Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

643 Presseschau-Absätze - Seite 58 von 65

Magazinrundschau vom 05.09.2006 - Elet es Irodalom

In den vergangenen Wochen sind die Tagebücher zweier Budapester erschienen, die ihre Erlebnisse von 1956 als 12- beziehungsweise 13-Jährige niedergeschrieben haben. Der Kulturwissenschaftler Peter György meint zu den Aufzeichnungen von Tamas Csics und Janos Kovacs: "Da das diesjährige Jubiläum bislang nur leere Riten verspricht beziehungsweise noch mit reichlich vielen ästhetischen Grausamkeiten droht, sind diese Tagebücher unerwartete Quellen der Freude und ein Grund zur Hoffnung... Diese beiden unerwarteten Texte stellen dem Leser jene Welt vor, die heute verschwunden ist hinter dem von den Hysterien des politischen Bewusstseins determinierten historischen Gedächtnis. Die Ereignisse des Alltags sind hier nachzulesen und rekonstruierbar, die Haltung der 'Durchschnittsungarn', die Distanz und die Vorsicht. Und die kurzlebige Hoffnung, dass der Kommunismus jetzt tatsächlich zu Ende geht."

Auf die Frage, ob in letzter Zeit tatsächlich weniger zeitgenössische Musik gespielt wird, ob sie sich in einem 'Ghetto' befindet, und ob unsere Zeit das Zeitalter der 'wissenschaftlichen' Dirigenten ist, antwortet der Dirigent Sir John Eliot Gardiner im Interview: "Vor zwanzig, dreißig Jahren befand sich die Barockmusik im Ghetto: Die Leute haben sich die Werke des Barock in fürchterlichen Interpretationen anhören müssen. Alles wurde auf gleiche Weise gespielt, Bach, Mozart, Schubert oder Brahms, es gab nur eine Klangwelt. Das historisch ausgerichtete Musizieren gab dem Ganzen einen bedeutenden Schwung, es veränderte den Stil der Konzerte, eröffnete reiche Quellen der Musik, von denen die Menschen bis dahin gar nichts wussten. Möglicherweise ist das eine Art neuer zeitgenössischer Musik. Die vor zwei-, dreihundert Jahren geschriebenen Werke sind für uns in der neuartigen Interpretation neu und lassen vieles entdecken."

Magazinrundschau vom 29.08.2006 - Elet es Irodalom

In den vierziger Jahren hat Günter Grass über die Verfolgung der Juden im Alltag hinweg geschaut, heute weigert er sich, die Diktatoren der Gegenwart zu verurteilen, kritisiert Rudolf Ungvary. "Vor 1945 war allen Zeitgenossen von Grass klar - nicht nur den Mitgliedern der SS -, dass es 'Judengesetze' gab, dass viele Juden verschwanden. Sie hörten deutlich, wie Hitler seine Reden brüllte. Sie wussten, dass nur die Vertreter einer einzigen politischen Richtung ihre Meinung äußern durften. War all das nicht genug, um den Sieg des Faschismus nicht zu wünschen (unabhängig davon, ob man freiwillig Mitglied der Partei oder einer militärischen Organisation wurde)? ... Grass hat Amerika verflucht, aber zu den Drohungen des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad geschwiegen. Vor 1945 konnte er wissen, dass den deutschen Juden etwas Schreckliches passiert. Auch jetzt muss zu seinen Ohren vorgedrungen sein, was der iranische Präsident fordert, nämlich Israel von der Landkarte auszulöschen."

Unmittelbar vor dem 50. Jahrestag des ungarischen Aufstandes von 1956 erschien eine umstrittene Monografie von György Moldova über Janos Kadar, den Diktator des Gulaschkommunismus, der an der Niederschlagung des Aufstandes maßgeblich beteiligt war. Moldova feiert Kadar als eine bedeutende historische Persönlichkeit. Peter Esterhazy mag das Buch nicht verurteilen: "Wir wiederholen automatisch immer die gleichen Sätze: Kadar sei Verräter und Mörder gewesen. Auch wenn das stimmt, es bleibt ein Klischee, ein Alibi... All das resultiert auch aus einem tiefen Desinteresse: wenn wir uns für das Thema wirklich interessieren würden, dann würden wir uns nicht mit hervorgerülpsten Stereotypen zufrieden geben."

