Helene Slancar blickt im Standard auf neueste Entwicklungen im Bereich KI-Popkünstler, wobei ihr vor allem - der komplett via KI generierte Popstar BenGaya besonders auffällt. ChristianStachblickt für VAN auf seine acht Jahre im Vorstand des WDRSinfonieorchesters zurück. Volker Hagedorn erzählt in der Zeit Leben und Werk Arnold Schönbergs. Arno Lücker hat für VAN eine Playlist zusammengestellt mit seinen liebsten schnellen Interpretrationen an sich langsamer Sätze, darunter diese:
Besprochen wird eine dreiteilige Netflix-Dokumentation über den Musikproduzenten LouPerlman, der einst hinter den BackstreetBoys und NSYNC stand (NZZ).
Thomas Lindemann staunt im Frankfurter Allgemeine Quarterly: Der modulareAnalog-Synthesizer kehrt in den Clubs gerade im ganz großen Stil zurück - und mit Jessica Kert, Rachel Lyn, JakoJako, Sarah Sommers und vielen weiteren sind es maßgeblich Frauen, die diese Entwicklung vorantreiben und im Zuge die Männerdomäne der Kabelstecker und Knöpfchendreher als solche erodieren. "'Modulare Musik besteht für mich aus Synthesizer-Arpeggios, also kleinen Figuren, die wiederholt werden, oft mit so plucky Synths, die ein wenig wie ein Zupfinstrument klingen', sagt Sibel Koçer", die als JakoJako auftritt. "'Und der Beat ist polyrhythmisch, tanzbar, hat aber verschiedene Metren gleichzeitig." Auf ihrer aktuellen Single "klopft und schleift und blubbert es, die Melodien ploppen scharf aus einem Industrial-Klangwald hervor. Als Nächstes erscheint von ihr ein Ambient-Album, also ganz ruhige, quasi stehende Musik. ... Klanglich kann alles passieren, und man weiß nie genau, was kommt."
Das Konzert des West-Eastern-Divan-Orchestras unter Daniel Barenboim mit Anne-SophieMutter an der Geige beim Lucerne Festival machte NZZ-Kritiker Marco Frei sehr betroffen: Orchestergründer Barenboim wirkte nicht nur gesundheitlich angeschlagen, auch schien ihm die aktuelle Weltlage in Nahost auf den Schultern zu lasten. Es "lässt sich kaum ermessen, welchen Schmerz" er "empfinden muss angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen im Nahen Osten, die auch alle Früchte seiner jahrzehntelangenVersöhnungsarbeit infrage stellen. Beim Gastspiel ... schien das auch seine durchweg verhaltene Sicht auf die Werke zu prägen. Nun ist Barenboim zwar bekannt für getragene Tempi, aber in Luzern wandelte sich dies stellenweise beklemmend in einen Ausdruck von Hoffnungslosigkeit. Der revolutionäre Funke, der normalerweise in Beethovens 7. Sinfonie glüht, wollte nicht zünden. Ein kraftvoll-trotziges 'Jetzt erst recht', so typisch für Beethoven, stellte sich kaum ein."
Weitere Artikel: Karl Fluch stellt im Standard die österreichische Musikerin Oska vor, die in den kommenden Tagen Supporting Act für die Wiener Auftritte von Coldplay ist. Oskar Piegsa plaudert für Zeit Online mit PeterKraus über Leben und Werk. Besprochen werden Maxim Billers Singer-Songwriter-Album "Studio" (NZZ) und das postume Konzertalbum "Opus" des letztes Jahr verstorbenen japanischen Komponisten und Musikers RyuichiSakamoto (FR, Pitchfork).
