Magazinrundschau - Archiv

Harper's Magazine

66 Presseschau-Absätze - Seite 4 von 7

Magazinrundschau vom 25.01.2022 - Harper's Magazine

Mit der Covid-Pandemie ist in Amerika was angestiegen? Der Waffenverkauf selbstverständlich. "Die Amerikaner neigen dazu, Schusswaffen als Bollwerk gegen die Angst vor dem Zusammenbruch des Staates zu kaufen, und 2020 fühlte sich wie ein einziger langer Notfall an. Im Laufe des Jahres wurden in den Vereinigten Staaten fast dreiundzwanzig Millionen Schusswaffen gekauft, neun Millionen mehr als 2019. Vierzig Prozent wurden von Erstbesitzern gekauft, derselbe Anteil von Frauen", erklärt Rachel Monroe in ihrem Brief aus Texas, für den sie sich u.a. mit dem schwulen schwarzen Waffenverkäufer Michael Cargill unterhalten hat. Hintergrund ist ein neues Gesetz, das eigentlich nicht einmal die Mehrheit der waffentragenden Texaner wollte: Es erlaubt jedem das Tragen von Waffen in der Öffentlichkeit, ohne Genehmigung. Die Vorstellung, dass jeder, der einem auf der Straße entgegenkommt, eine Waffe tragen könnte, macht etwas mit den Leuten. Selbst die, die das eigentlich ablehnen, fangen an Waffen zu kaufen. Auch die Polizei rüstet auf: "In dem Maße, in dem Privatpersonen schwerer bewaffnet sind, hat die Polizei ihre Feuerkraft erhöht - von Revolvern mit sechs Schuss Kaliber .38 zu halbautomatischen Glocks in den 1990er Jahren und AR-15s in den 2000er Jahren -, was für die libertäre Position, dass liberale Waffengesetze ein staatliches Gewaltmonopol verhindern, unangenehm ist. Die allgegenwärtige Präsenz von Waffen im öffentlichen Raum scheint das ängstliche Gefühl der Polizisten zu verstärken, auf feindlichem Gebiet zu patrouillieren. Robert Shockey, der Exekutivdirektor der Police Chiefs Association für den Bundesstaat Missouri, wo das genehmigungslose Tragen von Waffen seit 2017 legal ist, sagte mir, er glaube, dass die meisten Polizisten die meisten Menschen bei Verkehrskontrollen für bewaffnet halten."

Magazinrundschau vom 11.01.2022 - Harper's Magazine

Nebenbei erfährt man in Andrew Cockburns Artikel gegen den neuen Glauben an Atomkraft, dass die amerikanische Linke sich mit der deutschen doch nochmal länger zum Diskutieren in ein Hinterzimmer setzen sollte - denn Protagonistinnen wie Alexandria Ocasio-Cortez sind glatt pro! Aber natürlich auch Bill Gates, der eine laut Cockburn uralte und hundertmal gescheiterte Technologie mit seiner Firma TerraPower als den neuesten heißen Scheiß verkaufen will. Cockburns Argumente gegen Atomkraft sind im wesentlichen die bekannten und die unbekannten Havarien, der Lobbydruck der Industrien und die Tatsache, dass offizielle Stellen schlimme Ereignisse systematisch herunterspielen. Er bezieht sich auf das Buch "Manual for Survival - An Environmental History of the Chernobyl Disaster" von Kate Brown, die in Tschernobyl nach der wahren Zahl der Toten recherchiert hat. "Brown verbrachte zehn Jahre in Archiven in der Ukraine, Weißrussland und Russland, wo sie Aufzeichnungen über die Millionen von Menschen ausgrub, die nicht nur der unsichtbaren Wolke ausgesetzt waren, sondern auch deren Rückständen in der Landschaft, aus der sie ihre Nahrung bezogen. (…) Auf ihren Reisen durch die betroffenen Gebiete, die zum Teil weit von der Anlage selbst entfernt waren, traf Brown Gemeinden, die durch die Strahlung zerstört wurden, und zum Beispiel auch auf Frauen, die Wolle von Schafen geschoren hatten, die in der Strahlungszone geschlachtet worden waren. Das Tragen von Ballen radioaktiver Wolle, so Brown, 'war, als würde man ein Röntgengerät umarmen, während es immer wieder eingeschaltet wurde'. Viele wurden krank und starben. Doch unter den Zehntausenden von Seiten, die Brown durchforstete, fand sich nur ein einziges obskures offizielles Dokument, das eine konkrete Zahl für die Todesfälle im Zusammenhang mit Tschernobyl nannte: 36.525. Das war die Zahl der Frauen in der Ukraine, die eine Rente erhielten, weil ihre Ehemänner an den Folgen der Katastrophe gestorben waren - eine Zahl, die weit über den Angaben westlicher Behörden lag."