Magazinrundschau vom 08.08.2006 - Elet es Irodalom

Der Handke-Debatte liegen fatale Missverständnisse zwischen Intellektuellen in West- und Osteuropa zugrunde, glaubt Laszlo Vegel, ungarischer Schriftsteller aus Novi Sad (heute Serbien): "Serbische Nationalisten und Rechtspopulisten feiern Handke als Anhänger der ethnischen Homogenisierung und der sogenannten 'serbischen Wahrheit'... Aber ihre Berührungspunkte sind trügerisch. Die Kritik am Westen und der Antiamerikanismus eines Peter Handke wird in einem völlig anderen kulturellen Kontext formuliert: Antiamerikanismus ist in Westeuropa Teil der demokratischen Kultur, in Osteuropa dient er fast immer als Rhetorik populistischer Bewegungen...

Mitläufer in Diktaturen, die nach jahrzehntelangem Schweigen entlarvt werden, versuchen ihre Tat zu leugnen oder schön zu reden, stellt Agnes Heller fest. Auch prominente Künstler wie Istvan Szabo sind keine Ausnahme: "Er war jung, der Druck war enorm, er machte einen Fehler, aber ab Anfang der 60er Jahre diente er diesen Herren nicht mehr. Er wird heute eher deshalb verurteilt, weil er auch dann schwieg, als er schon hätte reden dürfen, weil er als falsches Beispiel anderen voran ging, weil er letzendlich von seiner Schandtat profitierte."

Magazinrundschau vom 01.08.2006 - Elet es Irodalom

Nobelpreisträger Imre Kertesz analysiert im Interview mit Eszter Raday den Antisemitismus in Europa: "Eine neue und wirksame Möglichkeit des Antisemitismus bietet in demokratischen Staaten die Kritik an Israel - vor allem, wenn Israel Grund zur Kritik gibt, was übrigens auch andere Staaten tun, die nicht um ihre Existenz kämpfen müssen. Eine Sprache wurde entwickelt, die ich Euro-Antisemitismus nennen möchte. Für einen Euro-Antisemiten ist es kein Widerspruch, der Opfer des Holocausts in tiefer Trauer zu gedenken und im nächsten Satz unter dem Vorwand der Israel-Kritik antisemitische Äußerungen von sich zu geben. Man hat es schon so oft wiederholt, dass es fast zum Klischee wurde: die Erinnerung an den Holocaust ist notwendig, damit es nie wieder passieren kann. Aber seit Auschwitz ist eigentlich nichts passiert, was ein neues Auschwitz unmöglich macht. Im Gegenteil. Vor Auschwitz war Auschwitz unvorstellbar, heute ist es das nicht mehr. Da Auschwitz in Wirklichkeit passierte, ist es in unsere Fantasie eingedrungen, wurde ein fester Bestandteil von uns. Was wir uns vorstellen können, weil es in Wirklichkeit passiert ist, das kann wieder passieren."

Die Geburt der Modernität aus den Wechselbeziehungen zwischen Physik und Literatur beschreibt Peter Esterhazy (mehr hier) in einem Essay, mit dem eine internationale Konferenz über James Joyce (mehr hier) in Budapest eröffnet wurde: Das zwanzigste Jahrhundert "erkannte, dass die Würde des Menschen im Erkennen und Anerkennen seiner Grenzen liegt. Wir wissen, wo ein Elementarteilchen ist, oder wie schnell es sich bewegt, aber beides gleichzeitig können wir nicht wissen, auch wenn unser Herz zerbricht. Wir können es nicht wissen, nicht weil unsere Messgeräte noch nicht gut genug sind, sondern weil es prinzipiell unmöglich ist. Unmöglich ist es. Und dass es diese Grenzen sogar in der göttlichen Disziplin der Mathematik gibt, das hätte man wirklich nicht gedacht, Bertrand Russell schon gar nicht. ... Das Werk von James Joyce bildet den Höhepunkt dieses Wissens, einschließlich des Wissens um das Nicht-Wissen. Aus der individuellen, historischen, mythischen Zeit wurde eine universelle Zeit."

Magazinrundschau vom 25.07.2006 - Elet es Irodalom

Budapest nimmt von seinen nostalgisch anmutenden Straßenbahnen Abschied (Fotos hier und hier). Die alte Margaretenbrücke macht die Einführung moderner Straßenbahnen nicht mit: die Stromleitungsmasten stürzten quer auf die Gleise. In dieser schönen Stadt findet man weder einen verantwortungsbewussten Politiker, noch einen kompetenten Experten, der solche Unfälle zu verhindern vermag, kommentiert Gusztav Megyesi: "Wenn man im Sommerwind, im Schatten schwankender Masten über die Brücke spaziert, muss man kein Bauingenieur sein, um zu sehen, dass in unserem Land - das angeblich voller verkannter Genies und verhinderter Erfinder ist, - die Kultur der ehrlichen Arbeit untergeht. Budapest erweckt den Eindruck, man befinde sich in einem Land, das nicht einmal die einfachsten Aufgaben zu lösen vermag. Verfall, Schlampigkeit und Verantwortungslosigkeit ist auf allen Ebenen zu beobachten. Es hilft nichts, wenn wir die Verantwortlichen des Unfalls finden. Der Chef der Budapester Verkehrsbetriebe oder der Bürgermeister würden durch andere ersetzt, die kein bisschen besser sind. Die Stromleitungsmasten der Margaretenbrücke liegen wie ein kollektives Symbol unserer Gesellschaft da: wir können sie als Götzen verehren."

