Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

643 Presseschau-Absätze - Seite 57 von 65

Magazinrundschau vom 05.12.2006 - Elet es Irodalom

Absolut hingerissen ist Laszlo Földenyi von der Budapester Ausstellung des ungarischen Künstlers Attila Szücs: Aura, wohin das Auge blickt! "Seltsame, an Rauchwolken oder Trugbilder erinnernde Visionen, die vor einem neutralen, weder mit Zeit noch mit Raum assoziierbaren Hintergrund - wie im gedämpften Licht des Meeresgrunds oder im Weltall ohne Graviation - erscheinen... Sie wirken wie Schatten, die nicht von einer Lichtquelle hervorgebracht wurden. Bilder, die sich vom Licht unabhängig gemacht und sich von der Materie losgelöst haben. Diese Schatten mit eigenem Dasein schlendern vor fast monochromen Farben herum. Sie sind weder der Zeit noch dem Raum ausgeliefert. Raumkapseln, die man ins Universum schickte. Sie zeigen eine kleine Welt, die sie umhüllen, die ihnen anvertraut wurde: eine einsame Frau, ein wartendes Kind, ein Möbelstück, ein Tier, eine Landschaft, mehrere Frauen und so weiter. Diese Blasen oder Schatten können alles umhüllen - auf den Gemälden von Attila Szücs ist die ganze Welt in einen schattenartigen Ort verwandelt."

Im Aufmacher macht sich Gusztav Megyesi über die Initative eines ungarischen Abgeordneten lustig, "eine jede Straße, deren Name nach dem Ende des Sozialismus nicht umbenannt wurde, nach dem verstorbenen ungarischen Fußballspieler Ferenc Puskas zu nennen. Er rechnete zusammen, dass es noch mindestens zweitausend Orte in Ungarn gibt, die immer noch eine Lenin- oder Dimitrovstraße haben. Der Abgeordnete machte bekannt, dass mehrere Künstler, Bürgermeister und Kommunalpolitiker hinter seiner Initiative stehen. Die ganze Bewegung wurde erst zwei Tage nach dem Tod von Puskas ins Leben gerufen. In einem Land, wo die Zivilen es in den sechzehn Jahren seit der Wende nicht geschafft haben, den Hundekot oder Straßenlöcher zu bekämpfen, den wichtigsten Auslöser von Heuschnupfen in Gärten und Hinterhöfen einzusammeln, von politischen Fragen gar nicht zu sprechen, ist das eine beachtenswerte Leistung."

Magazinrundschau vom 28.11.2006 - Elet es Irodalom

"Nicht nur in Ungarn, auch in den anderen ostmitteleuropäischen Staaten ist die innenpolitische Lage instabiler geworden - zur gleichen Zeit nehmen im Westen, in Deutschland oder Dänemark, aufgrund der Einsparungen die gesellschaftlichen Spannungen ebenfalls zu." Diese scheinbar ähnlichen sozialen Probleme haben jedoch unterschiedliche Gründe, meint der in Ungarn lebende japanische Ökonom, Morita Tsuneo, die auch die Eigenart des ungarischen Systemwechsels ausmachen. Tsuneo verweist dabei unter anderem den auf einer schwachen Marktwirtschaft ruhenden Wohlfahrtsstaat und den Populismus: "Bei letzterem lautet die Frage: Parlament, oder Straße? Im Parlament können die beiden großen Parteien keine Kompromisse erzielen, weshalb die oppositionelle Fidesz die Möglichkeit zu außerparlamentarischen Aktionen maximal ausnutzt, um das Parlament unter Druck setzen will. Diese Strategie erinnert an die Methoden der Bolschewiken. Nur ist es mehr als eine Ironie, dass sich ausgerechnet eine Partei, die sich dem ideologischen Kampf gegen den Antikommunismus verschrieben hat, die kommunistische Strategie zu eigen macht."