Konstantin Nowotny durchleuchtet für die Jungle World die "Swiftonomics": Längst sind die Mega-Konzerte samt der "Eras"-Tour des us-amerikanischen Popstars (aber auch etwa die zehntägige Münchner "Residency" von Adele) ein Wirtschaftsfaktor, an dem nicht nur der Star selbst, sondern viele Branchen und Nationalökonomien munter mitverdienen. Damit einher geht aber auch "eine neue Art von Marktdruck. Denn alle, die mit solchen Massenveranstaltungen im Wettbewerb stehen, können dabei nur leer ausgehen. Wer zwischen 200 und 1.000 Euro für ein Adele-Konzert ausgibt, der leistet sich im Zweifel weniger kleinere und günstigere Clubkonzerte im Jahr. Und wenn die Sängerin fast einen ganzen Sommermonat in der bayerischen Landeshauptstadt residiert, wird es für alle schwer, deren Shows mit diesen Publikumsmagneten konkurrieren. ... Der Begriff 'Swiftonomics' bezeichnet also nicht viel mehr als die Monopolisierung der Live-Industrie, mit allen Begleiterscheinungen, die solche Monopolisierungen auch in anderen Wirtschaftsbereichen mit sich bringen. Plötzlich interessieren sich für die großen Stars nicht nur Fans, sondern Investoren, BankenundPolitiker - und das ist durchaus eine neue 'Era' für die internationale Popmusik."
Gerald Felber unterhält sich für die FAZ mit dem tschechischen Dirigenten JakubHrůša, der im September die Bamberger Symphoniker, die er als Chefdirigent leitet, und die Tschechische Philharmonie, deren Erster Gastdirigent er ist, für ein Open-Air-Konzert in Prag zusammenbringen will. "Es hat in Böhmen und Mähren bis zur kompletten Annullierung nach 1945 jahrhundertelang ein ganz natürliches Nebeneinander der tschechischen und deutschen Sprache und ihrer Kulturen gegeben - nicht ohne Auseinandersetzungen, aber insgesamt sehr fruchtbar", sagt er. "Auch bei der Prager Uraufführung von Gustav Mahlers 7. Symphonie 1908 spielten tschechische und deutsche Musiker zusammen, und es war schon lange meine Idee, dieses Ereignis mit den Nachfolgern der damals beteiligten Orchester zu erneuern - die Bamberger Symphoniker sahen sich ja bei ihrer Gründung 1946 selbst in der Tradition der ehemaligen Deutschen Philharmonie in Prag."
Weiteres: Jan Brachmann resümiert in der FAZ die ersten Tage des LucerneFestivals. Karl Fluch porträtiert für den Standard den US-Musiker PostMalone. Besprochen werden ein Konzert von Jan Voglers MoritzburgFestivalOrchester in Berlin (Tsp), KikoDinuccis und LuiseVolkmanns gemeinsames Album "Enxame" (FR), SonicBooms und PandaBears gemeinsame EP "Reset Mariachi" (Standard), das neue Album von Beabadoobee (SZ) und weitere neue Musikveröffentlichungen, darunter das gemeinsame Album "Unfolding" des Klarinettisten LouisSclavis und des Pianisten BenjaminMoussay (Standard).
Bittere Ironie der Geschichte: Kaum ist der BerlinerTechno Teil des immateriellen Kulturerbes, muss mit der Wilden Renate eines seiner Aushängeschilder 2025 schließen: Nach Angaben der Betreiber will der in Berlin nicht völlig unbekannte Vermieter GijoraPadovicz die Miete verdoppeln, berichtet Juliane Liebert in der SZ (online gestellt vom Tagesanzeiger): "Das Problem ist nicht, dass einem Club mal der Mietvertrag gekündigt wird, sondern die systematische Verdrängung solcher Orte, weil es immer weniger Ausweichmöglichkeiten gibt. Wenn die gesamte Stadt aussieht wie das Umfeld des Hauptbahnhofs, ist sie steril. ... Natürlich stellt sich etwa die Frage, ob man die Schäden der Gentrifizierung wirklich realistischerweise durch Musealisierung der Clubkultur lösen kann. Clubs sind ja eigentlich immer etwas Temporäres, sie existieren für den Moment, sprießen hier aus dem Boden, verschwinden, machen dort wieder auf. Viele berühmt gewordene Clubs haben nur wenige Jahre existiert", doch "wenn es so weitergeht, wird das Weltkulturerbe 'Berliner Techno' bald wirklichimmateriell sein, weil es in der Stadt keinen bezahlbaren Raum mehr dafür gibt."
