Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.09.2024 - Musik

Um den Dirigenten Klaus Mäkelä ist derzeit kaum ein Herumkommen - der gerade mal 28-jährige Finne ist aktuell der Shooting-Star der Klassikszene (unsere Resümees). Beim Gastspiel mit dem Oslo Philharmonic beim Musikfest Berlin beweist er "einmal mehr, dass er wirklich der beste Dirigent seiner Generation ist", jubelt Frederik Hanssen im Tagesspiegel: "Mit einer in jeder Hinsicht überwältigenden Aufführung von Dmitri Schostakowitschs fünfter Sinfonie vermag er das Publikum in einen kollektiven Rauschzustand zu versetzen. ... Schnell, grell, brutal: Mäkelä beschönigt nichts, eröffnet die Möglichkeit, die Partitur politisch zu hören, als Ringen des Individuums um persönliche Freiheit in den Zeiten von Stalins Terrorregime. Da berührt es zutiefst, wenn sich nach endlosen Brutalitäten im Kopfsatz das Flötensoloin zartester Verletzlichkeit erhebt. Und der Dirigent vermag die Intensität noch zu steigern, im Allegretto erreicht sie Gänsehaut-Grade. Überwältigend auch, wie bei ihm das Finale aus dem Ende des langsamen dritten Satzes förmlich herausplatzt, wie er sich aus dem brachialen Prestissimo zwischendurch hineinfallen lässt in eine Passage des Verlorenseins, der bittersten Einsamkeit." Eine Aufzeichnung des Konzerts zum Nachhören soll es ab 6. September hier in der Mediathek des Festivals geben.

Weiteres: Wolfgang Sandner berichtet in der FAZ vom Musikfestival "Arcus Temporum" in der Benediktinerabtei Pannonhalma in Ungarn und von dessen Programmschwerpunkt mit Musik des Anfang des Jahres verstorbenen Komponisten Péter Eötvös. Besprochen werden die Leipziger Ausstellung "Die Stimmen der Frauen" über die Frauen in der Bach-Familie (taz) und das neue Album der Berliner Band Kafvka (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.09.2024 - Musik

Jakob Biazza hat in der SZ den Hals gestrichen voll von dem Gebaren der Quasi-Monopolisten der Konzertticketbranche, die gerade beim Oasis-Hype, bei dem sich Millionen auf im Vergleich dazu wenige Tickets stürzten, via Algorithmen in Sekundenbruchteilen die Preise in schwindelerregende Höhen schnellen ließen. Dynamic Pricing nennt sich dieses System, das das Konzept von Angebot und Nachfrage skrupellos eskalieren lässt, und dieses "Dynamic Pricing ist, vornehm ausgedrückt, ein besonders leuchtendes Furunkel am Gesäß des digitalen Kapitalismus. Unter anderem deswegen, weil sich die Online-Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen seit vielen Jahren sekundenaktuell messen lässt, um dann voll von Gier und Opportunismus und betriebswirtschaftlicher Rationalität die Preise anzupassen. Man kann nun freilich einwenden, dass dieses Gebaren einer aus Manchester stammenden Band, die ihre Arbeiterklassenherkunft stets gut sichtbar in die Auslage gepackt hat, nicht sonderlich gut steht. So wie man das auch tat, als beim weithin flanellhemdigen Working-Class-Barden Bruce Springsteen für ein paar besonders widerliche Momente Karten 5000 Dollar kosteten."

Weitere Artikel: Christian Wildhagen (NZZ) und Reinhard J. Brembeck (SZ) schreiben über Anton Bruckner, der am 4. September vor 200 Jahren geboren wurde. Stephanie Grimm resümiert in der taz die zehnte Ausgabe des Popkultur-Festivals in Berlin.

