
Dass
Alexej Nawalny zu zweieinhalb Jahren Lagerhaft verurteilt wurde, ist in den Augen der russischen Bürgerrechtlerin
Olga Romanowa alles andere als "beispiellos", sondern sehr typisch für die zur Farce verkommene Justiz und das Lagersystem, in dem in sowjetischer Manier Verurteilte untergebracht werden, die keine Kapitalverbrechen begangen haben. Das erzählt Romanowa im
Interview mit Osteuropa, das
Eurozine auf Englisch
bringt: "Der GULag war ein feuerspeiender, blutrünstiger Drache, der die Menschen bei lebendigem Leibe verspeiste. Hundert Jahre sind vergangen, der
Drache ist alt geworden und hat kein Feuer mehr, seine Krallen sind abgestumpft, und er hat nicht mehr so viel Appetit wie früher. Er sieht mehr aus wie eine alt gewordene Raupe. Aber es ist noch derselbe Drache. Er lebt immer noch. Das
gegenwärtige Strafvollzugssystem in Russland ist niemals - ich betone: niemals - grundlegend reformiert worden. Das Äußerste, was noch unter dem damaligen Geheimdienstchef
Lawrenti Beria erfolgte, war, dass das Strafvollzugssystem nicht mehr den Tschekisten oder der Polizei untersteht, sondern ins Justizministerium eingegliedert wurde. Das ist alles. Auch heute wird das Strafvollzugssystem de facto
vom FSB verwaltet. Das gesamte Führungspersonal kommt aus dem Inlandsgeheimdienst. Aber das ist nicht anders als in der Freiheit. Ganz Russland steht unter Leitung von Geheimdienstlern, angefangen mit Putin."
Belarus ist beileibe nicht so zweigeteilt wie die Ukraine, wo die sprachliche und historische Trennung das Land zerreißt,
betont die belarussische Autorin
Nelly Bekus, dennoch gebe es auch in Belarus zwei Formen der nationalen Identität, die offizielle und die alternative: Die offizielle Version der belarussischen Geschichte basiert sehr stark auf der
gemeinsamen belarussischen und russischen Existenz: Ob nun im Russischen Reich oder in der Sowjetunion, diese Perioden werden als entscheidend für die Bildung der belarussischen Identität angesehen. In der alternativen Interpretation der Geschichte, sehen sich die Weißrussen als eine
osteuropäische Nation, die mehr mit Polen, Litauen und Tschechien gemein hat."