Die Musikkritiker begeistern sich für Philipp von Steinaeckers Projekt, Mahler auf historischen (oder den historischen Vorbildern sorgfältig nachgestellten) Instrumenten einzuspielen. Als erster Beleg dieses Vorhabens liegt nun Mahlers Neunte vor. Die Aufnahme "ist ein Ereignis", schwärmt Clemens Haustein in der FAZ: Frei seien die historischen Instrumente "noch vom bewusst erhöhten Widerstand, den die modernen Instrumente dem Spieler bieten mit dem Ziel größerer klanglicher Durchschlagskraft. Auch die Angleichung in der Klangfarbe, die mit dieser Entwicklung einherging (und die gewünscht war für einen möglichst homogenen Orchesterklang), fällt bei dieser Aufnahme weg - mit umwerfender Wirkung besonders in den beiden Scherzo-Sätzen dieser Symphonie. Von modernen Orchestern und Dirigenten gerne totgeklopft im verzweifelten Versuch, Mahlers abgründigen Humor zu treffen, sind sie nun Bilder von überbordenderKlangfantasie, überraschend durch immer neue Farb- und Geräuschkombinationen."
NZZ-Kritiker Michael Stallknecht weiß nach dieser Aufnahme, was Mahler mit seiner Anmerkung "etwas täppisch und sehr derb" zum zweiten Satz der Neunten gemeint hat: In dieser Aufnahme "geht es zu wie auf dem MünchnerOktoberfest, wenn schräge Volksmusik-Nachmittage ab dem fünften Liter Bier zur Orgie ausarten. Alles kreischt und kreist und tobt, die Klarinetten schrillen, das Cello taumelt dazwischen, eine einsame Posaune versucht auch ihr Glück. Steinaeckers radikale Sicht auf ein vermeintlich längst klassisch gewordenes Werk hat bereits viel Aufsehen erregt. Tatsächlich könnte diese Interpretation zu den wenigen gehören, die man einmal richtungsweisend nennen wird." Einen kleinen Einblick bietet dieser Werbefilm:
Weitere Artikel: Silvia Silko war für den Tagesspiegel beim Øya-Festival in Oslo. Robin Passon berichtet in der FAZ vom Menuhin-Festival in Gstaad. In der FAZgratuliert Wolfgang Sandner dem Gitarristen PatMetheny zum 70. Geburtstag
Besprochen werden ein Mahler-Konzert der WienerPhilharmoniker unter AndrisNelsons bei den Salzburger Festspielen (Standard), der Briefwechsel zwischen RichardWagner und seiner ersten Ehefrau MinnaPlaner (online nachgereicht von der NZZ), eines von Adeles zehn Konzerten in München (NZZ), das Auftaktkonzert des Berliner Festivals Young Euro Classic mit dem JovemOrquestraPortuguesa (Tsp), ein Konzert des Baritons GeorgNigl mit AlexanderGergelyfi am Clavichord (Standard), Lucas Debargues Aufnahme von GabrielFaurés sämtlichen Klavierwerken (FAZ) und ein Album von BrigitteCallsMeBaby, die zwar aus Chicago kommen, aber trotzdem Britpop nach Morrissey-Facon spielen: "Da brate mir doch einer einen Storch", ruft da auch Standard-Popspezialist Christian Schachinger.
Alexander Gorkow zeigt sich in der SZ begeistert von "Luck And Strange", dem neuen Album David Gilmours (früher bei Pink Floyd): Diese Musik ist "zornig, zart und tief romantisch, eine bittersweet symphony, ein Wunderwerk voller Zeichen und Referenzen, als habe er bei den Aufnahmen hier auf dem Boot Instrumente versteckt, rausgekramt, gespielt, wieder versteckt, und eine Art Zauberer von Oz hat das alles für ihn - damit er wieder nach Hause findet wie einst die kleine Dorothy - zu einer Collage dirigiert aus großem Drama, schepperndem Bluesrock, Rumba, Kaffeehaus, und hinten legt Tarantino noch Morricone auf, nein? Das Ergebnis ist die interessanteste Kunst, seit er mit Waters, Richard Wright und Nick Mason Mitte der 70er in der Abbey Road an einigen wegweisenden Klängen herumbosselte." Hier die erste Single des Albums:
Noch mehr Musik von alten Männern: Thomas Mauch besucht für die taz das Festival "A l'Arme" im Berliner Radialsystem, das sich der Noise-Musik widmet. Mit dabei unter anderem der Japaner Keiji Haino: "Mittlerweile 72-jährig ist dieser japanische Zenmeister des Lärms, und so schleuderte er wenigstens am Anfang seine zuckenden Explosionen auf dem Stuhl sitzend aus seiner Gitarre heraus. Rupfte Klangfetzen aus den Saiten, klimperte, krachte über verstümmelte Melodien und freute sich am Ungestalten. Wie eine musikalische Übersetzung eines Bildes von Jean Dubuffet. Gekrakel, formlose Schlieren. Art brut. Manchmal lief das, vorangetrieben von den wuchtigen Schlägen von Paal Nilssen-Love und dem röhrenden Geschnatter der Saxofonistin Sofia Salvo als Keiji Hainos Begleitung, zum brachialen Free Jazz auf, in dem man sich immer neu anrennend gegen die Wand krachen ließ."