Besprochen werden ein Konzert des Baritons Georg Nigl in Salzburg (NZZ), ein Auftritt von Tokio Hotel in der Schweiz (TA), ein Konzert des Pianisten Bruce Liu in Wiesbaden (FR), Jordi Savalls beim Musikfest Berlin gezeigtes Programm über den Sklavenhandel (FAZ) und die Ausstellung "Karl Valentin und die Musik" im Buchheim Museum in Bernried (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.08.2024 - Musik

Rüdiger Görner (NZZ) und Manuel Brug (WamS) erinnern an Anton Bruckner, der vor 200 Jahren geboren wurde.
Stichwörter: Bruckner, Anton

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.08.2024 - Musik

Jeffrey Arlo Brown hat für VAN den Komponisten Walter Zimmermann auf ein Gespräch besucht, dem zu Ehren heute in Berlin eine Ausstellung mit Konzert eröffnet wird. Unter anderem geht es um dessen Philosophie der Melodie und deren Komposition: "Das konstruktivistische Arbeiten ist im Grunde genommen nichts anderes, als man in der Renaissance- oder Barockmusik machte, wo das Ich-Konzept noch nicht existierte im Sinn von 'Ich drücke mich aus'. Man komponierte mehr für eine Gemeinschaft: für alle und niemanden. ... Das wurde alles weggeschmissen, Ende des 19. Jahrhunderts. Wir sind jetzt frei. Aber wir sind auch Gefangene unserer eigenen Egos, nicht? ...  In der Barockzeit gab es ein großes gemeinsames Verstehen von den Formen; sie waren Allgemeingut. Dass man diese Formen versteht, kann man heute nicht mehr sagen. Heute baut sich jeder Komponist sein eigenes Universum auf. Aber die Kunst ist, dass dieses eigene Universum noch irgendwie eine Allgemeinheit trifft, die nicht wie ein Diktat ist, - I dictate how you have to understand me, - sondern dass sich für den Hörer ein Verstehen von selbst einstellt. Es ist mehr ein offener Garten mit mehreren Eingängen und Ausgängen, nicht ein roter Faden, an dem du pädagogisch oder diktatorisch entlang gehen musst, um zu verstehen. Nicht von A nach B, sondern eine räumliche Struktur des Hörens oder Verstehens."



Außerdem: Kerstin Holm hat für die FAZ das "House of Rock" im russischen Samara, wo der Oligarch Wladimir Awetisjan seine Devotionalien aus der Rockgeschichte ausstellt: "ein Ort des ultimativen Eskapismus". Wolfgang Schreiber berichtet in der SZ vom Auftakt des Musikfests Berlin. In der FAZ gratuliert Wolfgang Sandner dem Jazz-Saxophonisten John Surman zum 80. Geburtstag. Die gerade sensationell aufsteigende Popmusikerin Chappell Roan macht ihren Job "unnormal gut", staunt Jakob Thaller im Standard.



Besprochen werden Laurie Andersons Experimental-Album "Amelia" über die Pilotin Amelia Earhart, die 1937 beim Versuch, als Erste mit einem Flugzeug den Globus am Äquator zu umrunden, ums Leben kam (taz), der von Andre Jegodka herausgegebene Gesprächsband "Kommst du mit in den Alltag? Lebenswelten von Musiker*innen" (taz), eine Bob-Dylan-Hommage in Halle von Cat Power (FAZ), Nick Caves neues Album "Wild God" (SZ, mehr dazu hier), das neue Album von Sabrina Carpenter (Standard), und ein Konzert der Capella Antiqua Bambergensis unter der Leitung von Wolfgang Spindler mit Jule Bauer in Mainz (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.08.2024 - Musik



