Magazinrundschau

Etwas wie die Frauenrechte

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
27.03.2012. Die Republikaner führen einen Krieg gegen die Frauen, erklärt das New York Magazine. Vielleicht, weil Frauen sich gern in aller Öffentlichkeit Pornos vorlesen, behauptet jedenfalls die Verlegerin Beatriz de Moura in El Pais Semanal. Im Guardian denkt Ian McEwan über Originalität nach. In Le Monde fragt Abdennour Bidar, ob nicht vielleicht der Islam selbst krank ist. Der Chronicle berichtet über einen Streit um Noam Chomskys Universalgrammatik. In Slate winkt Chomsky ab: Die menschliche Natur ändert sich nie. Polityka erinnert an die Aktion Reinhardt. Prospect propagiert den Post-Liberalismus. Wired steht vor dem größten Spionagezentrum der Welt.

New York Magazine (USA), 02.04.2012

Die Republikaner führen einen Krieg gegen Frauen - und zwar alle Republikaner, nicht nur ein paar Irre wie Rush Limbaugh, meint Frank Rich. Sowohl Mitt Romney also auch Rick Santorum wollen beispielsweise "Title X abschaffen, das bundesstaatliche Familienplanungsprogramm, das bei seiner Einführung 1970 von Nixon und dem damaligen Abgeordneten Bush unterstützt wurde. Title X beugt laut staatlicher Studien jedes Jahr hunderttausenden von Abtreibungen und unerwünschten Schwangerschaften vor. Neben der Geburtenkontrolle bezahlt es außerdem für Krebsvorsorgeuntersuchungen, Tests zu sexuell übertragbaren Krankenheiten wie HIV und sogar Abstinenzberatung für Teenager. [...] Republikaner in Länderregierungen warten nicht auf die Präsidentschaft Romneys, um Title X zu demontieren. Rick Perry hat bereits Geld für Title X in Texas zurückgewiesen und so sichergestellt, dass zahllose arme Frauen in seinem Gebiet keinen Zugang zu frauenärztliche Gesundheitsvorsorge haben - von Verhütungsmitteln wie der Pille bis zum gynäkologischen Abstrich."

Außerdem: Emily Nussbaum ist hin und weg von der neuen HBO-Serie "Girls" - geschrieben, gedreht und gespielt von der 25-jährigen Lena Dunham. "Es ist eine Sexkomödie aus dem weiblichen Blickwinkel, die Themen wie sexuell übertragbare Krankheiten und Abtreibung mit einem radikalen savoir faire behandelt und einer visuellen Schlampigkeit, die selbst schon ein Statement ist. Noch bevor die republikanischen Kandidaten 'Die Geschichte der Dienerin' zu ihrem Fundament gemacht haben, ist Dunhams schlaue, dreiste, grafische Komödie mit ihrer Betonung weiblicher Freundschaft, ihrem Vergnügen an der geschmacklosen Pointe und ihrem Verständnis für die Notwendigkeit, Fehler zu machen, eine scharfe Erwiderung auf eine Kultur, die weibliche Abenteuer pathologisiert." Hier ein Trailer.

El Pais Semanal (Spanien), 24.03.2012

"Bücher veröffentlichen ist wie Roulette spielen." Beatriz de Moura, Mitbegründerin und bis heute Leiterin von Tusquets Editores - also des Verlages, dem für die spanischsprachige Welt ziemlich genau die Rolle zukommt, die hierzulande Hanser einnimmt - unterhält sich mit Jesús Ruiz Mantilla über die Vergangenheit und Zukunft des gedruckten Buches: "Die besten Erfindungen überleben. Die Menschheit hat sich im Lauf der Geschichte als viel klüger erwiesen, als wir gedacht haben. Sie war immer darauf bedacht, unterwegs nichts von den guten Dingen zu verlieren." Tusquets war auch einer der ersten literarischen Verlage Spaniens, die sich, in Gestalt der Reihe "Das vertikale Lächeln", unbekümmert auf erotische Texte einließen: "Ja, nenn es ruhig Pornos. Aber diese Bücher sind gut geschrieben und man kann viel daraus lernen. Männer gehen ziemlich verdruckst damit um, viele Frauen dagegen lesen sich gegenseitig lautstark daraus vor, in aller Öffentlichkeit und mit wirklich herzerfrischender Ungeniertheit."

