Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

642 Presseschau-Absätze - Seite 31 von 65

Magazinrundschau vom 22.09.2015 - Elet es Irodalom

Der Kunsthistoriker und Ästhet Péter György fordert eine Besinnung auf europäische Traditionen beim Umgang mit Flüchtlingen und Emigranten in Ungarn. "Wenn wir es mit uns selbst gut meinen, dann sollten wir (der bescheidenen Minderheit von Flüchtlingen) etwas mehr geben als das Recht auf Konsum, Fressen und Saufen, etwas, das einen Dialog ermöglicht. Der Dichter und Theologe Lavater suchte einst Moses Mendelssohn auf, um ihn zu überreden, endlich das Judentum aufzugeben und der Klugheit zu folgen, sprich zum Christentum konvertieren. Mendelssohn konvertierte nicht, doch sie hatten einiges zu besprechen, und wir über sie nachzudenken. (…) Als Nachfahren von Lavater und Mendelssohn sind wir wohl fähig zu verstehen, dass Ähnlichkeit und Fremdheit keine unveränderbaren physischen Gegebenheiten sind, sondern essentielle Fragen unseres Daseins betreffen."

Magazinrundschau vom 15.09.2015 - Elet es Irodalom

Die Flüchtlingskrise ist auch in ungarischen Medien Thema Nummer 1. György Petőcz spricht vor allem die Versäumniss der demokratischen Opposition an. "Viele von uns spüren - mangels eines besseren Wortes - die Faschisierung der Öffentlichkeit. Jedoch erkennen nur wenige die Verantwortung der demokratischen Opposition an. (...) Sie leugnete lieber die Probleme." Laut Petőcz überließ die Opposition dem Premierminister Orban die Initiative und gab darum seiner nationalistischen Rhetorik erst Raum. "Eine sachliche Rhetorik auf Seiten der Opposition, die auf die Einhaltung humanitärer Normen gepocht hätte, hätte zugleich auch entschiedene Maßnahmen rechtfertigen können. Angela Merkel forderte menschlichen Umgang mit den Flüchtlingen ein, während die deutsche Regierung die illegale Wirtschaftsmigration radikal begrenzen will. Genau so hätte die ungarische Opposition ebenfalls argumentieren können."

Magazinrundschau vom 01.09.2015 - Elet es Irodalom

Nach einer umstrittenen Plakatkampagne, einer breit angelegten Befragung der Bevölkerung über "Einwanderung und Terrorismus", sowie dem Bau einer Grenzanlage entlang der ungarisch-serbischen Grenze, soll das ungarische Parlament in der kommenden Woche ein neues Gesetz verabschieden, nach dem der illegale Grenzübertritt wie auch die Beschädigung des Zauns mit einer Freiheitsstrafe geahndet werden soll. Für Gábor Gadó sind diese Schritte lediglich populistische Abwehrversuche gegen die Flüchtlinge. Doch verlangt die Ineffektivität immer weitergehende Maßnahmen, erklärt er: "Die Regierung verbreitet mit den in Gesetzen gegossenen unmenschlichen Regelungen die Nachricht: Sie ist bereit, die durch Vorurteile hoch gekochten Emotionen zu befriedigen. Migranten, die nach Europa fliehen, erwartet das Gefängnis. Was bleibt aber zu tun, wenn nach den Äußerungen des konservativen Ex-Ministerpräsidenten Péter Boross über "unterschiedliche Hautfarben, uneuropäische Instinkte, biologische und genetische Gegebenheiten", der ermutigte Wähler zu dem Schluss kommt, dass die Verschärfung der Gesetze auch nicht ausreicht? Für eine getriebene, populistische Regierung gibt es kein Entkommen: Sie muss die Gunst der Wähler mit neuen, noch schärferen Sanktionen suchen."

Magazinrundschau vom 11.08.2015 - Elet es Irodalom

Die Arbeitsbedingungen für Angestellte staatlicher Medien sind so schlecht wie während der Ära Kádár zwischen 1957 und 1989, meint der Literaturkritiker Csaba Károlyi: "Warum sie diese neuerliche lügnerische, korrupte und erniedrigende Welt akzeptieren, bleibt ein Rätsel. Vielleicht ist die Antwort einfacher als gedacht: auch heute muss man leben. Damals versuchten viele, still außenvor zu bleiben. Und als jene Welt zu Ende ging, hieß es, dass sie schon damals Helden waren, kämpfen mussten, um fachlich etwas Niveauvolles zu leisten, womit sie das System mutig von innen sabotierten. Heute könnten wir hoffnungsvoll sagen, dass die hervorragende Arbeit von vielen das jetzige System von innen sabotiert. Sie gehen keine schändlichen Kompromisse ein (oder versuchen es zumindest). Doch ist es nicht von vornherein etwas Schändliches, in einem staatlichen Medienimperium zu arbeiten? Gibt derjenige, der dort arbeitet, nicht letztlich seinen Namen für Lügen, Korruption und Erniedrigung her? Auch wenn er sich von allem Schlechten distanziert und lediglich mit Kultur, Verkehr, Sport oder dem Wetter beschäftigt? Der Wetterbericht wird nach jetzigem Stand nicht verfälscht. Kultur und Sport sind aber bereits problematisch."