Die Popkritiker schwärmen von "Wild God", dem neuen Album von Nick Cave, der sich hier nach Jahren der Nabelschau wieder von seiner impulsiven Seite zeigt. Zeit-Online-Kritiker Tobi Müller hört "ein mystisches Album, eins, das in jedem Lied die Transzendenz sucht. Und auch danach klingt: Waldhörner und Posaunen in langsam aufsteigenden Linien, Streicher im Crescendo, plötzlich niederfahrende Gospelchöre. Da öffnet sich jedes Himmelszelt, auch das innere. ... Die Lebensgeister sind nun hörbar im Studio zurück." Zwar "geht es weiterhin um Schmerz, Trauma, um die Ahnung, nein: das Wissen von etwas Höherem, aber gleichzeitig um das Nichtwissen, was das alles bedeutet und ob das richtig ist. Denn Cave zeigt, und das macht ihn zum großen Künstler, auch die Grenzen seiner Kunst auf. Manchmal macht er sich über die eigenen Metaphern lustig, die einen Hang zur Grandiosität haben, wenn etwa gleich alle Pferde des Königs wieder einmal durch ein Lied reiten und er anfügt: 'Oh, nevermind'. Als würde er zu sich selbst sagen: Lass mal stecken."

Auf Standard-Kritiker Karl Fluch wirkt dieses Album nach Caves langer Trauerphase - er verlor in den Zehnerjahren zwei seiner Söhne - "wie eine Wiederauferstehung", aber "es ist die eines Künstlers, der Altlasten nicht abschüttelt - niemand verwindet den Tod seiner Kinder -, sondern gelernt hat, das Leben trotz allem zu lieben. Es ist das Einzige, was wir haben. Aus dieser einfachen und gleichzeitig so schwer zu exekutierenden Einsicht entstanden Songs voller großer und kleiner Gesten. Im Vortrag zeigt sich, wie sehr Cave um Standhaftigkeit ringt, gewaltig scheint die Anstrengung, doch nicht Aggression ist das Mittel zur Durchsetzung, sondern Verständnis, Geduld und Zärtlichkeit."

Für VAN spricht Arno Lücker mit Aleš Březina über die Arbeiten des eher unbekannten Komponisten Bohuslav Martinů, dessen Todestag sich gerade zum 65. Mal jährt. "Seine Werke entstanden sehr spontan", verrät er. "Er ließ sich während des Arbeitsprozesses gerne von seinen eigenen Ideen überraschen und hat viele seiner Werke nach ihrer Fertigstellung halb verdrängt, um den Kopf frei zu haben für die nächste Komposition. Diese spontane Arbeitsweise, gepaart mit der exzellenten Beherrschung des kompositorischen Handwerks und dem warmherzigen Wesen eines Mannes, der den Humor liebte, zieht sich durch alle Schaffensperioden, von der frühen Faszination für Debussy über die Einflüsse seiner tschechischen Vorgänger bis hin zu Strawinsky und später durch seine allmähliche Entdeckung der Meisterwerke früherer Jahrhunderte, wobei er sich rückwärts von der Musik der deutschen Romantiker zu den Wiener Klassikern, der Musik des Spät- und Frühbarock, dem englischen Renaissance-Madrigal und der Polyphonie der sogenannten Notre-Dame-Schule arbeitete." Ein so verspieltes Stück wie die "Sonate für Klarinette und Klavier" von 1956 "belegt, dass Martinů auch das kleinste Werk für wichtig hielt und ihm jeweils seine volle Aufmerksamkeit schenkte.



Weiteres: In der NZZ legt uns Marco Frei das Davos-Festival und die Appenzeller Bach-Tage ans Herz. Holger Noltze führt in VAN kursorisch durch die Veröffentlichungen im Bruckner-Jahr 2024. Dennis Sand ist in der Welt genervt vom Oasis-Comeback. Martin Wittmann wirft derweil für die SZ ein Blick auf den ökonomischen Boost, den die Städte, in denen Oasis spielen werden, erleben dürften: Allein Manchester rechnet mit 15 Millionen Pfund zusätzlichem Umsatz in den Kassen. Wolfgang Fuhrmann berichtet in der FAZ vom Festival Laus Polyphoniae in Antwerpen. Aida Baghernejad porträtiert für Zeit Online die in Los Angeles lebende Musikerin Jessica Pratt.



