Magazinrundschau - Archiv

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66 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 7

Magazinrundschau vom 10.10.2023 - Harper's Magazine

Cannabis gibt es in Nepal seit Urzeiten. Die Einheimischen "haben Cannabis vor fast allen anderen Menschen auf der Welt angebaut, und in einem hinduistischen Text wird es als 'Befreier' beschrieben", erzählt Sean Williams in einem Brief aus Nepal. "Die Gottheit Shiva war Berichten zufolge ein Kiffer, und seine Anhänger ehrten ihn, indem sie Charas in Ton- oder Steinpfeifen, Chillums genannt, stopften und sich in psychotrope Trance versetzten. Jedes Jahr veranstalten die Nepalis ein Fest namens Maha Shivaratri, 'die große Nacht des Shiva', an dem fast alle Menschen im Königreich stoned waren." In den Sechzigern entdeckten Beatniks und Hippies den phantastischen Stoff, der in Nepal wuchs, doch 1973 war es damit vorbei: Auf Druck der USA verbot König Birendra den Anbau und Gebrauch von Cannabis. Heute sind die Maoisten an der Regierung, die einst versprochen hatten, Cannabis wieder zu legalisieren, doch bis heute wurde nichts draus. Inzwischen sind sie dabei, es sich anders zu überlegen. Auch Madan, ein ehemaliger Heroinabhängiger wirbt für die Legalisierung, die vielen Kleinbauern ein Einkommen sichern könnte. Aber Nepal ist spät dran, bemerkt Williams, während er am frühen Abend in Kathmandu über die fast ausgestorbene Freak Street schlendert. "Legales Gras könnte die Hippies zurücklocken - oder zumindest ihre Enkelkinder. In der Karibik werden inzwischen Cannabis-Touren angeboten, und Thailand hat seinen eigenen traditionsreichen Freizeitmarkt legalisiert. Sich im Himalaya zu berauschen, scheint ein attraktiver Anreiz zu sein. ... Viele Einheimische sind der Meinung, dass Ausländer seit langem das Beste aus dem immensen natürlichen Reichtum Nepals herausgeholt haben, ob es nun Bergsteiger sind, die die gigantischen Gipfel erklimmen, Unternehmen, die die Jugend des Landes beschäftigen, oder Hippies, die das stärkste Charas konsumieren. Die Legalisierung des Kiffens könnte dazu beitragen, den Trend umzukehren. Doch ironischerweise legalisieren dieselben Nationen, die Birendra unter Druck gesetzt haben, Cannabis zu verbieten, es nun massenhaft und kommen Nepal damit zuvor."

Außerdem: Rachel Cusk schreibt über die Macht der Mütter, auch wenn sie gestorben sind.
Stichwörter: Nepal, Cannabis

