
Wie religiös sind die Ungarn? Viel weniger als man glaubt,
lernt die Soziologe Mária Vásárhelyi aus den Ergebnissen der
Volksbefragung von 2011. So spreche sich eine
Mehrheit gegen das neue Kirchenstatusgesetz und gegen die Verteilung von Steuergeldern an ausgewählte Kirchen aus und stelle den obligatorischen Religionsunterricht an den Schulen Frage: "Die derzeitige ungarische Regierung positioniert sich stets gegen den säkularen Staat, sie hebt die patriotische Kraft des Christentums hervor und verunglimpft das heutige Europa - im Gegensatz zu Ungarn - als religionsfeindlich, als
Friedhof der christlichen Werte. Sie kann sich nun rühmen, dass während ihrer Amtszeit der Anteil der Menschen, die sich einer der historischen Religionen zugehörig fühlen, in einer nie dagewesenen Weise zurückging, die
Verweltlichung Ungarns geht ununterbrochen weiter. (...) Nur als Vergleich: in Italien und in Polen bekennen sich mehr als 90 Prozent, in der Slowakei 84 Prozent, in Österreich 83 Prozent, in Spanien 76 Prozent, in Deutschland 63 Prozent der Gesellschaft dazu, Mitglied in einer Religionsgemeinschaft zu sein. In Ungarn sind es 52 Prozent. Das bedeutet, dass Ungarn im Jahre 2011
unreligiösesten Ländern Europas zählt."
Auch der linke Philosoph
Miklós Gáspár Tamás mag keine
europäischen Werte. Was soll das überhaupt sein,
fragt er. "Die ungarische liberale Opposition versteht darunter die Werte der liberalen Demokratie. Die
Autorität des reichen Westens, des 'erfolgreichen' Europas, als kulturgeografisch umschriebene Region, soll eine moralisch-politische Debatte über die Organisation der Gesellschaft ersetzen."
Im Interview mit Eszter Rádai
erklärt Bálint Magyar, ehemaliger Bildungsminister Ungarns, wie der
postkommunistische Mafiastaat funktioniert: "Nach der Logik des Mafiastaates werden zuerst autonom besetzte politische und gesellschaftliche Positionen liquidiert, das Parlament wird zur
Scheinvertretung, die durch den Paten abgesegnete, nach individuellen Bestellungen passende Gesetze verabschiedet. (...) Es folgt die
Verstaatlichung im Bereich Kultur und Bildung: Die Pädagogen werden im 'Stand der Diener' organisiert, die Autonomie der Universitäten wird systematisch abgebaut. Die staatlichen und kommunalen Kulturinstitutionen sind bereits beherrscht, die restlichen lässt man verhungern. (...) Eine
totale Stille, wie in einer klassischen Diktatur, wird nicht benötigt. Es reicht, wenn kritische Medien wirtschaftlich in eine prekäre Situation
gebracht werden oder sichergestellt wird, dass sie außerhalb einer identifizierbaren gesellschaftlichen Gruppe, keine Gehör finden können."