Besprochen werden die Ausstellung "Taylor Swift - Songbook Trail" im Victoria and Albert Museum in London (NZZ), Molly Nilssons Album "Un-American Activities" (FR), ein Konzert des Tenebrae Choir im Kloster Eberbach (FR) und Sabrina Carpenters Popalbum "Short N' Sweet" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.08.2024 - Musik

Während Kamala Harris die Herzen zahlreicher Pop- und Rockgrößen zufliegen, wirkt Donald Trumps für die im US-Wahlkampf so wichtige Pop-Strategie allenfalls erratisch, wenn nicht lächerlich, schreibt Klaus Walter in der FR: Nicht nur, dass die Songtexte selten passen, Trump hat überdies "ständig Ärger mit Leuten, deren Musik er bei seinen Auftritten spielt." So findet er "Trost bei abgehalfterten Altstars. Der fanatische Abtreibungsgegner Kid Rock, der Waffenlobbyist Ted Nugent. Und Kanye West, der in seiner eigenen Liga spielt: HipHop-Wunderkind goes irrlichternder Antisemit und Hassprediger. ...  Gegen den Widerstand des Pop-Establishments und anscheinend gegen jede zivile Vernunft setzt Trump weiter auf griffige Refrains, ganz egal, ob in den Strophen reiche Väter Behörden bestechen, Soldaten im Dschungel krepieren oder Luxus-Liner absaufen. Der ehemalige Reality-TV-Star baut auf seinen Disruptor-Instinkt, auf seine Fähigkeit, Narrative und Plausibilitäten zu unterwandern, zu pulverisieren."

Die seit 15 Jahren schwerstens verkrachten Gallagher-Brüder haben versprochen, sich wenigstens fürs Erste soweit zusammenzureißen, dass sie im nächsten Jahr eine Handvoll Oasis-Reunion-Konzerte absolvieren können - und wecken damit den Zorn des tazlers Julian Weber: "Diese mit Billardkugeln im Pub um sich schmeißenden, stinkereich gewordenen Lads waren nun wirklich nur bei einem einzigen Ding vorne dran: Ihre rockistische Form von Britpop war die musikalische Vorwegnahme des Brexits, ein elitäres Wir-sind-eine-Insel-Gewinsel. Musik zum Abgewöhnen. Und dazu diese endlose Rockstar-Simulation: eine zugespitzte Form von Superstarabgründen. Auf Koks in den Swimmingpool kacken. 'Definitely Maybe', was für ein belangloser und gleichzeitig dummfrecher Albumtitel. 'Don't Look Back in Anger', ein Allgemeinplatz in der Fußgängerzone des Seins." Mit der Geldbeschaffungsmaßnahme der Gallaghers befassen sich desweiteren ausführlich Karl Fluch (Standard), Ronald Pohl (Standard), Elena Oberholzer (NZZ), Christoph Amend (Zeit Online), Thomas Kramar (Presse) und Jakob Biazza (SZ).

Weitere Artikel: Berthold Seliger resümiert im ND ausführlich den Aufttakt des Musikfests Berlin. Für Zeit Online spricht Juliane Liebert mit der Avantgarde-Musikerin Laurie Anderson. Stephanie Grimm spricht für die taz mit dem kuratorischen Team des Berliner Popkultur-Festivals. Manuel Brug resümiert in der Welt die Schweizer Klassikfestivals der letzten Tage und Wochen.