Magazinrundschau vom 02.11.2021 - Harper's Magazine

Wem gehört der Weltraum? Rachel Riederer stellt fest, dass der Weltraumvertrag von 1967 hoffnungslos veraltet ist, um die Aspirationen der Weltmächte im All im Zaum zu halten: "Mehr als ein halbes Jahrhundert später bleibt dieses Dokument des Kalten Krieges die Grundlage für alle außerirdischen Gesetze. Es verbietet, Atomwaffen und Massenvernichtungswaffen in die Umlaufbahn zu bringen, aber weder sagt es etwas über Erde-zu-Weltraum-, Weltraum-zu-Weltraum-Waffen noch über kinetische Waffen oder die mannigfachen subtileren Angriffsformen aus, die seit seiner Ausarbeitung entwickelt wurden. Das Abkommen schweigt darüber, was feindseliges Verhalten ausmacht, und obwohl es besagt, dass sich das Völkerrecht in den Weltraum erstreckt, gibt es keine einfache Übersetzung irdischer Regeln in einen Bereich ohne nationale Grenzen oder Schwerkraft und mit grenzenlosen Konfliktebenen. Im Lauf der Jahre ist die Unzulänglichkeit des Weltraumvertrags zu einer erheblichen Gefahr geworden, da sich neben den USA und Russland längst andere Nationen im Weltraum tummeln und die Technologien immer ausgefeilter wurden … Seit 2015 haben Russland, China, Indien, Iran, Israel, Frankreich und Nordkorea militärische Raumfahrtprogramme etabliert. China und Russland sind den USA dicht auf den Fersen. Laut Secure World Foundation haben die USA einige ihrer offensiven Technologieprogramme stillgelegt, während China und Russland die gleichen Fähigkeiten aktiv testen. Im Laufe der letzten zwei Jahre ist jenseits unserer Atmosphäre die kriegerische Aktivität explodiert, und Weltraum- und Sicherheitsexperten erklären, dass der Druck steigt. 'Wir beobachten, dass sich die Spannungen verstärken', sagt Jack Beard, ein ehemaliger Anwalt des Verteidigungsministeriums und Professor für Rechtswissenschaften mit Spezialisierung auf den Weltraum."

Magazinrundschau vom 07.09.2021 - Harper's Magazine

Garret Keizer erkennt in der Dummheit eine Macht, gerade so mächtig wie das Gute und das Böse, und fragt sich, wie ihr zu begegnen sei: "Die weit verbreitete Dummheit, die der Populismus und COVID-19 in den Vordergrund gerückt haben, geht weit über die seit der Gründung der USA bekannte Verachtung für Intellektuelle hinaus … Was bringt Menschen dazu, die Dummheit zu umarmen, auch wenn es sie umbringt? Jeder, der an eine Volksregierung glaubt, sollte sich die Frage stellen. Als natürlicher Verbündeter autoritärer Regime bedroht die Dummheit die Demokratie doppelt: indem sie ihre Initiativen behindert und indem sie den Glauben untergräbt, dass diese Initiativen möglich und sinnvoll sind. Wozu 'alle Macht dem Volk', wenn das Volk dumm ist? Möglich, dass einige die Dummheit anbeten, weil sie nicht alleine sein wollen. Idiotie liebt Gesellschaft. Als ich an der Schule unterrichtete, verstand ich die rührende Inklusivität des Drogendaseins. Aussehen, Noten, Fitness spielten keine Rolle, Hauptsache du warst drauf. Wer von uns hat sich noch nie in der Gemeinschaft Gleichgesinnter gesonnt. Nachdenklichkeit dagegen kann eine sehr einsame Sache sein, umso mehr, wenn sie mit Mut gepaart ist (Nietzsche gegen Twitter: 'Du suchst Follower? Suche Nullen!'). Wenn COVID-19 irgendwas so deutlich ans Licht gebracht hat wie die sinnlose Missachtung wissenschaftlicher Beweise und die Gleichgültigkeit gegenüber der Gesundheit anderer, dann ist es die ergreifende Unfähigkeit mancher Menschen, allein zu sein und Menschenmengen zu meiden. Nicht in einer vollen Bar, Fitnessstudio, Restaurant sein zu können, bedeutet für diese Leute quasi das Ende … Wenn wir akzeptieren, dass Dummheit aus einem Realitätsverlust resultiert, und anerkennen, dass Realität am besten durch das kreative Zusammenspiel von Geist und Materie behauptet, das wir Arbeit nennen, dann könnte ein Schritt zur Befreiung von kollektiver Dummheit sein, Vollbeschäftigung zu erreichen."
Stichwörter: Populismus, Covid-19, Behinderte