Magazinrundschau vom 22.08.2023 - Harper's Magazine

Der Tod von Mahsa Amini, die von iranischen Tugendwächtern erschlagen wurde, weil ihr Kopftuch nicht richtig saß, hat auch die zerstrittene iranische Diaspora im Protest gegen das Mullahregime wieder zusammengebracht, erzählt der Autor Amir Ahmadi Arian. Unter den Demonstranten war auch Hamed Esmaeilion, ein Schriftsteller und politischer Aktivist, der 2009 mit seiner Familie nach Kanada emigriert war. Seine Frau und Tochter waren im Januar 2020 auf dem Nachhauseweg von einer Hochzeit im Iran, als das Zivilflugzeug, in dem sie saßen, von iranischem Militär abgeschossen wurde. Alle 176 Passagiere starben. Seitdem war Esmaeilion unermüdlich politisch aktiv, um die Islamische Republik Iran vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu bringen. Seine Hoffnung stieg mit den vereinten Protesten nach dem Tod Aminis, doch die Einigkeit der Diaspora hielt nicht an: "Im Dezember war Iran wieder in depressives Schweigen versunken, da die Menschen angesichts der ungezügelten Inflation darum kämpften, etwas zu essen auf den Tisch zu bringen. Die iranische Diaspora, die zu Depressionen und Ressentiments neigt, witterte die Niederlage und zog sich ins Internet zurück, wo sie eine lebhafte Nachbetrachtung anstellte. Alte Feindseligkeiten kamen zum Vorschein. Stammesdenken und Beschimpfungen verdrängten die Versuche, sich weiter zu organisieren. Im September standen Menschen aus dem gesamten politischen Spektrum vor der UNO zusammen und forderten ein Ende des derzeitigen Regimes. Fünf Monate später hielt ein Mann bei einer Kundgebung in Brüssel ein Anti-Schah-Plakat hoch, woraufhin einige Teilnehmer ihn fast totschlugen. ... Für mich und viele andere Iraner waren Esmaeilions Aufstieg, der überschwängliche Diskurs um ihn herum und das letztendliche Zerbrechen der Bewegung ein Beweis für die Anziehungskraft, aber auch für die tragischen Grenzen des Versuchs, vom Ausland aus Veränderungen herbeizuführen. Wenn das derzeitige Regime im Iran gestürzt werden soll, muss die Arbeit von den Menschen geleistet werden, die dort leben. All die Tweets und Instagram-Posts, die Solidaritätsbekundungen von Judith Butler, Kim Kardashian, Ted Cruz und Bernie Sanders, die Unterstützungsbekundungen von Staatsoberhäuptern und das Spektakel von Prominenten, die sich die Haare schneiden - all das ist nicht so effektiv wie ein einziger Protest auf den Straßen von Teheran. Doch für diejenigen von uns, die unserem Land tief verbunden bleiben, egal wie weit wir uns von ihm entfernt haben, ist es unmöglich, nichts zu tun. Esmaeilion, ein Schriftsteller und Zahnarzt, hat sich nicht freiwillig zu einer zentralen Figur im politischen Drama des Iran gemacht. Er wurde durch eine Tragödie dazu verdammt, die von eben jener politischen Korruption und Inkompetenz herrührte, der wir beide zu entkommen hofften, als wir das Land verließen. Das Schicksal von Esmaeilion könnte auch das meine sein."

Justin E.H. Smith gehört zur Generation X und ist deprimiert, wie er in einem sehr sehr langen Artikel klagt. Irgendwie scheint seine Alterskohorte es nicht zu schaffen, zwischen Babyboomern und Millenials einen Abdruck in der Geschichte zu hinterlassen. "Es wird oft behauptet, dass es nie einen Präsidenten der Generation X in den Vereinigten Staaten geben wird. Niemand will, dass wir an der Spitze stehen, und niemanden interessiert, was wir denken. In politischen Umfragen gehen die amerikanischen Nachrichtenagenturen häufig von den Boomern zu den Millennials über. Obwohl Coupland diese Bedeutung von X im Jahr 1991 sicher nicht voraussehen konnte, zeigt sich, dass unser Name, oder das Fehlen eines Namens, perfekt zu unserem allgemeinen Zustand der Unsichtbarkeit passt. Die Generation X ist die Generation, der man vielleicht später einmal einen richtigen Namen geben wird. Aber das ist schon mehr als dreißig Jahre her, und die Welt hat sich weiterentwickelt." Hin zu den Millenials, deren moralische Überheblichkeit ihn noch mehr nervt als der Ausverkauf der Boomer, weil ihnen "jede der ästhetischen oder moralischen Tugenden fehlt, von denen man jahrhundertelang glaubte, dass die Beschäftigung mit der Kunst sie kultivieren würde: Geschmack, Neugier, Phantasie, Mitgefühl mit den Elenden und den Gefallenen."