Besprochen werden das neue Album der Smashing Pumpkins ("Corgan singt viele ungewöhnliche Wörter", schreibt Benjamin Moldenhauer im ND), Christine Eichels Biografie über Clara Schumann (Backstage Classical), ein neues Album von Maxim Biller (FR), ein Gastspiel des Pittsburgh Symphony Orchestras mit María Dueñas in Grafenegg (Standard) und neue Popveröffentlichungen, darunter "Imaginal Disk" von Magdalena Bay (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.08.2024 - Musik

Christian Wildhagen berichtet in der NZZ von Entdeckungen beim Lucerne Festival. Die Tschechische Philharmonie und ihr Dirigent Jakub Hrůša etwa nahmen sich selten Gespieltes von Dvořák vor: "Die Konzertouvertüren 'In der Natur', 'Karneval' und 'Othello' ... haben durchaus ihren Platz in den Programmen, vor allem als muntere Warmspielstücke. Dass Dvořák sie jedoch als thematisch zusammenhängende Trias konzipierte und gemeinsam unter dem Titel 'Natur - Leben - Liebe' aufgeführt sehen wollte, ist nahezu unbekannt. Hrůša verbindet die etwa gleich langen Werke nun tatsächlich zu einer rund vierzigminütigen Programmsinfonie mit packenden dramatischen Zügen: Es ist eine Trilogie der Leidenschaften, deren Spanne vom träumerischen Naturerleben des Beginns bis zur Eifersuchtsraserei des Schlusses reicht. Die Plastizität, mit der Hrůša und das Orchester die ständig wechselnden Charaktere entwickeln, immer in klanglicher Feinzeichnung, nie mit der musikantisch groben Kelle, fördert hier wirklich ein vernachlässigtes Meisterwerk zutage."

Weiteres: Ji-Hun Kim wirft für den Freitag einen Blick auf das Verhältnis zwischen Popmusik und US-Politik im Wahlkampfmodus. Julian Weber und Beate Scheder fassen in der taz das als Zwischenspiel des alle zwei Jahre stattfindenden Berlin-Atonal-Festivals eingerichtete Openless-Wochenende.  Marc Zitzmann berichtet in der FAZ vom Festival "Ravel en pays basque". Besprochen wird ein Dvorák-Konzert der Cellistin Anastasia Kobekina beim Rheingau Musik Festival (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.08.2024 - Musik

An Bruckners Fünfter - "eine aus tiefer Zerknirschung gewachsene Kampfansage an die Wiener Universitätsbürokratie" - kann man als Dirigent und Orchester im Grunde eigentlich fast nur scheitern, findet Gerald Felber in der FAZ. An dieses "seltsame Konglomerat aus kosmischen Fantasien und störrisch verbissenen Tüfteleien" sowie "teils aberwitzigen Verstrickungen" hat sich nun Kiril Petrenko für den Saisonauftakt der Berliner Philharmoniker gewagt. "Ein Risiko, das aller Sympathien wert, aber nur teilweise aufgegangen ist". Dabei begann es gut, der Klangkörper betonte "eher existenziell Menschliches als visionär Metaphysisches: Das hätte, im Entwicklungsbogen über das weiter melancholisch verlorene, aber schon von erwärmenden Hoffnungen belebte Adagio und ein im deftigen Volksfesttrubel Ablenkung suchendes Scherzo eine sehr geerdete, eher auf die Füße als in die Himmelsweite schauende Sicht des Werkes zustande bringen können. Die unvollkommene Einbindung des riesenhaften letzten Satzes aber ... war dann auch durch die dröhnende, Knochen, Eingeweide und Saalwände in Schwingung setzende Schlussapotheose nicht ganz vergessen zu machen."

Zu einem ähnlichen Schluss kommt Christiane Peitz im Tagesspiegel: "Petrenkos Dirigat besagt: Das ist kein Ganzes, sondern eine Montage versprengter Scherben, eine Überfülle von Versatzstücken, die er gleichwohl zum Leuchten bringt. Manchmal versetzt er einen gar in kurze Trance. ... Die Blechbläserchoräle: Fanale. Die Akkordrückungen: Handkantenschläge. Die Schlüsse, vor allem das dreifache Fortissimo-Tutti am Ende: apokalyptischer Donnerhall. ... Vielleicht ist es ja das, was Bruckner uns heute zu sagen hat. Die Zeiten sind nicht nach Ekstase, die Welt ist zerrissen."