Weitere Artikel: Katharina Moser unterhält sich auf faz.net mit den Rappern Common und PeteRock über die Zukunft des Hiphop. Christian Wildhagen resümiert in der NZZ den Auftakt des LucerneFestivals. Christoph Irrgeher berichtet im Standard vom Auftakt des Grafenegg-Festivals.
Besprochen werden GhostDubs' Album "Damaged" (Standard-Kritiker Karl Fluch lauscht in eine musikalische "Welt, in der sich Eraserhead und der Elefantenmensch im 16. Tiefgeschoß eine Ratte grillen"), RolandKaisers Konzert in der Waldbühne Berlin (Zeit-Online-Kritikerin Laura Ewert beschleicht "das Gefühl, er mache das nicht sonderlich gern") und das neue Album "Love Changes Everything" der Post-Rocker DirtyThree (taz).
Wer eines der aktuellen Konzerte von TaylorSwift besucht oder die offiziellen Social-Media-Kanäle des Popstars aufruft, würde nicht meinen, dass ihre drei Konzerte in Wien wegen akuter Terrorgefahr abgesagt wurden: keinStatement, nirgends. Ungewöhnlich, da Swifts Erfolgsgeheimnis ja gerade darauf basiert, die direkte Nähe zu ihren Fans zu suchen - diese fühlen sich nun alleingelassen, kommentiert Kim Staudt im Spiegel. "Mit ihrem anhaltenden Schweigen und ihrem Auftritt in London hat sie eine große Chance verpasst: Die Brutalität unserer heutigen Zeit anzuerkennen und sie auch als Teil ihrer Realität zu sehen. Stattdessen: Wien ist vergessen, the show must go on." Der Auftritt in London und dessen Abbildung auf Social Media wirkten "wie der Versuch, ihre heile Welt wieder von der harten Realität zu entkoppeln. Dieser Eskapismus, den die 'Eras Tour' anderthalb Jahre geboten hat, funktioniert aber nicht mehr, er wirkt nun wie eine Farce."
Auch Marlene Knobloch in der SZ fragt sich: "Warum schweigt sie? Nach der Messerattacke bei einem Taylor-Swift-Tanzkurs im britischen Southport, bei der drei Mädchen starben, hatte Swift sich zumindest über ihren Instagram-Kanal geäußert. Laut BBC soll sie sogar Kontakt zu den Familien aufgenommen haben. ... Gerade, weil ihr Verhalten so untypisch ist, kann man vermuten, dass sich Swift weniger aus geschäftlichen als aus Sicherheitsgründen nicht äußert. Taylor Swift bekannte 2019 in einem Interview mit Elle, ihre größte Angst sei die vor einer Terrorattacke, sie frage sich, wie man auf ihrer Tour für Millionen Fans Sicherheit garantieren könne. Vielleicht muss hier jemand gerade - auf Kosten der Empathie - schlicht sehrvorsichtig sein."