Guardian (UK), 24.03.2012

Der Schriftsteller Ian McEwan denkt ausgiebig über Originalität und Autorschaft in Wissenschaft und Kunst nach. So wie Darwin vor Wallace der erste sein wollte, der die Evolutionstheorie veröffentlicht, wollte Einstein die Relativitätstheorie vor David Hilbert formulieren. Aber spielt es für den Fortschritt eine Rolle, wer eine Entdeckung zuerst gemacht hat? "In der Literatur ist jeder der erste. Wir brauchen nicht zu fragen, wer als erster den 'Don Quixote' geschrieben hat. Sinnvoller ist es, über die Möglichkeit nachzudenken, es als zweiter zu tun - wie Pierre Menard, der sich in Borges' berühmter Geschichte Jahrhunderte nach Cervantes noch einmal ganz neu den ganzen Roman ausdenkt, bis zum letzten Wort. Der schlechteste Autor der Welt kann sich zumindest sicher sein, dass er als erster seinen schrecklichen Roman geschrieben hat. Und gnädigerweise auch der letzte. Und dennoch, der erste zu sein, originell zu sein ist entscheidend für die Qualität eines literarischen Werks. Wie geringfügig auch immer, es muss - in Bezug auf das Thema, den Ausdruck - unser Verständnis von uns selbst, es muss uns selbst in der Welt voranbringen."
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Archiv: Guardian

Monde (Frankreich), 23.03.2012

So sehr der Philosoph Abdennour Bidar islamischen Würdenträgern zustimmt, die nach den Attentaten Mohammed Merahs die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus betonen, so wenig möchte er dem Islam in Le Monde unbequeme Fragen ersparen: "Kann die islamische Religion als Ganzes von dieser Art radikaler Tat rehabilitiert werden? Anders gefragt: Ganz gleich, wie beträchtlich und unüberbrückbar die Distanz ist, die diesen irren Mörder von der Masse der friedlichen und toleranten Muslime trennt, liegt in dieser Tat nicht dennoch der extreme Ausdruck einer Krankheit des Islam selbst?"

"Die Republik geht nicht in die Knie", ruft Caroline Fourest und fordert, die eigenen Vorstellung zu dekontaminieren. Sie zieht eine Verbindung von Mohammed Mehra zu Anders Breivik: "Das ist es, was die Fanatiker wollen: Zorn säen und spalten. Wenn ein Wahnsinniger ins Herz eines pluralen Landes zielt und sich dabei auf eine Religion beruft, dann verhärten sich die Gemüter. Diejenigen, die sich mit den Opfern identifizieren, befürchten, selbst Zielscheiben zu werden. Diejenigen, die die gleiche Herkunft oder Religion wie der Täter haben, befürchten, für Terroristen gehalten zu werden. Jeder betrachtet den anderen mit diesem Zweifel in den Augen, der zu einem tiefen Graben im Inneren eines Landes führt. Wir leben nicht mehr auf dem gleichen Planeten, nicht mehr zusammen."
Archiv: Monde