Weitere Artikel: Tim Caspar Boehme fasst in der taz den Auftakt des Musikfests Berlin mit Auftritten des São Paulo Symphony Orchestras und der São Paulo Big Band zusammen. Axel Brüggemann ärgert sich im Kommentar auf Backstage Classical, dass die Seilschaften und die Selbstbedienungsmentalität am Brucknerhaus Linz ordentlich Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten und ihrem Hass auf den Kulturbetrieb schaufeln. In den USA warten beide großen politischen Lager mit bangem Blick darauf, ob Taylor Swift sich im Wahljahr politisch positionieren und damit womöglich auf die US-Wahlen einen spürbaren Einfluss haben wird, berichtet Lena Karger in der Welt. Ljubiša Tošić resümiert im Standard das Jazzfestival Saalfelden mit Auftritten von Sylvie Courvoisier und Amirtha Kidambi. Benjamin Moldenhauer hat für die taz das Off Days Festival in Berlin besucht. Adrian Schräder berichtet in der NZZ vom Zürich Open Air.

Besprochen werden ein Strauss-Konzert der Wiener Philharmoniker mit Sopranistin Asmik Grigorian unter Gustavo Dudamel (Standard, SZ) und das neue Album "How Will I Live Without a Body?" von Loma (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.08.2024 - Musik

Im aktuellen Bayreuther Jahrgang schwingen erstmals mehr Frauen als Männer den Taktstock - und das noch nicht einmal als geplante Zäsur, sondern im Grunde eigentlich schon zufällig. Damit ist nun endgültig klar, schreibt Christian Wildhagen in der NZZ, dass "die letzte verbliebene Männerbastion in der Kulturwelt" bereits ansehnlich geschliffen ist: das Dirigentenpult. "In der Praxis verändert sich der Musikbetrieb dadurch so stark wie seit dem Siegeszug der historischen Aufführungspraxis ab den 1950er Jahren nicht mehr. Aber außer ein paar letzten chauvinistischen Sottisen hört man, anders als früher, dagegen kaum mehr grundsätzliche Einwände. "Charakteristisch für die zunehmende Normalisierung ist auch, dass jüngere Dirigentinnen eine Karriere dezidiert aus eigener Kraft schaffen wollen. Die Ablehnung geschlechtsspezifischer Förderung gehört dabei ebenso zum guten Ton wie die demonstrative Absage an weibliche Seilschaften. Es dürfte sie trotzdem inzwischen geben, aber im Gegensatz zu den ohne Scheu zelebrierten Mentoren- und Lehrer-Schüler-Verhältnissen unter Dirigenten, bei denen die Berufung auf große Vorbilder oft als Qualitätsausweis dient, wird nicht offen darüber geredet."

Weitere Artikel: Für die taz porträtiert Julian Weber den Berliner Club-Unternehmer Dimitri Hegemann. Peter Kemper berichtet in der FAZ von seinem Besuch in der Jazzwerkstatt Peitz. Katrin Wilke verschafft in der taz einen Überblick darüber, wo in Deutschland Jazz stattfindet. In der FAZ gratuliert Jan Wiele Elvis Costello zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden das neue Album "Romance" von Fontaines D.C. (Standard), ein Auftritt von Gianluigi Trovesi mit Quintett in Frankfurt (FR), ein Open-Air-Konzert des HR-Sinfonieorchesters und der HR-Bigband (FR) und Maxim Billers Album "Studio" (WamS).