Von einem allgemeinen Boykott der russischen Kultur kann im deutschsprachigen Raum keine Rede sein, kommentiert der Dirigent MartinHaselböck auf Backstage Classical und belegt dies mit zahlreiche, auch eigenen Zusammenarbeiten. Richtig findet er aber, dass einzelne russische Künstler wie TeodorCurrentzis ausgeladen werden. Denn "in der derzeitigen Situation ist Kultur auch ein 'Instrument der Durchsetzung staatlicher Politik' und muss sich dabei oft den Zielen der russischen Staatlichkeit unterordnen. Die 'Große russische Kultur' wird also als mediale Chiffre der staatlichen Propaganda missbraucht. ... Currentzis ist Künstler im System Putin - mit direktem Zugang zu Finanzen und Macht." Sein "Problem ist in dieser Zeit des Krieges nicht sein künstlerisches Schaffen, sondern seine Instrumentalisierung durch Putins Russland. Wenn die Platzierung seiner Orchester im internationalen Festspielbetrieb durch russische Gelder ermöglicht wurde, wenn seine Position in St. Petersburg durch ein eigenes Konzertgebäude etabliert werden soll - dann ist die vom Salzburger Intendanten apostrophierte 'rote Linie' im Umgang mit ihm längst überschritten."
Alexandre Kantorows Auftritt bei den Salzburger Festspielen war "ein Abend großer Klavierkunst", schwärmt Helmut Mauró in der SZ, nicht nur, aber insbesondere auch wegen der Darbietung von BélaBartóks Rhapsodie op.1 und SergejRachmaninows Klaviersonate Nr.1 in d-Moll. "Technische Schwierigkeiten scheint es für Kantorow allerdings nicht zu geben, er kann offenbar alles, und alles mühelos. Allein Bartóks Rhapsodie berührt mitunter die Grenzen des Spielbaren. ... Kantorow verweist hier recht eindrucksvoll" auf Bartok als "einen Melodiker von Rang und einen genuinen Klavierkomponisten". Auch bei Rachmaninow "sucht Kantorow nicht das Naheliegende, ... sondern vertieft sich in das spannendere Verhältnis von lyrischer Verinnerlichung und dramatischer Erzählkunst. Es ist ein natürliches Spiel klanglicher Verdichtung und freiem Lauf, und im Gegensatz zum Beginn hat man diesmal den zwingenden Eindruck, alles folge einem sicheren Gespür für wohlgesetzte Tempodehnungen und -stauchungen."
Weitere Artikel: Marco Frei porträtiert in der NZZ den russischen Pianisten AlexanderMalofeev, der seit Beginn des russischen Kriegs in Berlin lebt. Margarete Affenzeller (Standard) und Christine Dössel (SZ) berichten von einem KI-Panel bei den SalzburgerFestspielen, bei dem die Sopranistin AsmikGrigorian gegen ihr digitales Double angetreten ist. Michael Stallknecht erzählt in der SZ von seiner Reise zum Benediktinerkloster Solesmes, wo seit 200 Jahren der GregoranischeChoral gepflegt und mit moderner Technologie erforscht wird.
Besprochen werden ein von DanielBarenboim dirigiertes Konzert des West-EasternDivanOrchestra mit der Geigerin Anne-SophieMutter bei den Salzburger Festspielen (Standard), ein Konzert von Tous Les Quatre Matins in Frankfurt (FR) und JakeXerxesFussells Album "When I'm Called" (FR).
Benjamin Moldenhauer freut sich in der taz, dass das lange Zeit nur unter erheblichem Aufwand greifbare Gesamtwerk der in den Neunzigern aktiven Hamburger Frauenband "Die Braut haut ins Auge" nun endlich wieder zugänglich ist - wenn auch fürs erste nur digital. Die Band "hat so etwas wie einen frühen, dann verschütt gegangenen deutschsprachigenPopfeminismusinLiedform in die Welt gestellt. Aber eben nicht als dezidiert feministische Unternehmung, sondern in Form von Beziehungssongs und Liebesliedern aus nichtmännlicher Perspektive. ... Ein mit beschwingtem Bläsersatz gesegneter Song wie 'Mann mit Hang zur Depression' wiederum hilft potenziell allen mit Sorgenfalten durch den Tag: Besonders auch Menschen, die einen Mann mit Melancholieproblem lieben, und Menschen mit Depression, denen hier wie nebenbei das Gefühl gegeben wurde, dass sie trotz Seelenqual liebenswert sind. Und das Lied macht sich zugleich sanft über selbstmitleidige Inszenierungen lustig ..., ohne dass Seelenpein ins Lächerliche gezogen würde. Der Zeitpunkt, um diese Musik wieder zu veröffentlichen, ist gerade nicht der schlechteste."