Anna Vollmer hat für die FAS versucht, sich mit Studenten der Barenboim-Said-Akademie über die Stimmung nach dem 7. Oktober unterhalten: "Mitarbeitende geben Auskunft, doch diejenigen, um die es eigentlich geht, die Studierenden, sollen nicht mit Journalisten sprechen. Dabei würde man in der aufgeheizten Debatte um den Nahen Osten gerne von einem positiven Beispiel hören, sehen, dass und wie ein Dialog möglich ist. ... Dafür haben die aktuellen Studierenden vor Kurzem einen eigenen Podcast herausgebracht, 'General Rehearsal' heißt er, man findet ihn auf der Website der Akademie. Gleich die erste Folge dreht sich um das eine große Thema, dem niemand von ihnen entkommen kann: Politik."
Der Standard bringt noch einmal mehrere Texte zum wegen Terrorgefahr abgesagten Taylor-Swift-Konzert in Wien: Helene Slancar weist darauf hin, dass sich Swift selbst noch nicht zu der Absage geäußert hat. Ebenfalls Slancar berichtet über Häme von Frauenhassern im Netz gegen Swift und ihre weiblichen Fans. Und zu guter Letzt schreibt Slancar auch noch über alternative Pläne für Swifties in Wien.
Außerdem: Martin Scholz unterhält sich in der Welt am Sonntag mit dem ehemaligen Police-Schlagzeuger Stewart Copeland. In der SZ stellt Martin Hentschel Überlegungen zu Shirin Davids Hit "Bauch Beine Po" an. Matthias Alexander blickt in der FAZ auf das Werk Joe Jacksons, der 70 Jahre alt wird.
Besprochen wird ein Klavierabend Pierre-Laurent Aimards bei den Salzurger Festspielen (SZ), ein Konzert des Barockensembles Le Consort beim Rheingau Musik Festival (FR) und ein Auftritt des Real Jazz Trios beim Frankfurter Jazz im Palmengarten (FAZ).
Die drei Taylor-Swift-Konzerte in Wien wurden zwar wegen der Anschlagspläne einiger dem IS anheim gefallener Jugendlicher abgesagt, aber in den Straßen der Stadt singen und tanzen tausende Swifties. Sie feiern sich, ihre Musik und das Leben - rührende Anblicke.
"Dass es genau den US-amerikanischen Popstar treffen sollte, wundert nicht", schreibt Konstantin Nowotny in der taz: "Taylor Swift und ihre Fans stehen für alles, was der radikale Islamismus hasst. ... Zärtlichkeit, Queerness, Frauen, die sich und ihr Frausein feiern - es ist eine Männlichkeit, die sich davon bedroht sieht. Eine gelernte Männlichkeit, die sich nur als Gegnerschaft begreift: Wenn 'sie' glücklich und frei sind, schadet das 'uns'; wenn Frauen stark sind, gefährdet das die gottgewollteOrdnung. Nichts ist passiert, zum Glück. Aber Angst ist es, was solche Täter wollen. Freiheit wiederum ist, was ihnen Angst macht. Daher gilt: durchatmen, Mutfassen." Auch Heide Rampetzreiter von der Pressesieht in dem vereitelten Anschlag einen "Akt der Misogynie. Denn Swift verkörpert einen sanftenFeminismus, einen, bei dem sich Frauen nehmen, was ihnen zusteht; tun, was sie wollen und Widerstand lächelnd wegdrücken - auch wenn es mehr Arbeit kostet, wie das neue Aufnehmen alter Alben. Ihre Texte beschreiben das Leben, die Nöte und Liebeswirren einer Frau." Hintergründe zu den Ermittlungsarbeiten liefern Hellin Jankowski, Maria Kronbichler und Eva Winroither in der Presse.
