
Britische Professoren haben scharf gegen die Forderung des Innenministeriums protestiert, Studenten mit
extremistischen Ansichten zu melden, auch wenn sie nicht zu Gewalt oder Straftaten aufrufen. Nick Cohen
findet, dass dieses Engagement für die Meinungsfreiheit ein bisschen spät kommt: "Statt einer freier Institution, in der junge Menschen ihren Geist erweitern können, ähneln britische Universitäten inzwischen
theologischen Studienanstalten, an denen
säkulare Priester die Einhaltung der Gebote beaufsichtigen. Vorige Woche stoppten Studenten am Goldsmith College eine Aufführung der fantastischen feministischen Komikerin Kate Smurthwaite, in einem Akt
neurotischer Prüderie, der an Wahnsinn grenzte. In ihrer Show ging es um Meinungsfreiheit - ja, ich weiß. Sie erzählte mir, dass Goldsmith die Show nicht wegen ihres geplanten Programms cancelte, sondern weil sie einmal gefordert hatte, Männer zu verhaften, die zu Prostituierten gingen, außerdem habe sie etwas gegen patriarchale Kleriker, die Frauen zwingen, eine Burka zu tragen. In der
Dämonologie der Campus-Politik waren dies keine legitimen Standpunkte, die in einer handfesten Debatte ausgetragen werden können. Sie brandmarkten sie sowohl als huren- wie als islamfeindlich."
Sehr
empfehlen kann Tony Wood
Peter Pomerantsevs Russland-Buch "Nothing Is True and Everything Is Possible", das ziemlich gut erfasse, worin das ideologische System Putin besteht: "Der Putinismus selbst ist eine Ideologie, die
alle Ideologien auf einmal umfasst: Liberalismus, Nationalsims, Konservatismus, Orthodoxie, "antihegemoniale" Außenpolitik. Wie Pomerantsev zeigt, besteht der Schlüssel zum Erfolg dieses neuen Autoritarismus darin, dass er "nicht einfach die Opposition unterdrückt, wie seinen Vorgänger im 20. Jahrhundert, vielmehr bemächtigt er sich aller Ideologien und Bewegungen, beutet sie aus und führt sie ad absurdum". Das deutlichste Beispiel dafür ist die Schaffung eines politischen Systems, das wie eine Demokratie aussieht... Das Regime selbst kann mühelos seine
Identitäten wechseln: Es kann sich am Vormittag wie eine Oligarchie anfühlen, am Nachmittag wie eine Demokratie, zum Abend wie eine Monarchie und in der Nacht wie ein totalitärer Staat". Diese
Quecksilbrigkeit macht Putin für seine Gegner so schwer zu fassen - wo gegen sind Sie jetzt genau? -, und das beschreibt Pomerantsev gut."
Außerdem: Unschlagbar misanthropisch
findet Christopher de Bellaigue
Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung", dem er entnimmt, dass beim Kampf der Ideologien immer
die Sozialleistungen den Ausschlag geben. Wie die Faust aufs Auge
passt laut Robin Yassin-Kassab auch
Karim Miskés Krimidebüt "Arab Jazz", der von
Rausch und Wahn im 19. Bezirk von Paris erzählt.