Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

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Magazinrundschau vom 18.06.2013 - Elet es Irodalom

Wie religiös sind die Ungarn? Viel weniger als man glaubt, lernt die Soziologe Mária Vásárhelyi aus den Ergebnissen der Volksbefragung von 2011. So spreche sich eine Mehrheit gegen das neue Kirchenstatusgesetz und gegen die Verteilung von Steuergeldern an ausgewählte Kirchen aus und stelle den obligatorischen Religionsunterricht an den Schulen Frage: "Die derzeitige ungarische Regierung positioniert sich stets gegen den säkularen Staat, sie hebt die patriotische Kraft des Christentums hervor und verunglimpft das heutige Europa - im Gegensatz zu Ungarn - als religionsfeindlich, als Friedhof der christlichen Werte. Sie kann sich nun rühmen, dass während ihrer Amtszeit der Anteil der Menschen, die sich einer der historischen Religionen zugehörig fühlen, in einer nie dagewesenen Weise zurückging, die Verweltlichung Ungarns geht ununterbrochen weiter. (...) Nur als Vergleich: in Italien und in Polen bekennen sich mehr als 90 Prozent, in der Slowakei 84 Prozent, in Österreich 83 Prozent, in Spanien 76 Prozent, in Deutschland 63 Prozent der Gesellschaft dazu, Mitglied in einer Religionsgemeinschaft zu sein. In Ungarn sind es 52 Prozent. Das bedeutet, dass Ungarn im Jahre 2011 unreligiösesten Ländern Europas zählt."

Auch der linke Philosoph Miklós Gáspár Tamás mag keine europäischen Werte. Was soll das überhaupt sein, fragt er. "Die ungarische liberale Opposition versteht darunter die Werte der liberalen Demokratie. Die Autorität des reichen Westens, des 'erfolgreichen' Europas, als kulturgeografisch umschriebene Region, soll eine moralisch-politische Debatte über die Organisation der Gesellschaft ersetzen."

Im Interview mit Eszter Rádai erklärt Bálint Magyar, ehemaliger Bildungsminister Ungarns, wie der postkommunistische Mafiastaat funktioniert: "Nach der Logik des Mafiastaates werden zuerst autonom besetzte politische und gesellschaftliche Positionen liquidiert, das Parlament wird zur Scheinvertretung, die durch den Paten abgesegnete, nach individuellen Bestellungen passende Gesetze verabschiedet. (...) Es folgt die Verstaatlichung im Bereich Kultur und Bildung: Die Pädagogen werden im 'Stand der Diener' organisiert, die Autonomie der Universitäten wird systematisch abgebaut. Die staatlichen und kommunalen Kulturinstitutionen sind bereits beherrscht, die restlichen lässt man verhungern. (...) Eine totale Stille, wie in einer klassischen Diktatur, wird nicht benötigt. Es reicht, wenn kritische Medien wirtschaftlich in eine prekäre Situation gebracht werden oder sichergestellt wird, dass sie außerhalb einer identifizierbaren gesellschaftlichen Gruppe, keine Gehör finden können."

Magazinrundschau vom 11.06.2013 - Elet es Irodalom

Zum dritten Mal wurde ein Gesetzentwurf der grünen Opposition zur Aufklärung der Geschichte der Staatssicherheit durch Enthaltung der Regierungsparteien verhindert. János Széky weist auf den Seiten von Élet és Irodalom auf grundlegende Mängel der seit 1994 geltenden Regelung hin und sucht nach möglichen Erklärungen für die ablehnende Haltung der Regierungsparteien. Das bisher geltende "Gesetz von 1994 zur Durchleuchtung der Arbeit der Staatssicherheit wurde offensichtlich von erfahrenen Mitarbeitern der Dienste selbst erarbeitet. So kann praktisch bei keinem Fall eine frühere IM-Tätigkeit nachgewiesen werden. (...) Die aktuelle Mehrheit möchte auch über sich selbst nicht alles wissen. Listen mit ehemaligen Spionen werden nicht veröffentlicht. Sicherlich sollen die eigenen Leute mit Stasi-Vergangenheit geschützt werden. (...) Solange aber die Akten und Dokumente nicht öffentlich zugänglich sind, bleibt dieser Teil der Geschichte eine unerschöpfliche Schatztruhe für Erpressungen. (...) Der mit massiven Enthaltungen verhinderte Gesetzentwurf zielte auf Transparenz. Wütende Antikommunisten enthielten sich der Stimme. An dieser Stelle endete offenbar ihr Antikommunismus."