Stichwörter: Dirigentinnen

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.08.2024 - Musik

Die "Raritäten der Klaviermusik" im Schloss vor Husum rücken das Musikgeschichtsverständnis in schöner Regelmäßigkeit zurecht, schreibt Jan Brachmann in der FAZ. Doch in diesem Jahr grenzen die Entdeckungen an eine Sensation, die "unser Bild vom frühen neunzehnten Jahrhundert grundsätzlich erschüttert". Die britische Pianistin Clare Hammond stellte die französische Komponistin und Pianistin Hélène de Montgeroult mit einer Auswahl von zwischen 1788 und 1812 entstandenen Etüden vor, die viel von dem vorweg nehmen, was später Schubert, Chopin und Beethoven zugeschrieben wird - und Mendelssohn gar unter Plagiatsverdacht stellt. "Erschütternd ist daran dreierlei: Erstens erleben wir die Geburt des romantischen Klavierstücks in Frankreich noch zu Lebzeiten Mozarts und Haydns; zweitens erfährt hier lange vor Chopin die Etüde ihre Umprägung vom manuellen Trainingsstück in eine Form wortloser Lyrik; drittens steht damit eine Frau an der Spitze musikgeschichtlicher Innovation und Originalität und nicht mehr im Windschatten männlicher Avantgarde."

Beim Lucerne Festival führten Concerto Köln und die Dresdner Festspielorchester unter Kent Nagano Wagners "Walküre" mit Instrumenten aus der Entstehungszeit der Oper auf - eine äußerst interessante Erfahrung, versichert Christian Wildhagen in der NZZ. "Die Musik klingt viel rauer, ungeschlachter, wilder als gewohnt, es rumpelt, knarzt und ächzt im buchstäblich historischen Gebälk - bei heutigen, immer noch auf einen philharmonisch abgerundeten Ton getrimmten Orchestern hört man solche urwüchsige Unmittelbarkeit selten. Das Klangbild ist generell weniger höhenbetont und geschlossen, dafür erdiger, dunkler, archaischer. Und obwohl sich die einzelnen Instrumentengruppen viel weniger homogen mischen, kommt es zwischen ihnen nicht zu jenen Überbietungswettbewerben, bei denen der von Wagner charakteristisch erweiterte Blechbläser-Apparat alle anderen dominiert. ... Hier wird wirklich ein neues Kapitel der Wagner-Interpretation aufgeschlagen."

Taylor Swift hat ihr Schweigen zu Wien gebrochen: Sie wollte nicht schweigen, schreibt sie, sondern den richtigen Zeitpunkt abwarten - bis nach dem Ende ihrer Europa-Tournee. "Das ist okay", kommentiert Karl Fluch im Standard und plädiert im Fantum für mehr Gelassenheit. "Hätte sie es früher getan, auch gut. Vielleicht besser. Vielleicht nicht. ...Gut ist es nicht gangen, aber nix ist g'schehn. Das zählt."

Weiteres: Das Debüt des 28-jährigen finnischen Dirigenten Klaus Mäkelä bei den Salzburger Festspielen war "ein Fest, ein Triumph, eine sanfte Überwältigung", jubelt Helmut Mauró in der SZ. "Schon in den ersten Takten von Peter Tschaikowskys Violinkonzert ... horcht man auf. Wie genau da jeder Ton und jedes begleitende Tönchen geformt wird." Für den Standard resümiert Heidemarie Klabacher den Abend. Dass die ersten KI-generierten Songs in die Charts einsickern, nimmt Lars Fleischmann in der taz eher gelassen zur Kenntnis: "Eingedenk der Tatsache, dass bereits einige Lieder mit Algorithmen und KI-Tools aufgemotzt werden, kann man eh nicht mehr zwischen 'echt' und 'künstlich' unterscheiden." Besprochen werden das neue Album von What Are People For (taz), die Memoiren von Frank Zappas Tochter Moon Unit Zappa (Presse), das erste von vier Wiener Coldplay-Konzerten (Standard, Presse) und das neue Album "Romance" von Fontaines D.C., bei dem tazler Dirk Schneider nicht recht ein noch aus weiß: Es ist einerseits "ein raffiniertes Meisterwerk", aber andererseits auch "ein Stück exquisiter musikalischer Designerware".