Chronicle (USA), 26.03.2012

Tom Bartlett berichtet über einen - sogar mit Videospielen im Dschungel ausgetragenen - Streit um Noam Chomskys linguistische Theorien, den der Linguist Daniel Everett ausgelöst hat. Der fand in seiner Forschung über das Leben und die Sprache der Piraha vieles heraus: ganze Unterhaltungen können bei ihnen gepfiffen werden, sie nutzen keine Zahlen und - in ihrer Sprache gibt es keine "recursions", Einbettungen, die Möglichkeit also, Sätze immer weiter zu verschachteln. Dieser letzte Umstand hat jetzt erneut die Debatte um Chomskys "Universalgrammatik" entfacht, da dieser in einem 2002 veröffentlichten Aufsatz geschrieben hatte, dass genau diese Einbettung der eine wesentliche Aspekt sei, durch den sich die Universalgrammatik der menschlichen Sprache auszeichne: "Everetts Buch ist ein Versuch, der Universalgrammatik, wenn schon keinen fatalen Schlag, wenigstens einen ordentlichen rechten Haken zu verpassen. Er ist der Überzeugung, dass die Stuktur der Sprache nicht unseren Köpfen entspringt, sondern hauptsächlich von der Kultur geformt ist und verweist als Beleg auf jenen Stamm am Amazonas, den er dreißig Jahre lang untersucht hat. Es ist nicht so, dass Everett glaubt, unsere Gehirne spielten keine Rolle - ganz offensichtlich tun sie das. Aber er argumentiert, dass nur, weil wir zur Sprache fähig sind, diese nicht zwangsläufig vorstrukturiert ist. Wie er in seinem Buch schreibt: 'Die Entdeckung, dass Menschen besser darin sind, sich Häuser zu bauen als Delphine, sagt uns nichts darüber, ob Architektur den Menschen angeboren ist.'" Die Debatte, obwohl von beiden Seiten heftig geführt, kommt aus zwei Gründen allerdings nicht recht voran: Zum einen ist Everett einer von sehr wenigen "Außenseitern", die die Sprache der Piraha beherrschen. Es ist also sehr schwierig, seine Aussagen zu überprüfen. Auf der anderen Seite vermeidet es Chomsky, seine Vorstellung von einer Universalgrammatik zu konkretisieren. In Barletts Worten: "Ein Phantom lässt sich nur schwer erlegen."
Archiv: Chronicle
Stichwörter: Videospiele, Noam Chomsky

Slate (USA), 26.03.2012

Noam Chomsky winkt im Interview mit Graham Lawton vom New Scientist ab: Auch die Pirahas haben eine Universalgrammatik. Das liege einfach in ihrer menschlichen Natur. Etwas Spielraum gibt es natürlich immer: "Die menschliche Natur ist nicht vollkommen festgelegt, aber evolutionäre Prozesse vollziehen sich nach vernünftigen Maßstäben schlicht zu langsam, um sie zu beeinflussen. Was beispielsweise Sprache angeht, haben wir sehr gute Belege dafür, dass es in den letzten 50.000 Jahren keine Evolution gegeben hat. Das spiegelt wider, dass unsere grundlegenden Kapazitäten sich nicht weiterentwickelt haben. Es wird also auch innerhalb eines realistischen Zeitraumes keine Veränderung der menschlichen Natur geben. Aber diese menschliche Natur beinhaltet zahlreiche Optionen und die Wahl zwischen ihnen kann sich ändern, das hat sie auch. Es gab beeindruckende Veränderungen, was wir zu tolerieren bereit sind, sogar in unserer eigenen Lebensspanne. Nehmen Sie etwas wie die Frauenrechte: Vor gar nicht so langer Zeit wurden Frauen im Grunde als Eigentum betrachtet. Das ist ein Zeichen für die Erweiterung unseres Moralverständnisses. Sicher, die menschliche Natur bleibt die gleiche, aber vieles kann sich ändern."
Archiv: Slate
Stichwörter: Noam Chomsky, Frauenrechte