Magazinrundschau vom 04.06.2013 - Elet es Irodalom

Der Historiker Ferenc Laczó (Imre Kertész Kolleg, Jena) untersucht die Hintergründe der aktuellen ungarischen Erinnerungspolitik und vergleicht diese mit deutschen und mit polnischen Praktiken. "Es wäre vollkommen ausreichend, wenn wir uns eingestünden, dass das rechte Regime unter der Regierung von Horthy zwischen 1919 und Herbst 1944 zwar keine Diktatur hervorbrachte, doch seine Verantwortung für den Genozid an den Juden in Ungarn erstrangig war. Während dessen muss anerkannt werden, dass, auch wenn die ungarischen Kommunisten keine mit den Grausamkeiten und Opferzahlen des Holocausts vergleichbare Verbrechen gegen die Menschheit verübten (...), betrieben sie doch eine Diktatur, welche die Gesellschaft mit Gewalt umwandelte. Mit diesen zwei gleichzeitig getätigten Aussagen könnte man einen minimalen Konsens bezüglich der jüngeren Vergangenheit herstellen. So könnten wir beide Formen der Gewalt gleichzeitig bennen und doch differenziert verurteilen, damit einen Wettbewerb der Erinnerungen an die Opfer vermeiden, denn das führt ins Leere. (...) Aus dieser doppelten Anerkennung folgte auch ein Minimum der nationalen Selbstkritik und die Akzeptanz der grundlegenden Bedeutung der Demokratie."

Magazinrundschau vom 14.05.2013 - Elet es Irodalom

Eine jüngst veröffentlichte Liste der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (MTA) mit geeigneten und "ungeeigneten" Bezeichnungen für öffentliche Plätze und Institutionen erinnert András Nyerges an die Welt von Orwels "1984": "Was sollen wir denken, wenn wir lesen, dass der Begriff 'Verfassung' sich 'in der Zeit der kommunistischen Diktatur verbreitete'? (...) Zum Begriff 'Republik' meint die Akademie: 'an sich verweist dieser Begriff ebenfalls nicht auf ein autoritäres politisches System'. Wir können die Akademie beruhigen: wir haben das auch nicht gedacht, doch vielleicht wollte die MTA darauf hinweisen, dass es zwar keinen direkten Zusammenhang gibt, aber sehr wohl einen indirekten? (...) Karl Marx, heißt es weiter, 'können wir zu den Begründern des autoritären Systems zählen, wie auch im geistesgeschichtlichen Sinne die großen Denker der Aufklärung'. Wir sollen es wiederholen, um diese unglaubliche Aussage begreifen zu können: die große Denker der Aufklärung waren Begründer des autoritären Regimes."

Magazinrundschau vom 07.05.2013 - Elet es Irodalom

Élet és Irodalom thematisiert das umstrittene Gesetz, nach dem die Ungarische Akademie der Wissenschaften bindend die Verwendung von Namen für öffentliche Plätze und Einrichtungen überprüfen soll. Personen und Begriffe, die mit totalitären Regimes assoziiert werden können, sollen nicht mehr geehrt werden. Die Soziologin Erzsébet Szalai protestiert als Akademiemitglied gegen die Instrumentalisierung der Institution. "Die Ungarische Akademie der Wissenschaften veröffentlichte vor kurzem eine Stellungnahme, in der sie auf Anfrage der Kommunen die nicht erwünschten Straßennamen auflistet. Es ist bezeichnend für die Lage des öffentlichen Lebens, dass es unter anderem Begriffe wie 'Frieden', 'Republik' oder der Name des Dichters Attila József zur Bewertung vorlagen... In einer Demokratie obliegt die Entscheidungen über die Benennung von öffentlichen Plätzen aber den Bürgern vor Ort, sowie den für ihre Entscheidungen verantwortlichen Stadt- und Gemeinderäten. Die Bürger können von unterschiedlichen Seiten Gutachten in Auftrag geben - jedoch nicht von der Akademie, die der unabhängigen Wissenschaft dient."

Magazinrundschau vom 23.04.2013 - Elet es Irodalom

Der scheidende Direktor des Budapester Nationaltheaters, Róbert Alföldi, spricht im Interview mit Eszter Rádai über seine Arbeit unter politischem Druck: "Meine Inszenierungen sind in der Tat politisch, ich halte es für sehr wichtig, dass ein Theater sich mit der Politik beschäftigt. Selbstverständlich geht es nicht um Parteipolitik, sondern um Verantwortungsbewusstsein für ein Land, für eine Nation, die - auch wenn manche das bezweifeln - unsere ist. Dieses Haus hat die verdammte Pflicht über gesellschaftliche Themen, über die bittersten, schmerzhaftesten, problematischsten Themen zu sprechen und diese auch als Schlag ins Gesicht der Menschen zu präsentieren. Wir werden damit die Welt nicht ändern, doch können vielleicht irgendeine Kommunikation lostretet." Die letzte Inszenierung von Alföldi wird Klaus Manns "Mephisto" sein.