Islamistische Täter suchen sich nicht nur wegen der zu erwartenden Opferzahlen genau solche Veranstaltungen als Ziel heraus, schreibt auch Stefan Weiss im Standard. "Das Popkonzert als Massenevent ist eines der Verständigungsmittel der liberalen, offenen Gesellschaft. Es setzt auf Übereinkunft im Amüsement, im Hedonismus, in der Feier des Lebens, auch im Konsum, sei dieser nun alkoholisch, lukullisch oder im Sammeln von Merchandise-Artikeln begriffen. Es gilt auch der Regelbruch auf Zeit. Menschen dürfen unabhängig von ihrer Identität und gesellschaftlich zugeordneten Rolle singen, schreien, einmal ganz aus sich herausgehen. All das stört den Islamismus, all das will eine lustfeindliche, von Jenseits- und TodestriebgeprägteIdeologie bekämpfen."
Weitere Artikel: Christian Wildhagen blickt in der NZZ auf François-XavierRoths tiefen Fall. Robert Matthies (taz) und Jan Freitag (SZ) berichten über die Notlage des von Schließung bedrohten Hafenklang-Clubs in Hamburg. Ein neues Gedicht von TillLindemann könnte sich so deuten lassen, dass sein Abschied von Rammstein bevorsteht, schreibt Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Jürgen Kaube erinnert in der FAZ an den vor 150 Jahren geborenen Komponisten ReynaldoHahn. Andrian Kreye spricht für die SZ mit dem Samba-Musiker MiltonNascimento und der Bassistin EsperanzaSpalding, die gemeinsam ein Album aufgenommen haben.
Besprochen werden EvgenyKissins Auftritt bei den Salzburger Festspielen (Standard), ein von VáclavLuks dirigiertes Konzert des Ensemble1704 bei den Salzburger Festspielen (SZ), das Album "In einem blauen Mond" von den Mausis (taz), Kneecaps Album "Fine Art" (FR) und das Album "We Have Dozens of Titles" mit bislang unveröffentlichten Aufnahmen von Gastr del Sol (tazler Benjamin Moldenhauer hört "eine Musik der Möglichkeiten, dem Eindruck nach ohne stilistische Grenzen, und trotzdem wurde das alles hörbar streng konzeptioniert").
Die Agenturen melden, dass die drei Wiener Konzerte von TaylorSwift wegen akuterTerrorgefahr abgesagt wurden. Die Pressesammelt dazu Reaktionen. Robin Passon stellt in der FAZ das SymphonieorchesterSãoPaulo vor, das Brasilien die klassische Musik näher bringt und Ende des Monats das MusikfestBerlineröffnen wird. Jonathan Fischer spürt in der NZZ nach, wie der afrikanische Singeli-Sound den internationalen Techno prägt. Im Tagesspiegeldenkt Frederik Hanssen über den Reiz des Berliner NachwuchsfestivalsYoungEuroClassic nach. Ronald Pohl erinnert im Standard an die Glamrock-Welle vor 50 Jahren und verschafft sich außerdem einen Überblick über die Swift-ologie seiner Kollegen.
Besprochen werden ein Klavierabend mit GrigorySokolov bei den Salzburger Festspielen (FAZ), ein Beethoven-Konzert des Orchesters LeConcertdesNations unter JordiSavall bei den Salzburger Festspielen (Presse), ein neues Album von KanyeWest (Standard) und ein Konzert von Orbit in Frankfurt (FR).