Auch Adam Kirsch befasst sich mit der Generation X. Das liest sich sehr viel interessanter, vielleicht weil er nicht über sich selbst schreibt. Obwohl andererseits gerade die autofiktionale Literatur das Ur-Genre dieser Generation ist: Zadie Smith, deren neuer Roman "The Fraud" gerade erschienen ist, Elif Batuman, Nicole Krauss, Teju Cole, Sheila Heti, Ben Lerner und Tao Lin. Aktivismus ist ihr Ding nicht, sondern Selbstreflexion, der Versuch, den Geist offen zu halten, wie Kirsch mit großer Sympathie erklärt: "Die Kinder der siebziger Jahre fühlen sich in dieser neuen Welt oft fehl am Platz. Es ist nicht so, dass sie sich naiv auf eine Zukunft in Frieden und Harmonie gefreut haben und nun beleidigt feststellen, dass diese nicht eingetreten ist. Es ist vielmehr so, dass ihr literarischer Blick schon früh nach innen gerichtet war und sie weiterhin glauben, dass es die authentischste Art, über Geschichte zu schreiben, während sich das Klima verschlechtert, durch das sich das Ich bewegt. ... Am Ende von 'The Fraud' trifft die Protagonistin Eliza auf Mr. Bogle's Sohn Henry, der vom Quietismus seines Vaters angewidert ist und sich zu einem politischen Radikalen entwickelt hat. Er wirft ihr vor, mehr daran interessiert zu sein, Ungerechtigkeiten zu verstehen, als etwas dagegen zu tun, und verkündet: 'Bei Gott, siehst du denn nicht, dass das, wonach junge Männer heute hungern, nicht Verbesserung oder Wohltätigkeit oder irgendeines der Schlagworte eurer Damenteegesellschaften ist? Sie hungern nach der Wahrheit! Nach der Wahrheit selbst! Nach Gerechtigkeit!' Diese Gewissheit und Dringlichkeit ist das Gegenteil davon, seinen Geist offen zu halten, und obwohl Eliza und Smith nicht bereit sind zu sagen, dass es falsch ist zu kämpfen, sind sie sicher, dass es nichts für sie ist: 'Sie konnte sich den von ihm beschriebenen täglichen Kampf des Lebens genauso wenig vorstellen wie die Überquerung des Atlantischen Ozeans in einem Heißluftballon.' Ob sie sich nun als Humanisten oder Ästheten, Realisten oder Visionäre bezeichnen, die einflussreichsten Schriftsteller, die in den siebziger Jahren geboren wurden, teilen diese grundsätzliche Unnahbarkeit. Für die nächste Generation, die Millennials, mag ihr Rückzug aus dem kollektiven Kampf verwerflich erscheinen. Für mich, und ich vermute, für viele Leser in meinem Alter, ist es ein Teil dessen, was sie zu so verlässlichen Ratgebern macht, um, wenn schon nicht die Zeit, in der wir leben, so doch zumindest die Zerrissenheit zwischen der Zeit und dem Selbst zu verstehen, das versuchen muss, sie zu bewältigen."