Außerdem schreibt der Schriftsteller und Dichter András Nyerges (unter anderem "Nichtvordemkind!" beim Knaus Verlag) über Versuche der Regierung einen nationalistischen literarischen Kanon zu entwickeln. Und György Báron berichtet vom Filmfestival Titanic, das sein zwanzigstes Jubiläum feiert: "Auf der sinkenden Titanic spielte die Kapelle bis zum letzten Augenblick."
Stichwörter: Kanon, Titanic

Magazinrundschau vom 30.04.2013 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller Eugen Ruge spricht am Rande des Budapester Literaturfestivals mit László J. Győri über die DDR in der Literatur: "Das (öffentliche) Bild der DDR wurde in den letzten Jahren in den Medien durch eine vereinfachte und nicht selten fragliche Darstellung gekennzeichnet: Mauer Stasi, Stacheldraht. Die Literatur vermittelt hier ein wahrhaftigeres Bild. Ich behaupte nicht, dass dies für alle Werke gilt, oder dass die Schriftsteller näher an der Wahrheit sind als andere, doch sicherlich muss die Literatur auf Programmchefs, Redakteure, oder Meinungen und Erwartungen von Außenstehenden weniger Rücksicht nehmen", sagt Ruge. Mit Ungarn will er die DDR nicht vergleichen, obwohl viele ungarische Kritiker über seinen Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" meinten, er könnte auch über Ungarn sein. "Die DDR-Bürger hatten Glück, sie hatten die BRD als eine Arte 'Senior-Partner', was natürlich nicht problemlos war. Was passierte, war in Wirklichkeit keine Vereinigung. Ich sehe das viel pragmatischer, wenn ich sage, die DDR schloss sich der Bundesrepublik an, sie verschmolz mit ihr. Sie übernahm die Gesetze, die Wirtschaftsordnung und die Gesellschaftspraktiken. Die Ostdeutschen sprangen mit einem Kopfsprung ins eisige Wasser des Kapitalismus, vielleicht ging die Ausnüchterung etwas schneller als in Ungarn."

Magazinrundschau vom 16.04.2013 - Elet es Irodalom

István Wagner bespricht eine neue Ausstellung der ungarischen "Magnum-Legende" Robert Capa in der Wiener Leica-Galerie. In der zweiten Etage des Kamerageschäfts werden dreißig weniger bekannte Bilder des Kriegsphotographen aus der Zeit des chinesisch-japanischen Krieges ab 1937 ausgestellt: Capa kam im Auftrag des Life Magazins im Februar 1938 nach Hongkong, um über die japanische Invasion zu berichten. Er hielt sowohl die permanente Propaganda der Kuomintang, der Chinesischen Nationalpartei, in Form von Massendemonstrationen fest, als auch einige Militärübungen der Truppen von Chiang Kai-shek. Er war bei der Rückeroberung von Tai'erzuhang dabei und dokumentierte die Sprengung der Dämme des Gelben Flusses, die über eine Million Opfer auf der eigenen, chinesischen Seite forderte, ohne ihr Ziel, die japanischen Truppen aufzuhalten, erreichen zu können. Er hielt ebenso die Bombardierung von Guangzhou durch die japanische Luftwaffe fest: "Es war auch die Berichterstattung Capas in Life, die die amerikanische Öffentlichkeit aufbrachte, denn das Ziel der Bombardements waren in erster Linie nicht strategische Punkte oder militärische Ziele, sondern Wohnviertel, Universitäten und andere Kultureinrichtungen."

Der Philosoph Gáspár Miklós Tamás macht auf einen aus seiner Sicht unlösbaren Interessenskonflikt in der Programmatik der oppositionellen Kräfte aufmerksam. Tamás führt aus, dass es zwar eine statistische Mehrheit gibt, die von der aktuellen Regierungspolitik benachteiligt wird, diese aber nicht mit der politischen Mehrheit deckungsgleich ist. "Die Betreiber des Staates sowie die große Anzahl der 'Kunden' - 'die gesunden Elemente' - stehen geschlossen jenen gegenüber, die nicht als Kunden sondern als 'Antragsteller' (meistens unberechtigte Antragsteller) angesehen werden: Arbeitslose, Rentner, Studenten". Diese Situation werde noch begünstigt durch einen Widerspruch in der ungarischen Linken: Ihre Verfassungs-, Gemeinde- und Grundrechtspolitik sei egalitär, ihre Wirtschaft- und Sozialpolitik dagegen antiegalitär. Dies sei unvertretbar, meint Tamás.