Polityka (Polen), 23.03.2012

Anlässlich des 70. Jahrestages des Beginns der Aktion Reinhardt erzählt Marcin Kolodziejczyk (hier auf Deutsch) von den Eisenbahnern in Belzec und dem Vernichtungslager, das sich durch eine obszöne Perfektion auszeichnete: "Der erste Sonderzug traf am Morgen des 17. März 1942 aus Lublin in Belzec ein. Der zweite, aus Lemberg, am Abend. Seitdem kamen täglich zwei Transporte an, und im Sommer und Herbst sogar drei - mit jeweils mehreren Dutzend Waggons voller Menschen jeden Alters. Diese Züge waren in den Frachtlisten der Bahn meistens mit dem Kryptonym PJ für Polnische Juden gekennzeichnet, manchmal wurden aber auch westeuropäische und ungarische Juden hierher deportiert. In den neun Monaten seines Bestehens brachte das kleine Lager der Nazis in Belzec fast eine halbe Million Juden um. Die deutsche Generaldirektion der Ostbahn beförderte sie zu ermäßigten Tarifen, wie sie Großtransporten zustanden - darunter Kinder bis zu vier Jahren umsonst und ältere zum halben Preis. Die zu zahlenden Beträge kassierte die SS von den Passagieren - meist nach deren Ermordung: Die geraubten Barmittel, Schmuckstücke und Goldzähne wurden auf dem Bankkonto der Aktion Reinhardt verbucht."
Archiv: Polityka
Stichwörter: Lemberg

New Yorker (USA), 02.04.2012

"Die Zeitung, die Großbritannien regiert", überschreibt Lauren Collins ihr Porträt der britischen Boulevardzeitung Daily Mail. Viereinhalb Millionen Leser hat die Printausgabe (vier Mal so viel wie der Guardian), und ihre Webseite ist mit 52 Millionen unique visitors die meistbesuchte Zeitungswebseite der Welt. "Die Mail ist wie Fox in dem Sinne, dass sie zu verheirateten, autofahrenden, hausbesitzenden, konservativ wählenden Vorstadtbewohnern spricht und für sie spricht. Aber anders als Fox hängt sie nicht sklavisch einer politischen Partei an. Ein Redakteur beschrieb mir die Ideologie der Zeitung so: 'Britannien geht vor die Hunde'. Man kann der Mail auch nicht so leicht widerstehen. Letztes Jahr ließen ihre Anwälte eine proxy-Seite schließen, die es Linken erlaubte, die Mail Online zu besuchen ohne ihren Traffic zu steigern. Die Mail präsentiert sich als Bewahrerin traditioneller britischer Werte, als Organ einer übergangenen Mehrheit, deren Ansichten der großstädtischen Elite ungelegen kommen. Für ihre Gegner ist sie die Hate Mail, die die niedersten, voyeuristischen Instinkte einer Inselnation anstachelt, oder die Daily Fail, in der die Paranoia gegenüber allem, von Einwanderung bis Hautzustand, geschürt wird."

Weiteres: Joan Acocella bespricht das Buch "When God talks back" der psycholgischen Anthropologin Tanya Luhrmann, die in einer evangelikalen Gemeinde herauszufinden versuchte, wie der Glaube dieser größten amerikanischen Religionsbewegung funktioniert. David Denby sah im Kino Gary Ross' Romanverfilmung "The Hunger Games" und den Dokumentarfilm "Bully" über Mobbing und Schikane unter Kindern von Lee Hirsch und Cynthia Lowen.
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Britannien, Einwanderung

Elet es Irodalom (Ungarn), 26.03.2012

Die Freundschaft zwischen den Polen und den Ungarn hat eine lange Tradition. Diese Freundschaft sieht der Polonist Miklós Mitrovits nun in Gefahr, nachdem am 15. März, dem ungarischen Nationalfeiertag, etwa 2.000 Polen - treue PiS-Anhänger und Leser der ultra-rechten Wochenzeitung Gazeta Polska - an der Kundgebung der ungarischen Regierung teilnahmen und dem Ministerpräsidenten Viktor Orbán ihre Unterstützung versicherten (mehr dazu hier bei der tagesschau). So instrumentalisiert man eine Freundschaft zu nationalistischen und europafeindlichen Zwecken, meint Mitrovits: "Es ist schon ungewöhnlich, dass sich an der Feier eines Nationalfeiertags auch Mitglieder einer anderen Nation in großer Zahl beteiligen. Noch ungewöhnlicher ist, wenn diese ihre Unterstützung für eine fremde Regierung auf diese Art zum Ausdruck bringen. Denn Regierungen kommen und gehen, die Freundschaft und Sympathie zwischen zwei Völkern sollte aber nicht von einer bestimmten politischen Richtung abhängig sein. Mal abgesehen von den parodistischen Elementen dieser Beteiligung und von der osteuropäischen Absurdität, dass, sofern diese Demonstranten die Opposition unterstützt hätten, die Regierung von einer Provokation und einer 'ausländischen Einmischung in innere Angelegenheiten' sprechen würde - solche Aktionen zeugen gerade von einer völligen Unkenntnis des anderen und von politische Demagogie."
Stichwörter: Viktor Orban, PiS

