss Aschenbrenner, auch sprachlich von den Autoren vorzüglich dargelegt, lesen, wie kaltschnäuzig unter Soldaten über das Töten von Zivilisten im Krieg gesprochen wurde. Allerdings erfährt er auch, dass die nationalsozialistische Ideologie für den blutigen Soldatenalltag weniger entscheidend war als etwa kameradschaftliche oder persönliche Motive, den Antisemitismus ausgenommen. Für Aschenbrenner ein "luzides" Buch, mit dessen generalistischem Fazit er offenbar auch einverstanden ist: "Soldaten töten, weil es ihre Aufgabe ist."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 03.06.2011

Sönke Neitzels und Harald Welzers Soldaten bieten nach Felix Ehrings Ansicht einen erschreckenden Einblick in den Alltag von Wehrmachtssoldaten. Die heimlich abgehörten und transkribierten Berichte und Erzählungen deutscher Kriegsgefangener zerstören für ihn einmal mehr den Mythos vom an sich anständigen Wehrmachtsoldaten. Er lobt die profunde Einordnung der Quellen sowie die Erläuterung des historischen Kontexts durch die Autoren, die exemplarisch vor Augen führen, wie die Soldaten dachten und handelten und wie sie es erzählten. Das Ausmaß der geschilderten Brutalität scheint dem Rezensenten dabei grenzenlos. Über die eigene Gefühlslage berichten die Soldaten auffällig selten, über das Vergewaltigen, Plündern und Morden um so häufiger. Deutlich wird für Ehring, dass das tägliche Töten für viele Soldaten schon nach kurzer Zeit völlig normal war, ja dass manche sogar Spaß dabei hatten. Die Abhörprotokolle dokumentieren in seinen Augen die schnelle Verrohung der Soldaten an der Ostfront, die nicht nur aus Gehorsam, sondern auch aus eigenem Antrieb bereitwillig mordeten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.05.2011

Herfried Münkler hat ein "großes Buch" vorzustellen. Nicht nur dass die beiden Autoren Sönke Neitzel und Harald Welzer mit den Abhörprotokollen deutscher Soldaten in britischer und amerikanischer Gefangenschaft einen wahren Schatz gehoben und nach allen Regeln der Quellenkritik gesichtet und verarbeitet haben. Laut Münkler bringen sie damit auch das Bild des vorrangig propagandistisch motivierten Soldaten (nicht nur der Wehrmacht) ins Wanken. Am Ende steht die nach Münklers Voraussage in Forschungskreisen demnächst heftig einschlagende Erkenntnis, dass Kleingruppenerfahrungen, Vorstellungen von "Fairness" und dergleichen ausschlaggebend für das Verhalten der Soldaten waren. Wenn Münkler die Thesen der beiden Autoren hier mitunter auch allzu generalisierend und zu wenig abgesichert ausfallen, an der Bedeutung des Bandes ändert das für ihn nichts.
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 20.04.2011

Als durchaus "spektakulären Fund" bezeichnet Rezensent Klaus Bittermann die Abhörprotokolle deutscher Kriegsgefangener, die Sönke Neitzel im britischen Nationalarchiv entdeckt und nun zusammen mit Harald Welzer ausgewertet und veröffentlicht hat. Erschreckend, wie roh und mitleidlos diese Männer von Frauen erzählen, die sie vergewaltigt haben ("Mensch, was haben die geflucht!") oder von den Menschen, die sie getötet haben ("Die Pferde taten mir leid, die Menschen gar nicht"). Mit der Analyse der Protokolle scheint Bittermann allerdings nicht ganz einverstanden zu sein, zumindest wirft seine Besprechung Fragen auf: Kann all diese Brutalität unter die Kategorie "entfesselte Gewalt des Krieges" subsumiert werden? War denn die Vernichtung der europäischen Juden nur ein exzessives Massaker? Ohne es als Kritik zu formulieren, weist Bittermann auch auf die "ideologischen Zurichtung" der deutschen Soldaten hin.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.04.2011

Auch wenn der Band keine wissenschaftlichen Sensationen bereithält - wer bisher sein Bild vom Wehrmachtssoldaten aus Feldpostbriefen bezog, meint der hier rezensierende Historiker Wolfram Wette, muss sich doch auf einige unangenehme Wahrheiten gefasst machen . Sönke Neitzel und Harald Welzer präsentieren darin Gespräche von deutschen Soldaten, die Briten und Amerikaner zwischen 1940 und 1945 in den Kriegsgefangenenlagern abhörten. Und die sich von ihrer ungeschminkten Seite als ziemlich mordlüstern erweisen. Mit einigem Entsetzen gibt Wette wieder, wie wenig Unrechtsbewusstsein unter den Soldaten herrschten, wenn sie sich über ihre Mordtaten unterhielten, wie sie mit den von ihnen verübten Massakern prahlten und übelsten Gewalttätigkeiten zu Witzgeschichten präsentierten: "Die Sache hat mir einen Mordsspaß gemacht." Auch das Töten von Zivilisten, das Morden von Kindern, die Vergewaltigungen von jüdischen Frauen entlockte den deutschen Soldaten kein Wort des Mitgefühls, der Scham oder des Zweifels. Für Wette bestätigt sich einmal mehr: Je mehr man die Wehrmacht erforscht, desto düsterer wird das Bild.
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