Magazinrundschau vom 21.11.2006 - Elet es Irodalom

Der Medienexperte Janos Szeky meint, die Unruhen und die Demonstrationswelle zeigen, dass der Systemwechsel abgeschlossen und Ungarn endgültig in Westeuropa angekommen ist. "Nach siebzehn Jahren schüttelt sich das Land und stellt verwundert fest, dass die ungarische Gesellschaft nicht mehr hauptsächlich aus Kleinbürgern besteht, die Samstag nachmittags pingelig ihren sauerkirschroten Lada waschen und danach riesige Mengen von Wiener Schnitzeln verschlingen, sondern dass wir inzwischen den normalen Ländern der westlichen Welt gleichen: Auch bei uns randaliert manchmal der aufmüpfigere Teil der Jugend auf der Straße, auch bei uns ist ein Teil der Bevölkerung stillschweigend damit einverstanden, während der andere Teil schockiert reagiert. Auch in unserer Gesellschaft gibt es Gegensätze zwischen Ethnien, Rassen und Religionen, und auch bei uns ist die Verfassung nicht dazu da, diese Gegensätze totzuschweigen, sondern sie zu regeln. Auch bei uns kommt es zu Ausschreitungen der Polizei, wenn sie glaubt, es guckt gerade keiner. Auch bei uns weiß jeder, dass Politiker nicht fehlerlos sind. Auch unsere Politiker versuchen deshalb, die Details der Details in einen möglichst dichten Nebel zu hüllen." Kurz: die Ungarn sind jetzt waschechte Demokraten.

Magazinrundschau vom 14.11.2006 - Elet es Irodalom

Miklos Radvanyi, Vizepräsident des amerikanischen Frontiers of Freedom Institute, diagnostiziert eine grundlegende Krise der Demokratien in Mittel- und Osteuropa: "Das 'Neue Europa' stellte sich als Wunschtraum einiger wohlmeinender Politiker heraus. Die Unruhen in der Budapester Innenstadt demonstrierten, wie gefährlich unstabil die ungarische Demokratie ist. Die schwere politische Krise in Polen, die Gelähmtheit der tschechischen, der extreme Nationalismus der slowakischen Regierung, die beinahe lächerlichen Zustände in Bulgarien und Rumänien, das Scheitern der Orangen Revolutionen in Kiew und Tblissi zeigen, dass die institutionellen und wirtschaftlichen Grundlagen der Demokratie angelsächsischen Typs in diesen Ländern fehlen."

ES-Chefredakteur Zoltan Kovacs kritisiert den Unternehmer Gabor Szeles, Mehrheitseigentümer von Magyar Hirlap, einer der wichtigsten Tageszeitungen Ungarns, weil er Chefredakteuren und führenden Publizisten gekündigt hat, um die politische Linie der Zeitung seinem Geschmack anzupassen. "Die New York Times ist eine der Zeitungen mit dem größten Ansehen weltweit, aber das ist auch das Verdienst der Eigentümer. Für sie ist die Presse mehr als nur ein Geschäftsunternehmen, mehr als nur ein Instrument politischer Einflussnahme... Macht ist für sie nicht das Ziel, sondern ein Mittel, um dem Gemeinwohl zu dienen. Die New York Times fördert Aufdeckung statt Verschweigen, Solidarität statt Komplizenschaft. Die Interessen der Familie Sulzberger und der Gesellschaft widersprechen sich nicht - auch wenn in Streitfällen Arthur Sulzberger immer das letzte Wort hat."

Weiteres: Der Verfassungsjurist Istvan Lövetei plädiert im Interview dafür, das Versammlungsrecht in der ungarischen Verfassung zu reformieren und bezahlte Demonstrationen zu verbieten. Andras B. Vagvölgyi findet es richtig, dass die Aufsichtsbehörde ORTT den privaten Fernsehsender Hir TV zu einer Geldstrafe verurteilt hat, weil er die Unruhen in Budapest mehrmals als "Revolution" bezeichnete. Der Novellenband "Transit" der jungen Autorin Noemi Kiss wird als Revolution des weiblichen Schreibens gepriesen (hier ein Text von Kiss über eine Reise in die Bukowina) und "Endlich eine gute Ehe", der 1929 entstandene Roman des völlig vergessenen Schriftstellers Akos Molnar, als Wiederentdeckung der Saison gefeiert.

Magazinrundschau vom 07.11.2006 - Elet es Irodalom

Ungarn ist gerade dabei, sich in eine gefährliche Sackgasse zu verirren, meint Janos Kis, einer der bekanntesten Politologen Ungarns. Die Initiative der größten Oppositionspartei Fidesz, über die Reformen der Regierung ein Referendum abzuhalten, sei verfassungswidrig: "Wichtigste Organe der Machtausübung in der parlamentarischen Demokratie Ungarns sind das Parlament und die Regierung. Ihre Entscheidungen dürfen durch Referenden modifiziert, aber nicht gänzlich vereitelt werden, weil das Recht der gewählten Mehrheit zu regieren dadurch aberkannt würde."