Außerdem: Christine Watty spricht im Dlf-Kultur-Podcast "Lakonisch Elegant" mit SchorschKamerun von den GoldenenZitronen über die großen Kulturbetriebsfragen. Nina Sternburg hat in der taz viel Spaß an der "Roughness, Unverstelltheit und Nahbarkeit" des Hamburger Rap-Frauenkollektivs bangerfabrique.
Besprochen werden ein Bruckner-Konzert der Wiener Philharmoniker unter RiccardoMuti bei den Salzburger Festspiele (Standard), AlexandreKantorows Klavierkonzert bei den Salzburger Festspielen (FAZ) und GeorgNigls zweiter "Nachtmusiken"-Abend bei den Salzburger Festspielen (FAZ).
In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Luca Vazgec über den jugoslawischen Sommerhit 1986 von BijeloDugme:
Das linke Leipziger Kulturzentrum Conne Island, das wegen seiner israelfreundlichen Position wohl der "antideutschen" Strömung zuzurechnen ist, wandte sich Ende letzter Woche mit einem Alarmruf an die Öffentlichkeit. Im Conne Island werden auch Rockkonzerte abgehalten, aber zahlreiche Bands haben seit dem 7. Oktober abgesagt. Das Kulturzentrum nennt die Bands High Vis, Lust for Youth, Rotten Mind, Slow Pulp, Life Force, Pkew Pkew Pkew, Lovefoxy, Elias Mazian, Byron Yeates, Truth Cult, Coffin, TR/ST, Jen Razavi, The Chats. "Das Vorgehen des Boykotts bleibt dabei stets dasselbe", schreiben die Macher von Conne Island. "Sobald ein Act in unseren Lineups auftaucht wird dieser (meist über Social Media) kontaktiert und über die schon genannten Narrative 'in Kenntnis gesetzt'. Die Nachrichten, die dabei kursieren werden meist einfach per copy+paste weiterverbreitet und enthalten neben diversen Falschaussagen auch scheinbare Quellenverweise, die allerdings meist auf die ursprünglichen Boykottseiten verweisen, die die gleichen Unwahrheiten widerspiegeln. Begleitet wird dies von mehr oder weniger subtilen Einschüchterungen und Drohungen, dass die Acts mit Absagen an anderen Orten zu rechnen haben. ... So berichtete uns eine Künstlerin von massiven Bedrohungen nach der Ankündigung ihrer Show bei uns. Einer anderen Künstlerin hingegen wurden nach dem Auftritt im Conne Island weitere Shows ihrer Tour abgesagt und sie kurzerhand vom Line Up gestrichen." Hier kann man also sozusagen in der Praxis mitverfolgen, wie jener Boykott funktioniert, dessen Rechtfertigung vor einigen Jahren von den Autoren des "Weltoffen"-Papiers als eine zu ermöglichende Position verteidigt wurde. Hinzu kommt aber laut Conne Island noch der sogenannte "Silent Boycott", der gegenüber Conne Island also nicht ausgesprochen wird: "Hier können wir nur vermuten, wieviele Shows deshalb nicht bei uns stattfinden konnten. ... Aber wir können eines sagen: es macht sich bemerkbar und bringt das Conne Island nicht nur in finanzielle Schwierigkeiten."
Die Leipziger Volkszeitung berichtete, der Artikel lässt sich mit einiger Mühe hier nachlesen.
Weiteres: Ljubiša Tošić spricht im Standard mit dem Dirigenten HeinzFerlesch, der morgen in der österreichischen Basilika St. Florian gemeinsam mit dem Chor Ad Libitum und dem Originalklangorchester Barucco Bachsh-Moll-Messe aufführt. Schlimm findet es Stefan Weiss im Standard, wie sich österreichische Politiker aus PR-Gründen an Swifties ranwanzen. Besprochen wird das Album "This Is How Tomorrow Moves" der britischen Sängerin Beabadoobee (Standard).