Magazinrundschau vom 01.08.2023 - Harper's Magazine

Krithika Varagur schickt eine herzzerreißende Reportage aus Nigeria über das Paar Nkechi und Subomi Mabogunje, die beide Träger der Sichelzellenanämie (Sickle Cell Disease, SCD) sind, einer Erbkrankheit. Nigeria ist die Hauptstadt dieser Krankheit auf der Welt. Auf seine Einwohner entfallen etwa die Hälfte aller jährlich neu auftretenden Fälle weltweit. Für junge Paare ist es zumindest in den Großstädten fast schon üblich geworden, einen entsprechenden Test zu machen, bevor man sich enger bindet. "Angesichts der Bedeutung der Ehe in Nigeria, der relativ geringen Verbreitung von Pränataltests und des Abtreibungsverbots in den meisten Fällen festigt sich rasch eine gesellschaftliche Norm, die zwei Menschen mit Sichelzellgenen davon abhält zu heiraten oder sich auch nur zu verabreden. Aber nicht jeder trifft diese Entscheidung. Eine Studie aus dem Jahr 2015 ergab, dass eine von fünf Personen, die aufgrund ihrer vorehelichen Untersuchungen wussten, dass sie in einer AS-AS-Beziehung lebten, trotzdem heirateten. Einige Gesetzgeber haben versucht, in dieser Grauzone zu intervenieren. Staaten sowohl im Norden als auch im Süden haben Maßnahmen verabschiedet, um voreheliche Tests vorzuschreiben; im Jahr 2020 debattierte der nigerianische Senat über ein SCD-Management-Gesetz, das unter anderem auch voreheliche Tests fördern würde. Während dieser Diskussionen deutete Chukwuka Utazi, ein Senator aus dem Bundesstaat Enugu, an, dass er selbst eine genotypbedingte Trennung erlitten hatte. Er wisse, wie schmerzhaft eine solche Entscheidung sein könne. Aber in Afrika, so meinte er, 'heiraten wir für Kinder, nicht für die Liebe'. (In Nigeria wird die Intimsphäre bereits reglementiert: Öffentliche Zurschaustellung homosexueller Zuneigung ist zum Beispiel illegal, und die Strafen für gleichgeschlechtlichen Verkehr reichen von Gefängnisaufenthalten bis zur Hinrichtung durch Steinigung). Ein anderer Senator meldete sich zu Wort: 'Wir werden nicht zulassen, dass die Liebe uns das Beste aus unseren Ehen wegnimmt.' Heterosexuelle nigerianische Paare, die an diesen genetischen Scheideweg kommen, überlegen nicht nur, ob sie sich trennen oder heiraten sollen. Sie überlegen auch, was ein gutes Leben ausmacht, sowohl für sich selbst als auch für ihre zukünftigen Kinder. SCD ist kein Todesurteil - vor allem nicht in einer Stadt wie Lagos -, aber es ist in der Regel ein lebenslanges Urteil.... Ihre Bedenken sind im Großen und Ganzen auch für den Rest von uns relevant, die wir im Zeitalter der Gentests und ihrer neuartigen Entscheidungsfindungsmethoden leben. Werdende Eltern stellen sich die Frage: Auf welche Krankheiten sollten wir testen? Wie riskant ist es, ein bestimmtes Merkmal zu vererben?"
Stichwörter: Sichelzellenanämie, Nigeria