György Baron feiert "Taxidermia", den zweiten Spielfilm des jungen ungarischen Regisseurs György Palfi, den sein Debütfilm "Hukkle" international bekannt machte: "Die in Film verwandelte, auf Texten des Schriftstellers Lajos Parti Nagy basierende Familienchronik György Palfis stellt eine radikale Revision des traditionellen Familienromans dar. Der Ausgangspunkt ist ein Tiefpunkt, von dem keine Familie weitersinken kann. Vor sich stets wandelnden Kulissen bewegen sich drei Generationen in genau den gleichen Kreisen des Verfalls: Sex, Essen, Trinken, Entleeren, Tod, Selbstbefriedigung, Selbstobduktion, Selbstausstopfen... Trotz der schockierenden Bilder riskiere ich den Satz: 'Taxidermia' ist ein schöner Film."

Weiteres: Der Schriftsteller Ivan Sandor schreibt einen schönen Essay über die von der ersten Sekunde an verlorene Revolution von 1956.

Magazinrundschau vom 24.10.2006 - Elet es Irodalom

Der ungarische Schriftsteller Peter Nadas kann heute, 50 Jahre nach der ungarischen Revolution, verstehen, warum der Westen nicht eingegriffen hat. "Im Oktober 1956 hatten die Völker und die legitimen Regierungen Europas und Nordamerikas entschieden, dass die Epoche revolutionärer Umwälzungen für immer vorbei war. Und sie hatten recht. Die Devise der Epoche lautete: um den Dritten Weltkrieg zu vermeiden, müssen soziale und politische Proteste in bestehende Systeme integriert werden. Mit großem Bedauern und blutenden Herzen, ihrer moralischen Verantwortung bewusst, entschieden sie sich, die anderthalb Jahrhunderte verspätete Revolution der ungarischen Demokratie weder mit diplomatischen Mitteln noch durch Freiwillige oder Waffen zu unterstützen."

Vor zwei Wochen (der Artikel ist jetzt erst online) hatte der Schriftsteller Peter Esterhazy für eine gemeinsame Erinnerung an die Revolution plädiert, die er als etwas definiert, "das wir Ungarn immer wieder verloren haben. Zuerst verloren wir sie, als die Sowjetunion in Budapest einmarschierte. Ein zweites Mal verloren wir sie, als Imre Nagy am 16. Juni 1958 hingerichtet wurde. Das Kadar-Regime (1956-1988) sorgte für eine jahrzehntelange Amnesie. Am 16. Juni 1989 (als Imre Nagy rehabilitiert und feierlich beigesetzt wurde) schien es, als ob wir die verlorene Revolution wieder gefunden hätten. An diesem phantastischen Nachmittag war es, als ob die Geschichte an sich - unabhängig von allen politischen Interpretationen - eine enorme Kraft hätte, als ob der Geschichte das letzte Wort über das Vergessen gebührt und nicht uns, den Untreuen. Der Schein trog: Am 50. Jahrestag haben wir 1956 wieder verloren. Es ist heute ausschließlich als parteipolitische Beute interessant."

Magazinrundschau vom 03.10.2006 - Elet es Irodalom

Das ES-Magazin druckt einen sehr schönen Essay des Filmemachers Bela Tarr ab, den er anlässlich einer großen Ausstellung des Budapester Ludwig-Museums über den 1985 verstorbenen, legendären Filmemacher Gabor Body geschrieben hat. Dass Body für die Stasi gearbeitet hat, erwähnt Tarr mit keinem Wort. Für ihn zählt nur der Künstler. Body betrachtete, "den Menschen nicht nur als soziale Kreatur, sondern auch als Naturwesen, als Teil des Kosmos... Er stellte die Welt vom Kopf wieder auf die Füße. Er galt als 'andersdenkender', 'marginaler' Künstler (oder als besoffenes Schwein, auch wenn er seit Wochen nicht mehr getrunken hatte. Es war schön mitanzusehen, wie die von der Staatsmacht ausgezeichneten Regisseure und ihre Studiobrigade vor Angst erstarrten, als Body im Smoking mit gelben Knöpfen das Studiocafe betrat.) Von der feuchtwarmen Sicherheit ihrer Schafsställe aus verachteten sie ihn und bemerkten nicht, dass mittlerweile sie diejenigen waren, die marginal geworden waren."

Prominente Intellektuelle, die an der ungarischen Revolution von 1956 beteiligt waren - darunter der Schauspieler Ivan Darvas, die Filmemacherin Judit Ember und der Schriftsteller Ferenc Fejtö - veröffentlichen eine gemeinsame Erklärung, in der sie jegliche Parallelen zwischen den Demonstrationen von heute und dem Aufstand gegen die stalinistische Diktatur strikt ablehnen: Vor zwei Wochen "haben Rechtsradikale und Fußballhooligans in Budapest randaliert, das spricht der Revolution und dem Freiheitskampf von 1956 Hohn. Die Symbole von 1956 wurden in den Unruhen als Tarnung antidemokratischer Gewalt missbraucht. Die Beschädigung des sowjetischen Denkmals der Opfer des Zweiten Weltkriegs, Vergleiche zwischen der heutigen Polizei und der Staatssicherheit, der Missbrauch des 50. Jahrestags von 1956 sollen nur dazu dienen, die legitime, demokratisch gewählte Regierung in Frage zu stellen."