Bei den SalzburgerFestspielen hat Intendant MarkusHinterhäuser am Klavier den Bariton MattiasGoerne bei einem Schostakowitsch- und Mahler-Abend begleitet. Hinterhäuser spielt Schostakowitsch "mit einer Besonnenheit, die Zeichen und Bezeichnetes in eine raffinierte Balance bringt", schreibt Jan Brachmann in der FAZ. Es "fällt nicht nur auf, wie sensibel die timbrale Abstimmung von Hinterhäusers Klavierspiel auf die immer dunkler getönte, inzwischen bassbaritonal wirkende Stimme von Matthias Goerne gelingt. Die gemeinsame Farbe ist vielmehr Ausdruck einer gemeinsamen interpretatorischen Haltung: Hier wird nicht demonstriert, nicht agitiert, weder im analytischen Sinn, um 'strukturell' etwas zu verdeutlichen, noch im Sinn bestimmter Textaussagen. ... Der pulsierende, fast gleichförmige Phrasenbau Goernes beim Singen hat etwas Biologisch-Vegetatives. Nicht ums einzelne Wort geht es ihm, sondern um ein atmendes Einschwingen in die musikgewordene Form des Gedichts."
Der Verlag Piranha Media stellt das alteingesessene Techno-MagazinGroove, das seit 2018 ohnehin nur noch als Onlinemagazin erscheint, aus wirtschaftlichen Gründen ein, berichtet Nicholas Potter in der taz: Die Redaktion will ihre Arbeit nun mit einem eigens gegründeten "Verein für Technojournalismus" auf eigene Faust retten. "Der Verein sucht in den kommenden Wochen 500 Mitgliedschaften zu einem Standardpreis von 100 Euro im Jahr, um die Zukunft der Groove zu sichern und die Seite ohne Paywall für alle zugänglich machen. 'Ich finde es wichtig, dass es uns weiterhin gibt als Korrektiv, das über MissständeindieserSzene berichtet', sagt Maximilian Fritz. Das Magazin berichtete etwa über nicht gezahlte Gehälter und veruntreute Gelder beim Her-Damit-Festival auf Rügen, über Sexismus in der Leipziger Technoszene oder über den umstrittenen Besuch Till Lindemanns im Berliner KitKatClub. 'Wir denken aber auch nach wie vor, dass elektronische Musik es wert ist, als Kunstform so genau verfolgt zu werden', sagt Chefredakteur Alexis Waltz."
Weitere Artikel: Sandra Gloning staunt online nachgereicht in der Zeit beim Besuch des österreichischen Festivals "Woodstock der Blasmusik" wie gerade das junge Publikum diese rustikale Musik abfeiert. "Ausgerechnet um den durchschnittlichsten aller Popstars wird ein uferloserKult betrieben", ärgert sich Eva Dinnewitzer in der Presse angesichts des Hypes um TaylorSwift, die auf ihrer großen Tournee nun auch in Österreich Station macht. Nick Joyce plaudert für den Tagesanzeiger mit dem Produzenten BobEzrin, der in den Siebzigern unter anderem Alice Cooper und Pink Floyd und aktuell auch das neue Album von Deep Purple produziert hat. Manuel Brug hört für die Welt den aktuellen deutschen Nummer-1-Hit "Bauch Beine Po" von ShirinDavid. Für die Reportage auf der Seite Drei der SZ hat Cathrin Kahlweit PeterMaffay bei seiner Abschiedstour durch Rumänien begleitet, wo ihn die Leute mit offenen Armen empfingen. Dass die Deutsche Grammophon den jungen Pianisten JuliusAsal direkt von Instagram aus wegengagiert hat, deutetStandard-Kritiker Ljubiša Tošić als "Zeichen des Wandels in der Tonträgerkrise".
Besprochen werden JohnCales Soloalbum "Poptical Illusion" (JungleWorld). ein Konzert von TheRoots in Berlin (Tsp), HiatusKaiyotes Album "Love Heart Cheat Code" (taz) und das neue Elektropop-Album von EmpireoftheSun (die "musikalische Entsprechung zu Schmelzkäse-Ecken", findet Christian Schachinger im Standard).