Magazinrundschau vom 11.07.2006 - Elet es Irodalom

Eines der wichtigsten Kultbücher Ungarns, "Die Jungen von der Paulstraße" ist 100 Jahre alt. Der Roman von Ferenc Molnar erzählt vom Kampf zwischen zwei Gangs von Budapester Schulkindern Ende des 19. Jahrhunderts. Den Erfolg des Romans führt Gabriella F. Komaromi darauf zurück, dass er von Kindern der Jahrhundertwende erzählt und dabei die blutige Geschichte des 20. Jahrhunderts vorwegnimmt: "Die herrschenden Ideologien und romantischen Gefühle der Jahrhundertwende werden im Roman sanft ironisiert. Freiheitsdrang, Vaterlandsliebe, Heldenhaftigkeit, bedingungslose Treue, großzügige Verzeihung werden neben kleinlicher Wut, Verrat, Unbeholfenheit, bürokratische Unbiegsamkeit gestellt. Die Geschichte kann grenzenlos erhaben erzählt werden, weil das Pathos immer genügend kontrastiert wird. Ein literarischer Seiltanz auf hohem Niveau." (Hier eine schöne Kritik von Kurt Tucholsky über das Buch)

Magazinrundschau vom 27.06.2006 - Elet es Irodalom

Das Ernst Museum in Budapest stellt die Kunst ethnischer Minderheiten Ungarns und ungarischer Minderheiten in den Nachbarländern aus. Vilmos Agoston ist entsetzt! Für ihn ist die Ausstellung "ein Musterbeispiel für Diskriminierung". Seit sechshundert Jahren leben Roma in Ungarn, doch in der Ausstellung werden sie als heimatlose Gesellen gezeigt: "In seiner Eröffnungsrede forderte Miklos Duray, Vizepräsident der Ungarischen Koalitionspartei in der Slowakei, die ungarischen Roma auf, 'den indischen Botschafter zu kontaktieren'. Anscheinend hält er Indien für das Vaterland der ungarischen Roma. ... Ich hoffe sehr, dass der Politiker inzwischen ahnt, dass unsere Roma-Brüder nicht nur ihre Väter, sondern auch ihr Vaterland sehr wohl in Ungarn haben." Zur Ausstellung wurden Künstler aus dem ehemaligen Gebiet Groß-Ungarns eingeladen, die sich mit "Nationalität" auseinandersetzen.
Stichwörter: Diskriminierung, Roma, Slowakei

Magazinrundschau vom 06.06.2006 - Elet es Irodalom

Erstmals verklagt vor dem UN-Gerichtshof in Den Haag ein Staat einen anderen wegen Völkermord: Bosnien-Herzegowina hat 1993 gegen Serbien Klage eingereicht. Doch wenn Serbien wegen Völkermordes verurteilt wird, werden auch die Kosovo-Albaner und andere Minderheiten Serbiens als Täter verurteilt, sagt Tibor Varady im Interview, Professor der Central European University und Vertreter Serbiens im Rechtsstreit. Zugleich würden "die bosnischen Serben, die in der Klage als Hauptverantwortliche genannt wurden, plötzlich als Opfer gelten, weil sie im Dayton-Vertrag von 1995 Teil eines Staates wurden, der die Klage einreichte. Diese Wendung ist in der europäischen Geschichte beispiellos: es ist, als ob sich Deutschland und Polen vereint hätten und gegen Österreich wegen Mitschuld am Holocaust klagen würden."

Magazinrundschau vom 30.05.2006 - Elet es Irodalom

Der überwältigende Enthusiasmus von Peter Esterhazy als Fußballfan trug sicherlich dazu bei, dass die ungarische literarische Nationalelf im Berlin beim Spiel gegen Deutschland am 20. Mai ein zweites Wunder von Bern verhindern konnte. Das Ergebnis endete 0:0, aber die Ungarn waren viel besser als die Deutschen, findet der Schriftsteller Laszlo Darvasi, der selbst mitgespielt hatte: "Die Deutschen spielten in der zweiten Hälfte gar nicht mehr aufs Tor, während unsere Mannschaft mehrere herzzerreißende Torchancen an den Himmel verschenkte. Wir können mehrere Zeugen benennen, die aussagen, dass unsere Mannschaft wirklich besser spielte, als die im Durchschnitt zehn Jahre jüngeren deutschen Schriftsteller." Denn die literarische Nationalelf Ungarns bestand aus Männern "mit gemeinen, immer hartnäckigeren Polstern um die Hüften, traurigen Füllungen in den Zähnen, immer tieferen Falten, Jammerromane, Schnupfenfeuilletons und Trauerspiele schreibend."