Magazinrundschau vom 24.08.2021 - Harper's Magazine

Joseph Bernstein erzählt die Geschichte der Nachrichten. Es war einmal, da knippste der amerikanische Mann nach Feierabend die Glotze an, und er wusste, wo sein Platz war zwischen Frau und Kindern und den Nachbarn, in seiner Stadt, seinem Land, in der Welt: "Heute sind wir verloren. Die Medien begreifen wir mit Hilfe einer Metapher ('Informations-Ökosystem'), die dem US-Bürger suggeriert, in einem hoffnungslos denaturierten Habitat zu leben. Immer wenn er sich bei Facebook oder Twitter einloggt, begegnet er den toxischen Nebenprodukten der Moderne: Hassrede, Trollen, Interventionen fremder Nationen. Es gibt Lügen über die Größe von Inaugurationsfeiern, über den Ursprung von Pandemien und über Wahlergebnisse … Was anfangen mit all dem miesen Content? Im März kündigte das Aspen Institute an, unter dem Vorsitz von Katie Couric eine unparteiische Kommission für Informationsstörungen einzuberufen, die 'Empfehlungen liefern soll, wie auf den Verlust des Vertrauens in wichtige Institutionen reagiert werden soll'. Zu den fünfzehn Kommissaren gehören Yasmin Green, die Direktorin für Forschung und Entwicklung bei Jigsaw, einem Technologie-Inkubator von Google, der 'Bedrohungen für offene Gesellschaften erforscht'; Garry Kasparov, Schachgroßmeister und Kreml-Kritiker; Alex Stamos, Ex-Sicherheitschef von Facebook und jetzt Direktor des Stanford Internet Observatory; Kathryn Murdoch, Rupert Murdochs entfremdete Schwiegertochter, sowie Prinz Harry, entfremdeter Sohn von Prinz Charles. Zu den Zielen der Kommission gehört es zu bestimmen, 'wie Regierung, Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenarbeiten können, um eine Gesellschaft der Unzufriedenen anzusprechen, die den Glauben an die evidenzbasierte Realität verloren hat'." Seit der Pandemie aber scheint genau das noch schwieriger geworden zu sein, wie Bernstein im weiteren festhält: "Mit dem Virus bot sich eine epidemiologische Metapher für schlechte Informationen an. Des- und Fehlinformationen waren keine exogenen Toxine mehr, sondern ansteckende Organismen, die bei Exposition so unweigerlich Überzeugungskraft entfalteten wie Husten oder Fieber. In perfekter Umkehrung der Sprache des Digital-Media-Hypes war 'going viral' plötzlich eine schlechte Sache. Im Oktober verkündete Anne Applebaum in The Atlantic, Trump sei ein Superspreader von Desinformation'. Eine Studie von Cornell-Forschern von Anfang des Monats ergab, dass 38 Prozent der englischsprachigen 'Desinformations-Narrative' über COVID-19 Trump erwähnten, was ihn laut New York Times zum 'größten Treiber der Infodemie' macht." Trump war damit so erfolgreich, dass ihn jetzt seine Fans in Alabama ausbuhten, als er sie zum Impfen aufforderte, berichtete vor zwei Tagen der Guardian.