Die SalzburgerFestspiele verneigten sich in den letzten Tagen vor ArnoldSchönberg und insbesondere vor dem "Verein für musikalische Privataufführungen", bei dessen Veranstaltungen der Komponist unter klandestinen Bedingungen moderne Musik aufführen ließ, zum Teil in Bearbeitungen durch Schönberg selbst, um dem kleinen Rahmen der Aufführung gerecht zu werden. Die Bearbeitung von Gustav Mahlers "Lied von der Erde" konnte Schönberg allerdings nicht mehr fertigstellen, dies schloss erst 2015 Rainer Riehn ab, dessen Fertigstellung nun in Salzburg zu hören war. SZ-Kritiker Harald Eggebrecht lobt die "ausgezeichnet den schmerzlichenMahlerton treffende Mezzosopranistin Tanja Ariane Baumgartner. ... Schönbergs Ansatz verdünnt nicht etwa Mahlers orchestraleOpulenz, sondern verdeutlicht sie. Die Musik wirkt in dieser Schlankfassung ungewöhnlich klangfarbenintensiv, elastisch und konstruktiv, ohne Mahlers Wehmut und seine Sehnsucht nach dem 'Ewigen' zu schmälern, wie es im Text von Hans Bethge beschworen wird, der dem 'Lied von der Erde' zugrunde liegt."
Weitere Artikel: Yelizaveta Landenberger resümiert in der FAZ das Kulturfestival Kiosk im slowakischen Žilina. Hoo Nam Seelmann schreibt in der NZZ einen Nachruf auf den südkoreanischen Protestsänger KimMinGi.
Besprochen werden die Klangkunst-Ausstellung "Sounds of Bethany" im Berliner Künstlerhaus Bethanien mit historischen Klangarbeiten und neuen Installationen (taz), eine Arte-Doku über Bruce Springsteen (TA), ein Schostakowitsch- und Mahler-Abend mit dem Bariton MattiasGoerne und dem Pianisten MarkusHinterhäuser in Salzburg (Standard) und Adeles Auftritt in München (Welt, mehr dazu bereits hier).
Der im Mai verhaftete, russische Pianist PawelKuschnir ist den Folgen seines Hungerstreiks erlegen, meldet Kerstin Holm in der FAZ: "Auf Youtube führte Kuschnir den Kanal 'Ausländischer Agent Malder' (Inoagent Malder), wo er nach Beginn der russischen Großinvasion in die Ukraine vier Video-Monologe publizierte, auf denen er sich und andere Gegner des Putin-Regimes anklagte, den russischen Faschismus nicht verhindert zu haben. 'Wir begreifen, dass wir in dieser Hölle zugrunde gehen werden', sagt der Musiker in einem, 'also sterben wir wenigstens wie Christenmenschen.' Millionen Russen hätten einst ihr Leben gelassen, um den Faschismus zu beenden, den Putin aber verkörpere. Die Gräueltaten von Butscha seien eine Schande fürs Vaterland, heißt es auf dem jüngsten vom Januar 2024." Hier spielt er die 24 Präludien von Rachmaninow.
Am Freitagabend hat Adele mit ihrem zehn Konzerte umfassenden Münchner Zyklus begonnen, für den eigens eine Open Air Arena für über 70.000 Menschen aufgebaut wurde, die nach dem Event wieder abgerissen wird. "Wie Adele da in München nun am Bühnenrand steht, mit bloßem Auge besehen zwergenhaft klein im Halbrund der Zehntausenden, allein mithilfe unzähliger Kameras übergroß und mehrfach auf die eben größte Videoleinwand der Welt projiziert, offenbart sich die wesentliche Schwäche dieser technisch perfekten Inszenierung", schreibt Rabea Weihser auf Zeit Online: "In ihrem Gigantismus kann die Show weder die Magie von Adeles Musik noch ihrer Person abbilden. Intimität und Größe klaffen im Verlauf des Abends immer weiter auseinander. ... Irgendwo steht und singt Adele. Irgendwas sagt sie." Aber wenn es "einen Grund gibt, warum diese Menschen alle hier sind, dann doch, weil sie den echten Körper der Diva sehen und erleben wollen. Aber der ist eben nur noch als Projektion erkennbar."
Der Popstar füllt den Abend mit hemdsärmeliger Rustikalität, notiert Katrin Nussmayr in der Presse: Adele "scherzt und plaudert wie eine gesprächige ältere Urlauberin an der Weinbar und trinkt aus ihrem tönernen Bierkrug. Es ist schließlich Bayern, und Adele liebt Bier, wie sie mehrfach versichert. Gleich zu Beginn steckt sie sich das Mikro in den Ausschnitt ihres nachtblauen Abendkleids, um sich die Schleppe von der Taille binden zu können: Weg mit dem nassen Fetzen! 'Look at it dripping!' Da kann man sich fast vorstellen, wie Adele ihre Anfänge in Londoner Pubs gestaltet haben könnte, witzelnd und fluchend und saufend und zwischendurch dramatisch trällernd auf Barhockern."