Magazinrundschau vom 25.03.2013 - Elet es Irodalom

Anfang März hat der L'Harmattan Verlag den von Éva Maria Varga und Tamás Krausz herausgegebenen Band "Ungarische Besatzungstruppen in der Sowjetunion" veröffentlicht. Mit einer breiten Auswahl von Protokollen und Zeugenaussagen aus den Jahren 1943 bis 1945 liefert diese Arbeit zum ersten Mal Belege für eine Beteiligung der ungarischen Streitkräfte - teils im eigenen Zuständigkeitsbereich, teils zusammen mit der deutschen Wehrmacht - an zahlreichen Kriegsverbrechen und alltäglichem Völkermord in den besetzten sowjetischen Gebieten zwischen 1941 bis 1944. Eine Aufarbeitung dieser Periode der ungarischen Geschichte gab es weder während des Kalten Krieges noch in den darauffolgenden zwei Jahrzehnten. Eben deshalb konnte es auch keine moralische Regenerierung geben, meint Ákos Szilágyi in einer ausführlichen Besprechung des Buches: "Voraussetzung für eine moralische Erholung ist unverändert die Begegnung mit der Wahrheit, das Zerschlagen von politischen Kitschelementen der Nationalhistorie sowie die Übernahme der persönlichen und gemeinsamen Verantwortung für die verübten Taten. Darum kann die Bedeutung von Veröffentlichungen, welche diese Arbeit erleichtern, nicht hoch genug bewertet werden."

Die scheinbar marginale, dennoch zunehmende Zahl der Obdachlosen, insbesondere die steigende Zahl von obdachlosen Roma, macht "die schwindende Kohäsion, Integrationsfähigkeit und Solidarität in der ungarischen Gesellschaft seit der Wende" deutlich, schreibt János Ladányi. War Obdachlosigkeit in den Wendejahren ein kaum - und wenn, dann eher in der Hauptstadt - existierendes Phänomen, so ist die Zahl der erfassten Obdachlosen im Jahre 2012 hier auf 30.000 gestiegen. Die Zahl der unregistrierten Obdachlosen ist wohl um ein vielfaches gestiegen. Lange herrschte die Auffassung, dass die verhältnismäßig niedrige Anzahl der obdachlosen Roma auf eine überdurchschnittlich starke Solidarität in den Roma-Gemeinden zurückzuführen ist. Diese erodierten jedoch in den vergangenen Jahren und wurden schrittweise durch stark hierarchisierte Ghettos ersetzt. Macht und Gewalt des Stärkeren stellen nun die Norm dar, Ausgrenzung und Ausbeutung der noch Ärmeren gilt mangels Alternativen als "Ordnung": "Mit polizeilichen Kampagnen ist diesem Phänomen genauso wenig zu begegnen, wie mit behördlicher Härte und Brutalität. Auch die 'kreative Gesetzgebung' auf Regierungs- oder kommunaler Ebene verfehlt die angenommene Lösbarkeit des Problems der Obdachlosigkeit", so Ladányi.

Magazinrundschau vom 12.03.2013 - Elet es Irodalom

In seiner Analyse zur Pattsituation in Italien nach den Wahlen schlägt der ungarische Publizist György Petőcz einen Bogen zwischen dem Wahlsieg der Bewegung um Beppe Grillo und dem kürzlich verstorbenen Stéphane Hessel, Autor des Polit-Bestsellers "Indignez-vous!" ("Empört euch!"). Ob dieser den zwei Tage vor seinem Tod errungenen Wahlsieg Grillos als ein Ende der Politikverdrossenheit oder - wie ein Teil der Weltpresse - doch eher als Triumph des Populismus betrachtet habe? "Natürlich sind sowohl Silvio Berlusconi als auch Grillo unendliche Demagogen. Die andere Seite hingegen ist hoffnungslos langweilig und philisterhaft. Sie begreift nicht, dass man mehr braucht als Policy-Vorschläge und eine Wirtschaftspolitik im engeren Sinne. Die Menschen wollen das Leben und die Zukunft ihrer selbst und ihrer Gemeinschaft in einem breiteren Kontext verorten. Wer dieses Bedürfnis als Lockmittel des Populismus betrachtet, hat den Sinn und die Natur der Demokratie missverstanden. Wer sich die Herrschaft der Fachleute und der Ratio wünscht, will etwas anderes und möchte die Politik innerhalb des Kreises der dafür Würdigen behalten - etwas, was Aristoteles als aristokratische Regierungsform bezeichnete. [...] Und letztendlich haben es mit dem Wahlsieg der 'Antipolitik' nicht nur unverantwortliche, europafeindliche Abgeordnete ins italienische Parlament geschafft. Im Gegenteil, so viele junge Menschen, Frauen und - diese ganz persönliche Einschätzung sei erlaubt - vertrauenerweckende Gesichter hat man bisher noch nie gesehen."