Im VAN-Gespräch mit Hartmut Welscher erinnert die Pianistin OlgaShkrygunova an PawelKuschnir, der vor kurzem in russischer Haft den Folgen seines Hungerstreiks erlegen ist. Der Pianist hatte zuvor den russischen Überfall auf die Ukraine scharf angeprangert (mehr dazu bereits hier und dort). Shkrygunova und Kuschnir kannten sich seit Kindertagen. Schon damals gab es "Legenden um seine Begabung, wie schnell er auswendig gelernt hat, wie früh er komponiert hat", erzählt sie. Aber warum versauerte er unbekannt in der Provinz? "Wir haben beide im selben Jahr die Aufnahmeprüfung für das Konzertexamen am Moskauer Konservatorium gemacht. Ich habe bestanden und er nicht. Und weißt du, warum? Weil ich nett und blond bin. Und er wollte Schumanns C-Dur-Fantasie spielen. Die Jury hat ihn aufgefordert, nur einen Satz daraus zu spielen, worauf er meinte: 'Ich kann das nicht machen, Schumann hat das Stück als Ganzes komponiert; wenn ich nur einen Ausschnitt spiele, breche ich mit meinem Konzept.' In der akademischen Welt, und besonders in Moskau, ist es so: Wenn du nicht die richtigen Verwandten hattest, wenn du nicht die richtigen Kontakte gehalten hast, wenn du nicht 'nett' warst, wurde es schwierig."
Weiteres: Ziemlich cool findet es Karl Fluch im Standard, dass Kamala Harris' politischer Mitstreiter TimWalz in den Achtzigern offenbar mit den Replacements und HüskerDü und damit also "mit den Vorläufern der Alternative Music groß geworden" ist. Jeffrey Arlo Brown spricht für VAN mit dem Flötisten DietmarWiesner über die Geschichte der Jungen Deutschen Philharmonie, die ihr 50-jähriges Bestehen feiert. Holger Noltze wirft für VAN einen Blick auf Männerfeindschaften in der Musik. Besprochen werden ein Auftritt von Anne-SophieMutter und DanielBarenboim beim Rheingau Festival (FR) und ein Konzert der Fado-Sängerin Lina in Frankfurt (FR).
Und Arno Lücker empfiehlt in VAN zehn Werke, die man von LouisMoreauGottschalk kennen sollte, darunter "Le Banjo", für ihn "das Knallerstück überhaupt".
Pawel Michailowitsch Kuschnir. Foto: Swerdlowsker Regionalmuseum für Heimatkunde / Wikipedia
Die FAZdokumentiert einen von namhaftestenKlassikstars unterschriebenen Offenen Brief zum Tod des russischen Pianisten PawelKuschnir, der es gewagt hatte, auf Youtube vor kleinstem Publikum den russischen Krieg in der Ukraine zu kritisieren, dafür inhaftiert wurde und nun den Folgen seines Hungerstreiks erlegen ist (mehr dazu hier). Er war kein Klassikstar, kein Name, den man zuvor kannte, schreiben seine Kollegen, die ihn im Nachhinein in ihren Kreis eingemeinden: "Wir schreiben hier, um an ihn zu erinnern, und wir schreiben wegen der zahllosen unbekannten politischen Gefangenen in Russland wie überall in der Welt. Die größte Tragik in Pawels Leben besteht vermutlich darin, dass wir erst jetzt begreifen, was für ein bemerkenswerter Künstler, Schriftsteller und Denker er war. Wir kannten ihn einfach nicht. Das muss uns daran erinnern, dass der perverse 'Auswahlprozess' der Strafverfolgungsbehörden dazu führt, dass die wunderbarsten und furchtlosesten Menschen ins Gefängnis geworfen werden, oft die besten Menschen einer kranken Nation. Sie haben sogar weniger Chancen, von einem Gefangenenaustausch zu profitieren, als die Personen, die wir aus den Medien kennen - aber wir dürfen sie nicht vergessen."