Ja, meint auch Marlene Knobloch in der SZ: "Adele ist das Gegenteil einer Zeitgeist-Schleimerin. Sie schmiert kein glitzerndes Camouflage über Hierarchien, verrenkt sich nicht Richtung Augenhöhe, mimt keine beste Freundin für die Fans. ... Es ist exakt diese zittrige, leidendeEhrlichkeit, das leicht divenhafte, die sich zuspitzenden Lippen, das Augenrollen, das Verhaspeln, das viele, ungeplante, ausfransende Reden, die Sehnsucht nach Alkohol, die sie laut und fluchend ausspricht, es ist dieses völlig strauchelnde Pendant zur perfekten Inszenierung, das diesen Abend zu einem völlig verrückten, aber irre berührenden Popereignis macht." In der FAZ ist Matthias Alexander beeindruckt, wie reibungslos diese organisatorische und logistische Herausforderung über die Bühne geht: "Vielleicht sollte man Konzertveranstalter als Berater für Großprojekte anheuern."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Lars Fleischmann spricht für die taz mit EricPfeil anlässlich dessen zweiten Buches über den Italo-Pop über die widersprüchliche Politik und Kultur Italiens. Christoph Forsthoff fragt sich in der NZZ, wie sich das Menuhin-Festivalin Gstaad nach dem ersten Intendantenwechsel seit zwei Jahrzehnten neu aufstellen wird. Jakob Thaller vom Standard hat sich an einem Tag durch die gesamte Taylor-Swift-Diskografie gehört (Zwischenstand um 17 Uhr: "Neurologisch gesehen habe ich mittlerweile Migräne und keine Lust mehr auf dieses Experiment."). Stefan Fromman resümiert in der Welt das Metal-Festival in Wacken. In der Welt gratuliert Frederich Schwilden HeleneFischer zum 40. Geburtstag. Joachim Hentschel hat sich für die SZ mit der Berliner Band Blond getroffen.
Besprochen werden Vince Staples' Album "Dark Times" (taz), AnneSauers Buch "Look What She Made Us Do" über TaylorSwift (online nachgereicht von der FAZ), das Abschlusskonzert von JanVoglers Nachwuchsworkshop in Neuhardenberg (Tsp), und ein Konzert der AudiJugendchorakademie beim Rheingau Musik Festival (FR).
In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Philipp Krohn über "Fugazi" von Marillion:
Der Dramaturg Stephan Knies, der vorausschickt, selbst schon einschlägig an Theatern sexuell belästigt worden zu sein, hält die Kontroverse um François-XavierRoth für einige Töne zu schrill, kommentiert er in Backstage Classical. "Ein Dickpic ist nicht tolerierbar", unterstreicht er. "Was moralisch verwerflich ist (und darum drehen sich die meisten Kommentare), muss, besonders wenn es von einer Führungsperson kommt, benannt und die Führungsperson damit konfrontiert werden. Ist das - wie in diesem Fall - passiert, und gibt es glaubhafteAnzeichen, dass diese Konfrontation zu Reue und einer Änderung des Verhaltens geführt hat, ist es wirklich Zeit, die Phase der erregten und mit falschen Begriffen und Behauptungen geführten Debatte zu verlassen. Noch dazu, wenn jedem klar ist, dass vermutlich schon ein unerwünschtes Kuss-Emoji (!), sicher aber ein einziges weiteres Dickpic das sofortige Ende der Karriere von Roth bedeuten würde. ... Alleine das widerlegt die vielen wütenden Wortmeldungen, dass die Anzeige der Vorfälle durch die Betroffenen nun überhaupt keine Wirkung gezeigt haben soll."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Stephanie Grimm spricht in der taz mit dem PophistorikerJonSavage, der in seinem neuen Buch "The Secret Public" nachzeichnet, wie queereSubkulturen von den Fünfzigern bis zu den späten Siebzigern die Popkultur geprägt haben. "Der queere Subtext trug sicher zum Reiz von Popmusik bei - gerade für die heterosexuelle Jugend, die nicht den gängigen Vorstellungen folgen wollte, wie ein Mann oder eine Frau jeweils zu sein hat. Wer sich mit Popkultur beschäftigte, stieß unweigerlich auf LGBTQ-Themen." Nach den Fünfzigern "interessierten sich Leute für Pop, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprachen. In der repressiven britischen Gesellschaft jener Zeit fanden diejenigen ihren Platz im Pop, die etwas Kreatives machen wollten oder einfach rebellisch waren. Ein anderer Umgang mit Sexualität und Geschlechterfragen war Teil davon. Voran kam die queere Emanzipation wohl durch ein Zusammenspiel aus Hard Power, also politischem Aktivismus, und kulturellerSoftPower." Insbesondere den Discomusiker Sylvester hat er bei der Beschäftigung mit dem Thema neu zu schätzen gelernt, sagt Savage:
Weitere Artikel: Leonie Gubela porträtiert in der taz den Rapper Flaiz, der in Görlitz gegen Rechtsextremismus rappt. Gerrit Bartels fragt sich im Tagesspiegel, was PeterMaffay eigentlich beim Metalfestival in Wacken zu suchen hat. Besprochen werden Adeles erster von zehn Auftritten in München (Welt) und das Berliner Konzert von ArrestedDevelopment (taz).