Magazinrundschau vom 16.06.2015 - Elet es Irodalom

Am 1. Juni setzte das Berufungsgericht Budapest das in erster Instanz gesprochene Urteil gegen Béla Biszku, dem ersten Innenminister der Kádár-Ära, der Massenerschießungen und Todesurteile nach der Niederschlagung der Revolution von 1956 verordnet haben sollte, außer Kraft. Das Gericht sprach den Angeklagten nicht frei, sondern verordnete die Wiederaufnahme des Verfahrens. Biszku ist 94 Jahre alt. Ádám Gellért, Spezialist für internationales Strafrecht, der u.a. das Gesetz als Grundlage für die Anklage Biszkus erarbeitete ("Lex Biszku"), kommentiert das Verfahren und fordert etwas überraschend ein Institut nach polnischem Vorbild: "Der Fall Biszku liefert nicht nur einen Befund über das (Dis-)Funktionieren der ungarischen Rechtsprechung in Gänze, sondern auch über die ungarische Öffentlichkeit der vergangenen fünfundzwanzig Jahre. Es bedurfte und es bedarf heute noch wirklicher und effektiver institutioneller Lösungen, über bloße Worte und symbolische Taten hinaus. Das Beispiel des polnischen Instituts für Nationales Gedenken zeigt, wie in einer Organisation seit mehr als einem Jahrzehnt Historiker, Archivare und von der aktiven Staatsanwaltschaft abgegrenzte spezielle Staatsanwälte zusammenarbeiten. Etwas Ähnliches brauchte Ungarn auch, ansonsten werden wir unsere gemeinsame Vergangenheit nie zufriedenstellend abschließen können."
(Hintergrund:

Magazinrundschau vom 12.05.2015 - Elet es Irodalom

Der Kunsthistoriker Péter György ist nicht sehr glücklich mit der Budapester OFF-Biennale von Kuratoren, die von der gegenwärtigen staatlichen Kulturpolitik marginalisiert wurden: "Off antwortet mit einer zu Beteiligung, Aufmerksamkeit und Geduld auffordernden Gegenwartskunst, in der Konzeptionen, Diskurse und Berechenbarkeit eine ungleich größere Rolle spielten als das Werk selbst, ästhetische Erfahrung, das Voraussehen, die Emotion. Es war eine Biennale von einigen wenig Auserwählten für einige wenig Auserwählten." Doch über das, was heute und hier ist, sei kaum etwas gesagt worden: "Das Ganze war nichts als die reine wahrhaftige Wahrheit. So erzählt OFF vor allem die nicht besonders rührende Geschichte des Selbstmitleids und der Selbstrepräsentation. Der feine, elegante, konzeptuelle Aktionismus, dessen Ohren- und Augenzeuge die Eingeweihten wurden, ist (mir) zu viel und zu wenig zugleich."
Stichwörter: Off-Biennale, Budapest

Magazinrundschau vom 28.04.2015 - Elet es Irodalom

Nach einer geplanten Änderung im Hochschulwesen sollen weitere geistes- und sozialwissenschaftliche Fächer (so z.B. Publizistik, Kommunikationswissenschaften, Internationale Beziehungen) ausschließlich an der von der gegenwärtigen Regierung gegründeten Nationalen öffentlich-rechtlichen Universität angeboten und der Zugang verschärft eingeschränkt werden. Die Pläne führten zu erneuten Studentenprotesten. Der Jurist und Bildungsexperte János Szüdi meint dazu: "Dieser Schritt steht im Einklang mit der Praxis der vergangenen Jahre, die wie folgt zusammengefasst werden kann: Der Staat muss nicht fragen. Der Staat weiß, für welche Aneignung von welchem Wissen öffentliche Gelder ausgegeben werden sollen. Was dem Staat nicht wichtig ist, soll anderen auch nicht wichtig sein. (…) Es mag seltsam erscheinen, aber er will, dass sich der Bildungsstand des Landes nicht erhöht. Er geht davon aus, dass je weniger Menschen lernen können, desto weniger verstehen sie die gesellschaftlichen Prozesse und desto weniger zweifeln sie die Schritte der Machthaber an. (…) Mit der Gründung der Nationalen öffentlich-rechtlichen Universität entstand die Basis, auf der die für den Staat benötigten und ausreichenden loyalen Fachkräfte ausgebildet werden können."
Stichwörter: Aneignung, Ungarn