Magazinrundschau vom 26.09.2006 - Elet es Irodalom

Janos Szeky kritisiert die Berichterstattung des amerikanischen Nachrichtensenders CNN über die Unruhen in Budapest: "Nic Robertson stand in der Nacht auf Mittwoch auf der Rakoczistraße, und informierte die Welt mit erregter Stimme, dass die gerade vorbeirennenden jungen Männer wütend seien, weil der Ministerpräsident gelogen habe, und dass sich der Sitz des Regierungschefs da hinten am Ende der Straße befinde. (Meinte er den Ostbahnhof oder das Einkaufscenter East-West?) ... Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass nicht einmal die finanziell traumhaft ausgestattete CNN-Redaktion in London über Experten verfügt, die dem Reporter erklären könnten, wie ein Budapester Fußballhooligan zu erkennen ist oder was in der aktuellen Presseerklärung des ungarischen Staatspräsidenten Solyom stand, der die Gewaltakte als Straftaten verurteilte und von der Verantwortung jener Demonstranten sprach, die die Randalierenden tatenlos zusahen. (Dieser letzte Teil wurde aus fast allen Presseberichten weggelassen - warum eigentlich?)"
Stichwörter: CNN

Magazinrundschau vom 19.09.2006 - Elet es Irodalom

Verbrennung der ungarischen Flagge in Internetvideos, Hasstransparente bei Fußballspielen, Gewalttaten: seitdem der slowakische Ministerpräsident Robert Fico die rechtspopulistische Slowakische Nationalpartei (SNP) ins Kabinett holte, häufen sich die Ausfälle gegenüber den 500.000 Ungarn, die in der Slowakei leben. "Während der letzten Regierung von Mikulas Dzurinda, an der auch die Partei der ungarischen Minderheit, SMK, beteiligt war, gab es von dieser Ungarnphobie in der Slowakei keine Spur. Obwohl in der letzten Legislaturperiode offensichtlich genauso viele dumme Menschen in Ungarn und in der Slowakei lebten wie heute", kommentiert Laszlo Barak. "Lange geheim gehaltene Phobien einzelner Menschen oder von Kollektiven arten manchmal zu konkreten Konflikten aus und lassen wahnwitzige Phantasmagorien Realität werden."

Die Dohany-Synagoge von Budapest ist eines der größten jüdischen Gotteshäuser in Europa. Peter György besuchte den Garten der Synagoge, der 1944 zum Massengrab wurde und heute als Gedenkstätte fungiert. "Die einzelnen Spuren privaten Gedenkens finden sich in einem öffentlichen Raum, den bis heute niemand zu einer Einheit organisieren wollte. ... Nicht die Tragödie jüdischer Opfer, sondern die Verlegenheit der ungarischen Gesellschaft bekommt man hier zu sehen. Warum ist Hanna Szenes nur von Israel als Heldin anerkannt worden, obwohl sie nach Ungarn zurückkehrte, um gegen die Nationalsozialisten zu kämpfen? Was sollen wir über die Rettungsaktion von Rudolf Kasztner denken, der 1957 auf offener Straße in Tel-Aviv erschossen, aber von einem Gericht von allen Anschuldigungen entlastet wurde? Was bedeutet es überhaupt, dass hier Juden beigesetzt wurden, obwohl sie ungarische Staatsbürger waren, die diese Nation verstoßen hatte? Warum hat sich der ungarische Staat hier nicht engagiert?"

Magazinrundschau vom 12.09.2006 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller Gabor T. Szanto schreibt einen Nachruf auf den vor kurzem verstorbenen Lyriker György Faludy: "96 Jahre lebte er in verschiedenen Ländern, am längsten in Ungarn, England und Kanada. Tausend Gedichte schrieb er und hinterließ ein riesiges Werk als Literaturübersetzer. Er war ein ungläubiger Jude und frei denkender Ungar. Ein hervorragender Kenner der Literatur und Geistesgeschichte der Antike, des Mittelalters und der Renaissance, der Lyrik des Sufismus, des alten China und der Gegenwart gleichermaßen. Er war in Frauen und Männer verliebt, er war heimatlos in Zeit und Raum und hatte ständig Heimweh. Ein Mensch des 20. Jahrhunderts in der Diaspora, ein Mensch, der nie einen anderen Ausweis besaß als einen Bibliotheksausweis."