Die Popkritiker schwärmen von "Wild God", dem neuen Album von
Nick Cave, der sich hier nach Jahren der Nabelschau wieder von seiner impulsiven Seite zeigt.
Zeit-Online-Kritiker Tobi Müller hört "ein
mystisches Album, eins, das in jedem Lied die Transzendenz sucht. Und auch danach klingt: Waldhörner und Posaunen in langsam aufsteigenden Linien, Streicher im Crescendo,
plötzlich niederfahrende Gospelchöre. Da öffnet sich jedes Himmelszelt, auch das innere. ... Die Lebensgeister sind nun hörbar im Studio zurück." Zwar "geht es weiterhin um Schmerz, Trauma, um die Ahnung, nein: das Wissen von etwas Höherem, aber gleichzeitig um
das Nichtwissen, was das alles bedeutet und ob das richtig ist. Denn Cave zeigt, und das macht ihn zum großen Künstler, auch
die Grenzen seiner Kunst auf. Manchmal macht er sich über die eigenen Metaphern lustig, die einen Hang zur Grandiosität haben, wenn etwa gleich alle Pferde des Königs wieder einmal durch ein Lied reiten und er anfügt: 'Oh, nevermind'. Als würde er zu sich selbst sagen:
Lass mal stecken."
Auf
Standard-Kritiker Karl Fluch
wirkt dieses Album nach Caves langer Trauerphase - er verlor in den Zehnerjahren zwei seiner Söhne - "wie eine
Wiederauferstehung", aber "es ist die eines Künstlers, der Altlasten nicht abschüttelt - niemand verwindet den Tod seiner Kinder -, sondern gelernt hat,
das Leben trotz allem zu lieben. Es ist das Einzige, was wir haben. Aus dieser einfachen und gleichzeitig so schwer zu exekutierenden Einsicht entstanden
Songs voller großer und kleiner Gesten. Im Vortrag zeigt sich, wie sehr Cave um Standhaftigkeit ringt, gewaltig scheint die Anstrengung, doch nicht Aggression ist das Mittel zur Durchsetzung, sondern
Verständnis,
Geduld und Zärtlichkeit."
Für
VAN spricht Arno Lücker mit Aleš Březina über die Arbeiten des eher unbekannten Komponisten
Bohuslav Martinů, dessen Todestag sich gerade zum 65. Mal jährt. "Seine Werke entstanden sehr
spontan", verrät er. "Er ließ sich während des Arbeitsprozesses gerne von seinen eigenen Ideen überraschen und hat viele seiner Werke nach ihrer Fertigstellung halb verdrängt, um den Kopf frei zu haben für die nächste Komposition. Diese spontane Arbeitsweise, gepaart mit der
exzellenten Beherrschung des kompositorischen Handwerks und dem warmherzigen Wesen eines Mannes, der den
Humor liebte, zieht sich durch alle Schaffensperioden, von der frühen Faszination für Debussy über die Einflüsse seiner tschechischen Vorgänger bis hin zu Strawinsky und später durch seine allmähliche Entdeckung der Meisterwerke früherer Jahrhunderte, wobei er sich
rückwärts von der Musik der deutschen Romantiker zu den Wiener Klassikern, der Musik des Spät- und Frühbarock, dem englischen Renaissance-Madrigal und der Polyphonie der sogenannten Notre-Dame-Schule arbeitete." Ein so verspieltes Stück wie die "Sonate für Klarinette und Klavier" von 1956 "belegt, dass Martinů auch das kleinste Werk für wichtig hielt und ihm jeweils seine volle Aufmerksamkeit schenkte.
Weiteres: In der
NZZ legt uns Marco Frei das
Davos-
Festival und die
Appenzeller Bach-
Tage ans Herz. Holger Noltze
führt in
VAN kursorisch durch die Veröffentlichungen im
Bruckner-
Jahr 2024. Dennis Sand ist in der
Welt genervt vom
Oasis-Comeback. Martin Wittmann wirft derweil für die
SZ ein Blick auf den ökonomischen Boost, den die Städte, in denen Oasis spielen werden, erleben dürften: Allein Manchester rechnet mit
15 Millionen Pfund zusätzlichem Umsatz in den Kassen. Wolfgang Fuhrmann berichtet in der
FAZ vom Festival
Laus Polyphoniae in Antwerpen. Aida Baghernejad
porträtiert für
Zeit Online die in Los Angeles lebende Musikerin
Jessica Pratt.
Besprochen werden die Ausstellung "
Taylor Swift - Songbook Trail"
im Victoria and Albert Museum in London (
NZZ),
Molly Nilssons Album "Un-American Activities" (
FR), ein Konzert des
Tenebrae Choir im Kloster Eberbach (
FR) und
Sabrina Carpenters Popalbum "Short N' Sweet" (
taz).