Magazinrundschau vom 20.07.2021 - Harper's Magazine

Bevor Gewerkschaften in einem amerikanischen Betrieb tätig werden dürfen, muss die Mehrheit der Belegschaft dem zugestimmt haben. Vor diesen Abstimmungen finden in den jeweilen Betrieben heftige Wahlkämpfe statt: Gewerkschaften schicken Organiser in die Stadt, die Konzerne halten mit Überwachungskameras, "Fortbildungskursen" und Kampagnen ("Unions can't, we can.") dagegen. Daniel Brook erzählt in einer lehrreichen Reportage von dem fast schon historischen Kampf in Bessemer in Alabama aus diesem Frühjahr, mit einem bewundernswert vielschichtigen Protagonisten und bitteren Pointen: "Als Amazon 2018 beschloss, auf einem Gelände in Bessemer, das einst U.S. Steel gehört hatte, ein Logistikzentrum zu errichten, war die Stadt am Boden. Die Armutsrate lag bei 30 Prozent, der Median für Häuserpreise stand bei 86.500 Dollar. Um den Handel perfekt zu machen, ließ sich die Stadt auf große Konzessionen ein: Sie würde in dem Lager die einprozentige Einkommenssteuer erheben, davon aber 50 bis 65 Prozent an Amazon zurückzahlen, je nach dem wie viele Menschen das Unternehmen einstellte. Das Lieferzentrum nahm im März 2020 den Betrieb auf, genau zu dem Zeitpunkt also, da die Pandemie den Online-Handel in ungeahnte Höhen schnellen ließ. Um schnell expandieren zu können, stellte Amazon eine Belegschaft zusammen, die in großer Mehrheit schwarz war, obwohl eine solche Homogenität nach Einschätzung des Konzerns selbst die Wahrscheinlichkeit der Gewerkschaftsbildung erhöhen könnte. Wie der Business Insider berichtet hatte, zeigten Dokumente von Amazons Biokette 'Whole Foods', dass das Unternehmen das Potenzial zur gewerkschaftlichen Organisierung in seinen Läden mit einer Heatmap-App einschätzt, die unter anderem das Maß der Diversität am Arbeitsplatz misst. Arbeitsstätten, die einen hohen Diversitätsindex aufweisen werden als weniger gewerkschaftsanfällig eingeschätzt, vermutlich weil Solidarität oft an ethnischen Grenzen oder bei der Hautfarbe aufhört."

Magazinrundschau vom 13.07.2021 - Harper's Magazine

So sehr die deutsche Öffentlichkeit auf amerikanische Debatten fixiert ist, so wenig wurde die Debatte über das "1619"-Projekt der New York Times in deutschen Feuilletons widergespiegelt - helfen denn nicht mal mehr die Hinweise des Perlentauchers, um Debatten aufzugreifen? Matt Karp, recht jung aussehender Historiker in Princeton, der sich wohl eher der klassischen Linken zurechnet, hat sicherlich einen der gewichtigsten Essay dazu geschrieben und zerpflückt dankenswerter Weise die Positionen zur Geschichte sowohl in der Trumpianischen Rechten als auch in der modischen Linken. Während die Trumpianer weit davon entfernt sind, sich positiv auf Traditionen wie die "Lost Cause" der Südstaaten zu beziehen und eher ein Troll-ähnliches Verhältnis zur Geschichte pflegen, das im wesentlichen dazu dient, die ideologischen Gegner lächerlich zu machen, hat die modische Linke den Blick fest auf die Vergangenheit gerichtet. Karp spricht allerdings von einem neuen "Historizismus", einer Lyrik der Ursprünge, die im Grunde ahistorisch sei. Das "1619"-Projekt der Historikerin Nikole Hannah-Jones und ihrer vielen Ko-Autoren ziele darauf ab, in der Sklaverei eine Art genetischen Code zu sehen, der auch heutigen Rassismus erkläre. Das geht bis zur geschichtsfälschenden Behauptung, dass die Revolution von 1776 angezettelt wurde, um die Sklaverei erhalten zu können. "Die dominierenden Bilder sind hier biblisch und biologisch: Sklaverei als Amerikas 'Erbsünde', Rassismus als Teil von 'Amerikas DNA'. (Das 1619-Projekt enthält nicht weniger als sieben solcher Verweise.) Solche Male sind unauslöschlich und von Geburt an eingeprägt. Die Existenz von Sklaverei und Rassismus bedeutet, dass Amerika 'von Anfang an abgestempelt' war, wie Ibram X. Kendi sein erstes Buch ('Stamped from the Beginning') betitelte, wobei er ironischer Weise einen Satz von Jefferson Davis (der Präsident der Konföderierten) entlieh. 'So wie die DNA der Code für die Zellentwicklung ist', schreibt Isabel Wilkerson, 'so ist die Kaste das Betriebssystem für die wirtschaftliche, politische und soziale Interaktion in den Vereinigten Staaten von der Zeit ihrer Entstehung an.'"