Magazinrundschau vom 11.07.2023 - Harper's Magazine

Der britisch-niederländische Schriftsteller Ian Buruma ist kein Freund der Wokeness. Er selbst hat seine Erfahrungen mit ihr gemacht, als er 2018 als Chefredakteur der New York Review of Books gehen musste, weil er einen umstrittenen Artikel drucken ließ. Aber ihm wären materielle Reformen in Bildung und Gesundheit, die den Armen und Unterprivilegierten zugute kämen, auch lieber als symbolische Kämpfe. Wokeness meint Buruma, entspringe nicht einem politischen, sondern einem protestantischen Geist, der noch heute seine Tugendhaftigkeit zur Schau stelle wie holländische Händler im 17. Jahrhunderts: "Man könnte diese selbstgefälligen Würdenträger des Goldenen Zeitalters der Heuchelei bezichtigen, weil sie ihren Reichtum auf dem Rücken der Kolonialsklaven erwirtschaftet haben und immer noch so tun, als wären sie heiliger als du. Aber man kann Spuren derselben protestantischen Selbstgerechtigkeit (und Heuchelei) im Verhalten vieler Menschen heute erkennen. Vergleichbare Beispiele unter unseren Zeitgenossen sind Phil Knight, der Mitbegründer von Nike, der eine Werbekampagne gegen Rassismus mit dem NFL-Quarterback Colin Kaepernick genehmigte, bevor er rechtsgerichteten republikanischen Politikern Geld spendete. Oder Jeff Bezos, dessen Unternehmen Amazon seine Homepage mit einem Black-Lives-Matter-Banner schmückte und gleichzeitig Gesichtserkennungssoftware an Polizeidienststellen verkaufte... Dass es ihnen besser geht als den meisten Menschen, ist kein Hinderungsgrund, sich tugendhaft zu fühlen, solange sich 'die Auserwählten' öffentlich zu ihrem Streben nach 'social justice' bekennen. So ist es für Fortune-500-Unternehmen fast schon obligatorisch geworden, eine Erklärung zu Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion zu veröffentlichen, in der sie sich zu den richtigen Werten bekennen, unabhängig davon, wie weit diese Werte von der Tätigkeit des Unternehmens entfernt sind. 'Wir gehen den Weg vom Bewusstsein über das Engagement hin zum Handeln' (PepsiCo, Inc.); 'Vielfalt und Inklusion sind die Grundlage unserer Kultur und spiegeln unsere Werte wider, das Richtige zu tun' (Lockheed Martin); 'Wir engagieren uns seit langem für Inklusion, Vielfalt und Gerechtigkeit' (Goldman Sachs). Diese Worte klingen durchaus hohl, da sie von einem Junkfood-Hersteller, einem Waffenproduzenten und einer Investmentbank kommen, aber was zählt, ist, dass sie wie die protestantische Liturgie öffentlich rezitiert werden."

Magazinrundschau vom 23.05.2023 - Harper's Magazine

Ian Penman liest RJ Smiths Biografie über Chuck Berry, "Chuck Berry - An American Life". Zugegeben, man erfährt einige Details über Berrys Sexleben, auf die man nicht unbedingt erpicht war. Aber auch Poesie spielt eine Rolle. "Wo kommen sie her, diese Lieder? Robbie Robertson hat Berry einmal genau diese Frage gestellt, und Berry antwortete, dass es absolut kein Geheimnis sei: 'Sie kamen aus der Poesie. Die Poesie schildert eine Szene oder eine Geschichte, und das ist der Ursprung meiner Texte.' Zu Hause wurden regelmäßig Gedichte rezitiert, vor allem Werke des schwarzen Mundartdichters Paul Laurence Dunbar. Dadurch, schreibt Smith, bekam Berry ein Gefühl dafür, 'was Stimmen erreichen können'. Auch Miles Davis und Chester Himes - der wie Berry in St. Louis aufgewachsen ist - bezeichneten Dunbar als eine große Präsenz in ihrer Kindheit. Davis verglich Dunbars 'Negro Southern'-Stimme mit Lead Belly und Bessie Smith. Dunbar, schreibt Smith, war ein 'Verkäufer, der seine Kunst an die Menschen brachte, indem er sprach wie sie'. Er hatte die Fähigkeit, als eine kunstvoll volkstümliche Persönlichkeit, die 'sowohl echt als auch eine Erfindung' war, zu einem schwarzen und weißen Publikum zu sprechen. All dies scheint auf unheimliche Weise entscheidende Elemente von Berrys eigenem Agieren vorauszusagen."

Hier eine Einführung in das Leben und Werk Dunbars in Text und Video:



Der ehemalige Atlantic-Redakteur Benjamin Schwarz und der Politologe Christopher Layne hantieren in der Titelgeschichte "Why Are We in Ukraine?" nur mit den ganz großen Bausteinen wie einst Herfried Münkler, bevor er lernen musste, dass die Ukraine existiert. Die Nato ist demnach immer nur dabei zu expandieren, während Russland, das sich auf seiner bescheidenen Fläche umzingelt fühlt, immer nur warnt. Und da die Nato das Hauptinstrument der amerikanischen Hegemonie ist, während die osteuropäischen Länder rätselhafter Weise aus eigenen Antrieb in sie drängten, ist am Ende Amerika schuld, wenn Putin auf den roten Knopf drückt.

