
Der in Ungarn lebende Übersetzer und Kaffeehausbetreiber Wilhelm Droste
sprach mit den beiden Schriftstellern
Lajos Parti Nagy und Pál Závada über die fehlende Vergangenheitsbewältigung in Ungarn die
rassistische Sprache, deren Gebrauch seit Anfang der 1990er Jahre - vermittelt auch durch Parlaments- und Fernsehkanäle - immer akzeptierter und populärer wurde. Da dies auch einen sprachlichen Angriff darstellt, könne man nur schwer etwas verteidigen, ohne dabei selbst auf dieses Niveau heruntergezogen zu werden, meint Droste. Nach Ansicht von
Parti Nagy findet aber die Verbreitung dieses Sprachgebrauchs in zwei Richtungen statt: "Die von
oben nach unten einsickernde Sprache entsteht, indem die sich
von unten nach oben ausbreitende Sprache nicht eindeutig abgelehnt wird, sie deshalb übermütig wird und zu wuchern beginnt; die von den Gipfeln der Schaupolitik und des Populismus nach unten sickernde Sprache ist bereits eine Reaktion darauf: Sie
legitimiert sie und nimmt sie in ihr Wörterbuch auf, als 'Sprache des einfachen Volkes'. ... Dennoch behaupte ich, dass es eines der größten Verbrechen der politischen Klasse in Ungarn war, dass sie sich nicht vom ersten Moment an vom rechtsextremen Teil der Politik ganz konkret distanziert und dessen Mitglieder aus den eigenen Reihen ausgeschlossen hat."
Anfang vergangener Woche hat ein Abgeordneter der rechtsextremen Partei
Jobbik im Budapester Parlament seine nazistischen Ansichten mit besonderer Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht und angesichts des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern im Gaza-Streifen eine
Erfassung der in Ungarn lebenden Juden gefordert, weil sie seiner Ansicht nach ein "Sicherheitsrisiko" für das Land darstellten (mehr dazu
hier). Die anderen Abgeordneten schienen die Äußerung überhört zu haben und auch die Regierung gab erst einen Tag später und nach Protesten eine Erklärung ab, in der sie die Äußerungen des Jobbik-Abgeordneten
scharf verurteilte und ein entschiedenes Auftreten gegenüber Extremismus, Rassismus und Antisemitismus versprach. Doch das Dokument mutet wie eine lästige Pflichtübung an, denn die Erklärung wurde bereits mehrmals und
beinahe wortgleich zu ähnlichen Anlässen verwendet. Der Publizist Gusztáv Megyesi
wundert sich nicht über diese sich in einem Copy-und-Paste-Verfahren manifestierende
Scheinheiligkeit: "An Feiertagen oder Protokollveranstaltungen können sich Politiker verbal sehr entschieden von extremen Erscheinungen distanzieren, wenn es sein muss, setzen sie dem Schein zuliebe sogar eine Kippa auf. Das Wesentliche ist aber, was die feierlichen Fotos nicht zeigen: wie sie
der Rechtsextremen zuzwinkern."