Magazinrundschau vom 22.06.2021 - Harper's Magazine

Der Literaturdozent Barrett Swanson hebt seine großartige Reportage über eine Villa, in der Investoren TikTok-Influencern gratis Kost und Logis bieten, solange sie nur einträglich influencen, performen und skalieren, zwar nicht mit den ersten Zeilen aus Allen Ginsbergs "Howl" an ("I saw the best minds of my generation destroyed by madness"), aber hinter der Motivation zu diesem Trip steckt ein sehr ähnlicher Befund: Zum einen brechen immer mehr Studenten ihre College-Laufbahn ab, um sich lieber als Influencer zu versuchen, zum anderen neigen diejenigen, die am College bleiben, zu Depressionen, Zukunftsängsten. Derweil schießen die gesponserten Clubhouses und Villas, in denen die TikTok-Influencer vor sich hin werkeln, überall aus dem Boden: "Das Pooldeck blickt auf die gewellte Landschaft der Beverly Hills, mit den kirchturmartigen Spitzen der Pinienbäume in die Ferne geätzt. Es hätte alles den Anschein der Idylle, wären da nicht die giftigen Rauchkleckse von den Waldbränden, die Kalifornien einhüllen und dem Himmel die dräuende Anmutung eines Katastrophenfilms verleihen. Die Westküste steht in Flammen. 50.000 Amerikaner stecken sich pro Tag mit Covid-19 an und die Wirtschaft rückt immer näher an ihren steilen Absturz heran. Vor dieser apokalyptischen Kulisse wirkt es seltsam, diesen Kids dabei zuzusehen, wie sie herumhüpfen und -wirbeln. Wenn ich die Jungs frage, ob sie sich Sorgen um den Zustand der Nation machen, kratzen sie sich an der Nase und blicken von ihren Telefonen auf. 'Was. Nääh, Mann', sagt einer. 'Es wird doch jedes Jahr besser.' ... Diese Kids waren noch sehr jung, als ihre Eltern ihnen iPhones und Tablet in die Hand drückten. Sie kannten nie ein Selbst, das nicht einer anonymen, virtuellen Beobachtung gegenüber stand. So kann es durchaus sein, dass das, was auch immer wir in diesem Zusammenhang unter 'authentisch' verstehen, nicht der Standarddefinition entspricht, wie Rousseau und die Romantiker sie auffassten - ein wahrhaftiger Ausdruck der ungeschminkten Persönlichkeit -, sondern sie sind 'authentisch' in dem Sinne, dass ihre Identitäten geformt wurden in makelloser, unbewusster Sympathie für alles, was ihr Mob an Onlinefollowern für zuspruchsfähig und harmlos hält. Mehrere Male während meines Besuchs scheint es mir, als sehe ich den Preis, den sie dafür zahlen, in ihren Gesichtern aufschimmern - eine Art fahle Verzweiflung. Einmal kam Brandon zu mir und sagte: "Was wirklich Angst macht und viele von uns nachts umtreibt: Man weiß nie, wie lange es so bleiben wird. Also quasi: Was kommt als nächstes?"