Magazinrundschau vom 22.11.2022 - Harper's Magazine

In Niger wachsen die Spannungen zwischen nomadischen Hirten und sesshaften Bauern, zwischen Peul, Tuareg und Djerma, aber auch die politischen Konflikte mit der Regierung. Zudem treibt die Terrorgruppe ISGS (Islamischer Staat in der Groß-Sahara) ihr Unwesen. In der Hauptstadt Niamey wundert sich Reporterin Caitlin L. Chandler, dass sich der internationale Wanderzirkus fast schon vollzählig eingefunden hat: Militärs, Geheimdienste und Söldnertruppen, dazu UNHCR, Unicef, IOM und GIZ. Ob's hilft? "In Niamey scheint der Konflikt einen Großteil der lokalen Wirtschaft anzutreiben. Nach Angaben der Beobachtungsstellung für Ökonomische Komplexität rangiert Reis bei den Importen an vorderster Stelle, gefolgt von 'explosiver Munition', einer Kategorie, die 'Bomben, Granaten, Torpedos, Minen und Raketen' umfasst. Neben den Amerikanern sind in Niamey etwa tausend französische Soldaten stationiert, außerdem Abordnungen aus Algerien, Belgien, Kanada, den Niederlanden, Italien und Spanien, eine UN-Friedenstruppe für Mali, die Sicherheitsattachés der Europäischen Union und Soldaten der G5 Sahel, einer gemeinsamen Initiative von Burkina Faso, Mali, Tschad, Mauretanien und Niger. (Mali hat sich diesen Sommer zurückgezogen.) Viele dieser ausländischen Truppen, die sich auf einen nebulösen Mix aus Grenzkontrollen und Aufstandsbekämpfung kaprizieren, fahren in gepanzerten Fahrzeugen in die Stadt hinein und wieder hinaus. Oft übernachten sie in neuen, bewachten Hotels in der Nähe des Kennedy-Kreisverkehrs. Im New York Restaurant des Radisson Blu Hotels versammeln sich militärische Auftragnehmer und Diplomaten am Pool und schlürfen fluoreszierende Cocktails. Eines Abends erhaschte ich einen Blick auf Linda Thomas-Greenfield, die amerikanische Botschafterin bei den Vereinten Nationen, als ein Konvoi sie von dem plüschigen Hotel zu einer Veranstaltung des UN-Sicherheitsrats brachte. Der damalige Kommandeur des AFRICOM, General Stephen Townsend, war ebenfalls in der Stadt und traf sich mit den Franzosen. Im Garten eines italienischen Bistros, das einer Wüstenbehausung nachempfunden war, hörte ich, wie ein Mann seinem Begleiter, der für die UNO arbeitete, erzählte, er gehöre zu den deutschen Spezialkräften, die hier 'nachrichtendienstliche Erkenntnisse' sammelten und 'etwas Beratung' leisteten."