Dünkel und Anthropozentrismus gegenüber musikgenerativerKI hält die Musikwissenschaftlerin Selma Schiller (FAZ) für fehl am Platz, auch wenn sie einräumt, dass bisherige Produkte die oft überschäumenden Versprechungen bislang eher nicht einlösen. Immerhin habe Technologie Musik und deren Ästhetik immer schon geprägt - oder zumindest seit der Mensch unter Musik mehr versteht als den Klang der eigenen Singstimme. "Einen Schritt zurückzutreten von dem Geniegedanken, der den Kunst- und Künstlerbegriff der letzten Jahrhunderte geprägt hat, ... heißt dabei nicht, die Bedenken in Bezug auf Massenproduktion und Standardisierung kultureller Produkte zu verdrängen. Es heißt vielmehr, dass man die KI nicht notwendigerweise als Konkurrenz zum Menschen begreift und den in Kollaboration entstandenen künstlerischen Output nicht allein auf Basis seiner Genese misst. Und ebenso wenig darf man vergessen, dass das langfristige Ziel der Arbeit mit KI keineswegs darin besteht, schon Bestehendes zu imitieren oder gar zu fälschen. Viel eher geht es darum, Neues und Ungehörtes zu schaffen."
In den USA ist "das goldene Zeitalter des sapphischen Pop angebrochen", schreibt Klaus Walter in der FR in Anlehnung an einen Essay von James Factora: So viel lesbischer, queerer und weiblich-hedonistischer Pop wie aktuell war nie im Mainstream! Aber "was ist das eigentlich heute: der Mainstream? Wie verträgt sich das goldene Zeitalter der Sapphic-Pop-Geilheit mit dem goldenen Zeitalter der Homophobie(n) im Zeichen reaktionärer Rollbacks rund um den Globus? Ist der sapphische Mainstream womöglich nur ein kleiner Stream im breiten Sortiment der Mainstreams der Minderheiten? Apropos: Wäre es nicht Zeit für eine Re-Lektüre von 'Mainstream der Minderheiten: Pop in der Kontrollgesellschaft', der 1996 (!) von Tom Holert und Mark Terkessidis herausgegebenen, verdienstvollen Textsammlung? ... Die könnte helfen zu verstehen, was da eigentlich los ist im sogenannten Mainstream im zweiten Jahrzehnt des, ähem, Pop-Matriarchats, da das Regiment der Beyoncés, Gagas, Adeles und Rihannas flankiert (oder abgelöst?) wird von jüngeren Künstlerinnen: Olivia Rodrigo, Charli XCX, Pink Pantheress, Shygirl, Sabrina Carpenter oder auch ChappellRoan.
Ganz große Indiepop-Kunst war die Olympia-Abschlusszeremonie mit der französischen Popband Phoenix (mit zahlreichen Gastauftritten weiterer Stars) gewesen, freut sich Christoph Amend auf Zeit Online. Wer Augen und Ohren hatte, konnte dies auch problemlos bezeugen. Nur die Profis vom ZDF haben sich mal wieder die ganz großen Tomaten aufgesetzt. Die Show "wirkte solässig, soelegant, sofunky, so unaufgeregt und doch ekstatisch. Da war er, der berühmte French Touch, der den Pop des Landes seit Jahrzehnten ausmacht. ... Dem hörbar überforderten Duo des ZDF fielen zu diesem Allstar-Konzert nur Sätze ein wie 'Ist schon ein paar Jahre alt' und, wirklich wahr: 'Können laut und leise'. Dafür sprachen sie den Namen der Band konsequent falsch deutsch aus, Phönix, als trete gerade die Hauskapelle des Nachrichtensenders auf."