Prospect (UK), 21.03.2012

Der anglo-amerikanische Linksliberalismus scheint - und dies sehr zurecht - den Kampf um die Kultur gewonnen zu haben, schreibt David Goodhart anlässlich zweier Buchveröffentlichungen von Jonathan Hait und Richard Sennett zum Thema. Doch wenn er die Rechte stoppen will, die überall in Europa auf dem Vormarsch sei, muss er sich in etwas verwandeln, das Goodhart als Post-Liberalismus beschreibt: "Post-Liberalismus, darin dem Gelobten Land im Sinn einer post-ethnischen Politik sehr ähnlich, strebt nicht danach, alte Kämpfe nochmals auszufechten, sondern von errungenen Siegen aus weiterzuziehen. Sein Anliegen ist nicht, Gleichstellungsgesetze aufzuheben oder die Marktwirtschaft abzulehnen, sondern darüber nachzudenken, woher der soziale Kitt für eine fragmentierten Gesellschaften kommen könnte. Am Ende billigt er Autoritäten und die Bewahrung heiliger Werte genauso, wie er Leid und Ungerechtigkeit benennt. Eher erkennt er die Tugenden an, die in partikularen Loyalitäten, inklusive der zur Nation, liegen, als sie zu Vorurteilen zu erklären. Und er stebt danach, diese Überlegungen in der ökonomischen wie in der sozialen Sphäre anzuwenden."

Außerdem: Michael Coveney fragt sich, ob eine neue Aufführung von Eugene O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" auch heute noch funktioniert, nachdem das lange nicht gespielte Stück heute in eine von epigonalen und motivisch nahen Stücken bestimmte Theaterszenerie tritt.
Archiv: Prospect

Salon.eu.sk (Slowakei), 19.03.2012

Es gibt Spannungen zwischen Polen und Ungarn: beunruhigt beobachtet die polnische Linke Viktor Orbán, der zunehmend auch in Polen Anhänger findet. Trotzdem wurde am 23. März der Tag der polnisch-ungarischen Freundschaft gefeiert, ganz so, wie es einstimmig in beiden Parlamenten beschlossen wurde. In Przekroj erdichtet Hubert Klimko-Dobrzaniecki (von salon.eu.sk ins Englische übersetzt) bei so viel Einvernehmen in der Politik eine Neufassung eines polnischen Sprichworts: "Anstatt 'der Ungar und der Pole, immer freundlich / gemeinsam reitend, gemeinsam trinkend. Laut und fröhlich alle beide / Gott segne ihre Seelen', sollte es heißen: 'der Ungar und der Pole, immer freundlich / gemeinsam wählend, gemeinsam trinkend. Bedrückt und traurig alle beide / das Kreuz im Sejm segne ihre Seelen.' Die Ungarn haben wohl ebenfalls ein Kreuz in ihrem Parlament aufgehängt, auch wenn mir die Umstände nicht ganz klar sind, unter denen es dorthin gekommen ist. Um ehrlich zu sein, das einzige Kreuz, das mich jemals wirklich berührt hat, hing bei einem McDonalds an der Autobahn von Wien nach Budapest. Es ist nicht so, dass ich Kreuze nicht mag oder sie nicht unterstütze. Ganz im Gegenteil. Ich schätze und befürworte sie. Aber es war etwas besonders Bewegendes an diesem Kreuz, das da über dem Mülleimer zwischen Ketchup und Senf hing. Offensichtlich sehen die Ungarn das Kreuz etwas anders als die Polen, aber nichtsdestotrotz sind sie Unseresgleichen..."
Archiv: Salon.eu.sk
Stichwörter: Viktor Orban, Wien, Autobahn