Magazinrundschau vom 23.03.2021 - Harper's Magazine

Krähen, die sich schwarmweise bestimmte Familien als Opfer zum Piesacken herauspicken, eine Frau, die von sich behauptet, mit Tieren auf einer tieferen, therapeutischen Ebene kommunizieren können: Was ist dran an solchen Geschichten aus dem Grenzbereich zur Esoterik, fragt sich Lauren Markham in der aktuellen Ausgabe von Harper's - und ist dabei mitunter eine deutliche Spur weniger skeptisch als dies angemessen wäre. Mit Frans de Waal findet sie immerhin auch einen etwas weniger enthusiastischen Verhaltensforscher, der von selbsternannten Tierflüsterern nicht sonderlich viel hält: Als Reaktion auf entsprechende Geschichten erzählt er von Rupert Sheldrake, "einem weitgehenden diskreditierten Biologen, der den Begriff der 'morphischen Resonanz' geprägt hat, um den theoretischen Austausch von Gefühlen und Wissen zwischen Tieren über Zeit und Raum hinweg zu beschreiben. ... 'Dafür braucht man aber kontrollierte Experimente', sagt de Wall, 'und sobald man diese durchführt, fallen sie auseinander'. Für Verhaltensforscher wie de Waal sind einige der Tierkommunikatoren klassische Gauner, die ihr Auftreten insofern manipulieren, dass sie offensichtliche Schlussfolgerungen ziehen oder einfach nur das erzählen, was die Tierbesitzer gerne hören wollen. ... Aber Biologen und Hellseher neigen gleichermaßen zu der Ansicht, dass wir die Intelligenz von Tieren und die Komplexität ihrer Gefühlswelt dramatisch unterschätzen. ... Tiere kommunizieren in einer Myriade von verbalen und nichtverbalen Sprachen, betont de Wall. Und Menschen sind dazu in der Lage, sie zu entziffern. Umgekehrt greifen auch Tiere menschliche Auslösereize auf, um sich zu schützen, und auch aus so etwas wie Liebe heraus. 'Die Intelligenz der Tiere ist an sich schon wunderschön und faszinierend', sagt de Waal. 'Man muss sie nicht noch mit fiktiven Elementen ausschmücken. Sie ist schon rein aus sich heraus ziemlich frappierend.'"

Magazinrundschau vom 16.02.2021 - Harper's Magazine

In Kolumbien geht der Krieg trotz des Friedensabkommens zwischen der Regierung und den Guerillagruppen weiter. Ein Drama für die Menschen und für die Umwelt, erzählt in einem Brief aus Kolumbien Jessica Camille Aguirre: "Die Bombardierung des Öltransportnetzes des Landes, das fast unmöglich vollständig zu sichern ist, wurde eine der bevorzugten Taktiken der ELN. Das Ziel ist es, das Wirtschaftsleben des Landes zu stören, insbesondere einen Sektor, der so direkt die Regierung bereichert, gegen die sich die Guerrilla gestellt hat. In Kommuniqués besteht die ELN darauf, dass sie an den Schutz der Umwelt glaubt, aber die Unterbrechung der Förderung natürlicher Ressourcen als wichtiges Werkzeug im Kampf gegen den Kapitalismus betrachtet. 'Für die Oligarchie, den Imperialismus oder die Konzerne ist das Einzige, was zählt, der Profit', sagte mir ein Kommandeur der westlichen Kräfte der ELN, der sich den Decknamen Uriel gab. 'Sie werden nur von dieser Art von Plünderung getroffen.' ... Bataillone der kolumbianischen Gesellschaft zum Schutz der Infrastruktur, Plan Meteoro, patrouillieren die Pipeline in Arauca, um Bombenanschläge zu minimieren, was das kolumbianische Militär in die schlecht sitzende Rolle von Umweltschützern bringt. Die ELN 'ist einer der größten Umweltverbrecher auf dem Planeten', sagte mir ein General der kolumbianischen Armee namens Luis Felipe Montoya, bevor er andeutete, dass die Guerilla dem kolumbianischen Staat 57 Milliarden Dollar schulden würde, behandelte man sie nach dem dem gleichen Standard wie Exxon nach der Ölpest von 1989.'"