Imre Kertesz feiert eine große Budapester Konzertreihe für zeitgenössische Musik, die mit Werken des ungarischen Komponisten György Ligeti eröffnet wurde: "Dieser Name war für mich lange nur ein Wort, das durch die Dunkelheit von Verboten schimmerte. György Ligeti: die unerreichbare Quelle wunderschöner, geheimer Töne. Seine Musik war Jahrzehnte lang aus allen Konzertsälen, Musikhochschulen, Radiosendungen Ungarns verbannt. Die Nachwelt wird bestimmt die Frage stellen: Wie ist es denn nur möglich, dass dieses Land so verschwenderisch mit seinen Talenten umging?" Die Konzertreihe ist das erste große Projekt des Vereins Neue Ungarische Musik (UMZE), der 2005 unter anderem von György Kurtag, Peter Eötvös und Andras Szöllösy mit dem Ziel begründet wurde, die zeitgenössische ungarische Musik in Ungarn bekannt zu machen.

Die Stasi-Unterlagen sollten in Ungarn endlich frei zugänglich werden, wie in der ehemaligen DDR, fordert der Historiker Laszlo Varga: Der erste Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen der DDR, "Joachim Gauck und seine Mitstreiter haben der Staatsmacht ihr Informationsmonopol entzogen. Dies war in Ungarn nicht möglich, weil sich die Stasi hierzulande hinter der 'Polizei' versteckte, mit der sich eng verflochten war. In Deutschland wusste jeder, wo die Stasi 'wohnt', aber wir hatten keine Ahnung. ... In den letzten zehn Jahren bekamen die Bespitzelten in Ungarn immer mehr Rechte, die Historiker dürfen immer freier recherchieren. Aber das Wichtigste, der Zugang zu den Stasi-Unterlagen und die oft beschworene Bewältigung der Vergangenheit bleibt weiterhin aus."

Magazinrundschau vom 23.05.2006 - Elet es Irodalom

Entlarvte Stasi-Spitzel entschuldigen sich meist damit, dass sie zur Mitarbeit gezwungen wurden. Am Beispiel renommierter Wissenschaftler zeigt der junge Historiker Krisztian Ungvary, dass man doch relativ große Spielräume hatte. Als die Historiker György Ranki, Ferenc Glatz und der Literaturwissenschaftler Mihaly Szegedy-Maszak die Mitarbeit mit der Stasi einfach ablehnten, hatte es keine ernsthaften Konsequenzen für ihre Karrieren. Dagegen bespitzelte der Historiker Karoly Vigh den berühmten Kollegen Domokos Kosary sogar freiwillig. Kosary verlor seine Stelle und wurde beinahe eingesperrt. "Die Fälle, die ich schilderte, sind die Spitze des Eisbergs. Die Archive sind voll von Geschichten, die zeigen, dass nicht nur Verräter, sondern auch mutige Menschen in der Diktatur lebten. Zahlreiche Spuren wurden der Nachwelt überliefert, die zeigen, wie die Kadar-Ära funktionierte. Früher oder später kommen sie alle ans Tageslicht. Es liegt im Interesse der ungarischen Gesellschaft, dass die Täter und Opfer dieser Geschichten endlich bekannt werden."

Die Unabhängigkeit der Medien leidet unter wirtschaftlichen Zwängen und dem "Medienappetit der Parteien", schreibt Medienforscher Jozsef Martin. "Ein finnischer Kollege erzählte mir vor zehn Jahren, dass er sich nichts Schlimmeres vorstellen könne, als wenn der Chef der nationalen Presseagentur nach dem Regierungswechsel sofort gehen müsste. In Ungarn ist das bereits Realität. Alle sinnvollen Kompromisse scheitern an der Unerbittlichkeit parteipolitischer Überzeugungen."

Weiteres: In einem sehr schönen Essay feiert der Kunsttheoretiker Laszlo Földenyi eine Budapester Ausstellung von Eva Köves und Andras Gal. Nach langen Jahren beschließt Peter György seine Tätigkeit als Fernsehkritiker des ES-Magazins: das ungarische Fernsehen sei so schlecht, dass er keine Lust mehr hat, sich damit zu befassen.