Magazinrundschau vom 27.09.2022 - Harper's Magazine

Verfassungsrecht soll den Staat in Schach halten. Das kann zum Problem werden, wenn am Ende die Verfassungsrichter Politik machen und nicht mehr das gewählte Parlament. Auch Amerika braucht keinen liberaleren Obersten Gerichtshof, sondern schlicht weniger Verfassungsrechtsprechung, empfiehlt Ian MacDougall. Er plädiert für eine Reform, die die Politik wieder mehr ins Recht setzt und es Gerichten zumindest schwerer macht nationale Gesetze einfach aufzuheben: "Dies ist kein risikoloses Unterfangen. Manche mögen das Gespenst des 'Liberalismus der Angst' der politischen Philosophin Judith Shklar heraufbeschwören: die richterliche Oberhoheit als Kontrolle gegen die schlechten Dinge, die ein ungezügelter Staat tun kann. Aber die Gerichte werden einen fähigen Autokraten nicht aufhalten. In Ländern, die in jüngster Zeit in den Autoritarismus abgerutscht sind, haben die Gerichte entweder gelernt, den Tyrannen zu lieben, oder sie wurden von ihm unterdrückt. Wenn Verfassungsrecht ein effektives Regieren verhindert, schafft es zudem ideale Bedingungen für den Aufstieg populistischer Autokraten. Das größere Risiko besteht heute nicht darin, dass der Kongress gelegentlich Gesetze verabschiedet, die vielen von uns nicht gefallen. Es besteht darin, dass fünf wohlhabende Anwälte den Kongress daran hindern, auf die Bedürfnisse des Landes zu reagieren. Andere mögen sich fragen, wer, wenn nicht der Oberste Gerichtshof, die Rechte von Minderheiten gegen die Tyrannei der Mehrheit sichern wird. In Wahrheit erkennen die Gerichte nur relativ wenige Rechte an; die meisten der Rechte, die wir genießen, ergeben sich nicht aus der Verfassung, sondern aus Bundesgesetzen. Um nur einige wenige zu nennen: Wahlrecht, Arbeitsrecht, Behindertenrecht, Rechte gegen Diskriminierung bei der Arbeit, bei der Wohnungssuche und bei der Vermittlung von Sozialwohnungen. Wie der Rechtswissenschaftler Jamal Greene in 'How Rights Went Wrong' darlegt, hat der Kongress die institutionelle Fähigkeit, verschiedene Werte und Interessen abzuwägen und miteinander in Einklang zu bringen, und nicht nur zu entscheiden, welche Interessen alle anderen übertrumpfen sollen. Wenn es um gesetzlich verankerte Rechte geht, besteht die Hauptaufgabe der Gerichte seit den achtziger Jahren darin, diese zu untergraben, indem sie die Befugnisse des Kongresses beschneiden und manchmal sogar an sich reißen."

Magazinrundschau vom 02.08.2022 - Harper's Magazine

Im Augenblick wird die amerikanische Demokratie zwar von Kräften auseinandergerissen, die ihren Ursprung maßgeblich in Religion haben, aber der berühmten Autorin und Essayistin Marilynne Robinson liegt daran, den "religiösen Ursprung des amerikanischen Liberalismus darzulegen". Ihr Artikel in Harper's - ursprünglich ein Vortrag - ist im Grunde eine Ehrenrettung der Puritaner, deren Beitrag zum Entstehen der amerikanischen Verfassung sie als total unterschätzt ansieht. Ihr Artikel ist auch eine Hommage auf den Priester und Politiker Hugh Peters, der nur den einzigen Fehler machte, von Massachusetts nach England zurückzukehren, wo er zum Berater Cromwells ernannt wurde - und dafür später "halb" gehängt (damit es lange dauert), verbrannt und gevierteilt wurde. Von ihm stammen Texte von einer Liberalität, die auch Jefferson die Schamesröte ins Gesicht hätte treiben können. Armen soll geholfen werden, statt sie in die Fron zu zwingen, die Gefängnisse sollen menschlicher gestaltet werden, Künstler sollen Förderung bekommen, Religion soll frei sein, Juden sollen nicht diskriminiert werden, zitiert sie seine wunderbare aufklärerische Prosa. Ein Punkt ist Robinson dabei besonders wichtig: "In seinem gesamten Werk beruft sich Peters auf die Heilige Schrift, um seine Reformen zu unterstützen. Dass die Bibel in der frühneuzeitlichen und insbesondere in der revolutionären Kultur Englands einen liberalisierenden Einfluss hatte, liegt uns ebenso fern wie die Vorstellung, dass Cromwell und sein Parlament einen Geistlichen engagieren würden, dessen politische Ansichten so fortschrittlich waren, dass sie uns im unvorstellbar wohlhabenden und vergleichsweise stabilen 21. Jahrhundert in Verlegenheit bringen." Über Cromwells eigene Gewaltexzesse verliert Robinson leider kein Wort.