Außerdem haben CharliXCX und BillieEilish einen gemeinsam Song samt Video veröffentlicht: "Es ist sexy, es ist aufregend, es ist irgendwie skandalös und selbstironisch", freut sich Helene Slancar im Standard.
"Kein Konzert ohne Komponistin", so lautete das "Dogma" des Deutschen Symphonie-Orchesters in Berlin für die letzte Saison. Im Tagesspiegel zieht Leiter Thomas Schmidt-Ott eine positive Bilanz: Die Auslastung lag bei rekordverdächtigen 90 Prozent, die Berichterstattung reichte bis zur New York Times und unbelehrbare Social-Media-Schreihälse krakeelten um die Wette. An dem Projekt will man festhalten: "Die Enzyklopädie der Klassik erfasst in der Musikgeschichte 6000 Komponistinnen. Dunkelziffer unbekannt. Jedoch: Maximal fünf von hundert Werken hört der/die 'normale' Besucher im Klassik-Konzert, die aus der Feder einer Frau stammen. Die Klassik ist eine Männerdomäne. Beherrscht von einer Elite aus ca. 15 weißen, männlichen Komponisten. ... Die Unterrepräsentation von Komponistinnen ist dabei in Wahrheit keine Qualitätsfrage. Sie ist die Konsequenz historisch-patriarchaler Strukturen aus tausenden von Jahren Geschichte. ... Die Überwindung des 'Höre ich Klassik, höre ich (männliche) Komponisten'-Paradigmas war unser anfängliches Anliegen, die 'feministische Musikpolitik' als philosophischer Überbau hat aus der Ursprungsidee innerhalb eines Jahres einen neuen Unternehmenswert geschaffen. Ein Bewusstseinswandel."
Auf dem neuen Meridian-Brothers-Album "Mi Latinoamérica sufre" besingt der Neotropicalist EblisAlvarez zwar das Leid Lateinamerikas, doch "musikalisch ist diese Selbstfindungsreise durch den Kontinent ein großer Spaß", versichert Detlef Diederichsen in der taz. "Was zunächst klingt wie ein wuseliger Ameisenhaufen ... offenbart bei näherem Hinhören, dass doch jedes Subjekt, hier also jedes Instrument bzw. jede Tonspur für sich eine ganz klare Agenda hat. Neben einem überbordenden rhythmischenReichtum hat das Album vor allem viel E-Gitarre, aber konsequent gegen den Strich gespielte, mitunter geradezu brutal dekonstruierte E-Gitarre: Mal klingt es nach Surf-Gitarre auf falscher Geschwindigkeit, mal nach Congolese Rumba, aber streng mathematisch komponiert von dem Player-Piano-Avantgardisten Conlon Nancarrow. Mal denkt man, Álvarez habe Gummibänder statt Saiten aufgezogen. Im Hintergrund quäken, fiepen und jaulen einige Prachtexemplare aus seiner Sammlung prähistorischer elektronischer Keyboards."