Weitere Artikel: Mika Backhaus porträtiert in der taz die argentinische Musikerin Chocolate Remix, die über Missstände in ihrer Heimat und lesbische Lust rappt. Stefan Ender freut sich im Standard aufs FestivalGrafenegg. Besprochen werden JustinTimberlakes Auftritt in London (Presse), das gemeinsame Konzert von ChristianLi und NicolaEimer beim Rheingau Musik Festival (FR) und neue Rockveröffentlichungen, darunter das Album "Another Day" der Art-Punkband FuckedUp ("mit Magensäure am Siedepunkt rausgespien", jubeltStandard-Punkexperte Karl Fluch).
Die Musikkritiker begeistern sich für Philipp von Steinaeckers Projekt, Mahler auf historischen (oder den historischen Vorbildern sorgfältig nachgestellten) Instrumenten einzuspielen. Als erster Beleg dieses Vorhabens liegt nun Mahlers Neunte vor. Die Aufnahme "ist ein Ereignis", schwärmt Clemens Haustein in der FAZ: Frei seien die historischen Instrumente "noch vom bewusst erhöhten Widerstand, den die modernen Instrumente dem Spieler bieten mit dem Ziel größerer klanglicher Durchschlagskraft. Auch die Angleichung in der Klangfarbe, die mit dieser Entwicklung einherging (und die gewünscht war für einen möglichst homogenen Orchesterklang), fällt bei dieser Aufnahme weg - mit umwerfender Wirkung besonders in den beiden Scherzo-Sätzen dieser Symphonie. Von modernen Orchestern und Dirigenten gerne totgeklopft im verzweifelten Versuch, Mahlers abgründigen Humor zu treffen, sind sie nun Bilder von überbordenderKlangfantasie, überraschend durch immer neue Farb- und Geräuschkombinationen."
NZZ-Kritiker Michael Stallknecht weiß nach dieser Aufnahme, was Mahler mit seiner Anmerkung "etwas täppisch und sehr derb" zum zweiten Satz der Neunten gemeint hat: In dieser Aufnahme "geht es zu wie auf dem MünchnerOktoberfest, wenn schräge Volksmusik-Nachmittage ab dem fünften Liter Bier zur Orgie ausarten. Alles kreischt und kreist und tobt, die Klarinetten schrillen, das Cello taumelt dazwischen, eine einsame Posaune versucht auch ihr Glück. Steinaeckers radikale Sicht auf ein vermeintlich längst klassisch gewordenes Werk hat bereits viel Aufsehen erregt. Tatsächlich könnte diese Interpretation zu den wenigen gehören, die man einmal richtungsweisend nennen wird." Einen kleinen Einblick bietet dieser Werbefilm:
Weitere Artikel: Silvia Silko war für den Tagesspiegel beim Øya-Festival in Oslo. Robin Passon berichtet in der FAZ vom Menuhin-Festival in Gstaad. In der FAZgratuliert Wolfgang Sandner dem Gitarristen PatMetheny zum 70. Geburtstag
Besprochen werden ein Mahler-Konzert der WienerPhilharmoniker unter AndrisNelsons bei den Salzburger Festspielen (Standard), der Briefwechsel zwischen RichardWagner und seiner ersten Ehefrau MinnaPlaner (online nachgereicht von der NZZ), eines von Adeles zehn Konzerten in München (NZZ), das Auftaktkonzert des Berliner Festivals Young Euro Classic mit dem JovemOrquestraPortuguesa (Tsp), ein Konzert des Baritons GeorgNigl mit AlexanderGergelyfi am Clavichord (Standard), Lucas Debargues Aufnahme von GabrielFaurés sämtlichen Klavierwerken (FAZ) und ein Album von BrigitteCallsMeBaby, die zwar aus Chicago kommen, aber trotzdem Britpop nach Morrissey-Facon spielen: "Da brate mir doch einer einen Storch", ruft da auch Standard-Popspezialist Christian Schachinger.
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