Außerdem: Lauren Markham erzählt, wie man Baumdieben mittels Baum-DNA auf die Spur kommt.

Magazinrundschau vom 26.07.2022 - Harper's Magazine

Was bleibt von Christopher Hitchens zehn Jahre nach seinem Tod, fragt Christian Lorentzen in einem Essay über den großen Intellektuellen, Polemiker und Trinker. Hitchens verfügte über Witz, Stil und Bildung, versichert Lorentzen, auch wenn er nach dem 11. September nicht mehr die imperialen Machtzentren ins Visier seiner Essays nahm, sondern "Provinzdespoten" wie Slobodan Milosevic oder Saddam Hussein: "In den Abteilungen Theologie und Zauber ist Hitchens' Vermächtnis schwer zu entwirren, da seine atheistischen Brandreden letztlich zu einem Werk hochkarätiger Performance-Kunst wurden, um es großzügig auszudrücken oder weniger wohlwollend, zu einer Stand-up-Nummer. Es ist auch einfach nicht der herausragendste Teil seines Werks, weder auf Video noch auf Papier. Wie bei seiner Polemik gegen den Krieg gegen den Terror setzt er Ironie auf falsche Weise ein. Sie war für Hitchens schon immer ein Hammer, aber jetzt benutzt er ihn, um Nägel einzuschlagen, anstatt sie herauszuziehen. Hitchens' Werk selbst hat etwas mit einem Hammer gemeinsam: Es ist ziemlich kopflastig. Sein Ruf rührt heute von der Arbeit seines letzten Jahrzehnts - dem Rechtsruck, der Gottesverachtung und dem öffentliche Sterben an Krebs. In dieser Zeit wurde er zu einer Berühmtheit. In kommerzieller Hinsicht - und nur in diesem Sinne - könnte man ihn als Spätzünder bezeichnen, aber seine besten Arbeiten stammen aus den Achtzigern und Neunzigern." Aus dieser Zeit stammen die Essays des Bandes "A Hitch in Time". Lorentzen nennt sie die "rechtschaffen-ironisch-zynisch-idealistische-Störenfried-Phase".

Magazinrundschau vom 03.05.2022 - Harper's Magazine

Sam Lipsyte findet in Las Vegas die Zukunft der sexuellen Erfüllung - sie nennt sich "Digisexualität" und gegenüber dem, was uns da blüht, wirkt der Boom der Online-Pornografie in den letzten 20 Jahren in etwa so beschaulich wie heute Erotikheftchen aus den 60ern: Sex mit Robotern, Eintauchen in die erotischen Sphären der Virtual-Reality im Ganzkörperanzug - J.G. Ballard und David Cronenberg hätten es sich nicht schöner ausdenken können. Für Menschen, denen aus verschiedensten Gründen ein aktives sexuelles Leben verwehrt bleibt, könnte dies zwar einer Erlösung gleichkommen, schreibt Lipsyte in seiner launigen Reportage. Aber aus der Utopie könnte rasch eine Dystopie werden:  "Ich werde diese dunkle Vorahnung einfach nicht los, wenn ich mir ein Zuckerbergsches Pornoversum vorstelle. Die großen Social-Media- und Tech-Firmen haben bereits erheblichen Anteil daran, den öffentlichen Diskurs zu pervertieren, den allgemeinen Grundkonsens zu erschüttern und die Vernunft zu strangulieren. Wartet bloß ab, was erst geschieht, wenn die auf Sex abfahren. Abgeschottet in unseren Helmen und beim Kuscheln mit den Bots - so werden wir leichte Ziele für alle möglichen Arten von Manipulation. Und selbst wenn wir den Eindruck haben, dass unsere exquisitesten individuellen Sehnsüchte mit der Präzision einer lernenden Maschine erfüllt werden, werden wir doch einsamer sein als je zuvor."