Open Democracy (UK), 22.03.2012

Ahmed Baldawi vom Zentrum Moderner Orient in Berlin sucht für Open Democracy einen Weg durchs höchst komplizierte Labyrinth der ägyptischen Machtverhältnisse und liefert zumindest einige Elemente zum Verständnis der Situation. Eines der großen Missverständnisse, so der Autor, ist zu glauben, dass die eigentlich Macht im alten System beim Militär lag, das er eher als einen Club alter Herren zum gemeinsamen Geldverdienen beschreibt. Die Macht konzentrierte sich unterdes anders: "Von den späten neunziger Jahren an entstand eine Allianz zwischen der Polizei und der Nationaldemokratischen Partei, die von Mubaraks ältestem Sohn Gamal und den Oligarchen aus seinem Umkreis übernommen wurde. Diese strategische Gruppe riss den Staat an sich und machte ihn zur Privatdomäne für ihre persönliche Bereicherung. Sie überwachten die Liberalisierung der ägyptischen Wirtschaft, was hieß, dass man Staatsressourcen weit unter Wert an das 'Netzwerk der Privilegien' um den Präsidenten verkaufte."
Stichwörter: Labyrinth, Oligarchen

Wired (USA), 20.03.2012

Da wird die Vorratsdatenspeicherung zum Notizzettel: James Bamford schreibt im Aufmacher sehr ausführlich über die Wiedergeburt der "National Security Agency" der USA in Form eines gewaltigen, mitten im Nirgendwo von Utah entstehenden Zentrums für Datenakkumulation: "Sein Zweck: Weite Teile der globalen Kommunikation abzufangen, zu entschlüsseln, zu analysieren und zu archivieren, während diese von Satelliten zur Erde gesendet wird und durch unterirdische und Unterseekabel internationaler, ausländischer und nationaler Netzwerke schwirrt. Das mit enormem Aufwand geschützte, zwei Milliarden teure Zentrum dürfte im September 2013 die Arbeit aufnehmen. Sämtliche Formen der Kommunikation, inklusive der komplette Inhalt privater E-Mails und Handytelefonate, sowie alle Google-Anfragen und wie alle möglichen Arten persönlicher Datenspuren - Parkplatzquittungen, Reisebelege, Käufe in Buchläden und andere Sorten digitaler 'Taschenabfälle' -, fließen durch seine Server und Router und werden in einer nahezu grenzenlosen Datenbank hinterlegt. In gewisser Hinsicht handelt es sich dabei um die Verwirklichung des 'Total Information Awareness'-Programms, das während Bushs erster Amtslaufzeit gegründet und 2003 vom Kongress kassiert wurde, nachdem sich Protest gegen die damit verbundenen Möglichkeiten zum Übergriff auf die Privatsphäre der Amerikaner regte." Und nicht nur der Amerikaner, möchte man noch anmerken!

Weiteres: Jason Fagone erzählt die sagenhafte Geschichte, wie aus einem Kommentar von Prufrock451 auf eine Reddit-Anfrage, ob ein heutiges US-Bataillon das römische Imperium zu Zeiten Augustus' in die Knie zwingen könnte, binnen weniger Stunden ein millionenschwerer Hollywood-Deal werden konnte (hier der dazugehörige Themenschwerpunkt auf Reddit). David Rowan porträtiert den LinkedIn-Gründer Reid Hoffman, der zum einen gerne Philosoph geworden wäre, zum anderen viel zu seufzen hat, dass keiner das wahre Potenzial von LinkedIn erkenne. Felix Salmon ist sich unterdessen nicht so sicher, ob der Börsengang von Facebook wirklich nur Vorteile für das Unternehmen mit sich bringt.
Archiv: Wired