Magazinrundschau vom 31.03.2015 - Elet es Irodalom

Anlässlich der Einstellung des Literaturmagazins Holmi nach fünfundzwanzig Jahren, veranstaltete das literarische Online-Portal litera.hu eine Podiumsdiskussion mit nunmehr ehemaligen Redakteuren und Autoren des Organs. Der Schriftsteller Gábor Németh stellte die Frage ob die Zeitschriftenkultur in Ungarn am Ende sei und daran anknüpfend eine weitere, grundsätzlichere Frage: Warum sollten wir heute zeitgenössische ungarische Literatur lesen? Der Philosophen Gáspár Miklós Tamás hatte kürzlich noch große Aufregung ausgelöst mit seiner Behauptung, verglichen mit der sozialistischen Ära hätten die ungarischen Autoren im vergangenen Vierteljahrhundert nichts Bedeutendes hervorgebracht. Csaba Károlyi berichtet in Élet és Irodalom: "Worin bestand das Besondere, die Eigenartigkeit und die Hoheit von Holmi? Aristokratische Hochnäsigkeit, gewiss, gleichzeitig kennzeichnete das Blatt ein Qualitätsbedürfnis, liberaler Konservatismus und eine stolze Haltung. Literatur ist ihr Leben - ließen die Redakteure, meist selbst Schriftsteller spüren. Sie veröffentlichten keine Texte, sondern Autoren. ... "Es gab kein Anzeichen des Sterbens", sagte Pál Závada, einer der Redakteuren, bemängelte aber, dass die Rezeption der Zeitschrift kaum die Öffentlichkeit erreichte. Sie veröffentlichte Texte der ungarischen Literatur vom weltliterarischem Rang, doch eine Diskussion fand nicht statt."

Magazinrundschau vom 24.03.2015 - Elet es Irodalom

Im Hotel Astoria erinnerte der Schriftsteller Lajos Parti Nagy in einer Rede zum diesjährigen Nationalfeiertag am 15. März an die Revolution und den Freiheitskampf der Ungarn gegen die Habsburger 1848-49 bis zur heutigen Situation: "Wenn unsere Heimat es nicht schafft, zu den europäischen Gesellschaften zurückzufinden, die nicht zulassen, dass ein Drittel den Hungertod stirbt, die nicht zulassen, dass ihre Kinder vertrieben oder zu Untertanen verdummt werden, die nicht bereit sind, Angst zu haben und auch nicht zulassen, dass ihre Landsleute Angst haben, dann werden wir in der Tat in der peripheren Pfütze stecken bleiben und Ungarn wird in der Tat zur glorreichen "Kabineufoire" der Gutsherren. Das wird nicht einmal mehr tragikomisch sein, nur tragisch. Doch auch wenn ich mir das gut vorstellen kann, bin ich nicht bereit, dies auch zu akzeptieren."
Stichwörter: Ungarn, Parti Nagy, Lajos, 1848

Magazinrundschau vom 24.02.2015 - Elet es Irodalom

Nach fünfundzwanzig Jahren wird die bedeutende literarische Zeitschrift Holmi eingestellt. Sie war Heimat für mehrere Generationen von ungarischen Dichtern, Schriftstellern und Intellektuellen, so für György Petri, Otto Tolnay, Dezső Tandori, Péter Nádas, György Konrád, Lajos Parti Nagy oder Imre Kertész und viele andere. Auch der Literaturwissenschaftler József Takáts nimmt Abschied: "Vieles ist in diesen fünfundzwanzig Jahren passiert. Das sozialistische System ging unter, so wie die darauffolgende Republik. Bei der Gründung von Holmi lebten wir noch in einer Art literarischen Welt, umgeben von Büchern, Magazinen und Tageszeitungen, heute leben wir in der Kommunikationswelt des Internet. (…) Nicht nur scheint aus der Gegenwart jene Welt, als Straßenbahnen anhielten, wenn ein großes Gedicht erschien, weit entfernt zu sein, sondern auch die Welt, welche sich um die (halb ironischen) Legenden der Hochkultur konstituierte."