Weitere Artikel: In der FAZ spricht die Tubistin ViolaHarden - nur eine von zweien in deutschen Profiorchestern - darüber, was sie an ihrem Instrument begeistert. Gerrit Bartels hat im Tagesspiegel viel Freude an SnoopDoggs Kapriolen am Rande der OlympischenSpiele: "Wo er auftaucht, ist der Spaß am allergrößten", er "ist das popkulturelle Obendrauf dieser Spiele". Christian Schachinger liefert im Standard Wissenswertes zu Adele, die heute ihren zehn Auftritte umfassenden Konzertzyklus in München beginnt (mehr dazu hier).
Besprochen werden ein Beethoven-Konzert von IgorLevit in Wiesbaden (FR), Griffs Album "Vertigo" (taz), neue Bücher zu AlmaundGustavMahler (FR), ein Salzburger Schumann-Abend mit dem Bariton ChristianGerhaher (Standard) und die Ausstellung "Acht Lieder: 500 Jahre Gesangbuch - 300 Jahre Bachs Choralkantaten" im Bachhhaus Eisenach (FAZ).
Außerdem gibt das Team der SZ auf einer ganzen Seite Klassik-Tipps für den Sommer, darunter diese Beethoven-Aufnahme des Geigers NemanjaRadulović:
Adeles zehn Auftritte umfassender Münchner Konzertzyklus, für den eigens ein auf fast 80.000 Besucher ausgelegtes Stadion aufgebaut wurde, steht an. Vielleicht war das ganze Vorhaben doch etwas größenwahnsinnig? Ausverkauft sind die Shows nämlich nicht, weshalb die Resterampen-Tickets nun zumSpottpreisverscherbelt werden, zudem häufen sich Stimmen, die vom Chaos beim Ticketing berichten. "Wer die Adele-Residenz vor allem als Leuchtturmprojekt und Kulturwunder-in-Progress betrachtet, wird die eine oder andere Reklamation, die vereinzelten Interessenkonflikte unvermeidlich finden", schreibt Joachim Hentschel. "Alle jedoch, die mit ihren teuren, nicht stornierbaren Buchungen dastehen oder sich betrogen fühlen, weil ihre 400-Euro-Plätze im Last-minute-Sale plötzlich für einen Bruchteil verklopft werden, sehen im Münchener Happening eventuell etwas anderes. Nämlich genau den Moment, in dem der Konzert-Gigantismus der letzten Jahre vollends insAbsurde kippt. Und in dem die reichlich strapazierte Blase platzen könnte."
Liegt in diesem Modell - fixe Residency statt Tour - vielleicht aber doch die Zukunft der Popkonzerte? Das hat der Tagesspiegel drei Experten gefragt, darunter Berthold Seliger, selbst Betreiber einer Konzertagentur. Der schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: Die Stadt "hat dem Weltmarktführer unter den Konzertkonzernen den roten Teppich ausgerollt, damit der ... auf städtischem Grund ein seelenloses Stadion für 80.000 Fans errichten kann, das nach zehn Konzerten wieder abgerissen wird. Damit die Fans in dem riesigen Stadion überhaupt etwas von Adele sehen können, wird ein Bildschirm von 220 Metern Länge aufgebaut, und damit die Füße der Fans trocken bleiben, gossen die Veranstalter 75.000QuadratmeterAsphalt vor die Bühne. ... Nachhaltigkeit scheint hier ein Fremdwort zu sein. 800.000 Fans, die aus ganz Europa anreisen, hinterlassen einen absurd hohen ökologischen Fußabdruck. Gigantomanie als Selbstzweck."
Weitere Artikel: Michael Stallknecht freut sich in der SZ, dass HerbertBlomstedt auch mit 97 und nach einem Sturz im vergangenen Winter weiterhin - wie vor kurzem bei den Salzburger Festspielen - die namhaftesten Orchester dirigiert und somit "nach aller Wahrscheinlichkeit der älteste Mensch ist, der jemals ein Orchester geleitet hat, zumindest eines von der Liga der Wiener Philharmoniker". Martin Fischer wirft für den Tagesanzeiger einen Blick auf eine Auswertung von Billboard, die zu dem Schluss kommt, dass Bands auf den Spitzenpositionen der Charts so gut wie keine Rolle mehr spielen.
Besprochen werden ein Brahms-Abend in Salzburg mit RenaudCapuçon, IgorLevit und JuliaHagen (Standard) und zwei CD-Editionen mit von WilliamSteinberg dirigierten Aufnahmen (FAZ).
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